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Markus Ströhlein: Retro ohne Ende

Retro Loco

Musik, Film, Design – alles ist von gestern. Ein Streifzug durch die Wiederverwertungsmühle des Pop.

von Markus Ströhlein

Wer in jüngster Zeit versucht hat, sich neue Musik zu besorgen, weiß: Es ist eine Qual. Und sie beginnt schon mit der Informationsbeschaffung. Wer in die Regale sieht, in denen die Musikmagazine zu finden sind, wird angestarrt von alten, faltigen Männern, die schon vor 30 oder 40 Jahren mit ihren damals noch frischen Gesichtern auf den Titelseiten abgebildet waren. Hefte wie Classic Rock, Rolling Stone, Rocks, Metal Hammer oder Rock Hard zeigen David Bowie, Leonard Cohen, den schon verstorbenen Ronnie James Dio oder Ozzy Osbourne und breiten in seitenlangen Berichten Anekdoten über T-Rex, Led Zeppelin oder Black Sabbath aus.

Was die große Sparte des Rock-Journalismus so treibt, dürfte der Redaktion der Spex als Beschäftigung mit verstaubter Altherrenmusik gelten. Doch das Magazin selbst eröffnete das Jahr mit Lana del Rey auf dem Cover. Die amerikanische Sängerin ist zwar jung, dafür aber herausgeputzt wie von vorgestern. Und sie singt auch so. Ihre Songs kommen geradewegs aus dem orchestrierten Pop der Sechziger, während die gefeierte Britin Adele sich für ihre Soul-Songs beim klassischen Motown-Sound bedient, wie es bereits Amy Wine­house vorgemacht hat. Die nächste Sängerin, die derart in der Vergangenheit schwelgt, wird auch schon herumgereicht. Sie nennt sich Rumer und ihre Popsongs sind eher vom Country und Jazz geprägt – der sechziger und siebziger Jahre, versteht sich.

Wer sich also neue, überraschende Musik besorgen möchte, steht vor einer beinahe unlösbaren Aufgabe. Davon zeugen auch unzählige Genre-Bezeichnungen wie »Sixties Pop«, »Seventies Rock«, »Eighties Metal« oder »Nineties House«, unzählige Revivals, Reunions und Comebacks. Es dürfte keine Musikrichtung geben, die sich noch nicht, mit dem Zusatz Oldschool, Classic oder Vintage versehen, in der Phase ihrer eigenen nostalgischen Wiederverwertung befindet. Und selbst die Vorsilbe »Neo« ist, entgegen ihrer wörtlichen Bedeutung, ein untrügliches Indiz dafür, dass die mit ihr bezeichnete Musik vollkommen retro ist.

Der zu diesen nostalgischen Erscheinungen passende Musterkonsument ist der Vinylsammler. Dass das Medium seiner Wahl die doch vorgeblich so geliebte Musik mit Rauschen und Knistern zukleistert und deshalb, was den Hörgenuss angeht, nicht mit neueren Medien mithalten kann, stört ihn nicht. Ganz im Gegenteil: Die lästigen Störgeräusche machen für ihn gerade den besonders »warmen Sound« der guten, alten Platten aus. Und richtig heimelig warm war es eben nur früher.

Der musikalische Befund ist eindeutig: Pop ist retro. Und nicht einmal das ist neu. 1992 veröffentlichte die amerikanische Noise-Band Cop Shoot Cop einen Song mit dem recht eindeutigen Titel »Smash Retro«. Angesichts der Grunge-Welle, deren Bands überwiegend den Rock der siebziger Jahre aufwärmten, hatte sie auch Grund dazu. Doch neben ihr gab es noch eine Vielzahl weiterer Bands, die ebenfalls nicht an rückwärtsgewandter Musik interessiert waren. Und das große, neue Ding namens Techno begann gerade erst.

Nichts dergleichen regt sich heutzutage. Selbst Dubstep, unter den musikalischen Bescheidwissern recht angesagt, lässt an seinem ersten Namensbestandteil erkennen, dass die entsprechenden Musiker aus der Vergangenheit schöpfen. Und wer sich in der ersten Hälfte der Neunziger in der zugegebenermaßen sehr kleinen Nische Ambient Dub umgehört hat, dem wird Dubstep eher schal als neu vorkommen.

Nun gut, wenn Pop musikalisch nichts zu bieten hat, ließe sich die Zeit vielleicht ja auch im Kino verbringen – wenn man nicht in eine Vorstellung von »The Artist« gerät. Mehr retro als dieser mit fünf Oscars prämierte Stummfilm geht kaum, es sei denn, irgendein Regisseur verfällt auf die Idee, der Nostalgie wegen mit einem Kinematographen zu drehen oder einen »Film« fürs Daumenkino zu machen. Und auch die technischen Neuerungen führen nicht unbedingt zu Neuem. Die Filmindustrie nutzt das 3D-Kino gern, um altbekannte Filme nochmals vor bebrilltem Publikum vorzuführen, so wie die Einführung der DVD der Anlass war, um ganze Archivbestände aufs Neue zum Verkauf anzubieten – was sich derzeit mit Blu-Ray Discs wiederholt. Technische Innovationen verkürzen lediglich die Zyklen der Wiederverwertung.

Wer, statt ins Kino zu gehen, lieber fernsieht, könnte unversehens in eine der Siebziger-, Achtziger- oder Neunziger-Chart-Shows geraten, mit denen Privatsender gern ihr Programm füllen. Oder auf ZDF-Kultur landen, wo seit kurzem die Talkshow »Roche & Böhmermann« läuft. Die beiden Gastgeber wollen eine Sendung »ganz im Stil des frühen Fernsehens« präsentieren, welche »die legendären Gesprächsrunden der siebziger Jahre« zum Vorbild hat. Und so stehen denn auch »überdimensionierte Mikrophone im Retrostil« und »demonstrativ platzierte Aschenbecher« auf den Tischen im Studio.

Und nicht einmal diejenigen, denen ansonsten nur der allerneueste technische Stand der Dinge genügt, kommen ohne nostalgische Anwandlungen aus. Für den Computer-Nerd mit Herz für Vergangenes gibt es »Retro-Börsen«. Auf diesen Veranstaltungen, die in verschiedenen deutschen Städten stattfinden, werden »klassische« Video- und Computerspiele verkauft, getauscht und gespielt. Für Computernostalgiker gibt es zudem Emulatoren, dank derer alte Spiele auch auf neuen Rechnern laufen. Und die Firma Atari plant für den August, pünktlich zum 40. Jahrestag der Veröffentlichung ihres Videospiels »Pong«, eine »Pong«-App für das I-Pad, das I-Phone und den I-Pod Touch herauszubringen. Apps anderer alter Atari-Spiele gibt es schon. Das Design des I-Pod verfügt wiederum über unverkennbare Parallelen zu einem Taschenradio der Firma Braun aus den sechziger Jahren.

Musik, Film, Fernsehen, Design, Mode – Retro ist also überall. »We live in a pop age gone loco for retro«, hat der Journalist Simon Reynolds in seinem Buch »Retromania. Pop Culture’s Addiction to its own Past« konstatiert, das im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Dass der Rückgriff schon seit über zehn Jahren der beliebteste Kniff im Pop ist, haben auch andere bemerkt. Doch im Gegensatz zu Reynolds sehen sie darin nicht das Ende von Pop. »Phänomenologisch lässt sich offenbar eine progressive Gegennostalgie von der regressiven Nostalgieindustrie aus Reunions und Revivals abgrenzen«, doziert etwa das Magazin Debug über die vermeintlichen zwei Seiten von Retro. »Der Sinn für Geschichte und Bezüge sowie das unvermeidliche Zitieren, die Reynolds derart stören, zeugen nicht von einer Ära ohne echte Charakteristika: Sie sind ihre Charakteristika«, hält die amerikanische Zeitschrift The Nation Reynolds entgegen. Und überhaupt gelte das »erste Gesetz der Pop-Thermodynamik«: »Keine Musik wird jemals so viel bedeuten wie die, die man mit 16 geliebt hat.«

Das Bedürfnis, wieder 16 Jahre alt zu sein, hat allerdings nichts mit einem »Sinn für Geschichte und Bezüge« zu tun. Das Retro-Bedürfnis wird gerade erst dann befriedigt, wenn die ganz große Geschichte ignoriert wird. Wer als 16jähriger in der DDR gelebt hat, wird heutzutage vielleicht ein Puhdys-Shirt tragen, aber keines mit der Aufschrift »Stasi-Knast Bautzen« oder »Schon wieder keine Bananen im Konsum«.

Dass Konsumenten der Nostalgie verfallen, ist für Plattenfirmen, Filmkonzerne und Mode-Labels jedenfalls recht praktisch. Alten Plunder noch einmal zu verkaufen, sorgt für eine große Gewinnspanne, da die Produktionskosten bei der Wiederverwertung geringer sind als bei der ursprünglichen Herstellung. Und so bekommt man längst archiviertes Material immer wieder als Jubiläums-CD-Box, DVD-Sonderedition oder Vintage-Sneaker-Kollektion vorgesetzt.

Wer unnostalgisch Musik hören oder Filme sehen möchte und wer sich an Produkten stört, deren hervorstechendes Merkmal das vollkommene Fehlen von Originalität ist, hat es hingegen nicht nur schwer, anderweitig fündig zu werden. Er steht als hoffnungslos antiquierter Modernist da, »in derselben Position wie die rückwärtsgewandten Musiker, deren Originalität er in Frage stellt«, wie Reynolds in einer Rezension seines Buches in der Zeit getadelt wird, oder gar als »Konservativer«, wie The Nation über Reynolds befindet. Denn das Beharren darauf, dass sich ein kulturelles Erzeugnis durch eine irgendwie originelle Idee auszuzeichnen habe, gilt der postmodernen Denkweise als mit der Macht im Bunde, als bürgerlich, männlich und in einem naiven Fortschrittsglauben befangen. Dafür wurde die gähnende Langeweile zum heißen Scheiß geadelt. Seither wird in immer kürzeren Abständen eklektizistischer Sampling- und Zitatebrei serviert. Und während früher Aufgewärmtes zumindest in eine neue Verpackung gehüllt wurde, gibt es nun nur noch Wiedergekäutes.

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