Schlüppis
Eric Lee: Umstrittenes Denkmal für britische Kampfflieger in London

Skrupellos gut

Britischen Kampffliegern des Zweiten Weltkriegs ist in London ein Denkmal gewidmet worden. Trotz des Erfolgs ist ihr Einsatz gegen Nazideutschland umstritten.

von Eric Lee

Am 28. Juni weihte Königin Elisabeth II. ein Denkmal in Londons Green Park zu Ehren der mehr als 55 000 im Zweiten Weltkrieg Gefallenen des Kampffliegerkommandos der Britischen Luftwaffe (RAF) ein. Das entspricht der Hälfte der Soldaten, die dort insgesamt gedient haben. Und das sind immer noch mehr, als heutzutage in der RAF dienen. Bei der Zeremonie waren Tausende Veteranen der RAF und ihre Familien anwesend, es wurde viel über das Ereignis berichtet. Das Denkmal wurde nach einer fünf Jahre dauernden Kampagne gebaut, die Robin Gibb, Sänger der Popgruppe Bee Gees, anführte. Er starb vor der Fertigstellung des Denkmals.

Die Männer des Kampffliegerkommandos waren fast 70 Jahre lang Großbritanniens »unsichtbare Veteranen«. Keine Kriegsmedaille wurde für sie herausgebracht und Churchill erwähnte sie auch nicht in seiner Siegesrede 1945. Eine Statue ihres Kommandeurs, Luftmarschall Sir Arthur Harris, wurde erst 1992 in London errichtet – und mehrfach von Antikriegsaktivisten verunstaltet. Die Unsichtbarkeit der Veteranen war eine Art posthumer Sieg für Goebbels Propaganda, die Angehörige der RAF als Kriegsverbrecher denunzierte, vor allem nach der Bombardierung Dresdens im Februar 1945. Die Nazis stellten Dresden als »Kulturstadt« ohne jeglichen militärischen Wert dar. Die von ihnen übertrieben hoch angegebenen Opferzahlen unter Zivilisten nahmen einige in Großbritannien für bare Münze, später wiederholte sie auch der britische Historiker und Holocaustleugner David Irving.

Daher war der Tonfall des Gedenkens an die RAF-Piloten meist defensiv und ist es sogar heute noch. Beispielsweise wird in der Inschrift des Denkmals auch »denjenigen aller Nationen« gedacht, die »ihr Leben während der Bombardierungen zwischen 1939 und 1945 gelassen haben«. Sicherlich mag es auch einige Unschuldige darunter gegeben haben, diese Inschrift verdeutlicht aber auch den ambivalenten Umgang der Briten mit der strategischen Bombardierungsoffensive, deren Effektivität für die Schwächung der deutschen Kriegsmaschinerie historisch hinreichend bewiesen wurde. Die BBC entschied sich für eine »ausgeglichene« Berichterstattung, aber deren Bezüge auf das »barocke« Dresden und die kontroverse Persönlichkeit Harris’ legen nahe, dass viele Britinnen und Briten bezüglich der Thematik unsicher sind. In einem typischen Artikel der BBC zum Thema wird Harris als »dickköpfig«, »tyrannisch« und »kompromisslos« beschrieben.

Auf der Website des Wohltätigkeitsfonds der RAF, der die Pflege des Denkmals übernommen hat, werden die Flächenbombardements und Harris selbst energisch verteidigt. Dort heißt es pathetisch: »Erst 1942 erhielt das Kampffliegerkommando eine Führung im eigentlichen Sinne – mit der Ankunft von Luftmarschall Arthur ›Bomber‹ Harris … Die Zeiten waren hart. Der Sieg schien in weiter Ferne und Vorstellungen von einer ritterlichen Kriegsführung waren in den Flammen des Blitzkriegs verbrannt worden … Harris’ Versprechen, das deutsche Volk werde ›einen Sturm ernten‹, entsprach dem Wunsch, die mächtige Kriegsmaschine der Nazis zurückzuschlagen, egal zu welchem Preis.«

Es ist gut für die Veteranen und ihre Familien, dass das Denkmal nach langer Verzögerung endlich gebaut wurde, aber noch wichtiger ist, dass es dabei helfen kann, die Debatte um Geschichte und Erinnerung wiederzueröffnen. Es ist wichtig, nicht zu vergessen, was eine frühere Generation zu einem hohen Preis gelernt hat: dass im Kampf gegen den Faschismus die Skrupellosigkeit von Personen wie Arthur Harris unabdingbar war. Das galt im Zweiten Weltkrieg, und es gilt auch heute. Wann immer erwogen wird, Gewalt gegen einen mordenden Diktator anzuwenden, gibt es jene, die lieber einen Saddam Hussein, Muammar al-Gaddafi oder Bashar al-Assad an der Macht halten wollen, als sie mit Hilfe der RAF zu Fall zu bringen. Auch wenn Konflikte dadurch nicht sofort gelöst werden mögen, zeigt der Einsatz der RAF gegen Nazideutschland doch, wie effektiv dies manchmal sein kann.

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