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Elke Wittich: Zum Prozessauftakt gegen Anders Breivik

Der Gerichtssaal als Showbühne

In Norwegen ist der Umgang mit der Berichterstattung über den Prozess gegen Anders Breivik umstritten.

von Elke Wittich

Ein bis auf den letzten Platz mit Journalisten aus aller Welt gefüllter Gerichtssaal, ein Angeklagter, der einen mehrtägigen Vortrag über seine Absichten und Motive hält, prominente Zeugen aus Kultur und Politik, die von der Verteidigung »gegrillt« werden, bis sie zugeben, dass der mutmaßliche Täter mit seinen Theorien recht hat, und Kameras, die das Ganze weltweit live übertragen. So stellte sich der mutmaßliche Massenmörder Anders Breivik seine Gerichtsverhandlung vor. Unterstützung erhielt der 33jährige vom Verband der Redakteure der großen Medien Norwegens, der einen Antrag auf Live-Übertragung des Prozesses gestellt hatte. Dieser wurde jedoch in der vorigen Woche vom zuständigen Gericht, dem Oslo Tingrett, vor dem am 16. April das Verfahren gegen Breivik eröffnet wurde, abgewiesen. Während des auf zehn Wochen angesetzten Verfahrens werden lediglich Bild- und Tonaufnahmen der Anklageverlesung, der Schlussplädoyers und des Urteils gestattet. Die Richterin Wenche Elisabeth Arntzen hatte die Entscheidung unter anderem damit begründet, dass eine Erklärung Breiviks vor laufenden Kameras »dazu beitragen könnte, dass sich der Fokus weg von den Taten und hin zu seiner ideologischen und politischen Botschaft verlagert«. Ob die Aussagen von Staatsbeamten, wie Polizeiermittlern oder Gerichtsgutachtern, gesendet werden dürfen, werde später entschieden.

Dabei wird das Verfahren sehr wohl live übertragen: In 17 Gerichtssälen des Landes können Hinterbliebene und Opfer der Anschläge vom 22. Juli vergangenen Jahres die Verhandlung verfolgen. Diese Aufnahmen sollten nach einem Beschluss des Oslo Tingrett vom März anschließend im Staatsarchiv gelagert werden und dort 25 Jahre lang unter Verschluss bleiben. Mittlerweile wurde dieser Richterspruch jedoch von der nächsthöheren Instanz aufgehoben, nachdem zwei als Zeugen geladene ehemalige Freunde Breiviks geklagt hatten. Sie fürchteten um ihre Privatsphäre.

Diese Entscheidung sei sehr bedauerlich, erklärte sogar Erling Moe, Pressesprecher der norwegischen Gerichtsverwaltung. Es bleibe kaum Zeit, vor dem Beginn des Verfahrens weitere Instanzen anzurufen, und dadurch »besteht die ­Gefahr, dass einer der wichtigsten Gerichtsprozesse der Nachkriegszeit nicht dokumentiert und dadurch künftigen Generationen nicht als Studienmaterial zur Verfügung gestellt werden kann«. Moe verwies ausdrücklich auf das Verfahren gegen Vidkun Quisling und weitere Nazi-Kollaborateure im »Landesverräterprozess«, bei dem nach der deutschen Kapitulation 46 000 Menschen angeklagt wurden. Dieses Material werde heute nicht nur Forschern zur Verfügung gestellt, sondern auch im Unterricht benutzt, Ausschnitte stehen Interessierten überdies kostenfrei auf der Homepage des Staatssenders NRK zur Verfügung.

Für die meisten norwegischen Medien war die Angst vor einer regelrechten Breivik-Show in letzter Zeit das Hauptthema. Genährt wurde diese etwa dadurch, dass eine große norwegische Zeitung als ihren Gerichtsberichterstatter einen als Provokateur berühmten Komiker und Moderator verpflichtet hatte, der unter anderem in einer TV-Sendung seine zuvor entfernte Vorhaut gegessen hatte. Vehemente Kritik lösten auch Fotos aus, die ein Fotograf der Nachrichtenagentur NTB vom Verteidigerteam des mutmaßlichen Massenmörders gemacht hatte. Diese waren für die internationale Presse gedacht und wurden mittlerweile auch in Deutschland veröffentlicht. Die Fotos der Anwälte sähen aus »wie ein Filmtrailer für die Serie ›L.A. Law‹«, monierte unter anderem der PR-Experte Hans Geelmuyden.

Auch die Strategie der Verteidigung, möglichst viele Personen des öffentlichen Lebens als Zeugen für Breiviks Thesen vorzuladen, spricht für ein geplantes Spektakel. Stein Lillevolden, in den Achtzigern in Oslos Autonomenszene aktiv, erklärte jedoch, der Vorladung keinesfalls Folge leisten zu wollen. »Ich werde nicht freiwillig nach Oslo kommen, und unter Zwang würde ich schon gar nicht aussagen. Ich weigere mich, als ein weiterer Pausenclown für die bizarren Zwangsvorstellungen des Täters zu dienen«, erklärte er.

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