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Christian Jakob: Die Debatte über »Critical Whiteness« beim Blog »Mädchenmannschaft«

Eine ganz eigene Diktion

Die Diskussion über »Critical Whiteness« sorgt in der feministischen Szene für Konflikte.

von Christian Jakob

Ihr Blog war eine Erfolgsgeschichte. Nur ein Jahr nach ihrer Gründung bekam die »Mädchenmannschaft« den »BOB-Award« der Deutschen Welle als »bestes deutschsprachiges Weblog«, es folgten Nominierungen für den »Grimme Online Award« und den »Alternativen Medienpreis«. Jurys und Kritiker lobten ihren »jungen Feminismus weit ab von lila Latzhosen«, die Gründerinnen wurden auf Podien herumgereicht, waren gefragte Interviewpartnerinnen. Davon ist nicht viel übrig. In den zurückliegenden Wochen verließen fünf der zehn Bloggerinnen die »Mädchenmannschaft«, darunter alle verbliebenen Gründerinnen. Die sonst so mitteilsamen Netzaktivistinnen schreiben darüber auf ihrer Website – ­ nichts. Wer mit ihnen sprechen will, bekommt zu hören, dass dies »kurzfristig nicht möglich« sei.

Die Frauenrechtlerinnen haben sich an der gleichen Frage entzweit, die seit einiger Zeit bereits die Antirassismusszene plagt: am Umgang mit Vertretern und Vertreterinnen einer dogmatischen Auslegung der »Critical Whiteness«. Schon seit längerem hatten einige der Bloggerinnen sich dieser Denkrichtung zugewandt, in dem Blog begannen dafür typische Formulierungen wie »weiß positioniert« üblich zu werden. »Bis vor einigen Monaten geschah das alles in einem vertretbaren Umfang. Das Blog hat davon profitiert, es gab radikalere Positionen, die von Genderwissenschaften unterfüttert waren«, sagt Meredith Haaf, die die »Mädchenmannschaft« 2007 mitgegründet hat. Doch die Orientierung am »Critical White­ness«-Diskurs, die von einigen, teils neu hinzugestoßenen Bloggerinnen immer stärker eingefordert wurde, sei ihr »irgendwann zu weit« gegangen, sagt Haaf. »Es ist ja durchaus eine feministische Tradition, sehr sprachkritisch zu sein. Trotzdem ging früher jede Ausdruckweise in Ordnung, solange sie nicht sexistisch war.« Das Blog sei schließlich gegründet worden, damit »Leute, die sich mit ihren Einwänden gegen Sexismus oder patriarchale Strukturen alleine fühlen, Gleichgesinnte finden können. Und zwar auch Leute, die denken, sie haben davon keinen Plan.« Doch mit dem neuen, »extremen Akademikerjargon« funktioniere das nicht, »das hat den ganzen Sinn des Blogs zerstört«. Das neue strenge Sprachregime ging einher mit einer politischen Dogmatik, die einige der Bloggerinnen befremdete. Ausgerechnet am fünften Geburtstag des Blogs, Ende September, eskalierte dieser Streit derart, dass die »Mädchenmannschaft« daran zerbrochen ist.

Auslöser war die Auseinandersetzung der Bloggerinnen mit dem Slutwalk in Berlin. Zu der feministischen Demonstration gegen sexualisierte Gewalt waren am 15. September über 3 500 Teilnehmer und Teilnehmerinnen gekommen. Unter ihnen waren auch Mitglieder von Femen, jener aus der Ukraine stammenden Gruppe von Frauenrechtlerinnen, die in vielen Ländern mit Nackt-Performances von sich reden macht. Diesmal erschienen sie mit Plakaten gegen Kopftuchzwang ­ und schwarz bemalten Gesichtern und Oberkörpern, um Bilder von Frauen mit Niquab zu evozieren.

Das kam nicht überall gut an. Der Slutwalk habe »eine ganz neue rassistische Qualität entwickelt«, hieß es schon kurz darauf in Blogs der »People of Color«- und »Critical Whiteness«-Szene (Jungle World 30/2012 und 32/2012). Für sie erfüllte die Aktion alle Kriterien des sogenannten Blackfacing, einer historischen, rassistisch konnotierten Form des Theaters, bei der sich weiße Schauspieler schwarz anmalen, um Stereotype von Schwarzen zu verkörpern. Besonders erboste die Kritiker eine inzwischen gelöschte Erwiderung der Slutwalkerinnen auf ihrer Facebook-Seite: »Keine von uns hatte diese Aktion vor Ort als ›Blackfacing‹ aufgefasst«, hieß es dort. Man möge »bitte nicht immer gleich mit der Rassismuskeule kommen«. Auch die Organisation Terre des Femmes – sie hatte ebenfalls zu dem Slutwalk aufgerufen – finde »auf jeden Fall gut, wie öffentlichkeitswirksam diese Aktivistinnen gegen die weltweite Unterdrückung von Frauen protestiert haben«. Die »People of Color« ließen solche Rechtfertigungen nicht gelten: »Unterirdisch« sei dies, ätzte etwa »Der Schwarze Blog«.

Doch die Debatte verblieb nicht lange in der Blogosphäre. Am 22. September waren die Slutwalk-Organisatorinnen beim Geburtstag der »Mädchenmannschaft« zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Aus den Reihen der Anwesenden mussten sie sich dabei heftige Kritik an der vermeint­lichen »Blackfacing«-Performance anhören ­ – und nahmen die Niqab-Gegnerinnen mit den schwarz bemalten Gesichtern in Schutz.

Was daraufhin geschah, ist in einer Stellungnahme von fünf Bloggerinnen der »Mädchenmannschaft« folgendermaßen nachzulesen: Es »kam es zu einer ganzen Zahl an rassistischen Vorfällen bei der Diskussion um sltwalks, woraufhin Frauen of color den Raum verließen und die Diskussion schließlich abgebrochen wurde«. Sie »bitten um Entschuldigung für die Duldung dieser Vorfälle, unsere unangemessene Reaktion darauf und unsere Unfähigkeit, einen safer space für People of Color herzustellen. Das war vollkommen inakzeptabel und ein Zeugnis mangelnder awareness und Vorbereitung«. Damit greifen die Bloggerinnen in ihrer ellenlangen Stellungnahme nicht nur jene ganz eigene Diktion von »Critical Whiteness« auf, die sich in letzter Zeit verbreitet hat. Es wiederholte sich auf dem Geburtstag der »Mädchenmannschaft« auch ein Muster der politischen Auseinandersetzung, das mittlerweile schon als charakteristisch für die Interventionen der Berliner »People of Color«-Szene gelten kann: Als rassistisch empfundene Äußerungen werden in einer Weise skandalisiert, die zum Eklat führt. Hernach werden lange Gedächtnisprotokolle über den »Vorfall« veröffentlicht, ohne je zu erwähnen, was genau geschehen ist. So geschah es bei Lesungen in Berlin ebenso wie auf den No-Border-Camps in Stockholm und Köln.

Haaf sagt, »Mädchenmannschaftlerinnen« hätten schon länger – nicht zu Unrecht – versucht, dem Slutwalk »zu vermitteln, dass deren Islamkritik aus rassismuskritischer Sicht problematisch ist, und die haben da nicht angemessen drauf reagiert«. Am Tag des Geburtstags seien »auch welche von außen gekommen, die da Druck ausgeübt haben«. Ihr sei jedoch »rätselhaft, mit welcher Aggression und Zerstörungswut« dabei vorgegangen worden sei, sagt Haaf. Den von den »People of Color« erhobenen Anspruch, »anderen sagen zu dürfen, wann sie zu schweigen haben, und dann keinen Bock zu haben zu erklären, warum irgendwas Rassismus ist«, nennt Haaf »antiaufklärerisch«. Auch dass ­einer »Mädchenmannschaft«-Bloggerin »personelle Konsequenzen« angedroht worden seien, weil sie als Weiße einen Workshop über Frauen in den arabischen Revolten gehalten habe, befremdet Haaf. Sie hat die »Mädchenmannschaft deshalb« verlassen.

Auch den Slutwalkerinnen steckt die Sachen offensichtlich noch in den Knochen, sprechen möchten sie nicht mehr über den Tag. »Wir sind kollektiv übereingekommen, uns nicht äußern zu wollen«, heißt es bei den Organisatoren und Organisatorinnen des Slutwalk. An anderer Stelle hat die »Critical-Whiteness«-Fraktion indes Widerspruch bekommen. Anfang des Monats verschickte die Antirassistische Initiative Berlin ein Papier, in dem die Neugründung einer Vorbereitungsgruppe für ein Berliner No-Border-Camp im kommenden Jahr bekannt gegeben wird. Unter dem Label »No-Border-Berlin« waren in den letzten Monaten Mitglieder der Gruppe »reclaim society!« (RS) aufgetreten, die ein besonders dogmatisches Verständnis von Critical Whiteness propagieren. Ihr Hauptprojekt war die Vorbereitung jenes Camps unter ihrer Federführung im kommenden Jahr. Das dürfte nun schwierig werden.

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