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Alex Feuerherdt: Linke Vereine – Mythos und Wahrheit

Der Ball ist rot

Ein RAF-Logo im Fanblock der Mainzer, Che-Guevara-Fahnen beim VFB Stuttgart: Linke Symbole sind bei Ultras sehr beliebt. Aber nur einige Vereine gelten dezidiert als links und viele fußballinteressierte Linke sympathisieren daher mit ihnen. Die Jungle World erklärt, woher ihr Ruf als linker Verein kommt und was das im Alltag tatsächlich bedeutet. Außerdem empfehlen wir den Clubs ein passendes Maskottchen.

von Alex Feuerherdt

AS Livorno

Verein: Es ist kein Zufall, dass die Kommunistische Partei Italiens 1921 in der proletarisch geprägten Hafenstadt Livorno gegründet wurde. Kein Wunder deshalb auch, dass es entsprechende wechselseitige Affinitäten zur sechs Jahre vorher ins Leben gerufenen, heute in der zweiten italienischen Liga spielenden »Associazione Sportiva Livorno Calcio« gab und gibt. Mit Cristiano Lucarelli spielte sogar jahrelang ein Stürmer für den Verein, der unter seinem Trikot gerne ein Che-Guevara-Shirt trug und seine Tore regelmäßig mit erhobener »Arbeiterfaust« feierte (wofür ihm der italienische Fußballverband einmal 30 000 Euro Strafe aufbrummte). Dank seiner Treffer war Livorno 2004 nach 55 Jahren wieder erstklassig und in der folgenden Saison wurde Lucarelli sogar Torschützenkönig in der Serie A. Dass er trotzdem nur sechs Länderspiele für Italien bestritt, dürfte wesentlich an seinen politischen Äußerungen gelegen haben, an denen Fußballfunktionäre Anstoß nahmen.

Fans: Die linken Ultras geben nicht nur im Stadion den Ton an, sondern dominieren de facto den gesamten Club. Ihre größte Vereinigung, die »Brigate Autonome Livornesi« (BAL), tritt offiziell nicht mehr in Erscheinung, hat sich formal allerdings auch nicht aufgelöst. Zu Ehren der BAL trug Cristiano Lucarelli die Rückennummer 99 – eine Reminiszenz an das Gründungsjahr der Gruppe. Bei den Spielen ihrer Mannschaft schwenken die Fans rote Fahnen, Che-Guevara- und gerne auch Stalin-Konterfeis und singen ausdauernd Arbeiterkampflieder. Eine besondere Abneigung pflegen sie gegen die zahlreichen faschistischen Anhängern von Lazio Rom. In puncto Antisemitismus und Israelhass stehen die »antiimperialistischen« Livorneser Ultras ihren rechten Gegnern allerdings kaum nach. Bei einem Heimspiel entrollten sie vor einigen Jahren sogar ein Transparent mit der Aufschrift »Ricordare l’Olocausto per condannare Israele! Palestina libera!« (»An den Holocaust erinnern, um Israel zu verurteilen! Freiheit für Palästina!«) Zwischen diese beiden Forderungen hatten die Marxisten-Hooliganisten ein Hakenkreuz gemalt, in einen weißen Kreis auf rotem Grund.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Josef Stalin

Ajax Amsterdam

Verein: Viele Fußballfans halten den niederländischen Rekordmeister für einen jüdischen Club. Das war er gleichwohl nie, auch wenn sein Stadion vor dem Zweiten Weltkrieg in der Nähe eines großen jüdischen Stadtviertels lag, viele Amsterdamer Juden die Spiele von Ajax besuchten und die Geschichte des Vereins von vielen jüdischen Spielern und vor allem Funktionären geprägt wurde. Dessen ungeachtet ist Ajax immer wieder das Ziel antisemitischer Attacken, die vor allem von den rechten Anhängern von Feyenoord Rotterdam ausgehen. Rufe wie »Hamas, Hamas, Juden ins Gas«, Zischlaute gegnerischer Fans, die das Ausströmen von Gas imitieren sollen, und das Zeigen des Hitlergrußes sind keine Seltenheit.

Fans: Ein beträchtlicher Teil des Ajax-Anhangs reagiert auf die antisemitischen Angriffe seit den siebziger Jahren mit einer Art demonstrativem Philosemitismus: Im Stadion werden zahlreiche Israel-Flaggen gezeigt, manche Fans tragen eine Kippa, obwohl sie nicht jüdisch sind, oder haben sich einen Davidstern tätowieren lassen. Als der Club im vergangenen Jahr das niederländische Pokalfinale in Rotterdam erreichte, ließ ein Fanclub ein T-Shirt herstellen. »Die Juden kommen«, stand unter den Umrissen einer Stadt, die recht eindeutig als Rotterdam zu identifizieren war. Darüber waren Bomberflugzeuge zu sehen, aus denen Davidsterne fielen. All dies war und ist dazu gedacht, dem Antisemitismus, der Ajax entgegenschlägt, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die antisemitischen Attacken gehen jedoch unvermindert weiter. Das Vereinsmanagement hat in der jüngeren Vergangenheit mehrmals versucht, den Ruf eines »jüdischen« Vereins loszuwerden, und dazu aufgerufen, keine jüdischen oder israelischen Symbole mehr zu zeigen. Die Fans folgten diesem Ansinnen bislang jedoch nicht – sie betrachten es als Kotau vor dem Judenhass und der Israel-Feindschaft.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Theodor Herzl

SV Babelsberg 03

Verein: Die Fußballsektion wurde 1991 aus dem SV Motor Babelsberg ausgegliedert. Als höchste Spielklasse erreichte der Club zu DDR-Zeiten wie auch nach der Wiedervereinigung die Zweite Liga. Ihre Heimspiele tragen die Potsdamer im »Karli« genannten Karl-Liebknecht-Stadion aus – aber das ist nicht der Grund, warum Babelsberg 03 als linker Verein gilt und häufig als »FC St. Pauli des Ostens« bezeichnet wird.

Fans: Als der Verein Mitte der neunziger Jahre in den Niederungen des Amateurfußballs ohne Fanstrukturen herumdümpelte, suchte der fußballbegeisterte Teil der Potsdamer Hausbesetzerszene gerade einen Club zum Zuschauen. Die erste Ultra-Gruppierung entstand, nannte sich »Filmstadt Inferno 99« und unterstützte nicht nur die Mannschaft, sondern setzte sich auch gegen Neonazis, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus ein. Ja, mehr noch: Die Fans »stellen den Stadionsprecher, organisieren die Kinderbetreuung, schreiben das Stadionheft und kümmern sich alleinverantwortlich um das Merchandising des Clubs«, wie die Taz zu berichten weiß. Einige der Ultras sitzen auch im Aufsichtsrat und im Vorstand des Vereins. 2006 gründeten Babelsberger Fans nach diversen unverhältnismäßigen Polizeieinsätzen die Initiative »Fußballfans beobachten Polizei«. Das genügte, um ins Visier von Brandenburgs Verfassungsschutz zu geraten.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Georg von Rauch

Tennis Borussia Berlin

Verein: Den Nazis war TeBe ein Dorn im Auge, nicht zuletzt, weil Juden seinerzeit rund ein Drittel der Mitglieder stellten. Diese verließen den Verein nach der nationalsozialistischen Machtübernahme. In den fünfziger Jahren war TeBe vorübergehend der erfolgreichste Berliner Fußballclub, in den siebziger Jahren sogar zwei Jahre lang Bundesligist. Mit dem Showmaster Hans Rosenthal und dem Schlagerproduzenten Jack White hatte der Verein in den Jahren 1965 bis 1973 und 1992 bis 1997 jüdische Präsidenten – eine absolute Seltenheit im deutschen Nachkriegsfußball. Nach diversen Abstiegen ist der Club inzwischen nur noch sechstklassig, verfügt aber über eine sehr aktive linke Fanszene.

Fans: Vorbildliches Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Schwulenfeindlichkeit. Banner mit Parolen wie »Kein Mensch ist illegal« oder »Keinen Fußballbreit dem Rassismus« sowie Israel-Flaggen gehören bei jedem Spiel zum Standardrepertoire, weshalb sich der lila-weiße Anhang regelmäßig Anfeindungen von rechten Zuschauern anderer Vereine gegenübersieht. Die von TeBe-Fans initiierte Aktion »Fußballfans gegen Homophobie« wird vom Verein mittlerweile offiziell unterstützt. Mitte Oktober wurde im Rahmen eines Heimspiels im Mommsen-Stadion sogar eine Werbebande mit dem entsprechenden Slogan und zwei sich küssenden Fußballern eingeweiht. Dazu gab es noch eine kleine Choreographie der »Zero Ultras«, die ein Transparent zeigten: »Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?«

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Theodor W. Adorno

Roter Stern Leipzig

Verein: Der am 1. Februar 1999 gegründete, im Leipziger Szenestadtteil Connewitz beheimatete Club versteht sich als »kulturpolitisches Sportprojekt im Spannungsfeld zwischen normalem Fußballverein und linksradikaler Politik«. Dementsprechend ist der Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Homophobie nicht nur selbstverständlich, sondern programmatisch. Über die Teilnahme am regulären Spielbetrieb hinaus – die erste Herrenmannschaft spielt in der achten Liga – organisiert Roter Stern regelmäßig Demonstrationen, Ausstellungen, Konzerte sowie Vortragsveranstaltungen und nimmt an der »Antirassistischen Weltmeisterschaft« teil. Außerdem bezieht er auf lokaler Ebene in Presseerklärungen und Publikationen immer wieder Position gegen rassistische und anderweitig diskriminierende Entwicklungen im Leipziger Fußball. Anders als in herkömmlichen Vereinen werden Entscheidungen nicht von einem Präsidium getroffen, sondern von einem wöchentlich tagenden Plenum. Für sein Engagement erhielt der Verein mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Julius-Hirsch-Preis des DFB und den Sächsischen Förderpreis für Demokratie.

Fans: Roter Stern hat bei Heimspielen einen Schnitt von über 400 Zuschauern – das erreicht selbst so mancher höherklassige Amateurclub nicht. Bei seinen Spielen in der sächsischen Provinz sind der Club und seine Anhängerschaft immer wieder gewalttätigen Angriffen von Neonazis ausgesetzt. In der Saison 2009/10 kam es sogar zu Spielabbrüchen bei den Partien in Brandis und Mügeln. Etliche Fans sind auch Mitglieder des Clubs. Wer den Verein unterstützt, bekennt sich explizit zu dessen politischen Zielen.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Sir Arthur Harris

FC Barcelona

Verein: Der Club begriff sich schon zu Zeiten seiner Gründung als Aushängeschild Kataloniens und unterstützte aktiv die Autonomiebestrebungen der Region. Während der Franco-Diktatur wurden die katalanischen Ambitionen unterdrückt. »Für den Club zu sein, hieß deshalb, gegen das Regime zu sein«, wie es der katalanische Schriftsteller Sergi Pàmies einmal formulierte. Vor allem die Spiele gegen den Hauptstadtclub Real Madrid – die fußballerische Verkörperung des spanischen Zentralstaats – waren antifranquistische Manifestationen. Mit dem Ende der Diktatur und der Wiedereinsetzung der katalanischen Autonomie rückte die Politik im Club zunächst in den Hintergrund, bis Vereinspräsident Joan Laporta ab 2003 wieder Barças Rolle als »unbewaffnetes Heer Kataloniens« in den Vordergrund rückte und befand: »Wir sind mehr als ein Club, weil man uns mit Demokratie und der Verteidigung der Menschenrechte verbindet.« Dieser Anspruch, »mehr als ein Club« zu sein, wurde schließlich zum Motto des Vereins, der stolz auf sein soziales Engagement ist und mit dem Kinderhilfswerk Unicef eng zusammenarbeitet. Seit dem Sommer 2011 allerdings wirbt der FC Barcelona auf seinen Trikots für die »Qatar Foundation«, die zwar als gemeinnützige Stiftung auftritt, jedoch vor allem islamistisches Gedankengut verbreitet und den bekannten Islamisten Yusuf al-Qaradawi hofiert (Jungle World 3/2011).

Fans: Der FC Barcelona hat europaweit mit Abstand die meisten Anhänger. Im Jahr 2010 bekannten sich 57,8 Millionen Menschen zu ihm. In seiner Anfangszeit wurde der Club vor allem von Arbeitern unterstützt, inzwischen jedoch stammen die Fans aus allen gesellschaftlichen Schichten. Nicht wenige linke Fußballfans romantisieren Barça als Verein, der nicht nur Franco standgehalten hat, sondern irgendwie auch dem kapitalistischen Alltagsdiktat des Fußballgeschäfts trotzt – nicht zuletzt vermutlich deshalb, weil er lange Zeit auf kommer­zielle Trikotwerbung verzichtet hat. Außerdem erfreut sich Befreiungsnationalismus bei Linken grundsätzlich großer Beliebtheit, und die Stadt Barcelona mit ihrer großen Hausbesetzerszene ebenfalls.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Pablo Picasso

FC St. Pauli

Verein: Der FC St. Pauli ist hierzulande zweifellos der Inbegriff des linken Fußballvereins, und das schon seit den achtziger Jahren. Weil sich damals bei anderen Clubs – nicht zuletzt beim Lokalkonkurrenten HSV – immer mehr rechte Fans mit ihren rassistischen Parolen breitmachten, zog es die Linken zunehmend zum Kiezclub. Dessen seinerzeitiger Torwart Volker Ippig wohnte in einem der Hafenstraßenhäuser und betätigte sich als Aufbauhelfer in Nicaragua. Viele Fans trugen deshalb T-Shirts mit seinem Konterfei und der Aufschrift »Volker, hör die Signale!« Mit Corny Littmann hatte der Club später den ersten und bislang einzigen offen schwul lebenden Vereinspräsidenten im bezahlten deutschen Fußball. Dessen ungeachtet weiß der Club sein Image als chronisch klammer, bisweilen kurz vor dem Konkurs stehender Underdog, der den reichen und mächtigen Vereinen mit seinen beschränkten Möglichkeiten trotzt, geschickt zu nutzen und über das Merchandising längst auch zu vermarkten – die Fanartikel mit dem Totenkopf etwa gehören in Deutschland zu den meistverkauften überhaupt. Derzeit gibt es Ärger im Club, weil in der im Umbau befindlichen Gegengerade, direkt neben den neuen Räumlichkeiten des Fanprojekts, eine Polzeiwache eingerichtet werden soll. 150 Fanclubs und Fangruppen haben bereits eine Resolution gegen diese Baumaßnahme verabschiedet (Jungle World 42/2012).

Fans: Heutzutage haben viele Clubs ein Verbot rassistischer, antisemitischer und anderweitig diskriminierender Äußerungen in ihren Stadionordnungen verankert. Beim FC St. Pauli war das allerdings schon der Fall, als es andernorts noch völlig undenkbar schien. Dafür gesorgt haben die Fans – insbesondere die Ultras –, die sich explizit als politisch verstehen und auch schon einmal dafür sorgen, dass ein Sponsor seine Stadionreklame überarbeiten muss, wenn sie für sexistisch gehalten wird. Es gibt mit dem Fanclub-Sprecherrat ein eigenes Vertretungsgremium, das auch vom Vereinspräsidium einbezogen wird, und seit über 20 Jahren einen Fanladen als zentrale Einrichtung für organisierte wie nicht organisierte Anhänger. Dass das von teils penetrantem Lokalkolorit geprägte Image des Clubs und seiner aktiven Fans inzwischen popkulturell genutzt und kommerziell verwertet wird, gefällt allerdings längst nicht jedem. Gleiches gilt für die teilweise zu beobachtende Gentrifizierung des Publikums.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Che Guevara

Hapoel Tel Aviv

Verein: Der sechsmalige israelische Meister hat seine Wurzeln in der Arbeiterbewegung, wovon schon der Name kündet – das hebräische Wort »Hapoel« heißt nichts anderes als »Arbeiter«. Der Verein wurde 1927 gegründet, also lange vor dem Staat Israel. Er war aus der Histadrut, dem zionistisch-sozialistischen Gewerschaftsdachverband, hervorgegangen. Die Vereinsfarben sind rot und weiß, im Vereinslogo ist ein Sportler zu sehen, der von Hammer und Sichel umschlossen wird. Schärfste Rivalen sind die bürgerlichen Maccabi-Clubs und der dem revisionistischen Flügel der Zionisten nahestehende Club Beitar Jerusalem.

Fans: Hapoel Tel Aviv hat in Israel die einzigen dezidiert linken Ultras. 1999 entstand der Vorläufer der heutigen »Ultras Hapoel« unter dem Namen »Hayezurim« (Die Kreaturen). Die Gründer übernahmen später nicht nur das Ultra-Konzept aus Italien, sondern gaben sich außerdem den Namen »Red Militia« – eine Reminiszenz an die »Roten Brigaden«. Der Leitspruch der »Ultras Hapoel« ist »Red or Dead«. Israelische Flaggen wird man – im Gegensatz zu zahlreichen Che-Guevara- und Hammer-und-Sichel-Fahnen – in der Kurve normalerweise vergeblich suchen. Stattdessen fallen die Fans auch schon mal mit Rufen wie »Gebt Jerusalem den Palästinensern« oder »Jerusalem gehört zu Jordanien« auf – wofür sie von Anhängern anderer israelischer Clubs als »Israel-Hasser« und bisweilen sogar als »Hizbollah« beschimpft werden. Eine ausgeprägte Abneigung hegen die Hapoel-Fans gegen die Anhänger der Maccabi-Clubs; die Fans von Beitar Jerusalem hassen sie inbrünstig. Freundschaftliche Fankontakte gibt es unter anderem zum FC St. Pauli und zur »Schickeria«, der wichtigsten Ultra-Gruppierung des FC Bayern München.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Leo Trotzki

1. FC Union Berlin

Verein: Zu DDR-Zeiten war der Köpenicker Club eine Art Sammel­becken für fußballinteressierte Regimekritiker und Unzufriedene. Das lag nicht zuletzt an den beiden 0:1-Niederlagen, die Union dem als »Stasiverein« verhassten Serienmeister BFC Dynamo Berlin in der Meisterschaft der Spielzeit 1976/77 zufügte – sehr zum Unwillen der DDR-Nomenklatura, die den vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) unterstützten Club fortan besonders beobachten ließ und mit einigem Missvergnügen feststellen musste, dass er in der folgenden Saison zu einem regelrechten Publikumsmagneten wurde. Heute ist der Zweitligist Union Berlin in Ostdeutschland hinter Dynamo Dresden der Fußballverein mit der zweithöchsten Mitgliederzahl. Die Mitglieder nennen sich selbst »die Eisernen«. Viele Funktionäre und Anhänger der Linkspartei finden sich auf den Rängen und im Verein. Die martialische Stadionhymne »Eisern Union« wird von der Esoterik-Lady Nina Hagen gesungen. Auf den »Schlachtruf« »Eisern Union«, der regelmäßig durchs Stadion schallt, ist man besonders stolz.

Fans: Es gibt nur wenige Vereine, bei denen es ein derart gedeihliches Miteinander zwischen der Vereinsführung und der Anhängerschaft gibt wie bei Union. Am notwendig gewordenen kostspieligen Umbau des traditionsreichen Stadions an der Alten Försterei beteiligten sich rund 2 000 freiwillige Helfer, die bei zahlreichen Subbotniks fast 140 000 unentgeltliche Arbeitsstunden leisteten. Zudem konnten die Vereinsmitglieder im Jahr 2011 Aktienanteile an der Stadionbetreibergesellschaft erwerben. Die Spielstätte des Clubs umfasst derzeit etwa 18 500 Plätze, davon rund 15 500 Stehplätze – diese Aufteilung ist nicht nur ganz im Sinne der Fans, sondern darüber hinaus im deutschen Profifußball einmalig. Zudem hat der Club – auch hier in enger Abstimmung mit der aktiven Fanszene – eine Vorreiterrolle bei der Ablehnung des von der Deutschen Fußball Liga (DFL) ersonnenen Konzepts »Sicheres Stadionserlebnis« eingenommen, dessen Umsetzung für viele Fans massive Verschlechterungen in Form von Verboten und anderen Repressalien mit sich bringen würde. Auch mit dem teilweise geradezu hysterisch diskutierten Thema Pyrotechnik geht man im Club erheblich gelassener um, als das bei anderen Vereinen der Fall ist, und denkt über eine Legalisierung in einem gewissen Rahmen nach.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Adolf Hennecke

FC Liverpool

Verein: In früheren Zeiten war der FC Liverpool unzweifelhaft der Club der working class, insbesondere der Hafenarbeiter. Doch der industrielle Niedergang der Stadt in den siebziger und achtziger Jahren – der wesentlich eine Folge der Politik Margaret Thatchers war –, die hohe Arbeitslosigkeit und die bitteren Niederlagen in den sozialen Kämpfen gingen auch an den »Reds« nicht spurlos vorbei. Die Stadt Liverpool hat sich ökonomisch zwar erholt, aber auch stark verändert. Neue Arbeitsplätze entstanden vor allem in den Dienstleistungsbereichen. Kaum weniger stark haben sich die Strukturen im englischen Fußball gewandelt. Der Stadionbesuch ist heute auch an der Anfield Road, der Spielstätte des FC Liverpool, ein teures Vergnügen, das sich längst nicht jeder leisten kann.

Fans: In Liverpool wurde Ende der sechziger Jahre der klassische Fangesang geboren. »The Kop« war mit über 28 000 Plätzen einmal die größte Stehplatztribüne Europas und die Fans der »Reds« können für sich in Anspruch nehmen, den Song »You’ll never walk alone« als Erste im Stadion angestimmt zu haben. Noch heute verfügt der Club über eine riesige Fanbasis, doch die gravierenden Veränderungen im englischen Fußball, die den Umbau der Stadien in reine Sitzplatzarenen mit sich brachten, haben das Publikum ein anderes, bürgerlicheres werden lassen.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Friedrich Engels

Dynamo Windrad Kassel

Verein: 1982 von einer Handvoll Freizeitfußballern gegründet – und gleich im Streit mit dem Hessischen Fußballverband. Denn der fand, der Name des Vereins ähnele »zu sehr den Gepflogenheiten der Vereine in der DDR bzw. in den Ostblockstaaten« und lehnte eine Aufnahme ab. Die »Windrad«-Kicker klagten dagegen, unterlagen aber am Ende vor dem Oberlandesgericht Frankfurt, das befand, der Namenszusatz Dynamo werde »von der ganz überwiegenden Mehrheit der Bürger, denen das internationale Sportgeschehen nicht völlig gleichgültig ist, ganz spontan dem kommunistisch-sozialistischen und damit politisch linken Lager zugeordnet«. Der daraufhin angestrebte Beitritt zum Deutschen Turn- und Sportbund der DDR scheiterte ebenfalls, weil nur DDR-Bürger dort Mitglied sein durften. Erst nach dem Mauerfall erfolgte die Anerkennung von Dynamo Windrad als Verein, heute spielt er in der Kreisliga.

Fans: Die größten Fans des Vereins sind zweifellos die Aktiven selbst, die schon zur Gründungszeit nach eigener Auskunft »ein bisschen links« und »ein bisschen alternativ« waren – und es bis heute geblieben sind. Traditionell wird bei jedem Spiel der Anstoß zum Gegner gekickt, um damit die Bereitschaft zu einem fairen Spiel symbolisch deutlich zu machen.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Petra Kelly

Altona 93

Verein: Der Verein zählt zu den ältesten deutschen Fußballclubs. Gegründet wurde er im Juni 1893 von Altonaer Gymnasiasten und Kaufleuten und die bürgerliche Attitüde ist ihm stets erhalten geblieben. In den sechziger Jahren war Altona 93 lange zweitklassig; heute spielt der Verein drei Etagen tiefer, nämlich in der Oberliga Hamburg.

Fans: Dass sich nicht zuletzt viele Hamburger Punks seit Jahren zum bürgerlichen Altona 93 hingezogen fühlen, liegt wohl vor allem am legendären »Doc Mabuse«, jenem Punk, der Anfang der achtziger Jahre die erste Totenkopfflagge mit ins Millerntor-Stadion brachte und so zum Trendsetter und Traditionsbegründer wurde. Die allmähliche Professionalisierung des FC St. Pauli sah er jedoch kritisch, und so zog es ihn schließlich zum Amateurfußball nach Altona, wo er auf einem Bauwagenplatz lebte. Neben »Doc Mabuse« fanden auch andere fußballbegeisterte Linke ein (zweites) Zuhause bei Altona 93, darunter viele HSV- und St.-Pauli-Fans, die sich nach »Fußball pur« ohne nervtötende, fußballferne Rahmenprogramme sehnten. Heute hat der Traditionsverein im Szeneviertel Altona mehrere linke Fanclubs und ein sehr lesenswertes Fanzine namens All to nah. Zudem richten Fans jährlich ein antirassistisches Fußballturnier aus, den »Cup der Angst (gegen die Festung Europa)«, dessen Einnahmen der Flüchtlingsarbeit zugute kommen.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Dee Dee Ramone

Celtic Glasgow

Verein: Was den Club für die Linke attraktiv gemacht hat, liegt auf der Hand: Im Unterschied zum lange Zeit streng protestantischen, von der Oberschicht protegierten, der Krone gegenüber loyalen Glasgower Erzrivalen Rangers spielte beim katholisch geprägten Celtic die Religion der Spieler stets nur eine untergeordnete Rolle. Und die Celts verhehlen ihre irischen Wurzeln – die sich auch in den Vereinsfarben grün und weiß widerspiegeln – so wenig wie ihre Distanz zum Königshaus und ihre Nähe zum proletarischen Milieu. Die Rivalität zu den Rangers, eine der erbittertsten im Fußball überhaupt, ruht allerdings, seit der 54fache schottische Meister aufgrund seiner Insolvenz in die vierte Liga zurückgestuft wurde.

Fans: Im Schnitt kommen fast 60 000 zu jedem Heimspiel von Celtic. Sie sind extrem sangesfreudig und wurden 2003 sogar mit dem Fairnesspreis der Uefa ausgezeichnet. Es gibt mehrere Fanfreundschaften, beispielsweise mit dem FC St. Pauli. Vor drei Jahren besuchte man sogar wechselseitig ein Spiel des jeweils anderen: Die St.-Pauli-Fans unterstützten Celtic im Europapokalspiel beim Hamburger SV, die schottischen Supporter revanchierten sich am Tag darauf bei St. Paulis Zweitligapartie gegen Fortuna Düsseldorf. Das Sympathisieren mit Celtic ist hierzulande fraglos einer der sichtbarsten Ausweise für eine linke Gesinnung von Fußballfans.

Die »Jungle World«-Maskottchen-Empfehlung: Gerry Adams

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