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Leo Fischer: Die Gruppe 47

Land der Dichter und Henker

War die Gruppe 47 nur eine Auffang­organisation alter Nazischergen? Über das Elend der deutschen Literatenszene.

Kommentar von Leo Fischer

Es ist 1945. Das Reich liegt am Boden. Jeden Tag bläst der Volkssturm ein wenig lauer, der Führer reinigt zuletzt verdächtig oft seine Pistole. Man ist blutjung zur SS und hat noch ein ganzes blondes Leben vor sich. Wie kommt man da bloß wieder raus? Die Tattoo-Entfernung ist noch auf dem Niveau simpler Oberflächenamputation, »Rehabilitation« als Welschwort aus dem Duden verbannt. Letztlich hat man nur eine Wahl. Entweder mit O.D.E.S.S.A. nach Argentinien fliegen, um in Gesellschaft von Moskitos und muckenden Mestizen klandestin durch die Jahrzehnte zu pflügen. Oder nach kurzer Kriegsgefangenschaft zweimal im Jahr mit Hans Werner Richter Gedichte besprechen.

Schrecklich der Verdacht: Könnten Trümmerroman und Stunde-Null-Lyrik nichts als perfide Mittel gewesen sein, alte Nazis wieder in den deutschen Alltag zu schleusen? Wer die »Gruppe 47« nicht als Auffangorganisation ehemaliger Schutzstaffelläufer verstehen will, muss jedenfalls über einige Indizien hinwegsehen.

Wie die Vorgängerorganisation trifft sich die Gruppe 47 in Schlössern und Ordensburgen; ab 1955 konferiert man auch gerne am Wannsee. Noch in den Fünfzigern tragen die Mitglieder alte Wehrmachtsmäntel auf. Entschlossen wenden sie sich gegen Kollektivschuld, Umerziehung, Kommunismus; lassen die Vergangenheit in Frieden ruhen. Man lädt Paul Celan ein, um ihn zu verhöhnen (»Der liest ja wie Goebbels!«), und wirft Flüchtlingen ihr »Emigrantendeutsch« vor. Hans Werner Richter hütet die Mitgliederkartei wie ein Staatsgeheimnis (»Wer Mitglied ist, weiß nur ich, aber ich sage es niemandem.«). Mit Martin Walser, Walter Jens, Günter Eich, Siegfried Lenz, Walter Höllerer, Karl Krolow und Dieter Wellershoff sind ihre bekanntesten Vertreter zugleich ehemalige NSDAP-Mitglieder. Ist es Zufall, dass sich die Gruppe 47 exakt zu jenem Zeitpunkt auflöst, als die Studentenbewegung die Lebensläufe der Elite zerlegt? Dass Grass seine SS-Mitgliedschaft erst preisgibt, als es ungefährlich ist, als die Detekteien Klarsfeld und Wiesenthal längst geschlossen waren?

Der endgültige Persilschein: Literat werden! Wacker Reden schwingen, Welt und Weltbefriedung stets im Blick, das gute Deutsch und die guten Deutschen verteidigen – keine große Umstellung! Während Richter und Henker noch jahrelang auf Denazifizierung warten, feiern die Autoren bereits wieder rauschende Verlagsfeste. Numerologen hätten schon beim Tarnnamen stutzig werden können: 4 und 7, der vierte und der siebte Buchstabe im Alphabet, H und G: »Hitler gewinnt«, »Hitler gehorchen« bzw. »Gruppe Hermann Göring«. Ist es übertrieben zu vermuten, dass parallel zum O.D.E.S.S.A.-Exodus ein Kommando N.U.T.E.L.L.A. existierte, »Nationales Untergrundtreffen ehemaliger Leitoffiziere zur Literaturabwehr«? Weil »SS-Männer für den Weltfrieden« bzw. »Plattform israelkritischer Publizisten in der NSDAP« doch zu auffällig gewesen wäre?

Ästhetisch gab die Gruppe 47 jahrelang den Ton an; gnadenlos wurde alles weggebissen, was über ihren bornierten Realismus hinauswies. Schnell hatte sie Deutschland vom Rest der literarischen Welt isoliert, konnte ungehindert ihre Saat verstreuen – auch im Wortsinne: Eben hat Freitag-Herausgeber Jakob Augstein via Spiegel Online dem Grass den Fahneneid geschworen. Das ist nur folgerichtig, denn wenn nicht Walser, dann wird doch irgendwer aus der Gruppe 47 Augsteins Vater sein; so genau wurde damals nicht abgerechnet in jenem Lebensbornprojekt, als welches man die 47er auch verstehen muss. Die Saat geht auf: Im Literaturbetrieb ist die Koketterie mit NS und Herrenmenschentum mittlerweile eher die Regel als skandalisierte Ausnahme. Walser 1998, Grass 2006, Sarrazin 2010, Kracht 2012, nochmal Grass 2012, nochmal Sarrazin (demnächst) – jeweils sekundiert von der immergleichen Schar zerknautschter Studienräte, die per Zeit-Leserforum zu Hunderten die Unbedenklichkeit des Gebotenen versichern, kommen die Einschläge mählich näher.

Ist es nicht Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen unter dieses dunkelste Kapitel deutscher Literaturgeschichte, reinen Tisch zu machen und sie endlich auszurufen: die Stunde Doppelnull?

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