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Heike Karen Runge: Andres Veiel im Gespräch über rechten und linken Terror

»Die RAF ist die falsche Folie«

Andres Veiel hat sich in vielen seiner Filme intensiv mit den Biographien der RAF-Mitglieder beschäftigt, aber auch über rechte Jugendgewalt recherchiert. Die Gleichsetzung von linkem und rechtem Terror hält er für falsch.

Interview: Heike Karen Runge

Wann haben Sie zum ersten Mal etwas von den ungeklärten Morden an türkischen Kleinunternehmern gehört, und was haben Sie dabei gedacht?

Natürlich habe ich diese Morde wahrgenommen. Ich habe die Taten aber nicht als Rechtsterrorismus gedeutet, sondern sie mit Schutzgelderpressung in Verbindung gebracht.

Bedeutet diese Ahnungslosigkeit nicht auch ein Versagen der kritischen Öffentlichkeit?

Das Tragische ist natürlich, dass Angehörige der Ermordeten gegenüber der Polizei wiederholt geäußert haben: »Mein Vater hatte keine Feinde, der wurde nicht erpresst.« Von den Familien wurde ein rechtsextremistischer Zusammenhang vermutet, ab keiner hat ihnen geglaubt.

War diese Erklärung nicht naheliegend?

Naheliegend war das für mich ganz und gar nicht. Bisher kannte man vorwiegend rechtsextreme Gewalt, die sich aus ganz bestimmten Situationen und Gruppenzusammenhängen heraus entwickelt. Da spielen dann Männlichkeitsrituale, etwa sich die Hucke vollzusaufen, eine wichtige Rolle. Wer volltrunken zuschlägt, beweist in der Binnenlogik der Gruppe, dass er ein richtiger Mann ist. Die Opfer dieser teilweise ja auch monströsen Taten, wie der Mord an Marinus Schöberl in Potzlow, waren eher zufällig gewählt. Ein derart planmäßiges und kaltblütiges Morden über einen solch langen Zeitraum konnte ich mir bisher einfach nicht vorstellen.

Rüsten sich die Neonazis zu einem neuen Terrorismus?

Wir wissen noch viel zu wenig, um Aussagen über die Form der Organisation treffen zu können. Es bleibt aber merkwürdig, dass es keine Bekennerschreiben gegeben hat. Zum rechtsextremistischen Terror gehört zweifelsohne die Propaganda der Tat. Die Tat, zu der man sich nicht bekennt, ist ein Phänomen, das für den Terrorismus absolut untypisch ist. Das Bekennervideo ist erst nach dem Tod der mutmaßlichen Haupttäter aufgetaucht. Bei allen Terrorismusformen von der RAF bis zu al-Qaida ist Propaganda extrem wichtig. Über das Bekennerschreiben wird die Drohung verbreitet, dass es auch andere treffen könnte. Dieses Moment der Einschüchterung und der Angstproduktion ist als Mittel der Propaganda für den Terrorismus entscheidend.

Mordlust soll laut Jan Philipp Reemtsma eine Rolle bei den RAF-Morden gespielt haben. Sie haben dieser These widersprochen. Im Fall der Neonazis scheint der rassistische Mord an sich ein Motiv zu sein.

Der Verzicht auf ein Bekennerschreiben deutet zumindest darauf hin, dass es um die Tat an sich ging. Sonst hätte man sich damit gebrüstet oder hätte, wie das in dem nach dem Tod der Haupttäter aufgetauchten Video der Fall ist, die Opfer mit Häme überzogen und die Strafverfolgungsbehörden lächerlich gemacht.

Dass die Tat für den Mörder einen positiv erlebten »Kick« liefert, wird bei vielen Erklärungsmustern unterschlagen. Der Mörder von Potz­low, der auf den Kopf eines hilflosen Opfers sprang, hatte sich Kumpels gegenüber mit der Tat gebrüstet: »Das ist geil, das musst du auch mal machen.« Die Worte stehen für einen Macht­rausch: Der Mörder ist im Augenblick der Tat Herr über Leben und Tod.

Bereits der wegen Mordes verurteilte Neonazi Kai Diesner nannte 1997 die RAF als Vorbild. Schon damals gab es die Befürchtung, in Deutschland könne eine rechte RAF entstehen.

Ich halte nichts davon, die RAF als eine Folie über die Mordserie zu legen und von einer Braunen Armee Fraktion zu sprechen, wie das der Spiegel getan hat. Es ist eine Gleichsetzung, die die Hauptunterschiede verwischt. Wenn man sich die Geschichte der RAF anschaut, war das anfänglich eine Bewegung, die aus der Mitte der Gesellschaft kam. In der bekannten Allensbach-Umfrage von 1970 – also noch bevor das Morden losging – haben knapp 30 Prozent der 19- bis 29jährigen eine Sympathie mit der RAF beschrieben.

Rechte Diskurse und Rassismus sind aber speziell in der Jugendkultur im Osten kein Rand­phänomen. Der Satz »Taten statt Worte« aus dem Bekennervideo der Zwickauer Zelle erinnert an die Parole der RAF »Ihr redet, wir handeln«.

Es ist eine Kopie der Worte von Gudrun Ensslin aus dem Brandstifterprozess 1968. Wie breit oder schmal das unmittelbare Sympathisantennetz der Neonazis war, wissen wir bisher nicht. Dass sie nicht allein gehandelt haben, ist klar. Vielleicht gab es hier eine Entwicklung, die vergleichbar ist mit der im Fall der RAF, die anfangs ein sehr großes Unterstützernetz hatte, sich dann aber immer mehr auf sich selbst zurückgezogen hat und nur noch einem sehr kleinen Kern von ganz wenigen Menschen vertrauen konnte, weil sie in der Linken immer stärker isoliert war. Ich vermute, dass die Neonazis mit wenigen Helfern gearbeitet haben, auf die sie sich absolut verlassen konnten. Dass V-Männer zumindest in den Anfangsjahren der Gruppe eine gewisse Unterstützung geleistet haben, liegt nahe – zumindest, indem sie aktiv weggesehen haben. Sonst wären die Täter nicht komplett vom Radar der Dienste verschwunden.

Die Täter handelten offenbar in dem Bewusstsein, einer Avantgarde anzugehören und das auszuführen, was zumindest ein Teil der Jugend und der Elterngeneration denkt.

Wir kennen das aus der Nachwendezeit. Der Anschlag auf das Asylbewerberheim in Rostock wurde von jungen Leuten ausgeführt, und von der Eltern- und Großelterngeneration wurde Beifall geklatscht. Das bedeutet, dass da ein Auftrag ausgeführt wurde. Die Elterngeneration, die den Bruch nach der Wende nicht verarbeitet hat, die mehr oder weniger aus den bisherigen Zusammenhängen von Arbeit und sozialem Netz herausgefallen ist, hat ihre Wut und Empörung an die nächste Generation delegiert. Ihre Söhne und Töchter haben den Auftrag angenommen und in die Tat umgesetzt.

Wir wissen über die Täter der Zwickauer Zelle und deren Lebensgeschichte aber zu wenig, um irgendwelche Schlüsse zu ziehen, welche individuellen Treibsätze es in ihren Biographien gegeben hat. Wir wissen nur, dass einer von ihnen ein Professorensohn war und der andere nicht. Und dass sie in der Wendezeit in ein »Autoritätsvakuum« hineinkatapultiert wurden. Die Lehrer waren diskreditiert, neue gab es noch nicht. Das galt auch für Polizisten, Richter – vielleicht auch für den eigenen Vater. Dieses Vakuum konnten Rechtsextremisten leicht füllen, allein schon durch ihr martialisches Auftreten verkörperten sie Macht und Autorität. Und boten damit in Zeiten größter Verunsicherung Orientierung und Überlegenheit. Qua Geburt war man mehr wert als andere.

Welche Unterschiede zur RAF sehen Sie und welche Gemeinsamkeiten?

Die vermeintliche Attraktivität der RAF auch für Rechtsextreme beruht wohl vor allem auf der Wirkung einer sehr kleinen Gruppe, die es bis zum deutschen Herbst Anfang der Siebziger geschafft hatte, die Republik in einen hysterischen Zustand von Angst und Schrecken zu versetzen. Es wurden neue Gesetze erlassen, was wiederum zu einer ganz starken Polarisierung und zunächst zu einem Zuwachs an Sympathisanten führte. Das ist allerdings eine oberfläch­liche Betrachtung. Wenn man sich die politische Wirkungsgeschichte genauer ansieht, ist offensichtlich, dass die RAF überhaupt nichts bewirkt hat. Im Gegenteil, der Staat hatte aufgerüstet, demokratische Grundrechte wurden eingeschränkt.

Gibt es ideologische Schnittstellen zwi­schen dem rechten und dem linken Terro­rismus?

Natürlich könnte man behaupten, dass es mit einer Figur wie Horst Mahler und dessen Antiamerikanismus eine Kontinuität gibt. Damals war der Antiamerikanismus in der Linken durch den Vietnamkrieg aufgeladen. Heute argumentieren die Rechten mit dem sogenannten Bombenholocaust in Dresden. Der damalige und der heutige Antiamerkanismus unterscheiden sich jedoch durch die jeweilige Argumentation. Das Weltjudentum, das aus ihrer Sicht die Wall Street dominiert, wird von den Rechtsextremen als Ursache der Finanzkrise ins Spiel gebracht. Von der RAF wurde genau das vermieden. Die haben immer nur vom Imperialismus gesprochen.

Das Auffliegen der Zwickauer Zelle offenbart auch einen Verfassungsschutzskandal.

Natürlich muss jetzt untersucht werden, inwieweit die Verantwortung für die Morde bis in staatliche Dienststellen hineinreicht. Ich finde es aber falsch, es auf ein Problem des Verfassungsschutzes zu reduzieren. Der Verfassungsschutz setzt sich lediglich auf ein Phänomen drauf, das es bereits gibt. Wichtiger ist es, sich dem Rechtsextremismus zu stellen und zu fragen, warum immer wieder Menschen bereit sind, sich dieser Ideologie zu verschreiben und dann in einem begrenzten Raum dafür Unterstützung finden, bis in den Verfassungsschutz hinein möglicherweise. Es ist wichtiger, die Tat von den Tätern her zu denken, als sie auf den Skandal bei staatlichen Stellen zu reduzieren.

Sie haben für das Stück »Der Kick« über den Mord an Marinus Schöberl in Potzlow recherchiert und sich mit den Biographien der rechtsextremen Täter beschäftigt. Welche Rolle spielen in den Lebenläufen rechter Jugendlicher die politischen Biographien der Eltern und Großeltern?

Die Erfahrung massiver Gewalt und Demütigung spielten im Fall von Potzlow eine Rolle, ebenso wie die Gewalterfahrungen der Generation davor, und zwar nicht nur in der Täterfamilie, sondern auch im ganzen Dorf. Die Brutalität und das Weitergeben von Gewalt hatten eine geschichtliche Kontinuität. Es gab den Gutsverwalter, der polnische Zwangsarbeiter zu Tode geprügelt hatte und dann Vorsitzender der LPG wurde. Klar, dass das nicht aufgearbeitet wurde und diese Gewalt versiegelt und immer weitergegeben wurde. Es ist natürlich so, dass es in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR nicht erwünscht war, das Schweigen der Eltern- und der Großelterngeneration zu brechen. Und speziell dann nicht, wenn es solche Kontinuitäten gab wie in dem Dorf mit dem LPG-Vorsitzenden. Vielleicht wird diese Sprachlosigkeit ja von Generation zu Generation weitergegeben. Das zeigt nur wieder, wie wichtig es ist, sich genauer mit den Biographien der Täter zu beschäftigen.

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