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Knud Kohr: Eine Biographie des wandernden Autors Johann Gottfried Seume

Nichts versäumt

Der Schriftsteller Johann Gottfried Seume ging gern zu Fuß und schaffte es bis nach Sizilien und Moskau. Zu seinem 250. Geburtstag ist die Biographie des Wanderers erschienen.

von Knud Kohr

Der Philosoph Christian August Heinrich Clodius fand in der Zeitschrift Minerva weihevolle Worte für seinen verstorbenen Freund Johann Gottfried Seume: »Besonders sind solche von ihrem Schicksale wunderlich geführte Autodidakten, die sich zu einer gewissen literarischen Bildung von selbst emporschwingen, die Lieblinge des Volkes, und finden teilnehmende Freunde unter allen Ständen, weil ihr Beispiel jedem zum Trost gereicht, und beweist, was der Mensch durch sich selbst vermöge.« Seume selbst, der Zeit seines Lebens als knurriger, mürrischer Zeitgenosse galt, fand einige Jahre zuvor eine knappere Zusammenfassung: »Viel gelebt und wenig geschrieben. Besser als umgekehrt.«

Alt wurde Seume nicht. Er wurde am 19. Januar 1763 geboren und starb am 3. Juni 1810. Aber tatsächlich dürfte es kaum möglich sein, in nur 47 Jahren mehr zu erleben als der Reiseschriftsteller, Zeitgenosse Goethes und Freund Schillers. Der Mann war praktisch sein gesamtes Leben über auf der Flucht oder zumindest unterwegs. Zu Fuß erkundete er die Ostseeküste und wanderte nach Sizilien.

In seiner Biographie »Der waghalsige Reisende« erklärt Bruno Preisendörfer Seume zum ersten Vertreter der Gattung Reportage oder zumindest zum Vorboten dieser literarischen Form, die es um 1800 im deutschsprachigen Raum noch nicht gab.

Seume kam als Sohn eines Landwirts in der Nähe von Borna in Sachsen zur Welt. Sein Vater pachtete bald nach Johanns Geburt einen Gasthof mit dazugehöriger Landwirtschaft, um die schnell wachsende Familie ernähren zu können. Diese Pacht war mit Frondiensten verbunden. Der nicht besonders kräftige Mann wurde durch diese Arbeit krank und starb. Die Mutter musste ihre mittlerweile fünf Kinder danach allein durchbringen.

Johann kam auf eine Lateinschule. Vom dortigen Rektor gefördert, sollte er Theologie in Leipzig studieren und später selbst Geistlicher werden. Das war die höchste Förderung, die einem Jugendlichen in der sächsischen Provinz damals zukommen konnte. Doch der Junge hatte scheinbar andere Pläne. Nach ein paar Monaten floh er. Zum ersten, aber nicht zum letzten Mal in seinem Leben. Auf dem Weg nach Paris wurde der junge Mann ohne gültige Papiere von hessischen Soldatenwerbern aufgegriffen. Man zwang ihn in die Armee. Direkt nach der Grundausbildung sollte er in den Krieg ziehen: Seumes Truppe wurde den Engländern für den Einsatz im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg ins kanadische Halifax vermietet, musste dort jedoch keinen Schuss mehr abgeben. Zurück in Europa desertierte er aus der Armee, nur um sich gleich danach unter falschem Namen von preußischen Werbern rekrutieren zu lassen. Bis 1787 diente er als Musketier in Emden. Dann versuchte er wieder zu fliehen, diesmal erfolglos. Er entging seiner Strafe, weil er mittlerweile der Tochter des Garnisonschefs und Emdener Kindern Sprachunterricht gab. Die Eltern stellten nicht nur die Kaution, sondern zahlten Seume sogar einen Heimaturlaub. Von dem er nicht zurückkehrte. Stattdessen schrieb er sich zum zweiten Mal an der Leipziger Universität ein. Danach schien er zunächst zur Ruhe zu kommen. Während in Paris die Bastille gestürmt wird und es in Sachsen zu Bauernunruhen kommt, studiert Seume, ohne der sich rasch verändernden Welt viel Bedeutung beizumessen. 1791 schloss er sein Studium als Magister für Jura, Philologie und Geschichte ab. Im Anschluss an eine Reise nach Riga nahm er eine Stelle als Sekretär bei General Igelstöm an, dem Oberbefehlshaber der russischen Besatzungstruppen in Warschau. Seinem neuen Chef widmete er sogar die Schrift »Über Prüfung und Bestimmung junger Leute zum Militair«. Der polnische Aufstand setzte dieser Zeit relativer Ruhe ein Ende. Seume fand sich für mehrere Monate in polnischer Kriegsgefangenschaft wieder.

Obwohl Seume in den kommenden Jahren einige Reisen unternahm, regelmäßig veröffentlichte, sich ebenso hartnäckig wie unglücklich in die Lyrikerin Wilhelmina Röder verliebte und als Lektor die Werke Christoph Martin Wielands, August Wilhelm Ifflands und Friedrich Gottlieb Klopstocks betreute, bedeuteten die Jahre um die Jahrhundertwende dennoch einen Stillstand in seinem Leben.

Am 6. Dezember 1802 brach er zu Fuß zu einer großen Reisen auf. Diese führte ihn von Magdeburg bis ins sizilianische Syrakus. »Wegtornistern« nannte er seine spontanen und scheinbar wenig geplanten Reisen.

Wieder zu Hause, schrieb er seine Erfahrungen unter dem Titel »Spaziergang nach Syrakus« nieder. Das Buch wurde von der Kritik wohlwollend aufgenommen, aber kein großer kommer­zieller Erfolg. Ein Merkmal seiner Texte ist es, den imaginierten Leser von Beginn an persönlich anzusprechen. Seume wendet sich an den »lieben Leser«, als habe er den zu sich nach Hause eingeladen, um seine Geschichten bei Kaffee und Zigaretten zu erzählen. Vor allem der freimütige Ton und der fragmentarische Stil unterscheiden seine Schriften von der konventionellen Reiseliteratur. Ähnliche Erzählweisen sollten sich erst Jahrzehnte später im deutschen Sprachraum etablieren, so dass Seume das Schicksal vieler Pioniere teilt. Die Innovation wird zunächst als solche nicht erkannt, der Ruhm bleibt den Nachfolgern vorbehalten.

Seume war in Leipzig ein prominenter Bürger. Als er 1805 zu seiner zweiten großen Reise aufbrach, gab es darüber in der regionalen Zeitung viele Vorberichte. Trotz einer Verletzung am Fuß wanderte er einen Sommer lang um die Ostsee, also durch Polen, Russland, Finnland, Schweden und Dänemark und unternahm einen Abstecher nach Moskau. Das Buch »Mein Sommer«, in dem er seine Reiserlebnisse niederschrieb, wurde in mehreren Ländern verboten. Seume war zum politischen Autor geworden, der die auf seinen Reisen beobachteten gesellschaftlichen Missstände zu deutlich geschildert hatte. Krank, ernüchtert und ohne viel Geld kehrte Seume 1802 zurück.

»Dann setze ich mich wieder zu meinem Griechischen und verschulmeistere mein Amphibienleben so gut es geht«, lautete das resignierte Fazit dieser Reise.

Nach seiner Rückkehr blieben Seume noch fünf Jahre, in denen es ihm gesundheitlich immer schlechter ging. Den Schilderungen seines Freundes Clodius zufolge konnte er im letzten Jahr seines Lebens keine Schüler mehr unterrichten, sondern lagerte, halb liegend, gegen einen Bücherschrank gelehnt, in seinem Lieblingssessel. Die Gedichte, die er in dieser Zeit schrieb, zeugen von großer Bitterkeit:

Um die Schläfe wird ach schon das Haar mir weiss,

gar nicht lange dauert’s mehr, so bin ich Greis.

Dann kommt mit der Sichel

Hein und mäht den Michel

Und bugsiert ihn hinter die Gardine.

Zur Vollendung seiner Memoiren, die er unter dem Titel »Mein Leben« begann, fehlte ihm die Kraft. Mitten im Satz endeten seine Erinnerungen mit den Worten »Und nun –«

Clodius überredete ihn zu einer letzten Reise. Am 3. Juni erreichten sie das böhmische Heilbad Teplitz (heute Teplice). Die Kur brachte keine Besserung, im Gegenteil: Die Wirtin des Gasthauses »Zum Goldenen Schiff« wollte Seume und seine Freunde vor die Tür setzen aus Angst, dass der offensichtlich Todkranke andere Gäste abschrecken könnte. Mitten in einem Streit verstarb Johann Gottfried Seume. Als letzten Freundesdienst vollendete Clodius die Memoiren und veröffentlichte sie 1813.

Bruno Preisendörfer: Der waghalsige Reisende. Galiani-Verlag, Berlin 2012, 378 Seiten, 19,99 Euro

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