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Malte Prochnow: Rummelsnuff im Gespräch über Muskeln und Musik

»Es geht nicht um Schönheit«

Rummelsnuff ist der Künstlername von Roger Baptist, einem der bekanntesten Bodybuilder aus der ehemaligen DDR. Als Musiker komponiert er »derbe Strommusik«, wie er seinen Musikstil bezeichnet, und geht mit verschiedenen Bands auf Tour. Mit dem 45jährigen sprach die Jungle World über Bodybuilding in der DDR und Männlichkeitsbilder heute.

Interview: Malte Prochnow

Wann haben Sie mit Kraftsport angefangen?

Ich habe schon mit 16 Jahren sehr ausgiebig Liegestütze und Klimmzüge gemacht, war der stärkste Schüler und habe bei den Wettkämpfen immer gut abgeschnitten. Vielleicht ist eine kleine Grundbegabung da. Später haben wir dann mit ein paar Kumpels die Halle der Gewichtheber nutzen können, mit vielleicht 18 Jahren. Erst dann haben wir angefangen, richtig Gewichttraining zu machen, aber noch nicht so konstant wie später. Erst mit 20, vielleicht 22 Jahren, wurde das ein wichtiger Bestandteil meines Lebens.

Wieso hat man als junger Mann in der DDR angefangen, Kraftsport zu betreiben?

Natürlich war es der Spaß am Pumpen. Das schüttet ja auch Endorphine aus. Das Interesse am gut aufgebauten männlichen Körper. Es gab mit den Gewichthebern in der DDR ja auch entsprechende Vorbilder. In den Achtzigern entwickelte sich dann eine kleine Kraftsportkultur. Arnold Schwarzenegger war natürlich auch bekannt aus dem Westen. Den kannte jedes Kind.

Mit was für Geräten wurde damals trainiert?

In der Gewichtheberhalle gab es Bänke, Ablagen für Kniebeugen und Gewichtscheiben. Ich kann mich nicht an Maschinen mit Ketten und Kabelzügen erinnern. Die gab es vielleicht auch irgendwo, aber nicht in der Halle. Später habe ich mir dann Hanteln besorgt. Ich habe mir dafür extra Scheiben drehen lassen von einem Schlosser, der dafür von mir eine Schallplatte von Blondie bekam. Die Blondie-Platte hatte ich vorher gegen eine von George Harrison eingetauscht. Damit hatte ich schon mal eine Langhantel. Wir haben uns Gewichte vom Bau geholt und von irgendwo einen entsprechenden Gürtel besorgt. Damit konnte man sich die Gewichte schon mal umhängen und Beugestütze und Klimmzüge machen. Dann haben wir Gewichte mit einem Band auf einer Stange aufgewickelt. Für die Unterarme. Solche Sachen.

Wurde Kraftsport in der DDR auf irgendeine Weise gesellschaftlich geächtet?

Nein, nur das, was ich heute immer noch höre: dass die Leute das hässlich finden. Was in den Siebzigern war, kann ich nicht sagen, aber in den Achtzigern war das kein Problem. Kräftige Männer werden ja immer gern gesehen. Die kann man für fast alles gebrauchen. Ich muss dazu sagen, dass ich nicht immer ein kräftiger Mann war. Ich habe vielleicht mit 70 Kilo bei 176 cm Körpergröße angefangen. Die richtige Masse hat mir zwar immer schon gefallen, aber ich hatte sie noch nicht.

Was ist der Unterschied zwischen Ihrem Verständnis von Kraftsport und der lifestyle-orientierten Variante, die heute vorherrscht?

Es geht hier nicht um Schönheit, es geht um Kraftgewinn. Das sagt eigentlich alles! Ich denke, es geht denen nicht primär um das gehobene, bewältigte Gewicht. Mir schon. Ich nenne jetzt keine Zahlen, weil das auch variiert und eigentlich keine Rolle spielt. Nur für dich selbst spielt das eine Rolle. Wie viel Gewicht schaffst du bei einer Wiederholung maximal. Das ist in den Programmen der großen Fitnessketten jetzt nicht unbedingt vorhanden. Besonders mit den Men’s Health-Übungen, die da vermittelt werden, kann ich nicht viel anfangen. Sport machen, damit die Seiten nicht zu fett werden oder der Bauch nicht zu dick wird? So etwas ist mir scheißegal. Wenn ich wenig Bauchfett habe, ist das eher Glück und hat nichts mit meiner Ernährung zu tun. Ich esse lieber den fetten als den entrahmten Käse. Mein Kumpel hat riesige Arme, aber einen dicken Bauch. Trotzdem ist er ein guter Kraftsportler und verkörpert für mich eher ein Ideal als die Typen, die von den Fitnessketten propagiert werden. Das ist vielleicht der größte Unterschied.

Warum ist Ihr Körper in der Berichterstattung über Sie so wichtig? Pumper gibt es letztendlich an jeder Ecke.

Das müssen Sie die Journalisten fragen. Meine Erklärung könnte aber versuchsweise lauten, dass nicht unbedingt so viele Pumper auf die Idee kommen, Musik zu machen. Ich mache ja nun Musik und schreibe Texte. Das wundert vielleicht auch einige der schreibenden Zunft, dass ich das kann. Ein schönes Beispiel ist ein Konzert der Bolschewistischen Kurkapelle, auf dem ich auch aufgetreten bin. Der damalige Bandleiter beschrieb mir mal die Reaktionen des Publikums auf mein Lied »Nathalie«. Die waren alle ganz erschrocken, dass ein Muskelmann wie ich sprechen und singen kann und dann noch französisch spricht. Das ist vielleicht der vermeintliche Widerspruch, der zwischen Kraftsport und intellektuellen, schöpferischen Tätigkeiten besteht und mit dem die Leute nicht ganz klar kommen.

Rummelsnuff wird vom Feuilleton als Idol einer neuen Männlichkeit gefeiert, als Gegenpol zu der als öde empfundenen Metrosexualität. Sind Sie glücklich mit dieser Zuschreibung, das Sinnbild der neuen Männlichkeit zu sein?

Nein, ich würde mir das so nie einfallen lassen. Ich mache das nicht, um der Gegenpol für irgendetwas zu sein, um irgendjemanden anzugreifen oder ihm die Daseinsberechtigung zu entziehen. Das wäre mir völlig fremd.

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