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Jörn Schulz: Essen und Revolte

Speisen wie die großen Herren

Wenn Menschen rebelliert haben, ging es oft ums Essen. Und meistens wollten sie nicht nur satt werden.

von Jörn Schulz

Das Volk hat kein Brot? Dann muss man ihm Kuchen kaufen. So dachte offenbar der ägyptische Schreiber Patwere im November des Jahres 1159 v.Chr., er erwarb 55 kleine Kuchen und verteilte sie unter den streikenden Arbeitern von Deir al-Medina. Das konnte die Lage aber nur vorübergehend beruhigen. An sich ging es den spezialisierten Handwerkern, deren Aufgabe der Bau und die Ausschmückung der Nekropolen westlich des Nils nahe Theben (heute Luxor) war, relativ gut. Sie erhielten neben Getreide auch Gemüse, Fisch und Salböl und für besondere Arbeiten sogar Wertgegenstände. Denn die sorgfältige Ausführung aller Arbeiten an den Gräbern war mehr als lebenswichtig, wenn etwa die Beschwörungsformeln des Totenbuchs nicht korrekt wiedergegeben wurden, musste der Verstorbene damit rechnen, von einem Dämon verschlungen zu werden.

Der erste Streik in der Geschichte der Menschheit, über den es schriftliche Aufzeichnungen gibt, war daher nicht nur eine Herausforderung für den pharaonischen Beamtenstaat, er drohte auch die göttliche Ordnung zu stören. Ausgelöst wurde er durch das Ausbleiben der monatlichen Nahrungsmittellieferungen. In Frage gestellt wurden die herrschenden Verhältnisse offenbar nicht, doch waren sich die Arbeiter ihrer Bedeutung bewusst und forderten den gerechten Lohn für ihre Hilfe beim Weg in das ewige Leben.

»Das Schleppen der Steine ist nicht leicht«, klagten die Arbeiter in ihrem Protestbrief. Sie legten in der offiziellen Darlegung ihrer Forderungen Wert auf die Feststellung, dass sie »nicht wegen des Hungers« in den Ausstand getreten seien, sondern weil »Böses getan wurde an diesem Platz des Pharao«. Warum die Nahrungsmittellieferungen ausblieben, geht aus den Aufzeichnungen nicht hervor. Doch waren die Arbeiter offenbar überzeugt davon, die Gerechtigkeit wiederherstellen zu müssen. Der Streik war wohl erfolgreich, im Frühjahr 1158 v. Chr. scheinen die regelmäßigen Lieferungen wieder aufgenommen worden zu sein.

Wenn der Mangel an Nahrungsmitteln allein die Menschen zum Aufstand treiben würde, hätte es seit der Entstehung der ersten Klassengesellschaften vor etwa 6 000 Jahren keine ruhige Minute gegeben. Derzeit hungern nach UN-Angaben knapp 900 Millionen Menschen, die meisten von ihnen, ohne zu protestieren. Denn zur Revolte kommt es nur, wenn der Hunger nicht als unabwendbares Schicksal oder als Wille Gottes betrachtet wird. Die potentiell Aufständischen müssen der Ansicht sein, dass der Herrscher seinen Pflichten nicht mehr nachkommt, indem er, wie im Fall der ägyptischen Nekropolenhandwerker, das Vereinbarte schuldig bleibt, oder plötzlich mehr Abgaben verlangt als in der Vergangenheit. Ist das der Fall, bedarf es für eine Rebellion keiner akuten Hungersnot. Die meisten Aufstände des Mittelalters richteten sich gegen eine Erhöhung der feudalen Abgaben, geführt wurden sie meistens von reicheren Bauern, die etwas zu verlieren hatten.

Denn beim Essen geht es nicht allein darum, satt zu werden. Welche Nahrungsmittel ein Mensch zu sich nimmt, bestimmt seinen Status in der Gesellschaft, und umgekehrt bestimmt sein Status, welche Nahrungsmittel er zu sich nehmen darf, kann und muss. Über den ersten Streit, der daraus entstand, berichtet bereits die Bibel. Die von christlichen Theologen zum »Sündenfall« umgedeutete Erzählung vom Biss in den Apfel berichtet in Wahrheit davon, wie aus den zweibeinigen Haustieren im Ziergarten Gottes durch den Genuss der verbotenen Frucht Menschen werden, die zur Erkenntnis fähig sind.

Neben religiös begründeten Tabus und den armutsbedingten Einschränkungen gab es in vielen Klassengesellschaften auch weltliche Vorschriften über den Genuss von Nahrungsmitteln. So gehörte im Mittelalter das Wild dem Adel, der allein jagen durfte. Viele Feudalherren verfügten aber auch, dass bei Bauernhochzeiten nur eine festgelegte Zahl von Schüsseln gereicht werden durfte. Angeblich sollte dies die Verschwendungssucht eindämmen, doch dürfte eher die Sorge verarmter Landadliger ausschlaggebend gewesen sein, das Gelage eines reichen Bauern könnte opulenter ausfallen als ihr Gastmahl.

Als die feudalen Privilegien an Akzeptanz verloren, äußerte sich die Unzufriedenheit nicht zuletzt im Bestreben, endlich selbst so zu essen wie die großen Herren. Der französische Adel bemühte sich bekanntlich nicht, die Revolution durch die Verteilung von Kuchen abzuwenden, und der Versuch wäre wohl auch gescheitert. Den nötigen Wohlstand vorausgesetzt, kann nun in einer kapitalistischen Gesellschaft jeder essen, was er will – sollte man meinen. Doch weiterhin ist der tatsächliche oder beanspruchte Status entscheidend für die Auswahl der Lebensmittel, und es gibt in der heutigen sogar erstaunliche Parallelen zu den Aufständen der vorindustriellen Epoche.

Auslöser der arabischen »Brotrevolten« in den siebziger und achtziger Jahren waren Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel. Die Herrscher waren ihrer Verpflichtung, als Gegenleistung für Gehorsam ausreichend Kalorien zu Verfügung zu stellen, nicht mehr nachgekommen. Die steigenden Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse während der Hungerkrise der Jahre 2007 und 2008 führten erneut zu Aufständen, politische Veränderungen brachten jedoch erst die Revolten, die vor zwei Jahren begannen und soziale Ursachen hatten, aber vor allem politische Forderungen vorbrachten. Denn solange der Staat als Versorger angesprochen wird, kann er sich leicht aus der Affäre ziehen. Die Regierungen nahmen Preiserhöhungen zurück, erhöhten die Subventionen oder ließen die Armee Brot verteilen.

Wie aber steht es in einer Zeit, in der die Nahrungsaufnahme so politisiert ist wie wohl nie zuvor in der menschlichen Geschichte, mit dem Bedürfnis, endlich so zu essen wie die großen Herren? Nicht zufällig begann Thilo Sarrazin seine publizistische Karriere mit dem Erfinden von »Hartz-IV-Menüs«, die Vorstellung, dass es so etwas wie ein Armenessen geben sollte, ist noch lebendig. Andererseits werden die billig einkaufenden Armen für Lebensmittelskandale, Massentierhaltung und diverse ökologische Katastrophen verantwortlich gemacht.

Die Völlerei, einst wegen der herausragenden Bedeutung der Gastmähler für den Status eine Dienstpflicht für Angehörige der höheren Stände, gilt nun als Todsünde der Armen und auch in Ländern wie China schon als Grund für regierungsamtliche Besorgnis. Für die Bourgeoisie und ihr politisches Personal ist hingegen der durchtrainierte Körper zum Statussymbol geworden. Zudem bedient sich die aufstrebende grüne Mittelschicht nun ethisch begründeter Nahrungs-tabus, um einen Distinktionsgewinn im Konkurrenzkampf zu erzielen. Mehr und mehr gilt die Nahrungsaufnahme als medizinische Maßnahme und ethische Prüfung. Fast könnte man glauben, die Bourgeoisie stelle ihre Lebensweise bewusst als reizlos dar, damit niemand Anspruch erheben möge, es ihr gleichzutun.

Das allerdings sollte auch nicht das Ziel gesellschaftlicher Emanzipationsbestrebungen sein. Solange für knapp ein Siebtel der Menschheit UN-Proteinkekse den Höhepunkt der Esskultur darstellen, muss für eine ausreichende Versorgung gekämpft werden. Doch ungeachtet der zuweilen skurrilen Debatten beruht die Politisierung der Esskultur auf einem Fortschritt, da sie voraussetzt, dass eine wachsende Zahl von Menschen zwischen diversen Lebensmitteln auswählen kann. Sie müssen nicht mehr um Getreidesäcke kämpfen, sondern nur noch darum, die Nahrungsaufnahme von den Zwängen der kapitalistischen Verwertungslogik zu befreien.

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