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Nina Bittcher und  Radek Krolczyk: Harun Farocki im Gespräch über seinen Film »Ein neues Produkt«

»Es ist eine Art kapitalistischer Sozialismus, der da entworfen wird«

Harun Farocki begleitete für seinen jüngsten Film »Ein neues Produkt« die Mitarbeiter einer Unternehmensberatung mit der Kamera und ging dabei der Frage nach, wie Architektur und Einrichtungsdesign die Arbeitsprozesse strukturieren.

Interview: Nina Bittcher und  Radek Krolczyk

»Ein neues Produkt« ist der Titel des jüngsten Dokumentarfilms von Harun Farocki. Ein Jahr lang beobachtete Farocki die Mitarbeiter der Unternehmensberatung »Quickborner Team« (QT), die in der Hamburger Hafencity ansässige Firmen berät. Zu ihren Kunden gehören Unilever, Vodafone, Eon und die Deutsche Bahn. QT ist eine renommierte Agentur, die sich mit Immobilienmanagement, Umstrukturierung und der »Optimierung« von Geschäfts-, und Arbeitsprozessen beschäftigt. Sie entwickelt neue Formen der Organisation von Großraumbüros, in denen selbst Details wie die Auswahl der Bilder an den Wänden berücksichtigt werden. Die Interessen des Arbeitnehmers und der Firma sollen verschmelzen.

Ihr neuer Film heißt »Ein neues Produkt«. Was genau ist denn das Produkt? Die Hamburger Hafencity? Die Büroeinrichtung? Der Angestellte?

Wahrscheinlich Letzterer. Erst einmal aber ist es ganz einfach: Ich zeige die Mitarbeiter des Quickborner Teams bei der Entwicklung eines neuen Produkts, eines Beratungsprodukts. So wie eine Lebensversicherung mit ihren verschiedenen Konditionen als Produkt bezeichnet wird, so bezeichnet man solche Beratungen eben auch als Produkte. Wir beobachten, wie ein neuer Beratungsgegenstand hergestellt wird. Die Mitarbeiter fangen mit wildem Brainstorming an und kommen Schritt für Schritt voran.

Was war Ihr ursprüngliches Interesse?

Eigentlich wollte ich herausfinden, was es mit dieser Hafencity auf sich hat. Man fährt da dran vorbei und fragt sich, was diese Leute in diesen großen Kisten machen. Auf den Promo-Videos sieht man bildschöne Bürofrauen, die schleichen dann von der Arbeit gleich zum Dachgarten und trinken einen Cocktail.

Ist es nicht seltsam, dass die neu errichtete Hafencity eine Erweiterung der Hamburger Innenstadt darstellt? Früher wurden solche Viertel an der Peripherie errichtet: Die klassischen Viertel der ganz Reichen oder ganz Armen, der Migranten oder der Fabriken wurden auf der grünen Wiese gebaut.

So einmalig ist die Hafencity ja gar nicht: Im Rahmen von zyklischen Umwälzungen gibt es das immer wieder, dass die Innenstadt erst verslumt und bald darauf wieder yuppifiziert wird. Die Deutsche Bahn hat im Rahmen ihrer Privatisierungspläne in vielen Großstädten tolle Filetgrundstücke verkauft. Der Hamburger Hafen war eine gemeinschaftliche Unternehmung von Hamburger Kaufleuten. Um die Bodenspekulation zu verhindern, hatte man das Areal der Stadt unterstellt. So war es möglich, über so einen großen Bereich in toto zu verfügen. So eine Form der Reanimierung stillgelegter Produktionsgebäude wie hier der Speicherhallen, gibt es überall. Was dann daraus wird, ist schwer zu sagen. Etwas teuer ist es dort, und es fehlen die alltäglichen Menschen.

Ihr Film zeigt nicht die Hafencity, sondern die Mitarbeiterbesprechungen einer renommierten Unternehmensberatung.

Weil wir in der Hafencity fast nie eine Drehgenehmigung bekamen. Mir erschien dann diese Metaebene passend: Zu zeigen, wie über die Büros gesprochen wird, die aber nicht zu sehen sind. Mit Ausnahme des Büros des Quickborner Teams, das ja das »neue Produkt« auch an sich selbst ausprobiert hat.

Was haben Sie bei den Meetings erfahren?

Ich wusste nicht, mit welcher Euphorie, mit welch einem Überschwang in solchen Firmen neue Modelle von Leben und Arbeit entworfen werden. Beispielsweise wurde angeregt, dass ein Vorgesetzter darauf achten solle, dass die Angestellten ausreichend Zeit mit ihrer Familie verbringen, als gleichwertiges, gemeinsam vereinbartes Langzeitziel neben beispielsweise Steigerungen der Produktivität. Diese neue Arbeitswelt liegt irgendwo zwischen Kibbuz und Wohngemeinschaft, wo bei den Versammlungen auch darüber gesprochen wird, ob man seine persönlichen Ziele erreicht hat. Es ist eine Art kapitalistischer Sozialismus, der da entworfen wird. Die Hierarchien sind flach. Der Glaube an die Verinnerlichung der Arbeitsprinzipien, daran, dass die Leute gar nicht mit Stechuhren kontrolliert werden müssen, sondern dass sie von selber spuren, ist groß. Sie sind in hohem Grade selbständig. Es geht hier natürlich nur um einen kleinen Teil der Betriebe, etwa fünf Prozent. Die restlichen 95 Prozent bleiben weiterhin fest definiert, mit Hierarchien und Arbeitsvorschriften. Diese fünf Prozent aber sind richtungsweisend.

Sie filmen ein Meeting, in dem plötzlich religiös besetzte Begriffe fallen, es wird von »Sinn«, von »Ewigkeit« und »Visionen« gesprochen.

Man bedient sich dort sehr unterschiedlicher fremder Terminologien. Als ich in den achtziger Jahren anfing, auf diesem Feld erste Erfahrungen zu sammeln und Filme zu drehen, dachte ich manchmal, dass aufgrund der Rationalisierung der Produktion und Distribution auch die Administration sich verwissenschaftlichen muss. Die Verwaltungsangestellten wollen um Himmelswillen nicht von Robotern und Software ersetzt werden, aber sie können es nicht stehen lassen, dass es so ein seltsames Feld ist, auf dem sie arbeiten: Morgens geht man da hin und abends kommt man da raus, den ganzen Tag hat man viel zu tun gehabt, aber man kann den Kindern gar nicht erzählen, was man da eigentlich gemacht hat. Ganz anders als der Lokführer. Vielleicht liegt darin der Antrieb dafür, dass Leitungsmethoden systematisiert werden und so große Termini wie »Vision« oder »Sinn« Verwendung finden.

Der Film ist im Rahmen des Projekts »Neue Auftraggeber« entstanden, und zwar ausdrücklich »in Zusammenarbeit« mit der Unternehmensberatung Quickborner Team. Welche Auswirkungen hatte die Zusammenarbeit auf Ihren Film?

Das war nicht ander als sonst. In jedem Film wollen die Gefilmten auch gut aussehen. Manche sind schon beunruhigt, wenn sie einmal stottern, das Quickborner Team aber war generös. Sie wussten auch, dass ein Film, wie wir ihn machen, im Ergebnis nicht vorhersehbar ist. Sie wussten, dass wir keinen Image-Film für sie drehen.

Die Unternehmensberatung wirbt immerhin auf ihrer Website mit dem Film.

So war das schon oft: Presse und Publikum sprachen von einem kritischen Film, und die Gefilmten benutzten den Film, um damit zu akquirieren.

Wie ist das möglich?

Ich arbeite weder gegen sie noch für sie, sondern versuche etwas mitzuteilen von dem, was da vorgeht.

Sie haben sich in vielen Filmen mit dem Wandel der Arbeitswelt beschäftigt. »Arbeiter verlassen die Fabrik« nannten Sie 1995 einen Dokumentarfilm, der sich auf den Film »Arbeiter verlassen die Lumière-Werke« der Brüder Lumière bezieht. Wäre es heute überhaupt möglich, Angestellte beim Verlassen der Hafencity zu filmen?

Das ist natürlich nicht mehr möglich. Das hat mit der Individualisierung der Arbeit zu tun, mit der Arbeitszeitentzerrung beispielsweise. Die räumliche Grenze, die früher zwischen Arbeit und Nichtarbeit bestand, ist heute aufgehoben, wie man in der Hafencity sehen kann. Die Grenze zwischen den Einkommensschichten aber ist selbstverständlich noch da. Die besteht ganz ohne Frage fort. Auch in der Hafencity steht irgendwo eine bankrotte Schlecker-Bude, aber sozialen Wohnungsbau kann man dort lange suchen.

Die Unternehmen behaupten, Flexibilisierung sei im Sinne der Arbeitnehmer.

Ja, und es gibt tatsächlich ganz nachvollziehbare Verbesserungen im Alltag. Bei meiner Recherche habe ich erfahren, dass bei der Bahn viele Verwaltungszentren geschlossen und zusammengelegt werden. Die Leute dürfen dann mehr zu Hause arbeiten und müssen nicht immer von Lübeck nach Hamburg rüber kommen. Menschen mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen etwa haben ein großes Interesse an nichtterritorialer Arbeit. Es gibt natürlich auch diese positiven Seiten. Noch vor 20, 30 Jahren wurden zur Verteidigung der eigenen Arbeitsordnung Gott, Vaterland und die Anthropologie herangezogen. Das muss man heute nicht mehr, man setzt auf die Eigenverantwortung der Arbeitnehmer. Absolute Modelle gibt es nicht mehr.

Zugleich sind solche Veränderungen aber vom Diktat der Produktivitätssteigerung geleitet. Arbeitnehmer, die zu Hause arbeiten, neigen dazu, länger zu arbeiten, als sie es in der Firma tun würden.

Großraumbüros ermöglichen mehr Kontakt zwischen den Kollegen, sie sind dabei aber auch viel billiger als etwa 50 einzelne Räume. Das wird auch überhaupt nicht geleugnet. In der ersten Szene meines Films sprechen die Mitarbeiter des Quickborner Teams darüber, wie das Problem der Identifikation gelöst werden kann: Wenn die Angestellten keinen eigenen Schreibtisch mehr haben, mit all diesen Postkarten, Fotos und Figuren aus Überraschungseiern, die ihnen die Identifikation mit ihrem Arbeitsplatz ermöglichten, dann müssen sie sich eben mit dem Ganzen identifizieren. Ein merkwürdiges Postulat!

Eine neue Form der Arbeits- und Büroorganisation bieten die Coworking Spaces. Hier verliert man allerdings auch einiges an Freiheit: Wenn ich für zwei Stunden einen Arbeitsplatz buche, anschließend für eine Stunde eine Telefonbox und danach den Konferenzraum, bin ich gezwungen, bestimmte Zeiten und ein gewisses Tempo einzuhalten. Vorher konnte ich meinen Tag selbst strukturieren – das heißt, hier wird weitaus größerer Druck im Gewand der Selbstbestimmung verkauft.

Genau, das ist die Schweinerei. Eigentlich sind immer wir Freiberufler das Modell. So arbeiten wir ja schon ewig, erst recht seit es den Computer gibt. Irgendwann habe ich entdeckt, dass man bereits morgens um vier von Berlin aus den Zug nach Düsseldorf nehmen kann und wenn man abends dann gleich zurückfährt, spart man sich das Hotel für das Team. Heute muss das jeder arme Manager so machen, ich sehe die immer morgens um fünf nach Frankfurt jagen. Das war früher undenkbar, sie fuhren am Abend vorher, gingen noch einen trinken und natürlich gehörte das Hotel zur Geschäftsreise dazu.

Die Kreativarbeiter sind das Vorbild, weil sie flexibel sind und sich mit dem, was sie tun, identifizieren. Und jetzt wird das plötzlich von jemandem verlangt, der Kaffeemaschinen verkauft.

Genau das ist die Schweinerei. Als ich nach meiner Schulzeit im Hamburger Hafen gearbeitet habe, waren da die Schauerleute, eine Art vertragsloser Zeitarbeiter, die habe ich sehr bewundert. Das war so eine richtige Clique für sich. Sie waren die einzigen, die sich nicht waschen konnten nach der Arbeit, sondern immer in dreckigen Klamotten rumliefen. Die anderen Arbeiter waren niemals schmutzig. Dadurch waren die Hafenarbeiter auch so ein bisschen asozial, sie hatten keinerlei feste Familienbindungen. Mal hatten sie drei Schichten nacheinander, dann konnten sie einen Tag durchschlafen. Ich habe nie eine Unterwerfungsgeste bei ihnen gesehen. Sie machten nur ihre Arbeit und guckten die Obrigkeiten überhaupt nicht an. Dass man sein eigenes Leben irgendwie raushalten kann und nur seine Arbeitskraft verkauft, aber nicht sich selbst, ist heute überhaupt nicht mehr möglich. In der Zeit vor Thatcher spielte sich das Leben der englischen Arbeiterklasse in einer Art Paralleluniversum ab. Die sagten sich: Okay, arbeiten gehen wir, aber der Rest ist uns scheißegal. Diese Grundhaltung ist inzwischen vollkommen obsolet, sie ist ganz unbemerkt verschwunden.

»Ein neues Produkt« ist bis zum 26. August in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen.

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