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Cordula Bachmann: Liebeskummer im Kapitalismus

Die Transformation der Liebe

Für Slavoj Žižek ist sie das Partikulare, für Alain Badiou das Universale. Für die Soziologin Eva Illouz ist die Liebe unter den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen des Kapitalismus eine Quelle ständigen Kummers.

von Cordula Bachmann

»Love is evil«, sagt Slavoj Žižek und begründet das so: Das Universum als Ganzes ist Balance. Es schließt alles mit ein. Die Liebe aber ist das Paradebeispiel der Partikularität, denn statt das Ganze zu meinen, pickt sie sich ein Einzelnes heraus – sie partikularisiert, und das ist schlecht. Ganz anders dagegen der amouröse Universalismus im jüngst erschienen Buch »Lob der Liebe« von Alain Badiou. Statt ihre Partikularität zu kritisieren, hebt Badiou auf die Zaubermacht der Liebe ab, der es gelingt, die Zufälligkeit der Begegnung zweier Menschen in etwas Dauerhaftes zu verwandeln, das zudem den Keim des Lebens in sich trägt. Obwohl auch er sich wie Slavoj Žižek als Marxist versteht, kommt Badiou zu einer komplett entgegengesetzten Beurteilung der Liebe, der er ein kapitalismuskritisches Potential zuschreibt, weil sie den Moment statt das große Ganze feiert.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass es eine Frau ist, die sich jenseits philosophischer Spekulation mit der Empirie der Liebe in der Gegenwart beschäftigt. In dem viel gelobten Buch »Der Konsum der Romantik« (2003) skizziert die israelische Soziologin Eva Illouz das janusköpfige Gesicht der romantischen Liebe, die in ihren Anfängen Impuls einer demokratisierenden und emanzipierenden gesellschaftlichen Bewegung war, jedoch immer stärker in Konsumrituale eingebunden wurde. Sie ermöglichte zwar private Ausbruchserfahrungen, wurde aber doch Teil eines Warenmarktes. Schließlich wird die romantische Liebe durch die wachsende Bedeutung des symbolischen Kapitals charakteristisch für die Mittelschicht und stabilisiert soziale Schichtungen.

In ihrem 2009 erschienenen Werk »Die Errettung der modernen Seele« nimmt Illouz den überbordenen Markt der Selbsthilfeangebote, psychologischen Ratgeber und Coaching-Agenturen ins Visier und stellt fest, dass es eine Tendenz gibt, die Ursachen für das Leiden immer mehr im Selbst zu verorten: in »schlecht verwalteten Gefühlen und einer dysfunktionalen Seele«.

In ihrem neuen Buch »Warum Liebe weh tut« verbindet sie ihre verschiedenen Forschungsfelder und liefert eine konsequente Soziologie des Liebeskummers.

Das verdient besondere Anerkennung, da sie sich mit diesem Projekt gegen die psychologischen Erklärungsmuster stemmt, die das Feld von Beziehungs- und Liebesproblemen dominieren. Dem trostsuchenden, von Beziehungsleid geplagten Menschen stehen eine Vielzahl von Paarberatern und Therapeuten bei, die sich daran machen, die Ursachen für das Unglücklichsein in der Biographie des Individuums und im falschen Umgang des Selbst mit sich selbst aufzuspüren: Der Liebeskummer wird individualisiert und psychologisiert. Das liegt natürlich im Trend einer Moderne, die autonome und selbstbestimmte Individuen zum Maßstab erhoben hat, denen nichts schrecklicher erscheint, als fremdbestimmt zu leben. Illouz misstraut dieser Art des Nachdenkens über unsere Liebesdramen und macht sich daran, analog zu Karl Marx’ Analyse der Waren- und Wertzirkulation im Kapitalismus, eine Analyse der romantischen Liebe unter den heutigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen zu unternehmen. Wie Marx geht auch sie davon aus, dass wir die Verhältnisse, unter denen wir leben (und auch lieben) zwar selbst produzieren, sie deshalb aber nicht unbedingt kontrollieren, und dass wir auch in unseren innigsten Gefühlen von den sozialen Strukturen und gesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt werden.

Was ist also passiert mit der romantischen Liebe? Was ist passiert in der Zeit zwischen der romantischen und selbstmörderischen Verstrickung einer Emma Bovary und der Liebe einer Frau, die seit drei Jahren einen Mann heiß und innig liebt, den sie im Internet kennengelernt, aber noch nie leibhaftig gesehen, gerochen oder gespürt hat?

Etwas, das Illouz die »große Transformation der Liebe« nennt. Insbesondere die Art und Weise und das Umfeld, in dem Liebe und Partnerwahl stattfinden, haben sich in der Moderne radikal verändert. War zu Zeiten von Jane Austen und Emma Bovary die Partnersuche vor allem ein Prozess des moralischen Abwägens und Einschätzens der charakterlichen Eigenschaften von einigen, wenigen Kandidaten, deren Qualifikation zudem in einem familiären Rahmen diskutiert wurde, so ist die Partnerwahl heute eine sehr einsame Angelegenheit. Das moderne, autonome Selbst betreibt vor allem eine intensive Introspektion, um sich über seine Gefühle klarzuwerden. Die Authentizität des individuellen Empfindens bildet den Maßstab der Entscheidung. Zugleich muss dieses einsame Individuum nun aus einer potentiell riesigen Zahl an möglichen Heiratspartnern auswählen. Um einen Überblick zu geben, stehen diverse Internetbörsen bereit, die die Berwerber und Bewerberinnen nach diversen Kategorien vorsortieren. War früher ein Richtiger oder eine Richtige gut genug, so muss es heute der oder die Richtige sein. Die Kluft zwischen rationalem Kalkül und emotionaler Authentiztät sowie das Fehlen von ritualisierten und sozial klar definierten Kriterien macht die Partnerwahl zu einem höchst verunsichernden und ambivalenten Unterfangen.

Aber das ist noch nicht alles: Das Selbst, das hier wählen muss, hat sich in der Spätmoderne gewandelt. Das aus den sozialen Hierarchien und feststehenden Ritualen herausgelöste Individuum erfährt seinen Wert und seine Selbstbestätigung primär durch Anerkennungsbeziehungen. »Eine der grundlegendsten Veränderungen in der Moderne«, schreibt Illouz, »betrifft die Tatsache, dass die soziale Geltung in sozialen Beziehungen performativ ermittelt wird.« Die romantische Liebe nimmt dabei eine besonders wichtige Stellung ein, nicht nur, weil sie Lebensenergie gibt, sondern auch, weil sie eine Aufwertung des Ich bedeutet und den sozialen Wert einer Person ausmacht. Es ist für uns schwer vorstellbar, dass bei einer Dame des 19. Jahrhunderts die Zurückweisung durch einen geliebten Mann zwar schreckliche Liebespein hervorgerufen haben mag, jedoch ihr Selbstwert von dieser Erfahrung letztlich unberührt blieb.

Für den Wert einer Person gab es objektive Kriterien, die von der sozialen Stellung, Verhalten und Umgangsformen abhingen – nicht jedoch primär von persönlichen Anerkennungsbeziehungen.

Vor dem Hintergrund dieser Transformation der Liebe verschieben sich auch die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Denn sowohl das große sexuelle Feld der Partnerwahl wie auch der erotisch vermittelte Selbstwert stellen sich für Männer und Frauen unterschiedlich dar.

Allein rechnerisch ergibt sich für Männer unter sozial dynamisierten und alterdiskriminierten Heiratsformen eine größere Auswahl: Sie können aus einem größeren »Pool« an Frauen wählen, und dafür bleibt ihnen mehr Zeit, da ihre biologische Reproduktionsfähigkeit zeitlich weniger begrenzt ist. Das Überangebot an Frauen und weiblicher Zuneigung stellt die Männer außerdem vor das Problem, in diesen Frauen einen Wert wahrnehmen zu können. Für diese Bedingungen ist emotionale Distanz eine sinnvolle Strategie, insofern es nicht nur den eigenen sozialen Status steigert, sondern auch die begehrten (aber leider im Überfluss vorhandenen) Frauen in einem günstigeren Licht erscheinen lässt. Der Machtvorsprung der Männer wird darüber hinaus durch eine Neuordnung der Sexualität und des sozialen Status weiter ausgebaut. Während Männer in früheren Zeiten ihren gesellschaftlichen Status durch Heirat und Familiengründung verbessern konnten und die Zurschaustellung von leidenschaftlichen Gefühlen für eine Frau als Zeichen von Männlichkeit galt, so ist es heute umgekehrt: Serielle Sexualität ist für Männer ein »Statusmerkmal, das ihre Fähigkeit signalisiert, mit anderen Männern in Konkurrenz um die Aufmerksamkeit des weiblichen Geschlechts treten zu können«. Für eine Erklärung der weit verbreiteten männlichen Bindungsunwilligkeit führt Illouz hier den Begriff des »erotischen Kapitals« ein. Sexyness und erotische Attraktivität sind in einer konsumorientierten Gesellschaft zu eigenständigen Werten geworden, die in andere Kapitalformen konvertier- und tauschbar sind. Für Männer bedeutet das, dass sie in einem deregulierten sexuellen Feld durch eine Vielzahl sexueller Begegnungen und das Sammeln erotischer Abenteuer ihren sozialen Wert steigern können. Der gesellschaftliche und kulturelle Rahmen liefert Männern nicht nur die Möglichkeit, sich nicht festzulegen und die Suche nach der perfekten Frau endlos weiterzutreiben, er bietet darüber hinaus auch einen sozialen, symbolischen Anreiz dazu.

Für Frauen stellt sich das Zusammenwirken von sozialem und erotischem Kapital unter den spätmodernen Bedingungen anders dar. Illouz argumentiert hier interaktionistisch und historisch: Das Verschwinden patriarchaler Familienstrukturen hat nicht nur die Frauen befreit, sondern auch die Männer, es hat sie insbesondere von der sozialen Notwendigkeit des Kinderwunsches befreit. Männer können heute im Unterschied zu früher auch ohne Familiengründung ganze Kerle werden. Sie gewinnen keinen besonderen sozialen Status durch die Vaterschaft. »Somit fällt Frauen die soziologische Rolle zu, Kinder zu kriegen und Kinder kriegen zu wollen.« Da sie dies in einer kapitalistischen Gesellschaft tun, in der das ökonomische und symbolische Kapital vor allem von Männern verwaltet wird, ist es naheliegend, den eigenen sozialen Status zu steigern, indem man ein männliches Exemplar an sich zu binden sucht, das den gesellschaftlichen Aufstieg verspricht. Frauen verfolgen bei der Partnerwahl also eher eine »Exklusivitätsstrategie«.

Ganz platt könnte man den Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Partnerwahlstrategie so formulieren: Männer können erotisches Kapital akkumulieren und in soziales Kapital verwandeln, indem sie mit vielen Frauen ins Bett gehen. Frauen dagegen versuchen ihr erotisches Kapital in soziales zu verwandeln, indem sie sich einen prestigeträchtigen Ehemann angeln. Im sexuellen Feld und auf dem Heiratsmarkt macht sie das im Verhältnis zu den Männern schwach, die mit emotionaler Distanz und Autonomie die Bedingungen der Liebesbeziehungen diktieren. Analog zu Pierre Bourdieus Begriff der symbolischen Herrschaft spricht sie von »emotionaler Herrschaft«.

»Warum Liebe weh tut« schlägt viele Schneisen durch das Dickicht moderner Liebe und gibt überzeugende Erklärungen für die Verunsicherung und Orientierungslosigkeit der hochreflektierten und autonomen Individuen spätmoderner Prägung. So fragt Illouz sich nicht nur, wie wir unter den gegebenen Bedingungen handeln können, sondern auch, wie sich die marktförmigen und durch Technologie vermittelten Formen der Partnerwahl auf unser Selbst auswirken. Sie zeigt, dass nicht nur unser Wille und unsere Fähigkeit zu begehren durch die Vielzahl der Wahlmöglichkeiten leiden, sondern auch, dass die in diesem System eingebauten fortgesetzten Enttäuschungen zu einer ironischen Grundstimmung führen, die der leidenschaftlichen Liebe abträglich ist und die distanziert autonomen Individuen belohnt, ihre Sehnsucht nach Liebe aber natürlich nicht erfüllt.

Allein die Vorstellung, dass sich selbstbestimmte Individuen harmonisch verbinden, erscheint kompliziert. Dass diese Verbindung dann einen romantischen Urknall der Leidenschaft auslöst, zugleich aber auch in geschmacklicher, sozialer, ökonomischer und lebensstilistischer Hinsicht passend sein und allen Beteiligten das Gefühl vermitteln soll, fürsorglich umhegt, aber dennoch unabhängig und autonom zu sein, und dass all dies mittels der algorithmischen Profilabgleiche von Internet-Partnerbörsen herbeizuführen sei, das könnte sich vielleicht als zu kompliziert erweisen. Unter diesen Umständen erscheint die Frau mit ihrem Internet-Geliebten doch ausgesprochen vernünftig und romantisch. Die saubere und rationale Kommunikationstechnologie liefert qua E-Mail die Informationen für eine reine und ungestörte Einbildungskraft und ermöglicht eine Idealisierung des Geliebten in einem abgelösten Reich der Phantasie.

Das Buch »Warum Liebe weh tut« entlässt einen mit einem ähnlichen Gefühl wie die Lektüre von Bourdieus »Die feinen Unterschiede«: Das, was man für das Persönlichste und Individuellste gehalten hat – bei Pierre Bourdieu der eigene Geschmack, bei Eva Illouz das Liebesdrama – entpuppt sich unter dem scharfsinnigen Blick der Soziologen als Muster und Mechanismus sozialer Strukturen. Das ist natürlich eine Kränkung, aber im Vergleich mit dem ambivalenten und verwirrenden Kränkungspotential spätmodernen Liebeskummers, ist es eine aufschlussreiche und erkenntnisreiche Kränkung. Und sie ist sogar preiswerter als eine Psychoanalyse.

Eva Illouz: Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung. Suhrkamp, Berlin 2011, 476 Seiten, 24, 90 Euro

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