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Tobias Müller: Die Ausstellung »My Name is Cohen« in Amsterdam

Die Cohen-Brüder

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Amsterdam beschäftigt sich mit Menschen, die den Nachnamen Cohen tragen.

von Tobias Müller

Thea Cohens Fazit ist beklemmend: »Von klein auf assoziierte ich meinen Nachnamen mit Bedrohung, mit dem Krieg. Bloß nicht auffallen, hieß die Devise. Deinen jüdischen Hintergrund nicht zur Schau stellen.« Auf diese Handlungsanleitung, offenbar essentiell in den Niederlanden der Nachkriegszeit, reduziert die Pädagogin, geboren 1946, ihre Beziehung zu ihrem Familiennamen. Ein Einzelfall ist sie nicht: Nach der Shoah ging es vielen Überlebenden und ihren Nachkommen ähnlich. Thea Cohen fand für sich einen Ausweg: »Als ich 21 war, heiratete ich und tauchte gleichsam unter im Namen meines Ehemanns. Von da an hieß ich sicher ›Ritsema‹.«

25 Cohens werden in einer Ausstellung im Jüdischen Museum in Amsterdam vorgestellt. Gezeigt werden Porträts von Menschen, die wenig miteinander gemein haben, außer ihren Nachnamen und ihren Wohnort Amsterdam. Es sind Frauen, Männer und Kinder, manche sind orthodox, andere sind liberal, einige sind gar nicht religiös und nicht wenige sind nach den Regeln der Halacha, die die Abstammung von einer jüdischen Mutter als Kriterium definiert, gar keine Juden.

Neben den Fotos der Porträtierten finden sich ihre Aussagen darüber, wie es ist, Cohen zu heißen, was der Name mit einem macht und nicht zuletzt, welche Assoziationen er bei der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft auslöst. Identität, so der niederländische Autor Arnon Grunberg im Vorwort zum Katalog, ist vor allem, was andere über uns sagen. Und wer, wenn nicht die Träger dieses »urjüdischen Namens«, sollte davon erzählen können?

Zu den Cohennen, so die niederländische Mehrzahl, zählen auch die Ausstellungsmacher. Der Fotograf Daniel Cohen hatte die Idee zu dieser Schau. Das Konzept entwickelte er gemeinsam mit Mischa Cohen, einem Redakteur der linken Wochenzeitschrift Vrij Nederland. Zwei Jahre arbeiteten sie an dem Projekt, das zunächst gar nicht als Ausstellung geplant war. Sie trafen die Protagonisten zu Gesprächen und fotografierten sie an ihren Lieblingsorten in der Stadt.

Cohen, das ist die Achse, um die sich bei dieser Ausstellung alles dreht, und die Klammer, die sie zusammen hält. Für die Außenwelt, sagt Mischa Cohen, sei der Name Cohen der »kleinste gemeinsame Nenner«, für die Betroffenen, der Unterschiedlichkeit ihrer Lebensentwürfe zum Trotz, bedeute der Name, dass man bestimmte Erfahrungen teile.

In den Niederlanden leben 1500 Menschen dieses Namens. Ihnen werden gerne eine Menge Fragen zu ganz bestimmten Dingen gestellt: »Wenn es nicht die israelische Siedlungspolitik ist, dann sicher die Bedeutung der jüdischen Feiertage, die Folgen der Shoah oder der Hintergrund des Schlachtens ohne Betäubung«, heißt es in der Ankündigung zur Ausstellung. Immer wieder kommt auch die Frage nach der möglichen Verwandtschaft mit dem ehemaligen sozialdemokratischen Bürgermeister von Amsterdam. Die Frage »Bist du mit Job verwandt?« haben die porträtierten Cohens schon oft zu hören bekommen.

Mit »Ja« beantwortet die Frage sein Sohn Jaap, ein junger Historiker, der aus einem nichtreligiösen Elternhaus stammt. »Die Eltern meines Vaters hießen Koster, Belinfante, Polak und Cohen. So ziemlich alle typisch jüdischen Namen zusammen. Zu Hause spielte die jüdische Tradition überhaupt keine Rolle, über Jüdischsein oder Religion sprachen wir selten. Darüber weiß mein Vater überraschend wenig«, sagt Jaap Cohen.

Auch wenn der Vater sich nicht mit dem Judentum identifiziert, wurde er seines Namens wegen von manchen Zeitgenossen damit identifiziert – und nicht selten beleidigt. Jaap Cohen erzählt, dass sein Vater in Internetforen immer wieder mit antisemitischen Schmähungen konfrontiert war. Dass er sich als Atheist sieht und bei jeder Gelegenheit die »freisinnige« Tradition seiner Familie betont, hat darauf keinen Einfluss, ebenso wenig wie sein Image eines Brückenbauers, der mit Muslimen in Problemkiezen beim Tee über Intergrationsprobleme spricht.

Der Nachname Cohen hat bei jüdischen Fa­milien die höchste Verbreitung und ist vergleichbar mit dem Namen »Müller« im deutschsprachigen Raum oder mit »Smith« im englischsprachigen. Cohen ist im Judentum zugleich der biblische Name von Angehörigen einer Gruppierung mit priesterlichen Funktionen. Sie gelten als die männlichen Nachfahren Aarons und Zadoks und genießen Vorrechte in der Synagoge, dürfen jedoch keine geschiedenen Frauen heiraten, geschweige denn nichtjüdische.

Just dies aber taten viele Cohens, und das Ergebnis sind all die Porträtierten der Ausstellung mit ganz unterschiedlichem Familienhintergrund. Auch Mischa Cohen und Daniel Cohen mussten bei der Recherche die Frage eines Rabbiners verneinen, ob sie denn auch »echte« Cohens seien. Was umgekehrt bei den Kuratoren die Frage provozierte, wer heute eigentlich ein echter Cohen sei. Die Ausstellung beantwortet sie so: »Ein Cohen sieht nicht so oder so aus. Alle sind echte Cohens!«

Die privaten, zum Teil intimen Aussagen, die in der Ausstellung präsentiert werden, zeugen vom Spannungsfeld zwischen Integration und Assimilation im Melting Pot Amsterdam, vom Mit- und Nebeneinander der Kulturen. Immer wieder geht es um die Shoah und die Erfahrung des Untertauchens, die die Überlebenden vereint. Die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte führt die Porträtierten stets zu der Frage, wie viele ihrer Angehörigen ermordet wurden.

Im Alltag äußert sich das oft in dem Versuch, dem Jüdischsein entkommen zu wollen. Mehrere Porträtierte berichten, dass sie überlegt haben, ob sie ihren Namen auf ihr Klingelschild schreiben oder angeben sollen, wenn sie im Restaurant einen Tisch reservieren. Cohen wird zum Stempel, zum Stigma mit fünf Buchstaben. Ebenso viele aber tragen den Namen, oft nach einer Phase intensiver Auseinandersetzung, mit Stolz. Der Regisseur Paul Cohen etwa spricht davon, dass er sich als junger Mann mit dem Namen »Svend« vorstellte. Seinen zweiten Vornamen gab er als seinen Nachnamen aus  – bis er sich irgendwann zu seinem Familiennamen bekennen konnte.

Nicht zuletzt ist die Ausstellung auch ein origineller Streifzug durch die Vielfalt des jüdischen Amsterdam der Gegenwart. Man begegnet einem idealistischen Boxtrainer, einem stadtbekannten israelischen Shawarma-Verkäufer, einem amerikanisch-niederländischen Kabarettisten und einem pensionierten Drogenforscher, der »kein professioneller Jude« sein will.

»My name is Cohen«. Jewish Historical Museum,

Amsterdam. Bis 1. März 2012.

RM16

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