Jungle Sommerfest / 25 Juli 2014 / Griesmühle / Sonnenallee 221 / Berlin
Missy-Magazin
Jürgen Kiontke: Hat den Film »Cloud Atlas« gerade so überlebt

Dichte Wolken

Die Literaturverfilmung »Cloud Atlas« ist eine Kampfansage an das Hollywood-Kino und an die Sehgewohnheiten des Publikums.

von Jürgen Kiontke

Eine eigene Sorte Kinofilm sind jene, die man sich nicht wirklich gut anschauen kann. Man denke ganz einfach an physisch bedingte Schwierigkeiten, zum Beispiel wenn der Film länger als acht Stunden dauert, die ganze Zeit rumkrakeelt wird, kein Geld für Licht da war, nur Mumpitz gezeigt wird oder die Kamera zum Gezeigten dauerhaft drei Zentimeter Abstand hält. Allerdings gibt es einen Markt für diese Sorte Film, sonst würden sie nicht andauernd produziert. Kurzum, wer David Lynchs »Inland Empire« und »Tree of Life« von Terrence Malick gut findet, wird auch an diesem Film seine Freude haben: Denn die Geschwister Lana und Andy Wachowski haben gemeinsam mit Tom Tykwer einen Film gedreht, der dem Publikum allerlei abverlangt. »Cloud Atlas« heißt das gute Stück, das die Macher von »Matrix« bzw. »Das Parfüm« beinahe drei Stunden lang auswalzen.

»Cloud Atlas« ist eine Literaturverfilmung, der Roman »Der Wolkenatlas« von David Mitchell hat 600 Seiten – Literaturverfilmung, een janz schwierijet Kapitel. Bücher im Kino: zerhackt, zerstückelt, verfälscht. Aber mal ehrlich, wer geht ins Kino, um den Abgleich mit der Vorlage zu machen? Geht man nicht eher in den Film, um das Buch nicht lesen zu müssen?

Im Fall von »Cloud Atlas« gibt es allerdings schon bei der Vorlage ein gehöriges Hindernis für eine mögliche userfreundliche Umsetzung: Es werden sechs Geschichten parallel erzählt. Das Buch galt als unverfilmbar. Recht so.

Was sich in literarischer Form gut ausnehmen mag, führt im Kino denn auch zu einem psychoseartigen Zustand. Es schnattert gewaltig mal sechs. Und das in einem topmodernen Erzählmodell. Alle geschätzten 45 Sekunden wechselt die Szenerie, das dürfte der durchschnittlichen Dia-Show-Taktrate des neuen Apple MacPro entsprechen – das große Zugeständnis an die Sehgewohnheiten. Wie Zappen, aber ohne Fernbedienung. Als wenn dieser optische Terror nicht genug wäre, spielen dieselben Schauspieler in sechs Erzählsträngen unterschiedliche Figuren. Nach Aussage der Regie sind aber alle Stories miteinander verbunden. Hoffentlich stimmt’s!

Die ersten Filmkritiker liefen schon schreiend durch die Straßen und luden sich schnellstens die Motz-App vom Synonym-Lexikon herunter, um dem Werk angemessene Beschimpfungen zu finden. Einer hat sogar die Absätze seiner Kritik nummeriert, um die Steigerung des Ärgers zu versinnbildlichen! Auch sei der Film nicht werkgetreu und verkehre die Botschaft des Buchs ins Gegenteil. Scharen von lustigen Blog-Einträgen gutmeinender Filmliebhaber werden folgen. Gern sagt man in so einem Fall: Der Film wird für Diskussionen sorgen.

Schauen wir uns mal den Inhalt an:

Der erste Track spielt im Jahr 1849. Ein amerikanischer Anwalt befindet sich auf einem Sklavenschiff auf hoher See. Der Schiffsarzt versucht, den jungen Mann zu töten, um an dessen Geld zu kommen. In Story zwei schreibt ein junger Musiker in Diensten eines alten Komponisten das titelgebende »Wolkenatlas-Sextett«. In Geschichte drei enthüllt eine engagierte Journalistin ein äußerst schräges Komplott: Die Ölindustrie wird für einen nuklearen Super-Gau sorgen, um die Atomkraft nachhaltig zu diskreditieren. Wir schreiben das Jahr 1973. Im Jahr 2012 wird ein Verleger von seinem reichen Bruder in einem Altersheim interniert. Geschichte fünf zeigt eine geklonte Kellnerin des Jahres 2144, die Widerstand gegen ein übermächtiges System leistet. Und zum guten Schluss tauchen wir ein ins Jahr 2346 – ein leicht schrulliger Aborigine steht im Kampf mit echten und mystischen Gegnern.

Stilwechsel im Schnelldurchlauf: Käpt’n Ahab trifft Dorian Gray, während das »China Syndrom« läuft und Woody Allen einen Seniorenstift aufmischt, unterbrochen vom Hello-Kitty-Kellnerinnen-Plot im Matrix-Style. Dann gibt’s noch ein bisschen »Underworld«/»Mad Max« zum Ausstieg. Das setzt allerdings voraus, dass man überhaupt einen Einstieg gefunden hat. Denn spätestens beim 30. Szenenwechsel droht Bilderbrei im Kopf. Schön, dass der Cutter seinen Spaß hatte. Zumindest in einer der Sciene-Fiction-Stories wird ein selten blöder Slang gesprochen, und es macht keinen Film besser, wenn die Kamera quasi aufs Gesicht eines Langeweilers wie Tom Hanks gebunden wird. Sechs Schicksale in 500 Jahren – und doch ist völlig belanglos, was da gezeigt wird.

Nun ist es schon ein Wunder, dass drei erprobte Filmprofis sowas abliefern. Anspruchsvoll war das Projekt ja schon, vielleicht hätte man sechs Filme daraus machen können. Andere Überlegung: Früher hätte der Produzent die Regisseure mit LSD vollgepumpt, dann wären hier die Geschichten mit schönen Farbschlieren in­einander verlaufen.

Leider geht’s heutzutage nur um eines: Geld. Denn der ganze Film dreht sich im Prinzip nur um seine eigene Finanzierung. Das Volumen erreicht dabei locker den wöchentlichen Schulden­etat einer durchschnittlichen Mittelmeer­öko­nomie. 100 Millionen Euro hat er gekostet, das teuerste in und von Deutschland produzierte Filmvorhaben.

Wenn man also etwas über dieses Werk erfahren will, lässt man nicht die Filmtheoretiker ran, sondern den Produzenten. Das ist Stefan Arndt, der Finanzchef von X-Filme-Verleih. Was er sagt, legt eigentlich nahe, dass es sich hier um eine Form der Private Public Partnership handelt. Geht doch auch jede Menge Filmförderung in dieses Projekt, circa 20 Prozent des Budgets stammen aus Fördertöpfen. Der Druck, die Kosten einzuspielen, ist groß. Der Film startet mit 2 000 Kopien.

Das Wichtigste: »Es ist ein rein deutscher Film mit internationaler Besetzung«, so Arndt in einem Interview mit dem Portal Medienpolitik.net. Da soll sich »eine Zeitenwende« ankündigen, vor allem, was die Vorherrschaft Hollywoods angeht. Die Europäer hätten keine Lust mehr, »sich enteignen« zu lassen, »indem sie ihr Eigenkapital als Investment nach Hollywood geben und dann dort das mit ihrem Eigenkapital Hergestellte überteuert kaufen müssen«, so der Produzent. »›Cloud Atlas‹ zeigt, dass wir in der Lage sind, mit dem Know-how in Deutschland solche großen Filme, solche herausragenden Bücher mit kleineren Mitteln umzusetzen.« Was »Cloud Atlas« von einem Hollywood-Blockbuster sonst noch unterscheide? »Von der filmischen Dimension nicht viel.« Der Verdacht liegt nahe, dass man im Kino kein Zuschauer mehr ist, sondern Kunde. Was macht eigentlich die Filmkunst so?

Fazit: »Cloud Atlas« ist der erste Hollywood-Blockbuster aus Deutschland, ganz ohne in üblichen Hollywood-Schnickschnack wie zum Beispiel – nennen wir es neudeutsch: Viewability. Den herkömmlichen Hollywood-Streifen kann man sich immer noch ansehen, ohne nachhaltig krank zu werden. Das Buch war zwar nicht unverfilmbar, aber der Film ist mehr oder weniger unansehbar.

Und was deutsches Hollywoodkino für Schauspieler bedeutet, konnte man bei »Wetten, dass ..?« begutachten: Halle Berry und Tom Hanks durften bei Markus Lanz drei Stunden über den schwangeren Bauch von Barbara Schöneberger nachdenken. Weitere Anzüglichkeiten inklusive.

Vielleicht geht ja später was. Kino ist nicht alles. Bei der DVD-Auswertung sollte man die sechs Geschichten vielleicht ganz userfreundlich zusammenschalten – und einzeln ansehen.

Cloud Atlas (Deutschland u. a. 2012). Regie: Lana und Andy Wachowski, Tom Tykwer. Darsteller: Halle Berry, Tom Hanks. Kinostart: 15. November

RM16

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