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Sebastien Nekyia: Die Neonazi-Gruppe »Besseres Hannover«

Braune Teddys, rechte Hools

Die Gruppe »Besseres Hannover« wurde durch das Verschicken von Drohungen per E-Mail und rassistische Videos bekannt.

von Sebastien Nekyia

In dem Video ist ein als Bär kostümierter Mensch zu sehen, der vor türkischen Imbissen den Hitlergruß zeigt und vor Werbetafeln für Flüge nach Istanbul posiert und in die Kamera winkt. Zum Bärenkostüm gehört die Aufschrift »AbschieBär«, das Wortspiel passt zum rassistischen Zynismus des Films. Am 15. Dezember erhielten die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) und weitere Politiker eine E-Mail mit Drohungen und dem Video im Anhang. Die Verwendung einer politisch scheinbar bedeutungslosen Tierfigur zur Verbreitung rassistischer Propaganda erinnert an den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), der die Comicfigur Paulchen Panther verwendete.

Mit dem »AbschieBär« gelang es der Neonazigruppe »Besseres Hannover«, sich bundesweit in der rechten Szene zu profilieren. Aufgefallen waren ihre Mitglieder bereits als »Unsterbliche« bei einem Fackelmarsch in Kleefeld im Juni vorigen Jahres. Bei der Kampagne »Die Unsterblichen« handelt es sich um eine relativ neue Aktionsform, bei der Neonazis unangemeldet nachts mit Fackeln und weißen Masken gegen den »Volkstod« aufmarschieren (Jungle World 43/2011). Zuletzt kam es im Februar auf einer Demonstration gegen das »Anti-Counterfeiting Trade Agreement« (Acta) zu Auseinandersetzungen mit der Gruppe »Besseres Hannover«. Als die Neonazis, die ihre Gesichter hinter Masken versteckt hatten, erkannt wurden, bewaffneten sie sich mit Holzlatten. Nach Angaben der Polizei Hannover laufen nun 26 Ermittlungsverfahren gegen die Neonazis.

Bei der Suche nach dem Urheber der rassistischen E-Mail wurde die Polizei schnell fündig. Marc Oliver M. gilt als Kader der von »Besseres Hannover« und mutmaßlicher Verfasser. Er ist eine der zentralen Figuren der Neonaziszene in Hannover und pflegte unter anderem Kontakt zu dem mittlerweile festgenommenen NSU-Helfer Holger G. Zusammen mit diesem und weiteren Neonazis provozierte M. 2005 bei einer antifaschistischen Schülerdemonstration in Hannover-Garbsen. Aktivisten der Antifa gehen davon aus, dass der frühere Vorsitzende der NPD Hannover, M., auch Mitorganisator des »Stammtisches na­tionaler Kräfte« war und dort Neonazis aus ganz Niedersachsen zusammenbrachte.

Nach Einschätzung der Polizei handelt es sich bei »Besseres Hannover« um »ein loses Personengeflecht ohne Strukturen«, das seit etwa drei Jahren in Erscheinung tritt. Seit 2009 hat die Polizei in Bezug auf »Besseres Hannover« in der örtlichen rechten Szene Dutzende Strafverfahren eingeleitet. Die Gruppe gilt als maßgeblich verantwortlich für einige rechte Aktivitäten in den vergangenen Jahren, sie wird auch mit der neonazistischen Jugendzeitung Bock in Verbindung gebracht, die mehrfach vor Schulen und U-Bahnstationen vor allem im Osten und Süden der Stadt verteilt wurde.

In der Gruppe »Besseres Hannover« versammeln sich langjährig aktive Neonazis. Sonja Brünzels von der Antifaschistischen Aktion Hannover (AAH) sagt im Gespräch mit der Jungle World, die Gruppe ziehe aber auch jüngere Neonazis an. Brünzels spricht davon, dass die Gruppierung »Besseres Hannover« bis zu 30 Personen umfasse, die jedoch nicht alle aus Hannover kämen. Es bestünden regionale Kontakte zu bekannten Neonazis aus Celle oder Hildesheim, die Gruppe sei aber auch bundesweit vernetzt. In ihrem Auftreten versuche sie sich »vorwärtsgewandt und mit einem rebellischem Gestus darzustellen«, so Brünzels. Dabei träten die Mitglieder mal »angelehnt an das Konzept der »Autonomen Nationalisten« und mal als »nette Jungs von nebenan« auf. Zum Auftritt gehören auch eine modern gestaltete Homepage und die Nutzung sozialer Netzwerke und des Web 2.0. Der Server steht in den USA und ist derselbe, den auch der »Nationale Widerstand Berlin« nutzt. Die Polizei geht allerdings nicht von »verfestigten rechtsextremis­tischen Strukturen« aus.

Eine neue Entwicklung ist die Zusammenarbeit aktiver Neonazis mit der Hannoveraner Ultra- und Hooliganszene, die Ende vorigen Jahres immer offensichtlicher wurde. Auch seitens der Polizei rechnet man sechs Personen der neonazistischen Szene dem Spektrum der Ultras zu, es handele sich dabei jedoch nicht um eine »gezielte Unterwanderung«, sondern nach polizeilichen Erkenntnissen um »Kontakte, die durch persönliche Bekanntschaften begründet seien«.

Wenn man von rechten Tendenzen in der Fanszene spricht, fällt schnell der Name »Royal Riot Hannover« (RRH). Schon seit einer NDR-Reportage im Jahr 2004 gilt die Gruppierung als »Brutstätte rechten Gedankengutes«. Anhänger der Ultraszene sagten der Jungle World jetzt, sie beobachteten schon seit einigen Monaten den »starken Zustrom« an Personen, die zugleich durch ihre Aktivität für »Besseres Hannover« auffielen. Dass 2008 beim zentralen norddeutschen Naziaufmarsch am 1. Mai in Hamburg Ordner von RRH gestellt wurden, zeugt zumindest von einer längerfristigen Einbindung einiger Mitglieder in rechten Strukturen.

Ein Dossier auf der Seite der AAH gibt einen detaillierten Einblick in die personellen Überschneidungen zwischen RHH und anderen Gruppierungen – sie gehen über »Besseres Hannover« hinaus und betreffen Neonazi- und Hooligangruppierungen im Raum Bielefeld ebenso wie etablierte Fankreise wie die »Ultras Hannover« (UH).

Unter den aufgeführten Personen befindet sich auch der Neonazi Maximilian M., der zunächst in der Jugendgruppe der UH aktiv war und mittlerweile bei RRH eingebunden ist. Er war derjenige, dessentwegen zuletzt ein Konflikt mit anderen Fußballfans entstand, wodurch weitere Bekanntschaften von RRH-Mitgliedern mit Neonazis der »Autonomen Nationalisten Bückeburg« wie Dan B. bekannt wurden (Jungle World 5/2012). M. war nach einem Bundesligaspiel im November 2011 in eine Auseinandersetzung mit anderen Fans verwickelt. Im Dezember überfielen RRH-Mitglieder Fans von Hannover 96, die sie als »bekennende Antifaschisten« ausmachten. Seit der Veröffentlichung des Falles meiden Mitglieder von RRH und »Besseres Hannover« nach Auskunft von Fans das Fußballstadion. Die UH sahen sich gezwungen, die Zusammenarbeit einzustellen. Obwohl noch nicht auszumachen ist, wie die Gruppen organisatorisch verbunden sind, gibt es erkennbare personelle Überschneidungen.

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