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Jan Tölva: Pop statt Partizipation

Pop statt Partizipation

von Jan Tölva

Eigentlich könnte Ilham Alijew sich freuen. Er ist Präsident von Aserbaidschan und alles, was er dafür tun musste, war, Sohn seines Vaters und Amtsvorgängers Heydar Alijew zu sein. Selbst internationale Organisationen wie die OSZE bestätigen, dass weder seine Wahl zum Präsidenten noch sonst ein Urnengang im Land in den vergangenen achteinhalb Jahren auch nur als halbwegs frei und fair bezeichnet werden kann. Dennoch wurde das Land Ende vorigen Jahres als nichtständiges Mitglied in den UN-Sicherheitsrat gewählt, und dank reicher Öl- und Gasvorkommen wuchs die einheimische Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich um über zehn Prozent pro Jahr. Da der aserbaidschanische Staat und die Familie Alijew – vorsichtig ausgedrückt – eng miteinander verbunden sind, dürfte Ilham von derlei Nachrichten angetan sein. Als wäre das nicht genug, hat auch noch das Popduo Ell & Nikki durch seinen Sieg im vergangenen Jahr in Düsseldorf den Eurovision Song Contest für dieses Jahr in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku geholt.

Doch genau dieser Erfolg scheint sich jetzt gegen Alijew zu wenden. Da hat er eigens für 100 Millionen Euro eine schicke, neue Halle bauen lassen und dafür mal eben ein paar Häuser, die im Weg waren, abreißen lassen, und dann kommt plötzlich die Opposition und versucht, das Großereignis zu nutzen, um auf die miserable Menschenrechtslage unter Alijews autoritärem Regime aufmerksam zu machen. Jetzt scheint es so, als hätte sie damit sogar einigen Erfolg, denn in so ziemlich jedem europäischen Land sind die Zeitungen voll mit Berichten über verprügelte Journalisten und eingesperrte Dissidenten. Für Alijew gibt es dafür allerdings nur eine mögliche Erklärung: Die Ursache für die »internationale Schmierenkampagne« könne, wie er vergangene Woche in einer Rede erklärte, nur in den »schmutzigen Taten der armenischen Lobby« liegen, die nichts unversucht lasse, um sein Land zu diskreditieren. Natürlich liegt es nicht daran, dass er irgendetwas falsch gemacht haben könnte. Immerhin versucht er, wie schon sein Vater, die Menschen in Aserbaidschan ganz langsam und behutsam darauf vorzubereiten, eines fernen Tages einmal in einer Demokratie zu leben. So etwas braucht bekanntlich Zeit. Und die 5 000 Menschen, die am Sonntag in Baku gegen die Regierung demonstriert hatten, waren ganz bestimmt auch alle Armenier.

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