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Jörn Schulz: Was kümmert mich der Dax

Rettet die Pferdewette!

Was kümmert mich der Dax von Jörn Schulz

Die Banker kennen wirklich keine Tabus mehr. Unermüdlich in ihrem Bestreben, alle Staaten und Branchen in den Bankrott zu treiben, wollen sie nun auch noch eines der letzten Refugien des geordneten Geschäftslebens zerstören. International Securities Exchange, eine Tochterfirma der Deutschen Börse AG, will in das Geschäft mit Pferdewetten einsteigen. Nicht direkt auf der Rennbahn oder am Tresen in der Wettkneipe, sondern mittels des Handelssystems Longitude. Es nutzt dem Handelsblatt zufolge »Algorithmen, die bislang vor allem bei der Wertberechnung von komplexen Wertpapieren eingesetzt wurden«. Bislang waren die einzigen Derivate des Pferdes Würste und Schinken. Das wird sich nun wohl ändern, und bald werden die Banker auch dabei sein wollen, wenn die Roulettekugel rollt.

Zu den unfairsten Anschuldigungen ignoranter Kapitalismuskritiker gehört der Vergleich des Treibens der Banker und Börsianer mit dem Glücksspiel. Schön wär’s, wenn wir im Casino-Kapitalismus lebten. Kein Bereich des Geschäftslebens wird so streng reguliert, keiner ist so transparent und so sozial. Wenn Sie auf der Rennbahn ihr Geld setzen, kennen Sie den zu erhoffenden Gewinn. Sie können mit eigenen Augen sehen, wie Ihr Pferd galoppiert, während Sie nie so genau wissen, was Ihr Derivat gerade treibt und welcher Banker sich mit ihm vergaloppiert. Sollten Sie es vorziehen, sich an den Pokertisch zu setzen, wissen Sie zwar nicht, was die anderen Spieler auf der Hand haben. Aber Sie können sicher sein: Ihr Full House ist und bleibt ein Full House, frei von Hypotheken, niemand kann es Ihnen wieder wegnehmen, nur weil ein Trader das entsprechende Derivat an einen Pleitier verkauft hat. Es gehört überdies zu den Benimmregeln im Casino, ein großzügiges Trinkgeld zu geben, wenn man viel Geld gewonnen hat. Bei Ihrer Firma können Sie darauf lange warten. Und wenn Sie gewonnen haben, wird deshalb niemand arbeitslos, niemand muss hungern oder sich mit Sparprogrammen herumärgern. Die wichtigste Spielerregel lautet: »Spiele nie um Geld, das du zum Leben brauchst.« Für Banker würde ja genügen: »Spiele nie um Geld, das andere zum Leben brauchen.« Aber nicht mal das kriegen sie hin. Sie wollen das Glücksspiel übernehmen, um die letzte Bastion der Eigenverantwortung zu zerstören. Denn sollte Ihr Pferd nicht als erstes durchs Ziel galoppieren, ist das Geld weg, keine Merkel gibt es Ihnen wieder zurück, und wenn Sie noch so ausdauernd jammern. Deshalb muss das Glücksspiel vor dem Zugriff der Banker geschützt werden. Das ist gar nicht so schwer. Denn es repräsentiert »ein Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft« und stellt »ein einzigartiges oder zumindest außergewöhnliches Zeugnis einer kulturellen Tradition« dar. Es gehört folglich zum Weltkulturerbe der Menschheit, und wenn die Unesco nicht weiter trödelt, kann es für die Banker bald heißen: »Rien ne va plus.«

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