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Christian Jakob: Konflikt in der antirassistischen Szene

Weiß sein, Schnauze halten

Die Theorie der »Critical Whiteness« und ihre Anhänger sorgen in der antirassistischen Szene für Konflikte. Dies hat sich auf dem No-Border-Camp in Köln gezeigt.

von Christian Jakob

Es klang nach Harmonie: »Zusammenkommen, sich austauschen, handlungsfähiger werden«, so lauteten die Ziele des No-Border-Camps in Köln, das am Sonntag zu Ende ging. Doch nach den Aktionstagen ist die antirassistische Szene zerstritten. Viele Teilnehmer sprechen von einem »vergifteten Klima«, von Misstrauen und Spaltung.

Dies war abzusehen. Seit Monaten schwelt der Streit darum, welchen Stellenwert die Theorie der »Critical Whiteness« (CW) haben soll. Das aus den USA stammende Konzept versucht, die an die Kategorie des »Weißseins« geknüpften Mechanismen rassistischer Unterdrückung zu analysieren und zu überwinden. Der Ansatz verbindet postkoloniale Theorien unter anderem mit Posi­tionen der Black Panther Party.

Die Theorie wird in der Szene seit langem diskutiert. Doch nach Meinung der Berliner Gruppe »Reclaim Society« (RS) ist die Debatte bisher ohne Folgen geblieben. »Die Antira-Szene besteht aus Leuten, die nicht hören wollen, dass sie als Weiße von Rassismus profitieren«, sagt Emma, eine Vertreterin von RS. »Weiße Typen« gäben den Ton an, Redebeiträge von anderen würden nicht ernst genommen. Auf rassistische Übergriffe reagiere die Szene genauso wie die deutsche Justiz. »Es gibt durchweg Täterschutz«, sagt Emma. Die Weißen müssten sich mit dem eigenen »Weißsein« kritisch auseinandersetzen, um zu »verlässlichen Verbündeten« der »People of Color« (PoC) zu werden, sagt Emma. PoC ist laut RS eine »politische Selbstbezeichnung, die alle annehmen können, die negativ von Rassismus betroffen« sind. Die Rolle der Weißen sei es, den PoC »erstmal nur zuzuhören«, sagt sie. Und wenn ein PoC entscheide, dass die »radikale Politik, die gerade gefragt ist, darin besteht, zehn Kuchen für eine Soli-Aktion zu backen, dann ist das die Politik der verlässlichen Verbündeten«.

Meist geht es den Vertretern der CW jedoch weniger um Kuchen als darum, alles zu bekämpfen, was von ihnen als »gewaltvoll« eingestuft wird. So versuchten Mitglieder von RS im Juli, die Ausstellung »Tatort Stadion« des »Bündnisses aktiver Fußballfans« im Künstlerhaus Bethanien in Berlin zu schließen. Die in fast 200 Städten gezeigte Wanderausstellung dokumentiert Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball. Für RS waren die Schautafeln jedoch eine »Re_Produktion ›weißer‹ Vorherrschaft und Gewalt«.

Weiße Träger von Dreadlocks fordert RS auf, diese abzuschneiden. Es handele sich um »kulturellen Kannibalismus«, ebenso wie etwa beim Tragen der palästinensischen Kufiya. »Es tut weh, wenn Weiße, die uns täglich wehtun, sich die Symbole unserer radikalen Kämpfe aneignen«, sagt Emma.

Um in Köln eine »sichere Umgebung« zu schaffen, verlangten die Anhänger der CW ein Alkohol- und Drogenverbot auf dem Camp, was unter anderem am Widerspruch anwesender Flüchtlinge scheiterte. Ebenso forderten sie einen Verzich auf Fleischkonsum. »Für das Fleisch wird unseren Leuten das Land weggenommen, der Fisch aus dem Mittelmeer ernährt sich von den Leichen unserer Leute«, sagt Emma.

Vor allem aber versucht RS, die Kommunikation zu reglementieren. Schon vor dem Camp wurde, »angelehnt an das Konzept der Definitionsmacht«, ein »Stoppzeichen« eingeführt. »Um die Gewalttätigkeit von Sprache zu markieren«, sagt Emma. »Um weiße Redner unterbrechen zu können«, sagen Teilnehmer von Plena, an denen RS beteiligt war. Die unterbrochene Person darf nicht weiterreden, die PoC muss nicht erklären, was ihn oder sie gestört hat. »Wenn ich jedes Mal erklären soll, warum mich jemand rassistisch beleidigt hat, müsste ich alle fünf Minuten ein zweistündiges Gespräch führen«, sagt Emma.

Campteilnehmer klagen über eine Vielzahl an Gründen für die Redeverbote, etwa die Verwendung von Begriffen wie »Flüchtling«, »Sozialrassismus« oder »antirassistisch« durch Weiße. Als rassistisch gelte auch, PoC zu unterbrechen oder sie zu ermahnen, sich an die Redezeit zu halten. ›Flüchtlinge‹ zu sagen, verniedlicht Menschen in ihrem Status, sagt Emma. »Geflüchtete« werden stattdessen als »starke Subjektposition empfunden«. Man wolle »keine demokratische Justiz, sondern die Räume so sicher wie möglich machen und die Gewalt stoppen, indem wir Leute weiter am Gewalt ausüben hindern.«

PoC nahmen in Köln für sich das Recht in Anspruch, Workshops wegen der Verbreitung von Rassismus absetzen oder Teilnehmer vom Camp ausschließen zu lassen. Abgesetzt wurde ein Workshop der Gruppe Agisra aus Köln, einer autonomen, feministischen Beratungsstelle von und für Migrantinnen. Eine Diskussion über die Gründe lehnte die CW-Fraktion ab. Mehrere Teilnehmer wurden des Camps verwiesen. Eine betroffene Frau aus dem Rhein-Main-Gebiet berichtet, ihr sei keine Begründung genannt worden. »Das geht dich nichts an«, sei ihr gesagt worden.

Erläuterungen, worin rassistische Verletzungen bestanden haben, sind von RS selten zu hören, was die Auseinandersetzung mit den Vorwürfen schwierig macht. »Sektenartig« nennen andere Campteilnehmer das Auftreten der PoC und der zugehörigen »kritischen Weißen«. »Die wollen eine Diktatur der PoC mit den Mitteln der Moral«, sagt Claudia Gessl von der Gruppe Karawane aus Nürnberg. »Wir haben wahnsinnig viel positives Feedback erhalten«, hält Emma dagegen. An den »alternativen Plena« von RS hätten »im Schnitt 50 Leute« teilgenommen.

Bei vielen Flüchtlingsaktivisten kamen die Interventionen der PoC hingegen schlecht an. »Die haben eine autoritäre Art, Positionen durchzudrücken«, sagt der aus Nigeria stammende Rex Osa vom »The Voice Refugee Forum«. »Sie haben eine Atmosphäre geschaffen, in der sie die Leute moralisch als Geiseln halten. Viele Deutsche haben Angst gekriegt, als Rassisten zu gelten.« Sogar er selbst habe sich unter Druck gesetzt gefühlt. Denn als Osa im Abschlussplenum von Opfern des Rassismus sprach, wurde er mit Verweis auf »herrschaftssensible Sprache« von einer »kritischen Weißen« belehrt, dass es »negativ von Rassismus Betroffene« heißen müsse.

Ähnlich wie Osa sieht es Osaren Igbinoba, der The Voice gegründet hat: »Die Leute vom Reden abzuhalten, ist keine Grundlage für einen gemeinsamen Kampf. Mit den Kämpfen der Flüchtlinge hat das nichts zu tun.« Bruno Watara, Mitglied des »Bündnisses gegen Lager«, ärgert, dass »die PoC mit ihren Debatten alles monopolisiert« hätten: »Es ging dauernd nur um sie, so gab es keine Zeit, über die Probleme der Flüchtlinge wie die Residenzpflicht zu reden.«

Emma weist dies zurück. »Hier wird ein Gegensatz aufgebaut, der gar keiner ist. Man kann nicht über die Kämpfe der Geflüchteten sprechen, ohne sichere Räume zu schaffen, um sich über weiße Vorherrschaft auszutauschen«, sagt sie.

»Es gibt eine riesengroße Offenheit für Critical Whiteness«, sagt Olaf Bernau von der Gruppe No Lager. »Aber die PoC haben den Ansatz identitär und autoritär aufgeladen. Damit ist alles Positive flöten gegangen. Das Trennende wurde in den Mittelpunkt gerückt, es wurde immer neu begründet, warum gemeinsame Kämpfe nicht möglich sein sollen, und eine wahnsinnige Atmosphäre der Einschüchterung erzeugt.« Gleiches gelte für den durch keinerlei Aufarbeitung begleiteten und ohne Begründung vollzogenen Rauswurf einer Teilnehmerin: »Das Definitionsmacht-Konzept, das die Ultima Ratio für sprachliche und körperliche Übergriffe ist, wurde völlig verantwortungslos entformalisiert.« Im Namen der CW habe es »eine Dichotomisierung entlang von weiß-schwarz gegeben«, sagt Bernau. Unter Umständen bleibt den frustrierten Teilnehmern des Camps eine solche Dichotomisierung im nächsten Jahr erspart. 2013 will RS ein eigenes No-Border-Camp in Berlin veranstalten.

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