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Janis Just: Ely Karmon im Gespräch über die Position Israe

»Das israelische Militär ist auf eine Intervention vorbereitet«

Mehr noch als die politischen Umbrüche in Ägypten könnten jene in Syrien Auswirkungen auf die Sicherheitslage Israels haben. Dr. Ely Karmon ist Experte für internationalen Terrorismus und Massenvernichtungswaffen. Er war Berater des israelischen Verteidigungsministeriums und lehrt und forscht heute am israelischen Institute for Counter-Terrorism in Herzliya.

Interview: Janis Just

Wieso ist der Umsturz in Syrien, verglichen mit den anderen Revolten in der Region, so langwierig und blutig?

Die Lage in Syrien lässt sich nicht mit der in Ägypten oder in Tunesien vergleichen. Eher mit der Situation, wie es sie in Libyen gab. Es gibt in Syrien keinen Staatsstreich des Militärs, sondern einen Aufstand der Bevölkerung, der sich gegen Assad und seine Armee richtet. Wer hier kämpft, der setzt sein Leben aufs Spiel. Das Wissen darum führte nach der anfänglichen Protestwelle sehr schnell zu einer Eskalation der Kämpfe. In ­Libyen war die Armee relativ schwach und auch dort hat es – trotz des Eingreifens der Nato-Truppen – lange gedauert, bis Gaddafi gefallen ist. Am Ende ging alles sehr schnell, Tripolis war überraschenderweise innerhalb von Tagen erobert. Es kann auch in Syrien alles plötzlich sehr schnell gehen.

Droht Assad das gleiche Schicksal wie Gaddafi?

Es ist klar, dass sich Assads Regime nicht wird halten können. Assad könnte versuchen, einen alternativen kleinen, alawitischen Mini-Staat zu bilden, um sich und seine Gefolgsleute zu schützen. Ich sehe das als seine einzige Möglichkeit, am Leben und an der Macht zu bleiben. Niemand wird ihn nach all den Massakern noch aufnehmen wollen. Und die Rebellen werden nicht aufhören zu kämpfen, bis das Regime beseitigt ist. Bislang sind 20 000 Menschen getötet worden und viele weitere sind verschwunden.

In Israel ist man sehr beunruhigt über die riesigen Mengen biologischer und chemischer Waffen, die das Assad-Regime besitzt, und die in die Hände der Aufständischen fallen könnten. Wie wird Israel reagieren, wenn ein Sieg der Oppositionsgruppen bevorsteht?

Nicht nur Israel ist besorgt, was mit diesen Waffen passiert, auch die USA, die Nato, die EU und die Türkei sind es. Es sind also viele Augen darauf gerichtet. Die biologischen Waffen lassen sich nur sehr schwer kontrollieren, für die Chemiewaffen hingegen sind große Anlagen notwendig. Sollte die Freie Syrische Armee die Macht übernehmen, wird sie einen großen internationalen Druck erfahren und dazu gedrängt werden, unter internationaler Aufsicht diese Waffen zu zerstören. Sollten die Waffen noch von Assad in den Libanon gebracht werden, um damit die Hizbollah zu unterstützen, wird Israel reagieren müssen. Die Armee wird sich auf eine geeignete Bodenopera­tion eingestellt haben, denn ein Beschuss der chemischen und biologischen Waffenanlagen aus der Luft wäre im Hinblick auf die verheerenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung keine sinnvolle Alternative. Man will darüber hinaus auf keinen Fall in einen Krieg mit Assad hineingezogen werden. Das würde den Interessen Israels ebenso wie den Interessen der syrischen Opposition schaden. Daher wird man – sollte es so weit kommen – vermutlich warten, bis die Waffenlieferung auf libanesischem Territorium angekommen ist.

Einer der Führer der syrischen Opposition hat vor kurzem ein Tabu gebrochen und dem israelischen Rundfunk ein Interview gegeben. Darin betonte er, dass die Syrer in Frieden mit den Nachbarn, also auch mit Israel, leben wollen. Werden sich diese Stimmen in einem Syrien nach Assad durchsetzen können?

Mich hat dieses Statement positiv überrascht und ich würde mich natürlich freuen, wenn der Großteil der Opposition das ebenso sähe. Realistischerweise wird die Mehrheit der Syrer ihre feindliche Haltung zu Israel wohl kaum verändern.

Wie geht es also nach Assad weiter?

Wenn Assad gestürzt ist, wird aller Wahrscheinlichkeit nach eine längere Periode des sektiererischen Terrors nicht ausbleiben. Nicht nur die Alawiten, sondern auch Christen und Drusen fürchten, am Ende die Verlierer zu sein. Selbst die Christen im Libanon sind besorgt und fürchten die Machtübernahme einer sunnitischen Mehrheitsregierung. Die Kurden im Norden werden versuchen, ihre Autonomie zu verteidigen. Am besten organisiert scheint mir in Syrien die Muslimbruderschaft. Es könnte also zu einer ähnlichen Konstellation wie in Ägypten kommen.

Kann sich Israel eine weitere Grenze wie die zum ägyptischen Sinai leisten, wo regelmäßig Anschläge verübt werden?

Israel reagiert, was den Sinai und Ägypten angeht, zurzeit äußerst zurückhaltend, immerhin gibt es einen Friedensvertrag. Würde sich Ähnliches an Israels nordöstlicher Grenze ereignen, ist ein militärisches Eingreifen dort sehr wahrscheinlich. Israelische Geheimdienste und das Militär sind dort auf eine kurze und harte Intervention vorbereitet.

Ein ehemaliger Mossad-Leiter hat vor kurzem die iranische Bevölkerung vor den nächsten zwölf Wochen gewarnt. Ist aufgrund der momentanen Schwäche Syriens ein israelischer Angriff auf Irans Nuklearanlagen zu erwarten?

Ich halte in der aktuellen Situation einen Angriff auf den Iran für kontraproduktiv. Wir sollten abwarten. Wenn Assad gestürzt wird, wird dies auch das iranische Regime schwächen und könnte die dortige Bevölkerung zu einem neuen, diesmal hoffentlich erfolgreichen Aufstand motivieren. Es ist allerdings ein schwierig auszubalancierender Zeitplan. Wann es aus politischer und strategischer Sicht am besten ist, einen solchen Angriff durchzuführen, muss von Tag zu Tag neu beurteilt werden. Die Iraner zeigen sich in den aktuellen Verhandlungen nicht sehr kooperativ und denken, dass Israel im Moment isoliert dasteht und daher keinen Angriff wagen wird. Das Statement des ehemaligen Mossad-Chefs Efraim Halevy ist eher als Drohung gegen das iranische Regime zu verstehen und könnte womöglich Teil einer diplomatischen Strategie sein, den Druck auf den Iran zu erhöhen.

Die Türkei ist sehr aktiv in Syrien und unterstützt den dezidiert islamischen Teil der Rebellengruppen und dabei in erster Linie, wie Saudi-Arabien auch, die sunnitischen Muslimbrüder. Was versprechen sich die Türken von einer Neuordnung Syriens?

Die Türkei ist insbesondere darüber besorgt, dass sich im Nordosten des Landes die Kurden durchsetzen und ihren Einfluss in der Region ausweiten. Obwohl die Türkei immer ein Partner Assads war, ist nun für sie ihr eigener Machtzuwachs wichtiger. Die Möglichkeit, das eigene Modell eines sunnitischen Blocks durchzusetzen, ist für sie verlockend. Das würde ihren Einfluss in der Region sichern.

Syrien wirkt gerade wie ein Magnet auf Jihadisten aus arabischen Staaten, insbesondere aus dem Irak. Wie groß ist die Gefahr durch solche Bewegungen in Syrien?

Neben anderen kleineren Gruppen ist al-Qaida in Syrien aktiv und rekrutiert erfolgreich Unterstützer und Kämpfer. Dabei versucht al-Qaida insbesondere die großen Städte wie Damaskus, Hama und Aleppo zu destabilisieren, um die Eliten des Landes mit in den Krieg zu ziehen. Assad hat lange Zeit al-Qaida und die Salafisten unterstützt und ihnen Unterschlupf gewährt. Jetzt haben die Islamisten sich gegen ihn gewendet. Die Freie Syrische Armee macht sich die Aktionen der jihadistischen Kämpfer zunutze und radikalisiert sich dadurch zusehends. Dies ist ein äußerst gefährlicher Schachzug der Opposition.

RM16

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