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Joel Naber und Tjark Kunstreich: Gespräch mit Boualem Sansal über Kunst und Freiheit

»Ich war versucht, den Preis abzulehnen«

Am 16. Oktober erhält der algerische Schriftsteller Boualem Sansal den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Sansal war schon 50 Jahre alt, als sein erstes Buch, »Der Schwur der Barbaren«, 1999 erschien. Seitdem hat er fünf weitere Romane veröffentlicht, auf Deutsch erschien zuletzt »Das Dorf des Deutschen« (2009). In Algerien sind seine Bücher verboten, in Frankreich ist Sansal unterdessen ein erfolgreicher Autor. Sein neuester Roman, »Rue Darwin«, erschien Ende August. Am 30. September war Sansal als Gast der Konferenz »Die Kunst der Freiheit« über Sartre und Adorno in Wien. Die Jungle World hat ihn dort getroffen.

von Joel Naber und Tjark Kunstreich

Vor zwei Jahren haben wir das erste Mal mit Ihnen gesprochen, als »Das Dorf des Deutschen« auf Deutsch erschien (Jungle World 21/1009). Inzwischen sind Sie nicht nur wegen des Friedenspreises ein überall gefragter Gesprächspartner. Sie gelten auch als Experte für den »arabischen Frühling«.

Derzeit scheint es mir, als sei der »arabische Frühling« eher eine Wunschvorstellung. Die Realität ist, dass Leute Diktatoren verjagen wollen, also kämpfen sie dafür. Wenn der Diktator geht, stehen sie einer Leere gegenüber. Sie verlassen ein System, das sie seit Jahrhunderten kennen, das sie vollständig in ihre Art zu leben und zu denken integriert haben, und sie hören Stimmen, die von Dingen sprechen, die sie nicht sehr gut kennen. Man erzählt ihnen etwas von Demokratie und von Dingen, die sie nie kennengelernt haben, also sind sie ein wenig verschreckt. Es fehlt ein Initiationsritus, um von der archaischen und feudalen Gesellschaft, in der es das Individuum nicht gibt, zu einer freien Gesellschaft überzugehen, in der das Individuum für sich und die Gesellschaft verantwortlich ist. In Europa gab es ein ganzes Jahrhundert der Aufklärung, in dem die Instrumente entwickelt wurden, mit denen man vom einen zum anderen kommen konnte. Man kann von der arabischen Welt nicht erwarten, in einer Woche oder ein paar Tagen den Weg zu finden. Deshalb ist die Verantwortung der arabischen Intellektuellen und des Westens sehr groß, wenn sie Frieden haben wollen. Denn der Westen sieht es nicht als sein Problem, dass die Länder des Südens demokratisch werden. Vielleicht ist es sogar so, dass man sich hier wünscht, dass die Menschen gleich blieben: »Wir möchten nicht, dass sie so werden wie wir, es wäre doch so schön, wenn sie einfach so blieben.« Aber die Welt funktioniert nicht so.

Glauben Sie, dass die Verleihung des Friedenspreises vor allem aus der Situation der arabischen Unruhen motiviert ist, und droht die literarische Qualität Ihres Werks dabei nicht in den Hintergrund zu geraten?

Es gab einen Moment, in dem ich mich gefragt habe, ob ich den Preis annehmen soll oder nicht. Denn ich habe natürlich sofort verstanden, dass er im Zusammenhang mit dem »arabischen Frühling« stand. Dass er vielleicht etwas damit zu tun hatte, dass die Deutschen unzufrieden waren mit der Position ihrer Regierung, die nicht so wie die Franzosen und die Briten gehandelt hat, die sich engagiert haben, und dass man auch etwas tun wollte. Aber man wusste nicht, was. Dann hat man sich gedacht: »Ach, sieh mal, da gibt es doch den Friedenspreis, also geben wir ihn Sansal.« Warum gerade mir? Es hätte auch ein anderer sein können. Es stimmt, ich war sehr in Versuchung, ihn abzulehnen. Aber ich saß in der Falle: Wenn ich ihn akzeptierte, würde ich damit eine Vorgehensweise gutheißen, die mich stört; wenn ich ihn ablehnte, würde ich mich wie ein verwöhntes Kind verhalten, das sagt: »Nein, ich will den Preis für mich, nicht für den ›arabischen Frühling‹.« Was also sollte ich tun, ich kann es ja schließlich nicht ändern. Zugleich kann ich mit dem Preis vielleicht irgendetwas machen. Ich weiß noch nicht genau was, aber ich werde darüber viel nachdenken. Vielleicht kann man etwas organisieren, Debatten mit den arabischen Intellektuellen veranstalten. Wozu ist der Preis sonst gut?

Auf der Konferenz in Wien kam die Frage nach einem Interview auf, das Sie 2009 der Website qantara.de gegeben haben. In dem Interview wurden Sie mit den Worten zitiert, Sie würden nicht nach Israel reisen, da die Regierung von Benjamin Netanyahu und Avigdor Lieberman »auf der Kippe zum Faschismus« stünde.

Ich kann mich an dieses Interview überhaupt nicht erinnern, und noch weniger an die zitierten Worte. Aber ich erinnere mich, dass ich zu einer bestimmten Zeit sehr aufgebracht war über die Regierung von Netanyahu und besonders über seinen Außenminister, der skandalöse Dinge gesagt hatte, über die man auch in Israel und in der ganzen Welt schockiert war. Es kann sein, dass ich das auch in diesem oder in anderen Interviews gesagt habe, aber nicht mit dem Wort »faschistisch«. Das ist einer Demokratie wie Israel nicht angemessen, für die ich die allergrößte Sympathie empfinde, und wohin ich nächstes Jahr reisen werde, als Ehrengast des Internationalen Literaturfestivals in Jerusalem.

Sie haben gerade einen neuen Roman veröffentlicht, »Rue Darwin«. Wie sehen Sie Ihre literarische Entwicklung seit Ihrem Buch »Schwur der Barbaren«?

Gestern im Restaurant habe ich mich mit Robert Redeker über Alchimie unterhalten. Mit diesem Thema beschäftige ich mich schon seit 20 bis 25 Jahren. Es gibt immer zwei Wege des Wissens: den exoterischen und den esoterischen. Auf dem exoterischen lernt man Programme. Man lernt die Schrift, den Satzbau, die Grammatik – alles, was in der Schule und an der Universität unterrichtet wird. Das sind Instrumente, mit denen man arbeitet. Aber eine Sprache besteht nicht nur daraus – jedes Wort ist von Millionen von Menschen während Tausender von Jahren geschaffen worden. Ein Wort ist also etwas sehr Seltsames. Es ist nicht nur die Bedeutung, die man im Wörterbuch findet. Und wenn ich schreibe, beim »Schwur der Barbaren«, ebenso wie heute, dann versuche ich, jenseits der Geschichte und auch jenseits des Schreibens im modernen Sinne, ganz besondere Rhythmen einzuführen. In der Lyrik zum Beispiel hat man im Laufe der Geschichte Vierzeiler oder Alexandriner erfunden – warum schreibt man Lyrik auf diese Weise? Bei denen, die als Erste so geschrieben haben, hing das mit besonderen Formen der Atmung, des beschwörenden Sprechens zusammen. Es gibt eine Rhythmik, die man auch in den Versen der Bibel oder denen des Korans findet. Und es sind eine besondere Rhythmik und besondere Worte, die dazu führen, dass die Geschichte, die erzählt wird, verschwindet. Poesia bedeutet »Schmied« oder »schmieden«. Wer war in den archaischen Gesellschaften der Gott, der Magier? Es war der Schmied. In den afrikanischen Stammesgesellschaften ist das bis heute so. Diejenigen, die das Metall bearbeiten, sind auch die Alchimisten. Diese bearbeiten das Metall auf philosophische Weise, um Blei in Gold zu verwandeln. Sie bearbeiten einen »schändlichen« Körper, um ihn in einen »schönen« Körper zu verwandeln, der schöne Körper (corps beau) ist zugleich der Rabe (corbeau), die schwarze Materie. Er ist ein schwarzes, schmutziges Tier, aber er versteckt in sich die Schönheit.

Ihr neuer Roman »Rue Darwin« handelt wieder, wie »Das Dorf des Deutschen«, von zwei Brüdern. Gibt es ein einen Zusammenhang zwischen den beiden Geschichten?

Wenn es einen gibt, dann war er mir beim Schreiben zumindest nicht bewusst. In »Rue Darwin« sind alle Figuren wahr. Alles, was im Roman erzählt wird, ist wirklich geschehen. Es geht in meinen Romanen immer um Identität und Freiheit. Diese zwei Begriffe sind für mich Synonyme. Aber es gibt häufig den Irrtum, dass sich die Identität im Ursprung finden lässt. Dabei ist gerade das Gegenteil wahr: Identität ist ein Endpunkt. Wenn man auf dem Territorium danach sucht, dann hat das nichts mit Identität zu tun. Die Identität befindet sich in der Zukunft, man geht darauf zu. Die eigene Identität kann man nicht »wiederfinden«, man weiß ja ohnehin, woher man kommt, dazu braucht man höchstens ein paar Dokumente. Nein, was an der Identität beängstigend ist, ist, wohin man geht: Was wird man sein? Wird man ein vollkommener Mensch sein, der in Harmonie mit sich und den anderen lebt, oder wird man gebrochen sein und dem Nichts entgegengehen? Es gibt natürlich immer eine Gefahr, wenn man etwas wissen will. Man akzeptiert einen Teil, der uns auferlegt ist, und dazu kommt ein Teil, den man selbst herstellt – das war ja auch das Thema der Konferenz.

In »Rue Darwin« trifft der Erzähler in Paris auf Jean, den Freund seines verlorenen Bruders Daoud, und lernt eine Welt von Juden und Homosexuellen kennen. Wir hatten den Eindruck, dass Sie, indem Sie von Homosexualität und Aids sprechen, nach der Shoah nun ein weiteres Tabu der arabischen Welt an die Oberfläche holen.

Das habe ich sehr bewusst getan. In unseren Ländern wird die Homosexualität als etwas Abscheuliches betrachtet. Und niemand spricht darüber. Die algerischen Homosexuellen leben in einer unglaublich dramatischen Situation. Sie leben in Angst, werden angegriffen, beleidigt, ausgeschlossen. Wenn ich mit Landsleuten rede, sogar mit alten Freunden von der Universität, die gerne etwas aufgeblasen in großen Worten von Demokratie reden – wenn ich höre, wie sie mit ihren Frauen, mit ihren Töchtern sprechen: wie ein Herr mit einem Sklaven. Und wenn sie dann über Homosexuelle sprechen: wie über einen Hund, der gerade vorbeigelaufen ist. Ich greife sie dann an und sage ihnen: Das gehört zur Gesellschaft, das ist Freiheit. Ihr sucht doch die Demokratie, die die praktische Ausübung der Freiheiten ist – das ist eine davon! Und es ist eine sehr wichtige Freiheit, denn ein Mensch kann mit seinem Körper, seiner Emotionalität machen, was er will. Für diese Dinge muss man kämpfen. Denn der Hass auf die Homosexualität ist eine Form des Antisemitismus, er ist sexueller Antisemitismus. Die homosexuelle Wahl ist eine Freiheit, und jede Freiheit erhebt und erweitert die Gesellschaft. Jede Freiheit, die man unterdrückt, zerstört die Gesellschaft.

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