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Martin Krauss: Stellt jüdische Boxer vor, die sich in Konzentrationslagern durchschlagen mussten

Ums Überleben kämpfen

In den deutschen Konzentrationslagern gab es jüdische Boxer aus verschiedensten Ländern, die dort für die Nazis ihren Sport betreiben mussten. Martin Krauss stellt die Biographien einiger von ihnen vor.

von Martin Krauss

Der deutsche Zeichner Reinhard Kleist hat jüngst die Graphic Novel »Der Boxer« vorgelegt, eine Biographie von Hertzko Haft, einem Mann, der Auschwitz nur deswegen überleben konnte, weil er dort boxte, und der später, nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager, unter dem Namen Harry Haft gegen die besten Schwergewichtler seiner Zeit antrat. Kleists famoses Buch basiert auf der Lebensgeschichte Hafts, die dessen Sohn, Alan Scott Haft, 2006 in einem amerikanischen Verlag publizierte – auf der Grundlage der späten Lebensbeichte seines Vaters. 2009 kam die Geschichte auf Deutsch unter dem Titel »Eines Tages werde ich alles erzählen« im Göttinger Werkstatt-Verlag heraus, und kürzlich erschien Kleists Comic im Carlsen-Verlag.

Die Geschichte von Hertzko Haft konfrontierte die sportinteressierte Öffentlichkeit mit einer lange Zeit verdrängten Tatsache: dass Sport nämlich nicht nur eine spannende und muntere Form der Freizeitgestaltung, nicht einfach die, wie ein gängiger Spruch lautet, »schönste Nebensache der Welt« ist, sondern auch Teil von Leiden, von kaum beschreibbarer sadistischer Qual sein kann.

Das Schicksal Hertzko Hafts war kein Einzelfall. In fast jedem KZ, das die Deutschen betrieben, gab es Sportveranstaltungen, die die Häftlinge untereinander oder auch mit Angehörigen des NS-Personals austragen mussten und an denen sich die Nazis delektierten. Auf diese Weise entstanden innerhalb der Lager, in denen es neben Sport auch Musik- und Theateraufführungen gab, ihrem eigenen Begriff spottende, sadistische »Kulturangebote«: Fußball wurde gespielt, zum Teil mit eigenem Ligasystem. Handballpokale wurden ausgelobt. »In Auschwitz stand sogar ein Reck«, berichtet die Historikerin Veronika Springmann, die zu dem nur scheinbar bizarren Thema »Sport und KZ« forscht. Nur in reinen Frauen-KZ und in reinen Vernichtungslagern organisierten die Nazis keine Sportveranstaltungen. Dort, wo Sport betrieben wurde, fand meist auch Boxen statt. Beteiligt daran waren Weltklasseprofis, exzellente Amateure, frühere Olympiateilnehmer, aber auch Männer, die erst im KZ mit dem Boxen anfingen. Meist waren es Juden, oft auch Sinti und Roma. Über Jahrzehnte wurde ihrer nicht gedacht, sie waren vergessen – als hätte es sie nie gegeben. Über einige von ihnen haben Jour­nalisten und Historiker mittlerweile viele Informationen zusammengetragen, bei etlichen Boxern muss man sich aber bis zum heutigen Tage mit fragmentarischen Daten zu ihrer Biographie begnügen. Für viele gilt, was der Freiburger Historiker Diethelm Blecking über die KZ-Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg berichtet: »Es sollen auch Boxer mit olympischen Erfolgen und nationalen Meistertiteln in Neuengamme gewesen sein, etwa ein farbiger Schwergewichtler aus Frankreich, dessen Name allerdings bisher nicht bekannt ist.«

Um an die so unterschiedlichen Männer zu erinnern, die im KZ boxten, weil sie eine Chance haben wollten, mit dem Leben davonzukommen, sollen hier einige Biographien exemplarisch vorgestellt werden.

Hertzko Harry Haft

Hertzko Haft wurde am 28. Juli 1925 in Belchatów geboren, einer mittelgroßen Indus­triestadt nahe Łódź. Seine Eltern waren Moische und Hynda Haft, der Vater handelte mit Obst, das er von den Bauern in die Städte brachte. Als der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 mit dem Angriff Deutschlands auf Polen begann, gehörte Belchatów zu den ersten Kriegszielen: Die Stadt wurde von der deutschen Luftwaffe bombardiert, bereits am 5. Oktober hatten die Deutschen sie eingenommen. Die dortige jüdische Bevölkerung wurde in ein Ghetto gesperrt, wo sie Zwangsarbeit leisten musste. 1941 wurde Hertzko Haft verhaftet und in die Arbeitslager Poznań und Strzelin gebracht. Am 2. September 1943 wurde er über das Sammellager Bochnia nach Auschwitz deportiert. Dort kam er in das KZ Auschwitz-Monowitz, das vorher unter dem Namen Buna geführt worden war und oft auch als »Auschwitz III« bezeichnet wird. Monowitz war ein Arbeitslager, es lag in unmittelbarer Nähe zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Hier hat Haft geboxt, protegiert von einem SS-Mann, dessen bürgerlicher Name bis heute nicht bekannt ist und der in der Biographie und der Graphic Novel »Schneider« genannt wird. Es könnte sich um den Lagerkommandanten Heinrich Schwarz, einen Boxnarren, gehandelt haben – aber bewiesen ist das nicht.

Hertzko Haft wurde die Häftlingsnummer 144738 in den Unterarm tätowiert. Allerdings wurden weder sein Name noch der seines mit ihm eingelieferten Bruders Perez, noch die der anderen etwa 3 000 an diesem Tag aus Bochnia ankommenden Häftlinge in den Listen des KZ notiert. Es war kein Einzelfall, dass sich die Lagerbürokratie durch das nationalsozialistische Mordprogramm überfordert sah. Später wurden die Haft-Brüder in das Nebenlager Jaworzno verlegt. Als im Verlauf des Zweiten Weltkriegs die Einheiten der Rote Armee näherrückten, wurden die Häftlinge, darunter auch Hertzko und Perez Haft, auf Todesmärsche in Richtung Westen geschickt. Der erste führte sie, beginnend am 17. Januar 1945, von Jaworzno in Schlesien, etwa 20 Kilometer bei Kattowitz, nach Groß-Rosen in Niederschlesien, etwa 50 Kilometer von Breslau entfernt. Bald wurde auch das KZ Groß-Rosen geräumt, und der Todesmarsch führte die Häftlinge nach Flossenbürg in Bayern. Dort wurde am 13. Februar 1945 die Ankunft der Brüder Haft bürokratisch festgehalten. Aus Flossenbürg und ähnlichen KZ, in denen katastrophale Enge, miserabelste hygienische Verhältnisse und eine unerträgliche Nahrungsmittelknappheit herrschten, sind auch Fälle von Kannibalismus bekannt geworden. Am 16. März 1945, auch das ist durch die Dokumente der Lagerbürokratie verbürgt, wurden die Brüder Haft von Flossenbürg nach Leonberg bei Stuttgart verbracht. Als sie danach von Leonberg wieder auf einen Todesmarsch geschickt wurden, diesmal nach Bayern, in die KZ-Außenlager Kaufering und Mühldorf, konnte Hertzko Haft fliehen. Sein Bruder Perez kam im Lager an und wurde bald von der US-Armee befreit.

Zunächst blieb Haft danach in Bayern, wo er Ende 1946 bei einem Boxturnier für jüdische displaced persons vor 10 000 Zuschauern gewinnen konnte. Danach wanderte er in die USA aus, wo er 1948 Profiboxer wurde. Seine Karriere begann mit elf hintereinander, meist durch K.o. gewonnenen Kämpfen hervorragend. Dann aber setzte eine Serie von Niederlagen ein. Am 18. Juli 1949 verlor Haft im Rhode Island Auditorium in der Stadt Providence den letzten Boxkampf seines Lebens durch K. o. in der dritten Runde. Es war der Kampf gegen den späteren Schwergewichtsweltmeister Rocky Marciano. Ob dieser Kampf wirklich von der Mafia manipuliert worden war, wie Haft Zeit seines Lebens behauptet hat, lässt sich nicht sicher sagen: Einerseits wurde Marciano tatsächlich von der Mafia protegiert, andererseits war er definitiv einer der besten Schwergewichtsboxer des vergangenen Jahrhunderts, in einer Reihe mit Joe Louis oder Muhammad Ali. Hafts Kampfbilanz nach 21 Profikämpfen lautete: 13 Siege, davon acht durch K. o., acht Niederlagen, davon fünf durch K. o. Im Jahr 2007 starb Hertzko Harry Haft in den USA.

Victor »Young« Perez

Ein ähnliches Schicksal, aber eine völlig andere Lebensgeschichte hatte Victor »Young« Perez, der 1911 im französischen Tunesien als Victor Younki zur Welt kam und in einer sefardischen Familie im jüdischen Viertel von Tunis aufgewachsen ist. Mit 14 Jahren wurde er Boxer im Makkabi-Verein von Tunis, er verehrte den ­Senegalesen »Battling Siki«, den ersten afrikanischen Weltmeister der Boxgeschichte. Perez ging 1927 als Profi nach Frankreich, verdiente dort gutes Geld und hatte eine Zeitlang eine Beziehung mit der monegassischen Schauspielerin Mireille Balin. 1931 schlug Perez den Ame­rikaner Frankie Genaro und wurde dadurch Weltmeister im Fliegengewicht. »Die Rückkehr nach Tunis wurde zu einem wahren Triumphzug«, berichtet Diethelm Blecking. »Einhunderttausend begeisterte Zuschauer säumten die Avenue Jule-Ferry und huldigten dem Champion.«

Noch 1938, am 9. November, dem Tag der »Reichskristallnacht«, reiste Perez nach Berlin, um dort zu boxen, wie Blecking herausgefunden hat. Aus Furcht angesichts der Pogrome, deren Zeuge er dort wurde, verließ er das Hotelzimmer nicht. Wenige Tage später verlor er beim Kampf in der Deutschland-Halle gegen den Österreicher Ernst Weiss nach Punkten und wurde vom deutschen Publikum mit Hasstiraden überschüttet.

Als die Wehrmacht Paris besetzte, versuchte sich Perez zu verstecken, um entkommen zu können, doch er fiel einer Denunziation zum Opfer. Am 21. September 1943 wurde er inhaftiert und schon bald nach Auschwitz deportiert. Dort kam er als Zwangsarbeiter der IG Farben ins Arbeitslager Monowitz, wo er zum Vergnügen der SS-Leute schauboxen musste; der griechische Jude Jackie Razon hatte eigens für die SS eine Boxstaffel zusammengestellt. Von einem der Kämpfe berichtet Diethelm Blecking: »Der Fliegengewichtler, der Perez nach den Strapazen des Lagers wieder war, kämpfte gegen einen fetten, 25 Kilo schwereren Wehrmachtssoldaten. Das Publikum bestand aus 200 SS-Männern, die aus allen Ecken, auch benachbarten Lagern, gekommen waren. Dazu kamen einhundert bis einhundertfünfzig Blockälteste und Kapos aus der Lager-Nomenklatura sowie Hunderte von Häftlingen, die aus 100 Meter Entfernung zuschauten.« Der Kampf wurde, so berichten Augenzeugen, von Perez überlegen geführt, aber letztlich unentschieden gewertet.

Als die alliierten Truppen näherkamen, schickte die SS die Häftlinge aus Monowitz auf einen Todesmarsch nach Gleiwitz. Young Perez überlebte ihn nicht, er wurde am 22. Januar 1945 ermordet, wahrscheinlich durch den Schuss eines Bewachers.

Verfilmtes Leben

Die Biographien mehrerer Boxer in deutschen KZ sind im Laufe der Jahre verfilmt worden, doch bekannter als Perez oder Haft wurden sie dadurch nicht. Ein Beispiel dafür ist der Pole Tadeusz »Teddy« Pietrzykowski, der polnischer Vizemeister im Bantamgewicht war. Er hatte erst mit 20 Jahren Boxen gelernt, und zwar nicht im Zusammenhang einer Profikarriere, sondern während seiner Ausbildung zum Sportlehrer. Als die Wehrmacht 1939 Polen überfiel, meldete sich Pietrzykowski zur Verteidigung Warschaus. Im Frühjahr 1940, nach Polens Kapitulation, versuchte er sich nach Frankreich durchzuschlagen, wurde aber an der ungarisch-jugoslawischen Grenze verhaftet. Zunächst kam Pietrzykowski ins Gefängnis, doch schon 1940 wurde er nach Auschwitz deportiert. Vermutlich hat er dort 40 bis 60 Kämpfe bestritten. Es gibt Berichte, wonach er auch gegen den niederländischen Mittelgewichtler Lee Sanders gewonnen haben soll. Von Auschwitz wurde Pietrzykowski nach Neuengamme gebracht, wo er noch etwa 20 weitere Kämpfe absolviert haben soll, und kam schließlich nach Bergen-Belsen, wo er im April 1945 von der britischen Armee befreit wurde. Später organisierte er die Sportausbildung in der polnischen Armee.

Angeregt durch Pietrzykowskis Leben, schrieb zunächst der polnische Schriftsteller Józef Hen seine Erzählung »Der Boxer und der Tod«, die 1964 auf Deutsch erschien. Bereits 1963 hatte der tschechoslowakische Regisseur Peter Solan den gleichnamigen Film über ihn gedreht, der, obwohl der beliebte DDR-Schauspieler Manfred Krug mitspielte, nie auf Deutsch in die Kinos kam und daher hierzulande völlig unbekannt ist.

In einem US-amerikanischen Boxerfilm verarbeitet wurde das Leben des Griechen Salamo Arouch, der mit 14 Jahren seinen ersten Boxkampf absolvierte. Bis 1939 hatte er eine Bilanz von 24 K. o.-Siegen. Mit 17 Jahren, im Jahr 1941, wurde Arouch Balkanmeister im Superweltergewicht. Nachdem die Wehrmacht Griechenland besetzt hatte, kam Arouchs ganze Familie nach Auschwitz. Dass Arouch Boxer war, sprach sich herum, und bald musste er mehrmals die Woche antreten. Insgesamt absolvierte er nach eigenen Angaben 208 Kämpfe – keinen einzigen verlor er, auch wenn er oft gegen schwerere Gegner antreten musste. »Es waren eine Art Hahnenkämpfe«, berichtete Arouch später der New York Times. Die unterlegenen Kämpfer, so erinnerte er sich, seien zumeist ermordet worden. Salamo Arouch überlebte Diethelm Blecking zufolge »dank seiner boxerischen Fähigkeiten und dank der Wettprämien, für deren Gewinn seine Boxkünste demjenigen garantierten, der auf ihn wettete«. Kurz vor Ende des Kriegs wurde er noch nach Bergen-Belsen deportiert. Dort wurde er befreit. Arouch ging daraufhin nach Palästina, baute den Staat Israel mit auf und begann Anfang der fünfziger Jahre, als 32jähriger, noch eine Profikarriere. Später arbeitete er in Israel als Transportunternehmer.

Arouchs Leben wurde 1989 von Robert M. Young mit Willem Dafoe in der Hauptrolle unter dem Titel »Triumph of the Spirit« (der deutsche Titel lautet »Triumph des Geistes«) verfilmt. Gedreht wurde der Film teilweise auf dem Gelände des KZ Auschwitz-Birkenau. An seinem Ende sieht man Dafoe und Arouch in einer anrührenden Szene gemeinsam in einer griechischen Taverne tanzen.

Arouchs jüdischer Jugendfreund und Boxkollege Jackie »Jacko« Razon wurde mit seiner Familie ebenfalls deportiert. 1939, als 18jähriger, war der Mittelgewichtler griechischer Meister der Amateure geworden. Das Boxen hatte er gemeinsam mit Arouch gelernt. Für Olympias Salonika, den Fußballclub seiner Heimatstadt, stand Razon sogar in der ersten griechischen Liga im Tor. 1943, als die Deutschen Griechenland eingenommen hatten, kam er nach Auschwitz, zwei Monaten später nach Buna, ins spätere Arbeitslager Monowitz. Die Boxerstaffel, die er dort im Auftrag der SS zusammenstellte und zu der zeitweise auch Victor »Young« Perez gehörte, bestand aus zwölf Boxern, Juden und Nichtjuden, Profis und Amateure. Razon musste jede Woche einmal boxen, oft gegen schwerere Gegner. Die meisten seiner Kämpfe hat er gewonnen, über 120 sollen es gewesen sein. Ihm wird nachgesagt, dass er durch seine guten Kontakte zur Lagerküche, wo er seine Extrarationen bekam, vielen anderen Häftlingen helfen konnte. Nach Monowitz wurde er nach Gleiwitz, dann nach Mittelbau-Dora gebracht. Auch in Dora boxte er. Später verbrachten ihn die Nazis nach Bergen-Belsen, wo er auch gegen seinen Jugendfreund Salamo Arouch boxen sollte. Die Befreiung des Lagers im Mai 1945 durch die britische Armee verhinderte den Kampf.

Nach 1945 organisierte Razon eine von den britischen Mandatsbehörden als illegal bezeichnete Einwanderung von Shoa-Überlebenden nach Palästina. Als 1989 die Verfilmung von Arouchs Leben in den USA die Kinos kam, reichte Razon Klage ein: Es sei in Wahrheit sein Leben gewesen, das da in Szene gesetzt worden sei. Der Protest blieb erfolglos.

Leone Efrati und Francesco Buonagurio

Unter den Männern, die in deutschen KZ boxen mussten, waren auch zahlreiche Italiener. Einer der prominentesten unter ihnen war Leone »Lelletto« Efrati. Nach einer erfolgreichen Karriere, die 1935 für den damals 20jährigen ihren Anfang nahm, ging er 1938 in die USA. Ende 1938 erhielt der Federgewichtler scheinbar eine Titelchance: Gegen den amerikanischen Weltmeister Leo Rodak ging er über zehn Runden – und verlor. Vermutlich war der Kampf allerdings ohnehin nicht als Titelkampf lizensiert gewesen, das Statistikportal boxrec.com spricht von einem »dandy fight«. Auf jeden Fall wurde Efrati damals als Nummer zehn auf der Weltrangliste geführt. Manche vermuten, dass Efrati durch einen Sieg über Rodak in den USA hätte bleiben können. So aber wurde der Jude nach Italien abgeschoben, und Italien war ein Verbündeter Deutschlands.

Um 1940 herum wurde Efrati dann nach Au­schwitz deportiert. Die italienische Journalisten Alessandro Ferrarini und Paolo Consiglio haben seine Geschichte recherchiert: »In Auschwitz wurde er gezwungen, an grausamen Boxkämpfen teilzunehmen, wo er gegen wesentlich schwerere Gegner kämpfte – zum Amüsement der Wachen.« Nach Ferrarinis und Consiglios Recherchen hat Efrati all das überlebt. »Aber als sein Bruder von den Wachleuten schwer geschlagen wurde, hat er laut reagiert und Rache geschworen. Niemand hat ihn geschlagen – außer die bewaffneten deutschen Soldaten: Leone Efrati wurde in Auschwitz ermordet und starb am 19. April 1944.«

Als »Kid Francis« wurde Efratis Landsmann Francesco Buonagurio bekannt. Geboren 1907 in Neapel, gab er 1923 16jährig sein Profidebüt. Überwiegend boxte er in Frankreich, seit 1924 lebte er abwechselnd in Paris und in Buenos Aires, seine Kämpfe trug der Bantamgewichtler vor allem in Frankreich und Argentinien aus. 1924 schlug er mit Humberto Guzman den damals amtierenden Südamerikameister im Fliegengewicht. 1925 wurde er französischer Bantamgewichtsmeister, 1926 verlor er gegen Henri Scillie den Kampf um die Europameisterschaft nur knapp nach Punkten.Von 1927 bis 1929 boxte er viel in den USA, wo – im Vergleich zu Europa und Lateinamerika – die besseren Börsen gezahlt wurden. Einmal, 1931 im legendären ­Madison Square Garden von New York, lieferte sich Kid Francis einen Schaukampf gegen Fidel LaBarba: Vor fast 8 000 Zuschauern begeisterte Francis mit einer »entfesselten Boxvorstellung«, wie die New York Times schrieb. Gegen den legendären »Panama« Al Brown verlor Francis sowohl 1932 als auch 1934 einen WM-Kampf jeweils nur nach Punkten.

Als die Wehrmacht Paris besetzte, wurde Kid Francis als Jude festgenommen und bald nach Auschwitz deportiert. Von dort ist bekannt, dass er auch Schaukämpfe vor SS-Leuten absolvieren musste. 1943 wurde er in Auschwitz ermordet.

Ben Bril und Leen Sanders

Noch früher als Kid Francis’ Karriere begann die des Niederländers Ben Bril. Mit 15 Jahren wurde er niederländischer Meister, ein Jahr später war der Fliegengewichtler schon Olympiaboxer. Eine enorme Karriere für einen, der aus dem armen jüdischen Viertel Amsterdams stammte und als Straßenschläger angefangen hatte. 1932 durfte Bril nicht an den Olympischen Spielen in Los Angeles teilnehmen. Angeblich, weil der niederländische Boxverband nicht genügend Geld hatte. Der Sekretär des Boxverbandes war später Nationalsozialist; nicht wenige vermuten als Grund der Entscheidung, Bril nicht zu entsenden, Antisemitismus. Vier Jahre später, bei den Spielen in Berlin, weigerte sich Bril selbst teilzunehmen. »Ich war dort im Jahr 1935 wegen eines Boxkampfs. Wir sahen überall braune Shirts, Fahnen mit Hakenkreuzen«, erinnerte er sich später in einem Interview. »Ich sagte dann: Solange dieses Regime an der Macht ist, werde ich nicht noch einmal nach Deutschland gehen.«

Gipfel seiner Sportlerkarriere war die Goldmedaille bei der Makkabiade 1935. Das Sportfest, gerne als »Jüdische Olympiade« bezeichnet, war ein letzter Höhepunkt des jüdischen Sports vor der Shoa. Als die Deutschen die Niederlande besetzten, wurden Bril, seine Frau und sein Sohn zunächst ins KZ Westerbork deportierte, später nach Bergen-Belsen. Vier seiner Brüder und eine Schwester kamen in den KZ um. Ben Bril und sein jüngerer Bruder Herrie überlebten. Ob und unter welchen Umständen Bril im KZ geboxt hat, ist nicht bekannt.

In den Niederlanden wurde Bril nach 1945 Boxfunktionär und Ringrichter der Amateure: Nicht nur bei Olympischen Spielen, auch bei der Fernsehshow »Spiele ohne Grenzen« wirkte er als Schiedsrichter. Im Alter von 91 Jahren starb Ben Bril 2003 in Amsterdam. Posthum wurde unter dem Titel »Ben Bril – ausgezeichnet mit einem Davidstern« seine Biographie veröffentlicht. Der niederländische Boxverband richtet regelmäßig die Boxgala »Ben Bril Memorial« aus.

Über Brils Landsmann Leen – Geburtsname: Leendert Josua – Sanders gibt es wesentlich weniger Informationen. Sein Profidebüt hat der Mittelgewichtler bereits mit 18 Jahren gegeben, 1929 konnte er den Deutschen Gustav Eder besiegen, aber trotz dieses Erfolgs und anderer Siege über starke Gegner gelang ihm kein großer Titel: Niederländischer Leicht- und Mittelgewichtsmeister sind seine größten Meriten, 1936 verlor er einen EM-Kampf gegen den Belgier Felix Wouters. Noch im Dezember 1940 absolvierte Sanders einen Profikampf in Amsterdam. 1941 wurden er und seine Familie nach Auschwitz verschleppt, weil sie Juden waren. Sanders’ Frau, seine Söhne, seine Eltern und sieben Geschwister wurden dort umgebracht. Leen Sanders überlebte, weil er in Auschwitz geboxt hat. Nach der Befreiung aus Auschwitz ging er in die Niederlande zurück und bestritt dort noch zwei Profikämpfe. Im Jahr 1992 starb Leen Sanders 83jährig in Rotterdam.

Leon Greenman und Bully Salam Schott

In manchen Schriften wird Leon Greenman als der einzige Engländer, der in Auschwitz war, geschildert, was aber nicht richtig ist. Der 1910 im Londoner East End geborene Greenman stammte mütterlicherseits von aus Russland eingewanderten Juden ab. Als Jugendlicher lernte er das Boxen, von Beruf wurde er aber Friseur. Auf Grund familiärer Bindungen hatte er einen Teil seiner Jugend auch in den Niederlanden verbracht, wohin er auch nach seiner Hochzeit 1935 zog. Als die Wehrmacht 1940 in die Niederlande einmarschierte, wurde Greenman bald verhaftet. Im Oktober 1942 wurde er in das Lager Westerbork deportiert. Bald kam er nach Auschwitz-Monowitz. Ob Greenman dort geboxt hat, ist nicht bekannt. 1945 wurden die Häftlinge auf einen Todesmarsch nach Gleiwitz geschickt und von dort weiter nach Buchenwald deportiert. Von den 700 Häftlingen, die von Westerbork aus diese Deportation erleiden mussten, haben nur Greenman und ein weiterer Mann überlebt. Nach 1945 ging Greenman nach London zurück. Als er 1962 am Trafalgar Square in London eine Kundgebung der britischen rechtsextremen Partei erlebte, entschloss er sich, politisch aktiv zu werden. Er berichtete in der britischen Öffentlichkeit von seinem Schicksal, legte auch ein Buch, »Leon Greenman Auschwitz Survivor 98288«, vor. 2008 ist Leon Greenman im Alter von 97 Jahren gestorben.

Bully Salam Schott war staatenlos. Geboren 1914 in Polen, lebte er ab 1918, weil die Familie vor antisemitischen Pogromen fliehen musste, lange Zeit im Berliner Scheunenviertel und verdiente sein Geld als Schlosser und Klempner. Boxen gelernt hatte er als 16jähriger bei Makkabi. Als sicher kann gelten, dass Schott verhaftet und ins KZ Sachsenhausen deportiert wurde. Nach drei Jahren wurde er nach Auschwitz-Monowitz verbracht. Ob er dort geboxt hat, ist nicht bekannt. Er gehörte aber zu den ganz wenigen Häftlingen – vermutlich waren es insgesamt nur 76 –, denen die Flucht aus Auschwitz gelang, wie der Historiker Konrad Kwiet berichtet: Mit Hilfe seiner Frau Gerda und einem deutschen Zivilarbeiter namens Richard Sommerlatt konnte er am 16. August 1944 dem Lager entkommen. Schott kehrte nach Berlin zurück und lebte im Untergrund. Zu seinen Freunden, die ihn versteckten, gehörte auch Paul Noack, 1926 bis 1929 sowie von 1930 bis 1932 Deutscher Federgewichtsmeister, ein enger Freund von Max Schmeling. Noack brachte Schott in seiner Kohlenhandlung unter.

Nach 1945 machte sich Schott gemeinsam mit anderen jüdischen Überlebenden der Shoa auf die Suche nach NS-Tätern. Unter anderem konnte mit seiner Hilfe der SS-Mann Walter Dobberke gefangen genommen werden; der hatte als Sammellagerleiter unter anderem Schotts Frau Gerda misshandelt. Schott ging mit seiner Frau nach Australien und lebte in Sydney als Klempner. Konrad Kwiet, der Schott lange interviewt hat, berichtet, dass dieser auch gerne als Wetter zu Pferderennen ging und dort »die Angewohnheit hatte, auf den Wettscheinen die Zahlen einzutragen, die auf seinen linken Unterarm tätowiert waren: seine Auschwitzer Häftlingsnummer 70212«.

Deutsche Boxer weinen nicht

Ende der zwanziger Jahre war der Sinto Johann »Rukelie« Trollmann aus Hannover einer der besten norddeutschen Amateurboxer. Als er nicht für die Olympischen Spiele 1928 nominiert wurde – vermutlich, weil er als »Zigeuener« galt –, wurde er Profi. Trollmann war ein Boxer, der polarisierte. Fachlich begründetes Lob im Fachblatt Boxsport – er »sidestept, dreht ab, um plötzlich wieder am Mann zu sein, und Serien beidhändiger Haken landend« – wechselte mit rassistischer Hetze: »Der Trollmann wird nie aus seiner Haut heraus können und bedeutet für jede seriöse Veranstaltung eine Gefahr«, da er »plötzlich wie ein Derwisch« tanze. Doch Trollmann boxte sich hoch: Am 9. Juni 1933 kämpfte er gegen den Kieler Adolf Witt um die vakante deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht. (Vakant war der Titel, weil der Inhaber, der jüdische Boxer Erich Seelig, emigrieren musste.) Trollmann boxte überlegen, doch der nationalsozialistisch dominierte Boxverband wollte ihm den Gürtel nicht geben. Das Publikum tobte und protestierte, und Trollmann wurde doch deutscher Meister. Nach vier Tagen erkannte der Verband ihm den Titel wieder ab: Ein deutscher Boxer, hieß es im Boxsport, dürfe »nicht weinen, erst recht nicht ein Meister in aller Öffentlichkeit heulen oder wenigstens den ›Heulenden‹ markieren«.

Trollmann boxte auf Rummelplätzen weiter, immer wieder von Repressalien bedroht. 1938 wurde er verhaftet. Zunächst kam er ins Arbeitslager, dann in die Wehrmacht zum Einsatz an der Ostfront, 1942 wurde er dann ins KZ Neuengamme deportiert. Im KZ musste Trollmann zum Amüsement der SS-Männer boxen. Am 9. Februar 1943 wurde er für tot erklärt. Der Hamburger Sportjournalist Roger Repplinger fand Aussagen eines anderen KZ-Häftlings, wonach Trollmann unter dem Namen eines verstorbenen oder ermordeten KZ-Insassen in das KZ-Außenlager Wittenberge gekommen ist. Immer wieder wurde er dort von SS-Leuten und Kapos zum Boxen gezwungen; im Jahr 1944 trat ein Kapo namens Emil Cornelius gegen Trollmann an. Als Trollmann ein Niederschlag gelang, nahm sich Cornelius einen Knüppel und erschlug ihn.

Mit 17 Jahren kam der Straßburger Jude Noach Klieger nach Auschwitz, das war im Jahr 1943. Lagerkommandant war Heinrich Schwarz, dem nachgesagt wurde, sich zu seinem privaten Amüsement eine Boxstaffel zusammengestellt zu haben. Klieger hatte vorher nie geboxt, aber als ein SS-Mann nach Freiwilligen für Schwarz’ Staffel fragte, meldete er sich. »Ich weiß nicht, was mich damals geritten hat, die Hand an der Rampe zu heben«, sagte Klieger später dem Journalisten Helmut Kuhn für die Jüdische Allgemeine. Als einer der Häftlinge, die jeden Sonntag für die SS Schauboxen vorführen mussten, erhielt Klieger einen Teller Suppe extra pro Tag. Insgesamt absolvierte er 22 Kämpfe – »gewonnen habe ich keinen«. Mit ihm haben, berichtete er einmal, noch zwei Boxeuropameister und ein früher Profifußballer in Auschwitz geboxt. Nach Auschwitz kam er nach Dora-Mittelbau und wurde dann, als die Rote Armee näherrückte, auf die Todesmärsche geschickt. Klieger konnte jedoch überleben.

Nach 1945 wurde er Kommandant des legendären Schiffes »Exodus«, das Juden nach Palästina brachte. Geboxt hat er nach Auschwitz nicht mehr, aber er gründete als Basketballfan in Belgien und Frankreich Makkabi-Clubs, Vereine der großen, weltweiten jüdischen Sportbewegung. Später, in Israel, wurde er nicht nur Journalist bei dem Boulevardblatt Yedioth Ahronot, für das er noch immer schreibt, sondern auch Präsident von Makkabi Tel Aviv, bis heute einer der besten Basketballclubs der Welt.

Es gab noch andere jüdische Boxer aus Deutschland oder überfallenen Ländern, deren Biographien jedoch nur bruchstückhaft bekannt sind. Der Niederländer Benny Bluhm etwa war Amateurboxer, aus seiner Boxschule re­krutierte er viele junge Männer, um mit ihnen Widerstandsaktionen gegen die deutschen Besatzer durchzuführen. Berühmt wurde die von seiner Gruppe ausgeführte Ermordung des niederländischen Nationalsozialisten Hendrik Koot im Jahr 1941. Bluhm überlebte den Krieg. Szapsel Rotholc war einer der besten polnischen Boxer der dreißiger Jahre und der erste Jude, der je polnischer Boxmeister geworden war. Er arbeitete bei der Warschauer Ghettopolizei und hat, wie der Historiker Diethelm Blecking zeigt, vielen Menschen geholfen. Dennoch wurde er nach 1945 in Warschau wegen Kollaboration verurteilt; das Urteil wurde später aufgehoben. Der bereits erwähnte Erich Seelig war 1933 noch deutscher Mittel- und deutscher Halbschwergewichtsmeister der Profis geworden. Sein Bruder Heinrich unterhielt in Berlin eine Boxschule, in der etliche Profis trainierten. 1933 emigrierten die Brüder: Erich nannte sich in den USA Eric und boxte gegen die Weltklasse. Harry Stein war von 1925 bis 1928 deutscher Fliegengewichtsmeister der Profis und von 1932 bis 1933 Federgewichtsmeister. 1930 wirkte er an Max Schmelings Film »Liebe im Ring« mit. Er konnte 1933 emigrieren und ging in die Sowjetunion. Über sein Schicksal ist nichts bekannt, im Box-Brevier aus dem Jahr 1948 heißt es nur: »Harry Stein ist als Boxlehrer in Sowjetrussland gestorben.« Weitere jüdische Boxer, die Startverbot erhielten, waren Meergrün aus Berlin und Fuchs aus Köln; ihr Schicksal ist unbekannt. Derzeit lassen sich nicht mal ihre Vornamen herausfinden.

Die meisten der Männer, die in KZ deportiert wurden und dort boxten, um zu überleben, wurden in den Lagern umgebracht. Die wenigen, die mit dem Leben davonkamen, konnten später kaum über ihr Leiden berichten. Sie waren traumatisiert, und von dem Sport, den sie in pervertierter Form dort betreiben mussten, wollte niemand etwas hören. Nach der Shoa hatte sich die Gesellschaft dafür entschieden, Sporterfahrungen im KZ als unwichtig abzutun, sie wurden zu einem allenfalls kuriosen Randthema, obwohl sich in ihnen die Barbarei des Na­tionalsozialismus besonders deutlich niedergeschlagen hat. Erst langsam beginnen sich Geschichtswissenschaft und Sportjournalismus für den Gegenstand zu interessieren.

Literatur

Diethelm Blecking/Lorenz Pfeiffer (Hgg.): Sportler im Jahrhundert der Lager. Profiteure, Widerständler und Opfer. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2012, 352 Seiten, 28 Euro

Alan Scott Haft: Eines Tages werde ich alles erzählen. Die Überlebensgeschichte des jüdischen Boxers Hertzko Haft. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2009, 192 Seiten, 16,90 Euro

Reinhard Kleist: Der Boxer. Carlsen-Verlag, Hamburg 2012, 176 Seiten, 17,40 Euro

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