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Stephan Grigat: Das Buch »Der 100jährige Krieg um Israel« von Theodor Bergmann

Entwaffnende Kritik

Theodor Bergmann versucht eine internationalistische Position zum »Krieg um Israel« einzunehmen.

von Stephan Grigat

Wenn jemand wie Theodor Bergmann ankündigt, eine »internationalistische Position zum Nahost-Konflikt« zu formulieren, macht das neugierig. 1916 in Berlin geboren, engagierte Bergmann sich bereits mit 13 Jahren in der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) um den KPD-Dissidenten August Thalheimer. 1933 floh er nach Palästina und arbeitete im Kibbuz. 1936 kehrte er nach Europa zurück und war im Widerstand gegen die Nazis aktiv. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte er sich in der BRD in der Nachfolgeorganisation der KPO, der »Gruppe Arbeiterpolitik«, und arbeitete ab 1973 als Professor für Agrarwissenschaft. Seit seiner Emeritierung Anfang der achtziger Jahre hat er zahlreiche Publikationen zur Arbeiterbewegung veröffentlicht, darunter eine Geschichte der KPO.

In den sechziger Jahren kritisierte Bergmann die israelfeindliche Politik der DDR und den An­tizionismus in der westdeutschen Linken. Sein nun vorliegendes Buch »Der 100-jährige Krieg um Israel« möchte der Autor als »Beitrag zur Versachlichung der gegenwärtigen Debatte« verstanden wissen. Über weite Strecken bietet das 80-Seiten-Bändchen lediglich eine historische Nacherzählung, die über die Eckdaten des Nahostkonflikts nicht hinauskommt, und eine nur oberflächliche Darstellung aktueller Entwicklungen in Israel.

Bergmann geht von einem Marxismus aus, der leider nicht ohne die Platitüden des marxistisch-leninistischen Jargons auskommt. Der »bürgerlichen Hegemonie« will er durch »eine Erneuerung und Weiterentwicklung marxistischer Analyse« begegnen, die darin bestehen soll, dass er »für die weitere Analyse des Nahostkonfliktes für beide Konfliktparteien zwischen Regierung und Regierten« unterscheidet. Seine Vorstellung von internationaler Politik entspricht in etwa jener der KP Chinas in den sechziger und siebziger Jahren: »Auch in der Weltpolitik gibt es Klassenkampf«. Dementsprechend gebe es auch in der gegenwärtigen Lage noch Hoffnung, die Bergmann durch »die vier sozialistischen Länder« präsentiert sieht: China, ­Vietnam, Nordkorea und Kuba. Insofern ist es kein Wunder, dass er den »Kommunisten Fidel Castro« zustimmend zitiert, der Benjamin Netanyahu wissen ließ: »Israel wird nur dann Sicherheit haben, wenn es auf sein Atomarsenal verzichtet.«

Doch bevor er dem jüdischen Staat Ratschläge zur Selbstentwaffnung erteilt, ist es ihm ein Anliegen, seinen Lesern zu versichern, dass er den angeblich »erhobenen Vorwurf einer Kollektivschuld des deutschen Volkes aus vielen Gründen« ablehnt. Judenhass ist für ihn lediglich ein Herrschaftsinstrument: Den Antisemitismus habe es gegeben, weil »die Herrschenden Sündenböcke benötigten«. Den grassierenden Antisemitismus in Teilen der deutschen Arbeiterbewegung verniedlicht er zu Einzelfällen, entsprechende Äußerungen seien »unmarxistische Ausreißer« gewesen. Von ähnlicher Qualität sind seine Einschätzungen zur Geschichte und Gegenwart des Nahost-Konflikts. Die pogromartigen Massaker von 1929 in Hebron und Tzefat oder der Aufstand, in dem die arabische Nationalbewegung zwischen 1936 und 1939 mit tatkräftiger Unterstützung der Nazis, der italienischen Faschisten und der Kommunistischen Partei in Palästina (PKP) über 500 Juden ermordete, kommen gar nicht vor. All das verschwindet bei Bergmann hinter einer »Zunahme der Spannungen im Lande«.

Bergmann verweist zu Recht darauf, dass die von der Jewish Agency und anderen Gruppen organisierte illegale jüdische Einwanderung nach Palästina in den dreißiger Jahren von der britischen Mandatsmacht bekämpft wurde, verschweigt aber, dass auch die PKP, die damals auf Druck der Komintern schon weitestgehend »arabisiert« war, ebenfalls gegen die Einwanderung der aus Nazi-Deutschland fliehenden Juden agitierte. Er erwähnt die »absurden Verrenkungen von KPD und KPF beim Hitler-Stalin-›Pakt‹«, vergisst aber hinzuzufügen, dass auch die PKP von 1939 bis 1941 Nazi-Deutschland als Verbündeten des »Vaterlandes aller Werktätigen« im Abwehrkampf gegen die »westlichen Plutokratien« gepriesen hat.

Die Ignoranz gegenüber der niederschmetternden Geschichte der israelischen und palästinensischen Kommunisten korrespondiert mit Bergmanns gegenwärtiger Hoffnung auf eine positive Rolle von Chadasch, dem von der Kommunistischen Partei Israels (KPI) dominierten Bündnis, mit dessen Positionen er sich aber nicht weiter auseinandersetzt. Der Generalsekretär der KPI, Muhammad Nafa’a, hat vor wenigen Wochen Bashar al-Assad und das iranische Regime für ihre Unterstützung des »heldenhaften libanesischen Widerstands«, also der Hizbollah und ihrer Verbündeten, gelobt. Andere kommunistische Gruppen werden von Bergmann gar nicht erst erwähnt, beispielsweise Da’am, die früher eine der wenigen linksradikalen Organisationen war, die Kritik am palästinensischen Antisemitismus formuliert hat, sich gegenwärtig aber in Abgrenzung zu Chadasch mit einer Kritik am syrischen Regime zu profilieren versucht, in der Assad in erster Linie für seinen angeblichen »Verrat« am Antiimperialismus attackiert wird, weil er die »Aggressionen« ­Israels einfach hinnehme.

Bergmann hofft auf Gesprächspartner für das »israelische Friedenslager« in der Westbank, ohne auch nur anzudeuten, wer das sein könnte und sollte. Im israelischen Kernland sieht er schon heute geeignete Gesprächspartner für die Linke: die arabischen Parteien Balad und Ra’am, also die Nationalisten, deren mittlerweile im Libanon lebender langjähriger Vorsitzender Azmi Bishara aufgrund seiner Kontakte zum syrischen Regime und wegen Lobpreisungen der Hisbollah in Israel strafrechtlich verfolgt wird, sowie die Islamisten, von denen Bergmann allen Ernstes nicht mehr zu berichten weiß, als dass sie sich für die »Gleichberechtigung aller Bürger Israels« und für einen palästinensischen Staat in den besetzten Gebieten und Ostjerusalem einsetzen würden.

Trotz seiner Kritik an bestimmten Ausformungen des Antiimperialismus verkündet Bergmann: »Sozialisten sind für die Unabhängigkeit aller Völker und unterstützen ihren Befreiungskampf.« Dabei demonstriert er selbst, was es für Marxisten bedeuten kann, sich im Nahen Osten mit nationalen Befreiungsbewegungen einzulassen, wenn er aus einem Bericht des DKP-Theoretikers Robert Steigerwald zitiert: »Ich hatte in der Zeitung gelesen, in Tripoli, einer Stadt im Norden Libanons, hätten Fatah-Leute in einer Nacht 70 kommunistische Familien umgebracht. Nach der Landung in Damaskus fragte ich den Genossen des Politbüros der KP des Libanon, ob das wahr sei. Ja, es sei wahr, 70 Familien, Erwachsene und Kinder, ›by knife‹ (…). Und dann saß ich mit den anderen Delegierten im Parteitagspräsidium, vor mir Ahmed Shukeiri (…) und neben mir der Vertreter der Fatah. Er lobte uns Deutsche, weil wir so viele Juden umgebracht hätten.«

Doch so antiquiert Bergmanns Parolen »gegen jeden Imperialismus« und »für sozialistischen Internationalismus« heute auch anmuten mögen – es wäre wohl schon einiges gewonnen, wenn wenigstens seine ausgesprochen verhaltene Verteidigung der Grundintention des Zionismus in der globalen Linken Konsens wäre: »Nach dem auch für kritische Marxisten unvorstellbaren, unvorhersehbaren Zivilisationsbruch durch den deutschen Faschismus war die zionistische Alternative die einzig realistische, wenn auch vielleicht die zweitbeste und mit unvorhersehbaren neuen Problemen behaftet.« Ähnlich wie der häufig von ihm zitierte Isaac Deutscher kritisiert er jene Kommunisten, die auch nach der Erfahrung des Nationalsozialismus an ihren Positionen aus den zwanziger und dreißige Jahren festhalten: »Die alte Neutralität gegenüber dem Zionismus der internationalistischen Arbeiterbewegung ist historisch erledigt, weil wir die ›jüdische Frage‹ leider nicht sozialistisch zu lösen vermochten und weil der Zionismus sein Ziel erreicht hat, dem jüdischen Volk eine Heimat zu schaffen. Wer heute das dem Zionismus vorwirft und dem Staat das Existenzrecht abspricht, unterstützt den Antisemitismus.«

Auch von seinen Einschätzungen der »iranischen Konterrevolutionäre« wünschte man sich durchaus, sie würden zum Mindeststandard jener globalen Linken, die sich in ihrer überwiegenden Mehrheit heute zur Verteidigung von Mahmoud Ahmadinejad und Ali Khamenei gegen jede »imperialistische Einflussnahme« entschlossen zeigt: »Die große Gefahr für den gegenwärtigen ›Frieden‹ dürfte von dem zur imperialistischen Großmacht aufsteigenden Iran ausgehen, dessen Drohungen natürlich ernst genommen werden müssen«, wobei darauf hinzuweisen wäre, dass sich das iranische Regime, ganz ähnlich wie der Nationalsozialismus, als »antiimperialistische« Großmacht sieht. Bergmann dürfte sich auch bewusst sein, dass die Möglichkeit von militärischen Schritten gegen das iranische Nuklearwaffenprogramm unbedingt bestehen bleiben muss: Er bezeichnet die Weigerung Russlands, den Vertrag über die Lieferung hochmoderner Luftabwehrraketen an das Regime in Teheran einzuhalten, die ein militärisches Vorgehen gegen das iranische Atomprogramm entscheidend erschweren würden, als »begrüßenswerten Schritt«.

Bergmann weist darauf hin, dass Israel nicht erst seit der Machtübernahme der islamischen Apokalyptiker im Iran mit offenen Vernichtungsdrohungen konfrontiert ist, und zitiert den damaligen PLO-Vorsitzenden Ahmed Shukeiri, der kurz vor dem Sechs-Tage-Krieg erklärte: »Wir werden den Israelis die Verschiffung in ihre Heimatländer erleichtern. Wer im Lande geboren ist und überlebt, darf bleiben. Nach meiner Schätzung wird jedoch keiner überleben.« Vor diesem Hintergrund betont Bergmann, dass der von ihm für notwendig erachtete Rückzug aus dem Westjordanland und die anschließende Gründung eines Palästinenserstaates heute erst der zweite und dritte Schritt sein könne. Der erste müsse ein Ende der »militärischen Einmischung des Iran« und eine Anerkennung ­Israels durch »beide Palästinenser-Strömungen«, also durch Fatah und Hamas, sein, die zudem auf das »Recht auf Rückkehr« verzichten müssten. Wie es dazu kommen soll, verrät Bergmann freilich nicht.

Er formuliert durchaus sinnvolle, auch von der zionistischen Linken in Israel oft vorgebrachte Argumente gegen eine Aufrechterhaltung der israelischen Präsenz in der Westbank, etwa wenn er darauf verweist, dass sich mit den für die Besatzung aufgebrachten Mitteln vermutlich »der ganze Negev aus einer Wüste zu einer Kulturlandschaft« entwickeln ließe. Aber er verliert kaum ein Wort über die Sicherheits- und all die anderen Probleme, die notwendigerweise aus einer Aufgabe des Westjordanlandes resultieren würden und von fast allen israelischen Gegnern der Besatzung zumindest erkannt werden.

Die gegenwärtige Regierung in Israel will in den Augen von Bergmann aber ohnehin keinen Frieden mit den Palästinensern, was »dem eindeutigen Unwillen der Hamas, sich mit der Existenz des Staates Israel abzufinden«, entspreche. Die Skepsis bezüglich der Möglichkeiten zu einem wie auch immer gearteten Kompromiss bei einem Politiker wie Netanyahu, der durch seine explizite Bereitschaft, einen palästinensischen Staat zu akzeptieren, eine Revolutionierung der Likud-Programmatik innerhalb weniger Jahre durchgesetzt hat, soll demnach das Gleiche sein wie die in der Charta der palästinensischen Muslimbrüder formulierten Vernichtungsdrohungen und -phantasien. »Extremisten auf allen Seiten« eben, die in Bergmanns Verständnis durch eine ominöse proletarische Vernunft, durch das »Zusammenwirken der Arbeiter und Bauern in beiden Völkern«, in die Schranken gewiesen werden sollen.

Der Likud wird von Bergmann ebenso wie sein Vorsitzender Netanyahu als »rechtsradikal« bezeichnet, womit er sich bei den von ihm kritisierten Antizionisten durchaus beliebt machen dürfte. Auch Benny Morris wird als Rechtsradikaler gebrandmarkt, der mittlerweile »alle Schuld an 1948«, also am Ausbruch des israelischen Unabhängigkeitskrieges und den in seinem Verlauf stattgefundenen Vertreibungen, »den Arabern« gebe. Eine Behauptung, die, wie man in jeder Publikation des in Be’er Sheva lehrenden Historikers nachlesen kann, schlicht Unsinn ist.

Bergmann, der mehrfach »geringe Geschichtskenntnisse« bei den an der Nahostdebatte Beteiligten beklagt, verwechselt wiederholt Bill Clinton mit Jimmy Carter; aus den 13 während des Gaza-Kriegs getöteten israelischen Soldaten werden »einige hundert«; und er behauptet, dass »die große Mehrheit der Israelis« gar ­keine Zionisten seien. Zur Erinnerung: Bei den letzten Knesseth-Wahlen gingen mehr als drei Viertel der Stimmen an explizit zionistische Parteien.

Gut möglich, dass Bergmanns enttäuschendes Bändchen in der Linken trotz seiner eindeutigen Forderungen an die palästinensische Seite und seiner bemerkenswert klarsichtigen Positionen zum iranischen Atomprogramm positiv aufgenommen wird. Es bedient jene Pseudodifferenziertheit einer »antinationalen« Linken, in der stets das Existenzrecht Israels großherzig »anerkannt« wird, bevor man mit der Klage über Kapitalismus und Rassismus im jüdischen Staat loslegt, und es bietet auch genug Material für das »internationalistische« Bedürfnis nach Klassenkampfrhetorik, das keineswegs nur in der deutschsprachigen Linken endemisch ist. So gesehen ist Bergmann mit seinen Positionen zu Israel in der Linkspartei, deren Mitglied er seit mehreren Jahren ist, ganz gut aufgehoben, auch wenn nicht wenige seiner Genossen bereits an seiner Verteidigung der zionistischen Idee Anstoß nehmen dürften.

Theodor Bergmann: Der 100-jährige Krieg um Israel. Eine internationalistische Position zum Nahostkonflikt. VSA 2011, 86 Seiten, 8,80 Euro

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