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Alex Feuerherdt: Günter Grass befeuert die deutsche Friedensbewegung

Der ideelle Gesamtfriedensbewegte

Die deutsche Friedensbewegung verteidigt Günter Grass, attackiert Israel und nimmt den Iran in Schutz. Doch anders, als manche meinen, tut sie das nicht wider besseres Wissen, sondern weil die Parteinahme für die Feinde des jüdischen Staates fester Bestandteil ihre Ideologie ist.

von Alex Feuerherdt

Eines der ergreifendsten Komplimente für sein Gedicht »Was gesagt werden muss« hat Günter Grass aus dem Iran bekommen, wo die Presse – anders als hierzulande – noch nicht, wie Grass weiß, »gleichgeschaltet« ist und deshalb jeder ungehindert gegen Israel hetzen darf. Grass habe »die Wahrheit gesagt«, befand der stellvertretende iranische Kulturminister Jawad Shamakdari, der hofft, dass die Zeilen des Literaturnobelpreisträgers »das eingeschlafene Gewissen des Westens« aufwecken werden. Weiter lobte er: »Ich habe Ihr warnendes Gedicht gelesen, das auf so großartige Weise Ihre Menschlichkeit und Ihr Verantwortungsbewusstsein zum Ausdruck bringt. Mit ihrer Feder allein können Schriftsteller Tragödien eher verhindern als Armeen.«

Derselben Ansicht ist man bei der deutschen Friedensbewegung, die am Wochenende wieder ihre Ostermärsche veranstaltete und sich im Zuge dessen zu Grass’ Verteidigung aufschwang. Auf Plakaten und Transparenten auf den rund 80 Kundgebungen an den Ostertagen war unter anderem zu lesen: »Grass hat Recht!«, »Was gesagt werden muss!«, »Bleiben Sie stark, Herr Grass!« und »Ich lasse mich gerne als Antisemit beschimpfen, wenn es dem Frieden dient.« Grass-Portraits wurden mitgeführt, auch zahlreiche Redner auf den verschiedenen Kundgebungen sprangen dem Schriftsteller bei.

Das Netzwerk Friedenskooperative in Bonn, eine Art Dachorganisation, verkündete in einer Pressemitteilung: »Die Intervention durch Günter Grass im Irankonflikt hat trotz und vielleicht wegen der Kontroversen um das Gedicht die ­realen Gefahren bei einem Militärschlag gegen iranische Atomanlagen nochmals in den Fokus gerückt. Dafür ist ihm zu danken.« Der Sprecher der Frankfurter Informationsstelle Ostermarsch, Willi van Ooyen, ergänzte: »Was Grass angestoßen hat, kann nicht als antisemitisch unter den Teppich gekehrt werden. Es war ein richtiges Wort von ihm.« Und Kurt Bender, der Sprecher des Düsseldorfer Friedensforums, fragte auf ­einer Kundgebung in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt gar mit geradezu bestechender Logik, ob nicht diejenigen, die Israel mit Waffen beliefern, »die wahren Antisemiten« seien.

Andreas Buro vom Netzwerk Friedenskooperative, einer der Mitbegründer der Ostermärsche, sprang Grass gleich mit einem eigenen »Gedicht« zur Seite. »Günter Grass hat vor Krieg ­gewarnt, Israel als eine Gefahr für den Weltfrieden bezeichnet«, textete Buro, um fortzufahren: »Wir hätten auch die USA, die Erfinderin der Achse des Bösen, genannt, aber auch die vielen arabischen und islamischen Staaten, die mit der Kalaschnikow spielen und aktuelle Konflikte anheizen.« Während der erste Teil des Satzes Grass’ antiisraelische Tiraden also noch um den Antiamerikanismus ergänzt, ist dem letzten Halbsatz deutlich anzumerken, wie sehr ihn sein Verfasser als lästige Pflichterfüllung empfunden haben muss.

Vor allem aber ist es eine groteske Verharmlosung, die gegen den jüdischen Staat gerichteten Pläne zur atomaren Bewaffnung des Iran, die fast täglichen Raketenangriffe auf Israel und die Schlächtereien des Assad-Regimes in Syrien zu einem »Spiel mit der Kalaschnikow« und einem bloßen »Anheizen aktueller Konflikte« zu verniedlichen. Doch Buro geht es ohnehin um etwas ganz anderes: »Schlammschlachten zur Abwehr der Lyrik von Günter Grass, über seine SS-Zugehörigkeit als 16jähriger Jugendlicher, sein angeblich gestörtes Verhältnis zu Israel oder gar zu dem Versmaß seines Gedichtes sollen von seiner Botschaft ablenken: Keine Politik, die zu einem Krieg im Iran-Konflikt führen kann!«, behauptet er – so, als wäre es nicht genau umgekehrt, als hätte nicht Grass selbst seine vermeintliche Sorge um den Weltfrieden bloß vorgeschoben, um seine antisemitische Suada gegen Israel moralisch zu salvieren.

Derlei Statements sind allerdings nicht verwunderlich, gehört Buro doch zu den Initiatoren einer Erklärung der Friedensbewegung mit dem Titel »Friedens- statt Kriegspolitik im Irankonflikt! Sanktionen und Kriegsdrohungen sofort beenden!«, die kurz vor Ostern als bezahlte Anzeige im Freitag und in der Süddeutschen Zeitung erschien und bislang von fast 2 000 Personen und Organisationen unterzeichnet wurde. In ihr wird der Stopp jeglicher Sanktionen gegen den Iran gefordert, das iranische Atomprogramm als bloße Reaktion auf die angebliche Kriegstreiberei Israels und der USA dargestellt und das Schweigen der iranischen Opposition nicht etwa auf die brutale Repression durch das Regime zurückgeführt, sondern vielmehr auf die vermeintliche Doppelmoral des Westens. Wörtlich heißt es in dem Aufruf: »Israels Atomarsenal und die militärische Einkreisung Irans durch die USA, die inzwischen in nahezu allen seinen Nachbarländern Militärbasen errichtet haben, sind wichtige Ursachen für die Rüstungsanstrengungen Irans. Mit der Tolerierung von Israels Atomwaffenarsenal bei gleichzeitiger Bekämpfung des iranischen Atomprogramms tragen USA und EU die Hauptverantwortung dafür, dass kaum ein Oppositionspolitiker im Iran es wagt, die Atompolitik der Islamischen Republik in Frage zu stellen.«

Micha Brumlik bezeichnete den Appell in der Taz zu Recht als »beschämenden Ausdruck von Geschichtsvergessenheit und politischer Dummheit«. Dass sich die Nachbarländer des Iran »durch die revolutionäre Außenpolitik der Islamischen Republik bedroht fühlen, erwägt die ›Erklärung‹ ebenso wenig, wie sie den einzigen Grund für die israelische Atomwaffen, die Verweigerung der Anerkennung durch einige seiner Nachbarn, auch nur andeutet«, kritisierte der Publizist und Erziehungswissenschaftler, der seinerseits »gegen einen von den USA geduldeten, von Israel ausgeführten Luftangriff auf die im Bau befindlichen iranischen Atomanlagen« ist. Auch der Publizist Detlef zum Winkel, der früher selbst der Friedensbewegung angehörte, kritisierte den Aufruf scharf. Früher hätten die Antimilitaristen in Deutschland den »Atomtod« bekämpft, schrieb er in einem offenen Brief an Andreas Buro. »Bekämpfen wir es jetzt nicht mehr, wenn Israel vom Atomtod bedroht wird?«

Zum Winkel hat Buro gebeten, seine Unterschrift zurückzuziehen, Brumlik hat diese Forderung gleich an alle Unterzeichner der Erklärung gerichtet. Doch so löblich diese Aufrufe zur Distanzierung auf den ersten Blick sein mögen, so naiv ist die dahinter stehende Annahme, die Initiatoren und Unterstützer der Erklärung könnten hier etwas wider besseres Wissen oder gegen die eigene Überzeugung getan haben. Die Friedensbewegung war immer, wenn es um den Nahost-Konflikt ging, antiisraelisch. Sie hat sich nie auf die Seite des jüdischen Staates geschlagen, wenn dieser wieder einmal von Selbstmordattentätern oder Raketenangriffen heimgesucht wurde, sondern die Terrorattacken im Gegenteil stets Israel selbst angelastet. Und das ist kein Versehen, sondern vielmehr die Konsequenz aus der ideologischen Grundlage namens Antisemitismus.

Nichts könnte das besser deutlich machen als das Pamphlet von Günter Grass, dem ideellen Gesamtfriedensbewegten. »Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder«, sagte Paul Spiegel, der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Jahr 2002 anlässlich antiisraelischer und antiamerikanischer Demonstrationen hierzulande. Ein Satz, der heute immer noch stimmt.

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