Schlüppis
Gaston Kirsche: Ist die Alternative zur LL-Demo nicht emanzipatorisch genug

Kommunismus statt Personenkult

Der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu gedenken und die Verantwortung der deutschen Sozialdemokratie zu benennen, wäre eine feine Sache.

von Gaston Kirsche

Am 15. Januar 1919 ermordeten Freikorpssoldaten die beiden bekanntesten Mitglieder der Leitung der gerade gegründeten KPD auf bestialische Weise. Auf Befehl des Vorsitzenden des Rates der Volksbeauftragten, des Sozialdemokraten Friedrich Ebert, »säuberten« marodierende Freikorpsbanden Berlin. Die Freikorps, derer sich die SPD gegen die KPD bediente, anstatt sie zu zerschlagen, waren rabiat nationalistisch und militaristisch. In ihren Reihen trugen einige bereits das Hakenkreuz auf dem Stahlhelm – Jahre, bevor Hitler die NSDAP gründete.

Bereits 1914, als es ernst wurde, hatte sich die SPD auf die Seite der deutschen Bourgeoisie geschlagen, nationaldeutsch den Ersten Weltkrieg mitgetragen und verkündet: »Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich.« Dem gegenüber erklärte Karl Liebknecht seinen Austritt aus der Parteidisziplin: »Der Hauptfeind steht im eigenen Land und heißt deutscher Imperialismus!«

Dass die SPD sich dann in der Novemberrevolution vermeintlich an die Spitze der Erhebung setzte, real aber die Macht der Arbeiter- und Soldatenräte untergrub, ist ein lehrreiches Beispiel dafür, dass nicht alles revolutionär ist, was so erscheint. Auch die Oktoberrevolution hatte ihren Ebert, nur dass der Josef Stalin hieß – aber gleichfalls die revolutionäre Führung ausschaltete. Vom ZK der Partei der Bolschewiki aus den Zeiten der Oktoberrevolution ließ Stalin fast niemanden am Leben.

Ebert und Stalin, zwei skrupellose Konterrevolutionäre – auch so lässt sich Geschichte erzählen. Der eine kartätschte die Münchener Räterepublik nieder, der andere den sozialrevolutionären Aufstand von Kronstadt. War es so?

Wer sind denn dann die Guten, wer die Bösen? Gehen wir zurück auf Los: Es gibt dieses Jahr erstmals zwei Demonstrationen zum Gedenken an a) Liebknecht und Luxemburg und b) ganz neu am Start: Rosa und Karl. Letztere will eine Alternative zur traditionalistischen Ersteren sein und konstatiert: »In der Vergangenheit sind viele Versuche, sozialistische Ideen umzusetzen, gescheitert (…) auch dadurch, dass ihr fortschrittlicher Gehalt in brutalen Diktaturen und repressiven Systemen ein Ende gefunden hat. Die Namen Stalin, Mao, Ho-Chi-Minh und Honecker stehen stellvertretend für dieses Scheitern.«

So richtig es ist, den Personenkult um Stalin zu demontieren und in der Linken zu bekämpfen, so willkürlich wirkt doch die Namensreihung. Und gerade bei einem Gedenken an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ist es auffällig falsch, dass in dieser Namensreihung Ebert fehlt, der politisch Verantwortliche für ihre Ermordung. Wo in dem Aufruf detailliert über die Freikorps als unmittelbare Mörder Auskunft erteilt wird, fehlt jeder Hinweis auf die Hintermänner. Dass die »Jusos in der SPD« einer von sieben Jugendverbänden sind, die den »Rosa & Karl«-Aufruf initiiert haben, und auch »Die Falken« der SPD nicht gerade fernstehen, hinterlässt den Eindruck, hier wird gegen die sich kommunistisch nennenden Gruppierungen geholzt, die den traditionellen Aufmarsch durchführen und von denen mit großen Worten Selbstkritik am östlichen Staatssozialismus eingefordert wird, aber ohne selbst kritisch gegenüber dem westlichen Staatssozialismus zu sein, insbesondere dem der deutschen SPD.

Zu Recht wird am Traditionsaufmarsch kritisiert: »Unwidersprochen werden Jahr für Jahr Stalin-Banner geführt«. Dem neuen Bündnis ist es zu verdanken, dass überhaupt darüber diskutiert wird, dass 2011 bei der Luxemburg-Liebknecht-Demo linke Kritikerinnen und Kritiker des Personenkults gewalttätig daran gehindert wurden, ein Transparent mit den durchgestrichenen Köpfen von Stalin und Mao und dem Slogan »Nein, nein, das ist nicht der Kommunismus« zu zeigen. Das »Rosa & Karl«-Bündnis bemerkt dazu: »Kritik wird nicht entgegengenommen, sondern mit körperlicher Gewalt beantwortet.« So wichtig es ist, diese Unterdrückung als solche zu benennen – danach wird es bizarr: »Wir bestreiten, dass solche menschenverachtenden Ideologien etwas mit den Ideen von Rosa und Karl zu tun haben«. Wer den Personenkult um Stalin oder Mao zurückweist, sollte selbst keinen veranstalten: Rosa und Karl haben es nicht verdient, zu Plüsch verarbeitet zu werden. Die beiden hatten einfach nie die Chance, aus einer Machtposition heraus Befehle zu erteilen. Es geht nicht um Unfehlbarkeit. Es geht darum, sich der Widersprüchlichkeit der Geschichte aller Arbeiterbewegungen zu stellen. Ein Schaulaufen, das auf der einen Seite von Traditionalisten rund um DKP und vermeintlichen Kommunisten aus ML-Gruppen und Linkspartei dominiert wird und auf der anderen Seite von jungen Sozialdemokraten aus SPD und Linkspartei, hilft für einen linkskommunistischen, antideutschen wie staatsfernen Neuanfang nicht weiter. Antiautoritär und emanzipatorisch ist diese Konkurrenz nicht. Zum kosmopolitischen Kommunismus geht es weder mit dem östlichen noch mit dem westlichen Staatssozialismus. Und nur ohne Ikonen.

Kommentare

Schade, dass kein Bezug genommen wird auf die Klarstellung der Jusos Berlin über die Schuld der SPD bei der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht. Da tun sie nämlich genau das, was Gaston Kirsche von ihnen fordert. Schlecht recherchiert?

http://rosaundkarl.blogsport.de/2012/11/30/die-noske-jugend-fuer-rosakarl/
Abenteuerlich, einen "westlichen" Gegenpart zum sowjetischen Staatssozialismus zu konstruieren, nur um durch die so hergestellte Analogie die angeblichen "Sozis" bei Rosa&Karl und die von ihnen initiierte Alternative zu delegitimieren.

Was der Sozialdemokratie und Ebert im angesprochenen historischen Zeitraum vorzuwerfen ist, ist die bürgerlichen Reaktion auf die revolutionären Initiativen durch Mord, Verfolgung etc. und die Konsolidierung von Kapitalismus und Nationalismus (nicht erst, aber endgültig) nach dem 1. Weltkrieg mit all seinen barbarischen Folgen. Dem nur die "Ehre", die ihm auch gebührt.

Der vermeintliche Antikommunismus, der dem neuen Bündnis unterstellt wird, wird hier im Artikel durch unfaire Kritik an Gruppen befördert, die eben bei allen (organisationellen, persönlichen, politischen..) Widersprüchen (die nicht bagatellisiert werden sollen, aber ausgehalten werden müssen) doch gerade "einen linkskommunistischen, antideutschen wie staatsfernen Neuanfang" in ihrer Bündnisarbeit andeuten. Der Stab muss aufgegriffen werden, anstatt in Rackettdenken ("bah, Sozialdemokrat_innen!") zu verfallen. Die geforderte Selbstkritik haben beispielsweise die Jusos in ihrer Stellungnahme in Angriff genommen.

Da wäre es vielleicht gut gewesen, mehr zu recherchieren, anstatt nur den Aufruf zu überfliegen.
LLL-Demo, Antikommunismus und "antideutsche" Provokationen. Ehrt Lenin, Liebknecht, Luxemburg!

--> http://spartacist.org/deutsch/extra/spartakistextrablatt.pdf




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