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Johannes Spohr: Vertreterinnen des Saheli Women’s Resource Centre im Gespräch über Gewalt gegen Frauen in Indien

»Die Polizei bietet Frauen keine Unterstützung«

Nach einem besonders grausamen Fall von Vergewaltigung Mitte Dezember vorigen Jahres in Delhi kam es in ganz Indien zu Protesten mit sehr unterschiedlichen Forderungen. In Indien wird nun über sexualisierte Gewalt diskutiert. Das Saheli Women’s Resource Centre in Neu-Delhi beschäftigt sich seit 1981 mit frauenspezifischen Themen. Die Jungle World sprach mit Deepti und Harshita, zwei Mitgliedern des autonomen feministischen Kollektivs, über sexualisierte Gewalt in Indien und die derzeitige Debatte.

Interview: Johannes Spohr

Ihre Organisation beschäftigt sich seit Jahren mit dem Problem sexualisierter Gewalt. Wie viel Aufmerksamkeit hat dieses Thema in der Öffentlichkeit bisher erhalten und wie kommt es, dass es nun so bedeutend geworden ist?

Harshita: Dafür gab es normalerweise schon eine Öffentlichkeit, allerdings nicht kontinuierlich. Unsere Vermutung ist, dass die jetzige Empörung über die Gruppenvergewaltigung Mitte Dezember in Delhi so groß ist, weil sich innerhalb der vergangenen Jahre einiges aufgebaut hat. Es hat zuvor immer wieder schreckliche Fälle sexualisierter Gewalt gegeben, nicht nur in Delhi, Gurgaon und Noida, sondern auch in Mumbai, Mangalore, und Guwahati, Assam. Nach jedem dieser Vorfälle gab es intensive Kampagnen und Proteste von Frauengruppen wie auch von Bürgerinnen und Bürgern. Die vielen Bemühungen von Frauengruppen um die Sensibilisierung für die Themen Vergewaltigung und sexuelle Belästigung bilden also die Grundlage für diesen Wutausbruch.

Meinen Sie, dass die Gewalt zugenommen hat?

Harshita: Sexualisierte Gewalt grassiert in ganz Indien und sie hat sehr unterschiedliche Formen. Es gibt Beispiele kastenbasierter sexualisierter Gewalt, wie 2006 im furchtbaren Fall Khairlanji in Maharashtra. Damals wurden Frauen aus der niederen Kaste Dalit vergewaltigt und mit dem Rest der Familie ermordet. Während der Unruhen in Guajarat 2002 wurden muslimische Frauen von aufständischen Hindus vergewaltigt. Soni Sori wurde voriges Jahr im Polizeigewahrsam von der Polizei des Bundesstaates Chhattisgarh sexuell gefoltert. Der Fall ist nicht abgeschlossen und wird momentan vor dem Obersten Gericht verhandelt. Sexarbeiterinnen sind mit sexualisierter Gewalt konfrontiert. Die Gewalt gegen Transmenschen wird von den großen Medien und der Gesellschaft nicht einmal als solche anerkannt. Der aktuelle Fall von Jyoti Singh Pandey spricht nicht für eine neue Qualität der Gewalt, er repräsentiert nur einen weiteren Aspekt sexualisierter Gewalt, mit der Frauen in den urbanen Zentren konfrontiert sind.

Der Guru Asaram Bapu hat kürzlich behauptet, Jyoti Singh Pandey trage eine Mitschuld für ihre Vergewaltigung. Sind solche Vorwürfe verbreitet?

Deepti: Leider ja. Asaram Bapu meinte, die Frau hätte bestimmte religiöse Verse singen und ihre Vergewaltiger als ihre Brüder bitten sollen, sie zu verschonen. Es gibt viele weitere Argumente, die angebracht werden, um Frauen eine Mitschuld zu unterstellen – von »Sie war provokant gekleidet« bis »Sie war nachts draußen oder an einem Ort, der für Frauen nicht sicher ist.« Diese Argumentationsmuster sind in vielen Ländern verbreitet, was man am Erfolg des weltweiten Phänomens der Slutwalks im vorigen Jahr sehen konnte. Etwas, das im Fall von Jyoti Singh Pandey erwähnt werden sollte, ist, dass diese sinnlosen Argumente nur selten geäußert wurden, und jedes Mal, wenn jemand versuchte, diese vermeintlichen Verbindungen zu ziehen, gab es heftigen Protest.

Bekommt die Perspektive von Betroffenen ­sexualisierter Gewalt Aufmerksamkeit in der momentanen öffentlichen Diskussion?

Harshita: Es ist ein weiter Weg, den wir gehen müssen, um das Verschweigen sexualisierter Gewalt weltweit zu durchbrechen. Die Mainstream-Medien werden sich nur bis zu dem Punkt dafür interessieren, an dem sie von einer weiteren Story abgelenkt werden. Leider ist das das Muster, dem gefolgt wird.

Momentan gibt es allerdings eine Zunahme von Artikeln, Fernsehbeiträgen und Diskussionen online, zu Hause und auf der Straße. Frauen sprechen über Gewalt, der sie auf der Straße und im öffentlichen Verkehr ausgesetzt sind. Es werden Geschichten des Überlebens erzählt und geteilt, und es kommt zu Ausbrüchen von Wut. Es gibt nun beständige Gespräche und Diskussionen über sexualisierte Gewalt und Gerechtigkeit. Dies können wir als Veränderung in dieser schrecklichen Situation betrachten.

Was sind wichtigsten Forderungen feministischer Organisationen im momentanen Konflikt?

Deepti: Viele Frauengruppen fordern bessere institutionelle Antworten auf Fälle von sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung. Die Aufklärungsrate unter dem Anti-Vergewaltigungsgesetz in Indien ist entsetzlich niedrig und die Wurzeln der sexualisiertern Gewalt müssen dringend benannt werden. Es gibt viele Probleme mit unserem momentanen Recht. Die Polizei bietet Frauen, die Fälle von sexueller Belästigung oder Vergewaltigung anzeigen, keine Unterstützung. Sie werden häufig weiter durch aufdringliche und unnötige Fragen gedemütigt oder müssen medizinische Tests zu ihrer Jungfräulichkeit wie den »Zwei-Finger-Test« über sich ergehen lassen. Polizeikräfte müssen sensibilisiert werden und es braucht verantwortungsvolle Maßnahmen, so dass Frauen nicht zögern, Fälle von sexualisierter Gewalt anzuzeigen. Die Gesetze zu sexueller Belästigung und Vergewaltigung müssen überarbeitet und es müssen Instrumente angewandt werden, die sicherstellen, dass es Gerechtigkeit gibt – und dass es schnell geht.

Jenseits von diesen Forderungen ist es wie immer die Bestrebung feministischer Organisationen, grundlegende Diskussionen zu initiieren, Geschlechterverhältnisse in der Gesellschaft zu verändern und die Gewalt gegen Frauen zu beenden. Die patriarchale Machthierarchie, die sich in alltäglichen Interaktionen zu Hause, auf den Straßen und am Arbeitsplatz zeigt, muss in Frage gestellt und eine Gesellschaft der Gleichheit und der Selbstermächtigung sowohl für Frauen als auch für Männer geschaffen werden.

Würden Sie sagen, dass die momentane Situation ein Potential für einen grundlegenden Wandel im Umgangs mit sexualisierter Gewalt beinhaltet?

Deepti: Es ist beklagenswert, dass es der Grausamkeit dieses Falles bedurfte, um die Leute aufzurütteln und zu Wut und Protest anzutreiben. Ja, es gibt definitiv ein Potential für eine tatsächliche Veränderung. Die weit verbreiteten und spontanen Proteste, von denen nicht nur aus Delhi, sondern aus dem ganzen Land berichtet wurde, werden hoffentlich eine Umgebung schaffen, in der Diskussionen geführt werden können, die den patriarchalen Charakter der Gesellschaft, die Kultur der Vergewaltigung, in der die Fälle von sexueller Belästigung und Vergewaltigung häufig sind, beleuchten. Die öffentliche Empörung erzeugt auch ein produktives Moment, das diejenigen, die die Gesetze verabschieden, wie auch die vollstreckenden Behörden dazu bringt, die Themen sexuelle Belästigung und Vergewaltigung ernster als je zu nehmen und institutionelle Mechanismen einzurichten, die eine tatsächliche Veränderung für die Gerechtigkeit der Frauen, die sexualisierte Gewalt überlebt haben, herbeiführen können.

Diese beiden Aspekte haben das Potential, die Ansichten über Hierarchien zu brechen und zu einem Bewusstsein zu führen, in dem Frauen als Menschen gesehen werden, die das Recht auf Bewegungsfreiheit und Teilhabe haben. Sie können uns dahin führen, dass Frauen endlich frei von der Angst vor sexualisierter Gewalt sein können, der sie derzeit noch täglich ausgesetzt sind.

Viele Inderinnen und Inder fordern im aktuellen Fall anscheinend die Todesstrafe für die Täter. Was ist Ihre Ansicht dazu?

Harshita: Die Frage nach der Todesstrafe ist Teil unserer Diskussionen, die wir bereits vor längerer Zeit geführt haben. Wir lehnen die Todesstrafe ab. Unsere Opposition gegen die Todesstrafe haben wir gemeinsam mit anderen Frauenorganisationen und progressiven Gruppen in Form einer Stellungnahme formuliert, der sich über 1 000 Gruppen und Einzelpersonen angeschlossen haben.

RM16

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