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André Anchuelo: Die Debatte über Fußball-Hooligans in den deutschen Medien

Mehr Fußballfans als Hooligans

Bürgerkriegsähnliche Zustände im deutschen Fußball? Blogger und Experten kritisieren die Panikmache deutscher Medien, ­Politiker und Sportfunktionäre.

von André Anchuelo

Wer die Berichterstattung der Medien in den vergangenen Wochen verfolgt hat, musste den Eindruck gewinnen, als stünde bei deutschen Fußballspielen ein Bürgerkrieg bevor. Zwei Ereignisse, über die ausführlich berichtet wurde, mögen als Beispiel genügen: Vor knapp fünf Wochen wurden beim Auswärtsspiel von Bayern München bei Hannover 96 in einem Fanblock der Gastgebermannschaft 36 Personen verletzt. Zwei Tage später empfing Borussia Dortmund im DFB-Pokal den Zweitligisten Dynamo Dresden. Vor, während und nach dem Spiel kam es zu teils heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und vor allem Dresdener Fangruppen. Schon vor dem Anpfiff gab es 15 Verletzte. Während der Partie flogen Böller und bengalische Feuer in den Innenraum, das Spiel stand kurz vor dem Abbruch. Dresdener Fans versuchten, in einen Dortmunder Block und in den Innenraum zu gelangen. Der Einsatzleiter der Polizei, Peter Andres, sagte anschließend: »So eine massive Gewalt habe ich noch nicht erlebt.«

Die bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen angesiedelte »Zentrale Informationsstelle Sport­einsätze« (ZIS) veröffentlichte am Tag des Dortmunder Pokalspiels ihren Jahresbericht zur Saison 2010/11. Das Ergebnis: Im Zusammenhang mit den Spielen der 1. und 2. Bundesliga wurden 846 Personen verletzt – so viele seien es nie zuvor in der zwölfjährigen Geschichte dieser Statistik gewesen. »Dresdens Chaoten sind Idioten«, sagt der ARD-Moderator Frank Meyer am Morgen nach der Pokalpartie in Dortmund. DFB-Präsident Theo Zwanziger warnte: »Mit verbaler Gewalt wie Hassgesängen fängt es an, geht weiter über den gefährlichen Pyro-Einsatz bis zu direkter Gewalt.« Der Vorsitzende der Deutschen Fußball-Liga (DFL), Reinhard Rauball, sagte: »Wir streuen uns Sand in die Augen, wenn wir lediglich von ›ein paar Idioten‹ sprechen. Die gewaltbereite Szene ist deutlich größer als bislang angenommen.« Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, fühlte sich an Mongolenhorden erinnert: »Wenn vor einigen hundert Jahren Dschingis Khan hier durchgezogen wäre, hätte es nicht anders ausgesehen.«

Watzke sorgte mit Hilfe von Focus für den Höhepunkt der Geschmacklosigkeit. »Einige unserer Ultras, die oft kritischer gesehen werden, als sie sind, waren zuletzt auf Einladung des Vereins in Auschwitz«, berichtete der Fußballfunktionär im Interview mit Sport-Bild. »Dort haben alle vor Augen geführt bekommen, wo Gewalt­exzesse hinführen.« Als ob in Auschwitz ein paar Hooligans über die Stränge geschlagen hätten, die man nicht rechtzeitig davon abgehalten hatte, bengalische Feuer zu entzünden. Focus machte daraus per Überschrift gleich noch eine Deportation ins Vernichtungslager: »Dortmund schickt Ultras nach Auschwitz«.

Nicht verwunderlich, dass in der Debatte harte Maßnahmen gefordert werden: Während Geldstrafen für das Zünden pyrotechnischer Erzeugnisse längst Standard sind, zuweilen Clubs zu einzelnen Auswärtsspielen keine Fans mehr mitbringen durften, manchmal sogar das eine oder anderer Heimspiel in einem fremden Stadion austragen mussten, soll Dynamo Dresden nun nach dem Willen des DFB in der nächsten Saison aus dem Pokalwettbewerb ausgeschlossen werden. Einige denken über noch grundlegendere Änderungen nach. Heribert Bruchhagen, der Vorstandsvorsitzende von Eintracht Frankfurt, fordert, »keine Jahreskarten mehr an bekennende Ultras abzugeben«. Andere wollen Alkohol in Stadien generell verbieten, die Eintrittspreise für Stehplätze erhöhen, die Stehplätze gleich ganz abschaffen oder grundsätzlich keine Auswärtsfans mehr zulassen.

Bezeichnend ist der Vorschlag des hessischen Innenministers Boris Rhein. Der CDU-Politiker kündigte nicht nur vermehrte Hausbesuche und »Gefährderansprachen« durch die Polizei an. Die Sicherheitsbehörden sollen auch die Arbeitgeber unter Verdacht stehender Fans informieren. »Willkommen in Denunziantenland«, kommentiert der Rechtsanwalt Udo Vetter auf seinem »Law Blog«.

Der Strafrechtler sieht in dem Plan nichts weiter als einen »Schritt in den Angststaat, weil nämlich jeder Bürger künftig fürchten muss, dass die Polizei ihn einzuschüchtern, möglicherweise ihm aber sogar tatsächlich hintenrum zu schaden versucht«. Tatsächlich treffe es keineswegs nur gewaltbereite Hooligans, schreibt Vetter und berichtet von einem von ihm vor Gericht vertretenen Fan, der bereits vor der Verhandlung in die »Gewalttäterdatei Sport« eingetragen worden war und Hausbesuche von Polizisten erhalten hatte. Am Ende stand ein Freispruch. Wäre Rheins neue Idee in diesem Fall bereits zum Einsatz gekommen, hätte der Mann möglicherweise mit einem Freispruch, aber ohne Job dagestanden.

Auf einem anderen Blog, »Publikative.org«, kritisiert die Journalistin Nicole Selmer vor allem die Berichterstattung der Medien über das Thema. So sei bezüglich der ZIS-Polizeistatistik nicht darauf hingewiesen worden, »dass zu den 846 verletzten Personen auch diejenigen gehören, die bei Polizeieinsätzen verletzt wurden«. Als Beispiel verweist sie auf die eingangs erwähnten 36 Verletzten bei dem Spiel in Hannover, die Opfer eines umstrittenen Pfeffersprayeinsatzes der Polizei mitten in einem vollen Fanblock wurden. »Es geht nicht darum, gewalttätige Ausschreitungen kleinzureden oder zu entschuldigen, sondern darum, dass es Teil der journalistischen Arbeit sein sollte, sie einzuordnen und differenziert zu betrachten, statt sie mit moralischer Empörung und Ignoranz zusammengerührt zu präsentieren«, resümiert Selmer.

Im Magazin 11 Freunde gehen Christoph Biermann und Ron Ulrich noch einen Schritt weiter. Ihre These lautet: »Entgegen aller Behauptungen gibt es keine Gewaltwelle im deutschen Fußball.« Als Beleg führen die beiden Sportjournalisten unter anderem »Konfliktmanager« der Polizei an, die erfolgreich zu einer Deeskalation beitrügen, die es aber nur in einzelnen Städten gebe. Zudem seien viele Gewaltakte in und außerhalb von Fußballstadien auf Personen zurückzuführen, die eigentlich nichts mit dem Fußball und dessen Fanszenen zu tun hätten. Vor allem sei die ZIS-Polizeistatistik mit Vorsicht zu betrachten. Der Anstieg der Verletztenzahlen in den vergangenen Jahren müsse in weiten Teilen auf statistische Effekte zurückgeführt werden. Demnach habe erst der verstärkte Einsatz der Polizei vor der WM 2006 zu mehr registrierten Straftaten geführt. »Solche Zahlen sind im Wesentlichen ein Arbeitsnachweis der Polizei«, soder von den Autoren zitierte Kriminologe Thomas Feltes, der deshalb einen Zusammenhang mit der tatsächlichen Entwicklung der Gewalt beim Fußball bestreitet.

Gefordert sei nun, sagen Biermann und Ulrich, polizeiliches Abrüsten und ein intelligenterer Umgang mit den Fans. Doch dass es dazu kommt, ist wenig wahrscheinlich: Anfang vergangener Woche trafen sich führende Fußballfunktionäre und Sicherheitspolitiker zu einem »Runden Tisch« über »Gewalt im Zusammenhang mit Fußballspielen« und beteuerten, den Dialog mit den Fans intensivieren zu wollen. Fanvertreter hatte man aber vorsorglich lieber gar nicht erst eingeladen.

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