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Gabriele Summen: Hat den Dokumentarfilm »Work Hard – Play Hard« gesehen

Im Unternehmen zu Hause

Der sehenswerte Dokumentarfilm »Work Hard –Play Hard« gewährt Einblicke in die postindustriellen Werkstätten der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, die als Zukunftslabore der Arbeitswelt von morgen gelten.

von Gabriele Summen

Bevor man sich den zu Recht mehrfach ausgezeichneten und unbedingt sehenswerten Dokumentarfilm »Work Hard –Play Hard« über heutige und zukünftige Arbeitsbedingungen anschaut, sollte man vielleicht noch einmal einen Blick in Artikel 1 des Grundgesetzes werfen: »Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.« Doch in diesem verstörenden Film ist weit und breit kein Vertreter der Staatsmacht zu sehen, wenn Individuen, die in der schönen neuen Welt »human resources« heißen, zum bloßen Objekt gemacht, also wie Sachen behandelt werden. Mitarbeiter werden genötigt, am multifunktionalen Coffeepoint ihre tägliche Potentialanalyse zu machen. Business-Berater träumen von »Arbeitsbereichen für Mitarbeiterbedürfnisse« – denn merke: »Arbeiten muss keinen Zwang darstellen.« Die Devise »Work hard, play hard« ist also auch bald Schnee von gestern. Der Arbeitnehmer der Zukunft geht einfach zu 100 Prozent in seinem Job auf, dann entfällt auch das lästige Freizeitverlangen. Die Arbeit wird zum einzigen Lebensinhalt, so einfach ist das.

Wieviel Würde wird denn noch den jungen Mitarbeitern einer Firma zugestanden, die von der überaus respektvoll agierenden Regisseurin Carmen Losmann und ihrem genialen Kameramann Dirk Lütter dabei beobachtet werden, wie sie im Trainingscenter Ellernhof ein perfides Outdoortraining absolvieren müssen? Ein Training, das sie dazu bringt, Sätze wie »Ich werde demnächst noch mehr arbeiten« aufzusagen. Ein sogenannter Prozesstrainer erklärt vor laufender Kamera, wie das soeben »Gelernte« beim Outdoortraining emotional tief verankert wird. Solche Methoden erinnern an die Gehirnwäsche von Scientology. Genauso die Führungskraft, die erklärt: »Wir wollen den kulturellen Wandel in die DNA unserer Mitarbeiter verpflanzen!«

Ganz merkwürdig wird einem bei solchen Aussagen zumute, die ohne Kommentar wiedergegeben werden. Der komplexe und in eindrucksvollen Cinemascope-Bildern eingefangene Höllentrip begleitet die Planung der Unilever-Zentrale in Hamburg. Ein Stuttgarter Architekturbüro entwirft ein Firmengebäude, in dem »der Spaß an der Arbeit in jedem Quadratmeter spürbar gemacht wird«. Das lichtdurchflutete Gebäude am Hamburger Hafen wird tatsächlich ein außergewöhnlicher Bau, doch die Architektur unterstützt dabei lediglich die Methoden des »Human Research Management« – früher hieß das Personalwirtschaft – und dient der Optimierung des »Humankapitals«. Eine der vielen gruseligen Szenen des Films zeigt drei Teilnehmer eines »Entwicklungsgesprächs«, die auf einer Bank im Innenhof des Firmengebäudes auf das unterstützende Feedback ihrer Vorgesetzten warten. Sehr verloren wirken diese Menschen in ihrer schicken Businesskleidung, sie greifen zum Handy, um ihre Nachrichten abzurufen und nach entgangenen Anrufen zu gucken. Das Handy ist die letzte Verbindung in die Außenwelt, ins Privatleben. Doch dann beschleicht einen plötzlich das dunkle Gefühl, dass es für diese Mitarbeiter, die sich haben filmen lassen, vielleicht schon zu spät ist: Wer bis zu diesem Punkt nicht gemerkt hat, was mit ihm geschieht, auch noch nicht darauf reagiert hat, der scheint nicht die Kraft zu besitzen, sich gegen die perfiden Methoden der modernen Ökonomie aufzulehnen. Eine Ökonomie, die wirklich alles unter Kontrolle halten und optimieren will, bis hin zu den tuffigen Teeküchen, denn hier soll passieren, »was in der Nachbarschaft an der Haustür passiert«. Hier wird der Arbeitskraft Mensch zugestanden, ein wenig über Fußball oder die Famile zu plaudern, denn nur der, der entspannt, glücklich und im Flow ist, erwirtschaftet den maximalen Profit. Die Filmemacherin vertraut auf die Kraft ihrer Bilder und die Intelligenz ihrer Zuschauer. Sie zeigt das schicke Mobiliar modernster Firmen, die dem Mitarbeiter das Gefühl geben soll, zu Hause zu sein – zu Hause im Unternehmen! Dem aufmerksamen Kinozuschauer ist jedoch beim Anblick der knautschigen Papierlampen, die aussehen wie überdimensionale gebrauchte Taschentücher, eher zum Heulen zumute. Kafka würde seinen Aktenschrank und seine hässliche Büroeinheitslampe mit Sicherheit zurückfordern. Und dann diese futuristischen Großbildschirme, vor denen dynamische, gutaussehende Menschen sitzen und an ihren Laptops arbeiten – wer könnte sich angesichts von wundervollen wechselnden Naturaufnahmen am Arbeitsplatz noch über irgendetwas beschweren oder gar einen kritischen Roman darüber verfassen wollen?

Die Kamera fährt ruhig weiter. Ein-, zweimal huscht eine Putzfrau durch das Bild – ist das etwa feine Verständnislosigkeit, die sich in ihrer Mimik zeigt?

Doch weiter geht’s mit der deutschen Firma für maßgeschneiderte Unternehmenslösungen, SAP, die schon längst die passende Software mit der hübschen Bezeichnung »Human Capital Managment« für die Firma von morgen entwickelt hat. Natürlich betont der Mitarbeiter von SAP, die Software sei das eine, der Mitarbeiter das andere. Dennoch kann man mit dem Programm auf Knopfdruck den perfekten Mitarbeiter mit allen Stärken und auszumerzenden Schwächen finden: Wie wäre es zum Beispiel mit dem jungen, strebsamen und autoritätshörigen Norddeutschen mit den schönen Augen, der sich nach eigener Aussage »im Empathiefeld weiterentwickeln« will?

In der letzten Einstellung dieser brillanten Studie über die neoliberale Arbeitswelt sieht man eine Frau auf einer weißen Ledergarnitur in der cleanen Atmosphäre des Firmengebäudes in ein wichtiges Telefonat vertieft. Im Hintergrund hängt ein riesiges Poster mit Nullen und Einsen, das in übernatürlichem Weiß erstrahlt.

Work Hard – Play Hard. (BRD 2012) Dokumentarfilm von Carmen Losmann. Start: 12. April

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