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Elke Wittich: Über den Ehrensold von Christian Wulff

Die verlorene Ehre bei Heidi Klum

In der Debatte um den Ehrensold für Christian Wulff geht es nicht um die »Würde des Amtes«, sondern um Demut vor dem Arbeitgeber.

Kommentar von Elke Wittich

Allein schon dieses Wort: Ehrensold, das in toto und dazu auch noch in jeder seiner Silben derart beschaffen ist, dass man es nicht einmal im Monat, geschweige denn täglich hören oder sehen möchte. Gemessen an der Begeisterung, mit der sich derzeit praktisch jeder, der auch nur zur C-Polit- oder Blogger-Prominenz gehört oder unter die Rubrik »sonstige Prominenz« fällt, zum Thema äußert, ist zu befürchten: Das geht nicht mehr weg, das Wort, und am Ende wird es vermutlich auch noch zum Wort des Jahres.

Dabei wäre alles so einfach: Wenn man Leuten keinen Ehrensold zahlen möchte, dann sollte man sie zuallererst nicht als Bundespräsident beschäftigen. Und wenn Straftaten ein Grund für die Nichtzahlung wären, könnte es ganz geschickt sein, zunächst einmal den Ausgang eines Gerichtsverfahrens abzuwarten, bevor man sich mit viel Elan in die Debatte wirft.

Es wird aber nicht abgewartet, denn dass Christian Wulff das haben möchte, was ihm zusteht, ist un-er-hört. Wie Kassiererinnen, die Pfandbons klauen, und Rentner, die ihre deutschen Pensionen auf Mallorca durchbringen, oder Hartz IV-Empfänger, die nebenher ein bisschen schwarz arbeiten, gehören dem ehemaligen Bundesprä­sidenten nämlich alle Leistungen gestrichen, wegen mangelnder Demut vor dem Arbeit- bzw. Geldgeber, der in diesem Falle das deutsche Volk ist. Und das nimmt derzeit besonders übel: 200 000 Euro! Im Jahr! Was man damit alles anfangen könnte! Aufklärungsbroschüren über die Gefahren des Linksextremismus drucken, beispielsweise, oder Leute einstellen, die Leistungsbezieher überwachen, oder oder oder.

Vermutlich stellen sich die Wulff-Kritiker bzw. die Polit-Mobster, die nun so Meinungen zum Thema Ex-Bundespräsidentenbezüge haben, die Sache aber sowieso ganz anders vor: Nach dem live übertragenen Auszug aus dem Schloss Bellevue – vorbei an Hunderten Wutbürgern – wird Wulff direkt in ein Fernsehstudio gebracht, wo ihm ein sackartiges Gewand bzw. Büßerhemd übergezogen wird. Begleitet von dem, was man sich bei RTL, Sat 1 oder Pro 7 unter Spannungsmusik vorstellt, betritt Heidi Klum die Bühne: »Christian, dies ist eine einmalige Chance, denn Du hast nur heute die Chance, Ehrensold zu bekommen. Es liegt an Dir, ob Du uns, also die Jury, äh, ich meine die Zuschauer, überzeugen kannst.« Der ausführ­lichen Zerknirschung Wulffs folgt eine einstündige Gewissensbefragung, geleitet von Margot Käßmann und Daniela Katzenberger, in der ausführlich erforscht wird, ob der ehemalige Bundespräsident es mit dem Bedauern auch wirklich ernst meint, bevor er sich einem Lügendetektortest unterziehen muss.

Während das MDR-Fernsehballett zu einem Potpourri der schönsten Musicalmelodien sein Bestes gibt, wird das deutsche Volk zum Telefon-Voting gebeten: Soll Wulff Ehrensold bekommen? Das vom Bild-Chef schließlich persönlich verlesene Ergebnis lautet, wenig überraschend: »Nope, keine Kohle, und außerdem nehmen wir ihm sein Haus auch weg«, woraufhin Wulff aus dem Studio geworfen wird und fortan mit seiner Frau in deutschen Fußgängerzonen christliche Erbauungsmusik vorträgt.