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Jan Barich, Lars Lewerenz, Artur Schock und Andreas Gebhard: Kommentieren die Gema-Debatte

Kultur und Technik

Kulturschaffende und andere Kulturarbeiter kommentieren die Gema-Debatte

von Jan Barich, Lars Lewerenz, Artur Schock und Andreas Gebhard

Fresse halten!

Ich find das Internet generell ja ’ne gute Sache, aber dass jeder dort seinen Furz und sein gefährliches Halbwissen verbreiten kann, ist echt nervig. Lustig oder irgendwie auch befremdlich finde ich es, wenn Künstler sich über die Gema aufregen, weil die Gema mal wieder dies oder das gemacht hat, aber faktisch hat keiner von den Künstlern irgendeine Ahnung von dem Verein, in dem sie irgendwann mal Mitglied geworden sind. Am besten ist es, wenn sie dann eine Auszahlung von der Gema bekommen und einfach die Fresse halten und sich erstmal endlich wieder was zu beißen kaufen können.

Lars Lewerenz

Betreiber des Hamburger Electropunk-Labels ­Audiolith Records

Endlich Disko!

Der Diskussion um das Urheberrecht konnte nichts Besseres passieren als die Tarifreform der Gema. Zum ersten Mal wird gerade ein riesiger Apparat wie die Gema von Hinz und Kunz auf ihre Arbeitsweise überprüft und die Legitimität ihrer Struktur hinterfragt. Die Tage vom Plöken über die Gema hinter vorgehaltener Hand scheinen endlich vorbei. Demnach kann man der Dreistigkeit der überhöhten Forderungen dann doch etwas Gutes abgewinnen. Die Boulevardpresse schürt die Angst vor der Schließung des Berliner Clubs Berghain, selbst Landtage und der Bundestag äußern sich zum Thema und eine neue, auf creative commons basierende Verwertungsgesellschaft, C3S, steht in den Startlöchern.

Der konkrete Streit zwischen Gema und Diskotheken wirkt wie ein Tarifkampf zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, bei dem es in seiner Vehemenz vor allem um wirtschaftliche Interessen aller Beteiligten geht. Die Gema will ihren millionenschweren Verein erhalten und reagiert viel zu spät auf die veränderten Rahmenbedingungen in der Musikbranche und die Berufsverbände und Clubs befürchten einen Zusammenbruch einer ganzen Branche. Von wem jedoch derzeit leider noch viel zu wenig zu hören ist, sind Künstler und Urheber, die sich endlich von ihrer Lethargie und Verwertungsgesellschaftshörigkeit emanzipieren sollten. Dabei ist es ganz egal, ob es um eine grundsätzlichen Verteilungs- und Stimmrechtsdiskussion innerhalb des eigenen Vereins Gema oder um generelle Diskussionen geht, die sich zeitgemäßen Modellen und Abrechnungsmodi stellen. Einem Sven Väth höre ich deshalb gerade lieber zu als einem Sven Regener.

Jan Barich

Musiker, DJ, Veranstalter, Betreiber eines Labels für elektronische Tanzmusik in Leipzig

Eine milde Gabe!

Wir zahlen bei jedem Konzert an die Gema. Das ist ein fester, dicker Posten in jeder Kalkulation. Wenn der jetzt größer wird, ist das natürlich ärgerlich, aber wir werden sicher trotzdem Konzerte machen. Vielleicht werden die Tickets im Schnitt einen Euro teurer oder so. Auf jeden Fall ist es Quatsch, wenn gesagt wird, dass von dem Geld nichts beim Künstler ankomme. Alle Künstler bei uns kriegen drei Mal im Jahr ’ne kleine Rente von dem Verein überwiesen – das ist einfach Fakt. Ohne die Gema würden sie noch prekärer Leben, als sie es eh schon tun.

Artur Schock

Booker und Konzertveranstalter

Einfach schreddern!

Sollte man sich erdreisten, sich mit einer eigenen Meinung oder einer Kritik, und sei sie noch so fundiert, dem Thema Gema zu nähern, sieht man sich vielerlei Schmähungen ausgesetzt. Man sei ja nicht vom Fach, verstehe das komplizierte System der Gema nicht oder ergehe sich, Maschinenstürmern gleich, nur in Missgunst gegenüber dem edlen Urheber und eigentlich ginge es einen ja gar nichts an. Berechtigt ist die Frage: Warum sollte man sich mit einer Organisation auseinandersetzen, die für Zehntausende von Kunden im ganzen Land unter dem Deckmantel der Vertretung von Künstlern vor allem die Funktion eines akustischen Inkasso-Eintreibers hat? In vielen Fällen steht die Ausschüttung der Tantiemen im krassen Widerspruch zu der Nutzung der Besucher. Ganz bestimmt ist das so in den Clubs, in denen elektronische Musik gespielt wird, und vermutlich auch an vielen anderen Orten.

Angeblich basiert die Vergabe der eingenommenen Gebühren auf einem Stichprobenverfahren, wodurch jede Woche in einer von 120 Diskotheken eine Stunde Musik aufgenommen und dann von Hand ausgewertet wird. Abgesehen von der Intransparenz des Verfahrens, fallen unbekannte Titel leichter durch die Maschen des Erfassungsnetzes. Andersrum müssen Betreiber von Orten, die Gema-freie Musik abspielen, nachweisen, dass die von ihnen genutzten Stücke nicht bei der Gema gemeldet sind – Beweislastumkehr genannt Gema-Vermutung.

Doch leider muss man sich mit dieser Organisation auseinandersetzen, denn die Gema schickt sich an zu einer der größten musikalischen Säuberungsaktionen in der Geschichte der Bundesrepublik. Unter dem Deckmantel der Vereinfachung der Gebühren sollen die Kosten für Clubs und Diskotheken um ein Vielfaches erhöht werden, was zu einem »Clubsterben« führen kann, wie es Berlin und das Land noch nicht gesehen haben. Dagegen war das Rauchverbot harmlos. Bei Organisationen wie dem Verfassungsschutz oder der Gema, die man jeweils locker und ungestraft undemokratisch, intransparent und monopolistisch nennen kann und die ihre Wurzeln im Nationalsozialismus haben, kann es nur eines geben: auflösen, neu machen.

Andreas Gebhard

Mitorganisator der »re:publica« in Berlin und Geschäftsführer der Newthinking Communications GmbH

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