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Sabine Küper-Büsch: Das »Museum der Unschuld« in Istanbul

Die Frau, die 4 213 Zigaretten rauchte

Die Ausstellung zum Buch: Orhan Pamuk eröffnet in Istanbul das »Museum der Unschuld«.

von Sabine Küper-Büsch

Für seine Akribie ist der türkische Literaturnobelpreisträger bekannt: Auf der Pressekonferenz betont Orhan Pamuk denn auch, wie wichtig ihm die künstlerische Gestaltung jeder einzelnen der insgesamt 83 Schachteln und Vitrinen im »Museum der Unschuld« war. »Ich wollte den toten Maler in mir wieder zum Leben erwecken«, sagt er und erzählt, dass er als Junge davon geträumt habe, bildender Künstler zu werden. Für jedes Kapitel seines 2008 erschienenen Romans »Museum der Unschuld« hat er einen Schrein bauen lassen, der jeweils ganz unterschiedlichee Objekte enthält. In der Eingangshalle steht man verblüfft vor einer Wand, die mit 4213 Zigarettenstummeln bedeckt ist. Unter jeder Kippe befindet sich ein Zitat aus seinem Roman, das Pamuk an die Wand geschrieben hat. Aus dem Zusammenhang gerissen, wirken die Sätze banal. »Nach dem Unterricht gingen wir in Tarabya schwimmen« liest man da, oder »Frikadellen im Lokal Harmonie«. Doch an diesem Ort hat alles eine Bedeutung. Die Schmetterlingsflügel im Emblem des Museums verweisen auf den Ohrschmuck der Protagonistin des Romans, Füsun. Zu Beginn der Handlung lässt sie das Schmuckstück in Form eines Schmetterlings absichtlich fallen und setzt damit die Liebegeschichte in Gang, die im Istanbul der Siebziger und Achtziger spielt. Das rote Kleinod korrespondiert mit dem Rot ihres Lippenstifts und verweist auf den Verlust ihrer Jungfräulichkeit.

In seinem Roman »Museum der Unschuld« beschreibt Pamuk die Bigotterie der sich fortschrittlich gerierenden Istanbuler Oberschicht, deren Ehrenkodex nach wie vor auf der Kontrolle der weiblichen Sexualität beruht.

Selbst der Lippenstift, der im Roman erwähnt wird, wurde im Museum nicht vergessen. Pamuk antwortet auf die Frage einer Journalistin der türkischen Ausgabe von Myself, wie die Zigarettenwand entstanden sei, mit einem strahlenden Lächeln: Nein, niemand habe im Museum geraucht. Das nach EU-Vorschrift geltende Rauchverbot für öffentliche Gebäude sei streng befolgt, der Lippenstift auf dem Filter manuell aufgetragen worden. An die Wand montierte Bildschirme zeigen Videos gestikulierender Frauenhände mit Zigarette. Pamuk betont, dass niemand das Buch kennen müsse, um das Museum zu mögen. Es sei schließlich auch ein Istanbul-Museum. Die vielen Gebrauchsgegenstände erzählen vom alltäglichen Leben der Menschen in Istanbul. Damals, in den Siebzigern, war Istanbul noch keine 15-Millionen-Metropole. »In meiner Kindheit waren wir nur eine Millionen«, bemerkt Pamuk.

Jeder Schatten im »Museum der Unschuld« ist das Ergebnis präziser Planung. Der deutsche Architekt Jan Blieske wurde eigens für die Ausleuchtung engagiert. Zwei Architekturbüros waren mit der Renovierung des dreistöckigen Gebäudes beschäftigt. Im Roman wird das Haus südlich des Taksimplatzes im ärmlichen Viertel Çukurcuma für den Protagonisten Kemal Bas­macı zu einem Wallfahrtsort seiner Leidenschaften. Im Jahr 1975 ist Kemal, der verwöhnte Spross einer wohlhabenden Istanbuler Unternehmerfamilie, 30 Jahre alt. Er ist mit der ebenfalls aus reichem Hause stammenden Sibel verlobt. Als er seiner Verlobten eine sündhaft teure Tasche kaufen will, begegnet er der Verkäuferin Füsun zum ersten Mal. Sie entpuppt sich als eine entfernte Verwandte. Bald trifft Kemal sich täglich mit der schönen 18jährigen in einer unbewohnten Wohnung, in der seine Mutter Trödel aufbewahrt – eine Parallele zu Pamuks eigener Biographie: Er traf sich mit seiner ersten Liebe in einer der Mutter gehörenden unbewohnten Wohnung, bis die Familie dem unkeuschen Treiben der beiden ein Ende bereitete und die junge Frau auf ein Schweizer Internat verbannt wurde. Kemals eigentliche Verfehlung besteht nicht darin, Füsun zu verführen, sondern darin, sich gleichzeitig mit Sibel zu verloben. Die Hochzeit kommt nicht zustande. Als er erfährt, dass seine Geliebte den dicklichen, erfolglosen Filmregisseur Feridun geheiratet hat, trennt er sich von seiner Verlobten. Kemal besucht von da an täglich die Wohnung im ärmlichen Viertel Çukurcuma.

Pamuk hat bereits in seiner autobiographisch geprägten Erzählung »Istanbul« geschildert, wie er als junger Mann vor der erdrückenden Gegenwart seiner Mutter aus der elterlichen Wohnung auf die Straßen Istanbuls floh. Der Vater hatte die Abende bei seiner Geliebten verbracht, bei ihrem Sohn heulte sich die Mutter dann regelmäßig aus. Im Buch erbringt Kemal einen acht Jahre währenden Minnedienst, um Füsun von seiner Liebe zu überzeugen. Er wird abendlicher Dauergast bei ihrer Familie, unterstützt sie finanziell und gründet sogar eine Filmfirma, um Füsun ihren Wunsch erfüllen zu können, Filmschauspielerin zu werden. Gleichzeitig beginnt er damit, obsessiv Gegenstände zu sammeln, die ihr gehören. Ihre Zigarettenstummel etwa, aber auch ihre gebrauchte Zahnbürste, Kaffeetassen und Broschen gehören dazu. Jahrelang sammelt er Erinnerungstücke, die er als Fetische in seiner Wohnung hortet. Daraus wird er später das titelgebende »Museum der Unschuld« machen. Pamuk hat das Museum und das Buch parallel konzipiert und gestaltet. Der Schriftsteller fusioniert in gewissen Sinne mit seinem Werk: Im Roman wird der Erzähler damit beauftragt, Kemals Geschichte aufzuschreiben.

In Kemals Kammer auf dem Dachboden des Museums steht neben einem spartanischen Poeten-Bett ein hölzernes Schaukelpferd. Die »Ödipus-Schaukel« könnte man sie nennen. Das Museum enthält viele Schätze und gibt spannende Einblicke in Pamuks akribische Arbeitsweise. Neben mittlerweile nicht mehr gebräuchlichen Gegenständen werden auch alte Filme gezeigt. Etwa ein von Sinan Çetin und Serdar Erener in jungen Jahren gedrehter Werbefilm für die mittlerweile vom Markt verschwundene türkische Limonade Meltem. Eine deutsche Schauspielerin wurde für den Clip engagiert. Die schöne Blondine posiert mit der Flasche und strahlt: »Für Sie ist nur das Beste gut genug«.

Das Istanbuler Publikum reagierte sowohl auf das Buch als auch auf das Museum gespalten. Derya Sazak schrieb in der Tageszeitung Milliyet, das Museum sei eine gute Werbung für Istanbul. Öykü Didem Aydın kommentiert in der Literaturzeitschrift Literatur und Recht: »Es gibt alle möglichen Fetische in diesem Museum, allerdings ist das überhaupt kein Ort für eine echte Frau«. Der Schriftsteller Vedat Türkalı findet, dass Pamuks Roman von veralteten, orientalistischen Denkstrukturen durchzogen sei. Das Motiv des armen Mädchens, das kurz vor der entgültigen Vereinigung mit Kemal tödlich verunglückt, erinnert in der Tat an türkische Kitschfilme der siebziger Jahre. Aber das hat der Autor und Kurator durchaus beabsichtigt: eine Soap-Opera auf hohem Niveau. Dem Besucher sollte klar sein, dass das »Museum der Unschuld« vor allem das Archiv Orhan Pamuks ist und keine Ausstellung über Istanbul.

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