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Daniel Kulla: Rausch und Widerstand

Der Krieg gegen den falschen Rausch

Der »War on Drugs« hat die Sehnsucht nach Betäubung befeuert und soll den Wunsch nach Veränderung unterdrücken.

von Daniel Kulla

Allzu häufig werden das Scheitern oder der Erfolg des »War on Drugs« an Maßstäben gemessen, die bei seiner Ausrufung in den USA der späten sechziger Jahre, aber auch bei den Anti-Cannabis-Kampagnen der Dreißiger oder der deutschen »Rauschgiftbekämpfung« so gut wie keine Rolle spielten. Der »War on Drugs« war eine begleitende Maßnahme der Bekämpfung jener sozialen Bewegungen, die die bürgerliche Gesellschaftsordnung in Frage stellten, in den USA der Dreißiger zunächst im Rahmen des rassistischen Abwehrkampfes der weißen Vorherrschaft, dann seit den Sechzigern als antikommunistische Maßnahme gegen die befürchtete Auflösung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Konkret richtete er sich gegen die massenhafte Abwanderung von prospektiven jugendlichen »Leistungsträgern« in die Kommunen und in oppositionelle Bewegungen (SDS, Weathermen, Diggers, Yippies etc.).

In Zuspitzung der bürgerlich-protestantischen Entgegensetzung von Rausch und verantwortungsbewusstem, zurechnungsfähigem Arbeitssubjekt sah der damalige US-Präsident Richard Nixon durch die Jugendbewegung die Verpflichtung zur Arbeit untergraben und antwortete mit einer Kriegserklärung: »Um das grauenvolle Erbe von Woodstock auszulöschen, brauchen wir einen totalen Krieg gegen Drogen. Der ›War on Drugs‹ ist unser zweiter Bürgerkrieg.« Später beschrieb er rückblickend, wie linksliberale Intellektuelle – »hochgebildete und einflussreiche Leute in den Künsten, den Medien, dem akademischen Betrieb, den Regierungsbehörden und sogar in der Wirtschaft« – mit ihrer Selbstverliebtheit und ihrer permissiven Einstellung gegenüber Drogen Amerika sturmreif geschossen hätten: »Als es um Vietnam ging, gefiel es ihnen mehr, die Vereinigten Staaten dafür zu kritisieren, dass sie Südvietnam zu retten versuchten, als die Kommunisten dafür zu kritisieren, es zu erobern. Im Drogenkrieg liefen sie einfach zur anderen Seite über. Jahrelang waren sie der Feind.«

Während die »Black Power«-Bewegung hauptsächlich mit Waffengewalt niedergerungen werden sollte – Niederschlagung ihrer Aufstände, Exekution ihrer Anführer –, wurden die weißen Studenten nicht nur mittels der Exekutive, sondern auch durch Diffamierung und Verbot jener Drogen bekämpft, die man als Vorboten der gefürchteten Veränderung betrachtete.

In der ersten Phase des »War on Drugs« richtete er sich in den USA gegen die solcherart verdächtigen Substanzen Cannabis und LSD; leistungssteigernde Mittel wie Amphetamine (zur Zeit von Nixons Amtseinführung wurden davon in den USA jährlich acht Milliarden Tabletten hergestellt) und Beruhigungsmittel, also die beiden Mittel zur Anpassung an einen der Verwertung dienenden Lebensrhythmus, blieben lange Zeit unangetastet. Nixon selbst konsumierte gegen den Stress Dilantin ohne Verschreibung. Aber auch bei diesen Substanzen war der Kontext entscheidend, der die unverantwortlichen jugendlichen Speednutzer – wie etwa die Mods – deutlich von den dienstbeflissenen Hausfrauen mit ihren little helpers unterschied.

Der ersten Phase im Kampf gegen die Drogen folgte mindestens noch eine zweite, gern unterschlagene, während der sich in den achtziger Jahren die amerikanische Gesellschaft gegenüber der Sowjetunion massenpsychologisch selbst ermannte. Nun begleitete die Hetze gegen Drogensubkulturen jenen hysterischen Teil der Aids-Kampagne, der sich in erster Linie homophob gegen die »sittliche Zerrüttung« und »Verweichlichung« der Gesellschaft richtete, die Schwulenbewegung einzuschüchtern und ihr ihre Radikalität zu nehmen half. »Drogen« und »Dealer« waren spätestens jetzt zu Reizwörtern in politischen Kampagnen geworden, die trotz ihrer Vagheit nicht weiter erläutert werden mussten.

Sich auf diese Terminologie einzulassen und von »Drogen« und ihren »Dealern« zu sprechen, heißt bereits, das Spiel mitzuspielen. Die Ware Droge ist der verdinglichte Rausch, die Hassfigur und Projektionsfläche des Dealers die dazugehörige Personalisierung. Der für die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft charakteristischen Fetischisierung folgend, wird dem Konsum der Rauschware eine gleichsam magische Wirkung zugeschrieben und ihren Händlern diabolische Macht, während die Eigenaktivität des Nervensystems, der Rausch selbst und seine widersprüchlichen Erscheinungsformen, von nachrangiger Bedeutung sind. Wie bei der Betrachtung der Rolle des »War on Drugs« für die Aufrechterhaltung und Verteidigung der Gesellschaftsordnung wird auch bei der Auseinandersetzung mit dem Rausch selbst der gesellschaftliche Zusammenhang ignoriert.

Aus den (unter den Bedingungen des Verbots zu wenigen) neueren Forschungen, wie sie etwa mit James Kents »Psychedelic Information Theory«, Rick Strassmans DMT-Berichten und Karl Jansens Studie »Ketamine – Dreams and Realities« vorliegen, wird der Rausch als lustvoller oder panischer Modus einer verstärkten oder beschleunigten Selbstveränderung des Nervensystems erkennbar, der die meisten tierischen Lebewesen seit Hunderten Millionen Jahren durch ihr Leben begleitet und denjenigen mit den entsprechenden Voraussetzungen (bei Säugetieren vor allem die Leistungsfähigkeit des präfrontalen Cortex) es leichter macht, sich durch Prägung oder Lernen an ihre Umwelt anzupassen und zu entwickeln.

Herrschaft sicherte sich von Anfang an durch Unterdrückung und Kanalisierung des Rauschs ab, durch Prohibition und Verwaltung, durch Abschreckung und Spektakel. Während es stets gefördert wurde, dass der Rausch sich mit wenig Einübung an banalste Verrichtungen und Wiederholungen zu heften vermag, um sie effektiver und gewinnbringender ablaufen zu lassen, und der Rausch als emotionales Bindemittel eingesetzt wurde, der den Individuen Urlaub vom Elend oder kleine kreative Episoden ermöglicht, wurde gegen jeden Rausch vorgegangen, bei dem das ihm innewohnende Veränderungspotential zum Tragen kam und die Herrschaftsordnung in Frage stellte. Stets wurde also zwischen »richtigem« und »falschem« Rausch unterschieden, wenngleich zumeist nur der »falsche« auch Rausch genannt wurde.

Mit oder ohne Hilfe psychedelischer Substanzen, die jedoch stark begünstigend wirken können, kann der Rausch unter guten Bedingungen und mit entsprechender Absicht dabei helfen, sich von gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen, und bestenfalls kommt es – wie es Ronald Steckel 1969 in seinem Buch »Bewusstseinserweiternde Drogen« formulierte – zu einer »Ent-Konditionierung oder einer Ent-Manipulierung«, zu einem »Abbau der durch Konditionierung und Manipulation hergestellten Fixierungen des Denkens, Assoziierens, Empfindens und Verhaltens«, es kann »das falsche Bewusstsein, das (…) die Einsicht in die Ursprünge und Mechanismen der gesamtgesellschaftlichen politischen und wirtschaftlichen Strukturen und die Einsicht in das Fatale (der) eigenen Lage unmöglich macht, (…) durchbrochen werden«.

Auf diese Weise kann der Rausch als Modus beschleunigter individueller Selbstveränderung auch die gesellschaftliche Veränderung befeuern oder sie überhaupt erst denkbar machen. Die Konterrevolutionäre, die in ihrem Krieg gegen bestimmte Formen des Rauschs vor allem sein spezifisches Veränderungspotential zu treffen versuchten, handelten völlig in ihrem Sinne und weitgehend erfolgreich.

Das durch die Repression erzeugte »Drogenproblem«, der Aufstieg des Verzweiflungsrauschs und die Ausweitung des Betäubungsrauschs, diente in seiner konkreten Gestalt sogleich wieder als Abschreckung und Legitimation. So ziemlich alle Drogenarten werden heute erheblich stärker konsumiert als zu Beginn des »War On Drugs«, nicht jedoch die für den Veränderungsrausch besonders wichtigen Psychedelika, bei denen die Voraussetzungen für eine angenehme und produktive Rauscherfahrung – nämlich in möglichst angstfreier Umgebung zu wissen, was man einnimmt – beinahe nur noch mit Glück oder speziellen Kenntnissen herbeizuführen sind.

Für eine aufständische, anarchistisch-kommunistische Position wäre die Aneignung des Rauschs nötig, seine Freisetzung aus der Warenform, die Entfaltung seines Veränderungspotentials. Dazu gehört mit Sicherheit auch die Unterstützung aller Versuche, Orte fürs Experimentieren und Austauschen zu schaffen sowie die polizeiliche Einmischung in diese Vorhaben zurückzudrängen. Sofern bestimmte realpolitische Bestrebungen dafür hilfreich sind, ist nichts gegen sie einzuwenden. Entspannung an der Drogenkriegsfront verschafft vielen Menschen, die auf die kontrollierten Substanzen als Medikamente angewiesen sind, wie auch den von der Gewalt dieses Krieges Betroffenen ganz real weniger üble Lebensumstände.

Zur leidigen Frage der Legalisierung, zu deren möglicher Ausgestaltung kaum jemand von uns befragt werden wird, sei hingegen auf den erbosten Einwurf des Jenaer Jugendpfarrers Lothar König in die Diskussion nach einem Vortrag zum »Leben im Rausch« verwiesen: »Jetzt haltet ihr euch wieder mit diesem Pipifax auf. Dabei geht es um den Rauschcharakter der Ware!«

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