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Dagmar Schediwy: Über Menschen und Esoterik

Der große Plan

Eine Studie untersucht, warum Menschen in die Esoterik flüchten.

von Dagmar Schediwy

Mit Esoterik wird Jahr für Jahr ein Milliardengeschäft gemacht. Esoterische Bücher, Seminare und Messen erleben einen Boom. Wenig ist jedoch bislang über die Konsumenten esoterischer Angebote bekannt. Nun ist zum ersten Mal eine wissenschaftliche Studie erschienen, die sich mit den lebensgeschichtlichen Hintergründen der Zielgruppe befasst. Die Autorin Claudia Barth, die schon mit ihrem Buch »Über alles in der Welt. Esoterik und Leitkultur« einen fundierten Einblick in die Esoterikszene vermittelte, versucht nun in Einzelfallauswertungen den Beweggründungen, die für die Herausbildung esoterischer Weltanschauungen verantwortlich sind, auf die Spur zu kommen. Dabei führt sie in eine Vielzahl esoterischer Richtungen ein und zeichnet bis in die kompliziertesten Gedankengänge nachvollziehbar und spannend die Ideologien und Lebenswege ihrer Interviewpartner nach.

Da ist zum Beispiel die 48jährige Betriebswirtin Elektra. Sie hat bei einer Computerfirma eine steile Karriere gemacht und steht kurz vor dem Sprung in die Vorstandsetage. Bei der Besetzung des Postens wird sie jedoch übergangen. Bisherige Lebensentscheidungen, wie den Verzicht auf ein Kind, stellt sie in Frage. Sie wendet sich verschiedenen esoterischen Praktiken wie Channeling oder Reinkarnationsberatung zu und landet schließlich bei Bert Hellingers systemischer Familienaufstellung. Ihre Wut auf eine Gesellschaft, die Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erschwert und sie bei der Karriere benachteiligt, wird in der esoterischen Praxis umgedeutet: In der Familienaufstellung wird ein retrospektives Erklärungsmuster gefunden, das soziale Ursachen ausblendet und ihr die Last der Verantwortung für beruflichen wie privaten Misserfolg nimmt. Das Scheitern ihrer Pläne ist demnach nicht etwa gesellschaftlichen Benachteiligungen oder persönlichem Versagen geschuldet, sondern war »karmisch« vorbestimmt. Sie selbst war lediglich Ausführende eines größeren Plans und damit auf einen unverrückbaren Platz im Weltengefüge gestellt.

Ganz ähnlich werden auch von der 39jährigen Mona persönliche Misserfolge interpretiert. Diese, ebenfalls eine Erfolgsfrau mit Karriereknick, hat sich nach dem beruflichen Burn-out auf die Astrologie verlegt. Hier glaubt sie den Sinn und ein Gefühl von Authentizität zu finden, die sie in ihrer Arbeit vermisste. Die studierte Wirtschaftsingenieurin analysiert die Arbeitswelt, deren Druck sie nicht mehr standhielt, mit scharfem Blick. Es ist in ihren Augen ein System, das auf Zwang und Angst basiert. Sie setzt dem aber keinen Widerstand entgegen, sondern vertraut vielmehr auf eine kosmische Gerechtigkeit, die dafür sorgt, dass jede moralisch schlechte Handlung in einem späteren Leben ausgeglichen wird: Was jemandem in diesem Leben an Widrigkeiten widerfährt, ist durch seine vorherigen Leben vorbestimmt und genau das, was die Person zu ihrer spirituellen Reifung braucht. Nun geht es nur noch darum, mittels Astrologie herauszufinden, was der Auftrag für den weiteren Lebensweg ist. Durch dieses »Reframing« vollzieht Mona, wie Barth schreibt, eine »Sakralisierung« des Bestehenden. Die schlechte Realität wird überhöht und so als notwendig und gut vorgestellt. Dabei ist jeder vom Schicksal genau an den richtigen Platz gestellt. So ist etwa der Tod eines fünfjährigen Kindes, das im Slum aufgewachsen ist, kein Grund zur Empörung: Auch dessen Seele, davon ist Mona überzeugt, hat eine spirituelle Reifung erfahren.

Dabei ist der Gedanke, dass das Bestehende anzunehmen sei, kein Spezifikum esoterischer Religiosität, wie der Blick in ein beliebiges christliches Gesangbuch zeigt. Auch die Idee, dass Schicksalsschläge Bewährungsproben sind, wurde nicht von der Esoterik erfunden. Schon dem biblischen Hiob wurden Plagen geschickt, um seine Frömmigkeit zu prüfen. Im Christentum erhält man im Jenseits allerdings keine unendliche weitere Chance: Wer es in diesem Leben vergeigt, ist ewiger Verdammnis ausgesetzt. Daher rührt die »Gottesvergiftung«, die der Psychotherapeut Tilmann Moser in der Psyche gläubiger Menschen entdeckt.

Für Mona dagegen ist Verdammnis etwas, das bereits in diesem Leben droht. Sie hat das kapitalistische Arbeitsethos soweit verinnerlicht, dass sie sich bei dessen Nicht-Erfüllung das Existenzrecht abspricht: »Woher nehm’ ich meine Berechtigung, Luft zu holen, wenn ich nicht irgendwie produktiv tätig bin?« fragt sie sich. In solchen Sätzen wird klar, welche Linderung für Gläubige der Marktreligion die esoterische Heilslehre verspricht.

Allerdings sind nicht nur leistungsorientierte Karrierefrauen für die Verlockungen esoterischer Welterklärungen empfänglich. Für den Hartz-IV-Empfänger Thomas, einen Jünger des Yoga-Lehrers Sri Aurobindo, sind sie eine Methode, mit dem sich sein Außenseiterstatus zu einem Zeichen spiritueller Erwähltheit umdeuten lässt. In Anlehnung an Aurobindos Lehre, in der die Menschheit durch eine allmähliche Auflösung des Egos die spirituelle Evolution erreicht, interpretiert er die Konkurrenzgesellschaft als Inkarnation dieses Egos. Seine Rebellion gegen soziale Normen wird für ihn so zur spirituellen Praxis, die sich mit politischen Aktivitäten – unter anderem kämpft er für ein bedingungsloses Grundeinkommen – verbinden lässt. Nicht nur an seinem Beispiel wird deutlich, wie sehr esoterische Deutungen der psychischen Gesundheit ihrer Anhängerschaft dienlich sind. Mit Arbeitslosigkeit und einem unkontrollierbaren Impuls zum Stottern eigentlich gleich zweifach geschlagen, gelingt es ihm mittels esoterischer Welterklärungen, ein erstaunliches Selbstbewusstsein zu erlangen. Ein weiterer Interviewpartner, ebenfalls gesellschaftskritisch und gegenüber allem Spirituellen skeptisch eingestellt, beginnt sich in dem Moment für Esoterik zu interessieren, als er sieht, welche psychisch stabilisierende Wirkung diese auf seine ehemalige Lebenspartnerin hat. Und auch das Interview mit der 40jährigen Elvira Böhm liest sich wie eine gelungene Emanzipationsgeschichte. Nur dass sie bei der Suche nach einem selbstbestimmteren Leben nicht den Weg über die ohnehin nicht mehr existierende Frauengruppe, sondern das Psychoresonanztraining, eine Art spiritueller Gesangkunde, nimmt.

Weshalb Esoterik so erfolgreich ist, wird bei der Lektüre evident: In einer Gesellschaft, in der den Individuen scheinbar alle Möglichkeiten offenstehen, sie aber auch ihr Scheitern selbst verantworten müssen, entlastet sie die Einzelnen, indem sie Lebenswege für schicksalhaft und vorherbestimmt erklärt. Gegen eine Arbeitswelt, die die Entfremdung des Menschen immer mehr perfektioniert, schafft sie ein Gefühl von Authentizität. Wo keine politisch-emanzipatorischen Bewegungen am Horizont auszumachen sind, hilft sie den Subjekten, in einer schlechten Realität zu bestehen. Damit ist sie für die Ära des neoliberalen Kapitalismus die passende Form der Religiosität.

Claudia Barth: Esoterik – die Suche nach dem Selbst. Sozialpsychologische Studien zu einer Form moderner Religiosität. Transcript-Verlag, Bielefeld 2011, 306 Seiten, 28,80 Euro

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