Martina Mescher: Prekär & depressiv

Augen auf bei der Berufswahl

Prekär & depressiv von Martina Mescher

Die Entscheidung, Kulturjournalist zu werden, trifft man aus Liebe zur Kunst. Mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegen sich Kulturjournalisten in der Welt der Literatur, der Musik, des Films, des Theaters oder der Bildenden Künste. Bürokratie hingegen ist nicht so ihr Ding. Die meisten Kulturjournalisten haben deshalb auch nie ernsthaft über eine Laufbahn als Controller, kaufmännische Angestellte oder Steuerfachkräfte nachgedacht. Dumm ist nur, dass man ohne gewisse Fähigkeiten auf diesen Gebieten als freischaffender Schreiber nicht überleben kann. Das dämmert einem spätestens dann, wenn man knietief im Dispo steckt oder der Steuerbescheid eingetroffen ist. Man nimmt sich fest vor, künftig alle Rechnungen, Belege und Quittungen akribisch zu archivieren, die Tricks des Steuerrechts zu erlernen und sich als knallharter Geldeintreiber zu betätigen. Inkasso-Unternehmer wollte man allerdings auch nie werden. Und man möchte auch keiner sein, dem das liegt. Da bleibt man lieber der Bittsteller, der verschämt an das seit drei Monaten überfällige Honorar erinnert, und zahlt weiterhin horrende Zinsen für den Dispo. Selbstverwirklichung ist besser als ein gut dotierter, aber ungeliebter Job, versucht man sich zu trösten. Aber die Sache mit der Selbstverwirklichung wird auch immer komplizierter, seit sich der Journalismus an Klickzahlen orientiert. Im Netz werden vor allem Artikel gelesen, deren Überschrift irgendwas mit Sex und Tieren ankündigt. Mit Liebe und Kunst hat der Kulturjournalist einfach richtig schlechte Karten.

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