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Hannah Wettig: Was sich für Frauen in den arabischen Ländern verändert hat

Die neue Ordnung bleibt männlich

Die Situation der Frauen nach den Revolutionen in den arabischen Ländern ist unterschiedlich. Ob in Tunesien, Libyen oder Ägypten – die Hoffnungen auf Gleichberechtigung vieler Frauen, die sich an den Protesten beteiligt hatten, sind enttäuscht worden. Trotzdem gibt es Feministinnen, die weiterhin die bestehenden patriarchalen Geschlechterverhältnisse herausfordern.

von Hannah Wettig

Zu Anfang der Revolution standen die Frauen gleichberechtigt auf den Barrikaden. In den vergangenen zwei Jahren sind sie in den Ländern des »arabischen Frühlings« zurückgedrängt worden. Allerdings haben sie sich auch Räume zurückerobert und erstmals angefangen, die patriarchalen Verhältnisse grundsätzlich in Frage zu stellen. Kurz nach dem Sturz des Despoten Hosni Mubarak hatte die ägyptische Frauenrechtlerin Aida Saif al-Dawla der Jungle World gesagt: »Kultur und Moral kommen nach der Frage, ob die Menschen das Gefühl haben, dass sie über ihr Leben bestimmen können. Selbstverständlich ist hier konzentrierte Arbeit an Gender-Fragen notwendig, aber davon sind wir noch weit entfernt.« Gleichzeitig glaubte sie, dass Frauenrechte angesichts der zahlreichen Teilnahme von Frauen an den Protesten nicht mehr in Frage gestellt werden könnten. (Jungle World 9/11)

Sie sollte sich in beidem irren. Denn Frauenrechte wurden sehr wohl in Frage gestellt, und Kultur und Moral sind inzwischen genauso umkämpft wie demokratische Verfahrensweisen. Das gilt für alle drei nordafrikanischen Länder, in denen Despoten gestürzt wurden.

Am besten sieht es für die Frauen noch in Tunesien aus. Dort war die Furcht vor einem Rückschritt bei der Gleichberechtigung am größten. Schon kurz nach dem Sturz Zine al-Abidine Ben Alis machten Frauen Front gegen frauenfeindliche Äußerungen der Islamisten.

Die Tunesierinnen sind besonders stolz auf ihre lange Tradition der Gleichberechtigung. Gerne verweisen Politikerinnen darauf, dass Tunesien noch vor der Schweiz das Wahlrecht für Frauen einführte und Tunesierinnen schon seit 1956 ohne die Erlaubnis ihres Ehemanns arbeiten durften – das war ihnen in Deutschland erst zwei Jahre später erlaubt. Nach der Unabhängigkeit 1956 wurde das auf der Sharia basierende Familienrecht abgeschafft. In allen anderen arabischen Ländern gilt für Fragen bezüglich der Ehe, der Scheidung und des Sorgerechts ganz oder teilweise die Sharia.

Entsprechend groß war die Angst unter Frauen, dass die islamistische Partei al-Nahda, sollte sie die Wahlen gewinnen, die Sharia wieder einführen würde. Die Partei gewann die Wahlen tatsächlich, doch nach ihrem Sieg verabschiedete sie sich von ihrem ursprünglichen Ziel einer islamischen Gesetzgebung. Es war angesichts der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse auch kaum erreichbar. Denn mit 37 Prozent der Wählerstimmen repräsentiert die al-Nahda zwar die wichtigste politische Strömung, aber nicht die Mehrheit.

Die Frauenrechtlerinnen bleiben jedoch wachsam: Im Sommer vergangenes Jahres kam es zu heftigen Protesten, als die verfassunggebende Versammlung über einen Verfassungsentwurf debattierte, in dem die Frau als Ergänzung des Ehemannes und der Mann als Familienoberhaupt definiert wurden. Diese Formulierungen sind nun gestrichen worden. Das ist ein echter Fortschritt. Denn tatsächlich war der Mann auch in der vorherigen Verfassung als Familienoberhaupt definiert.

Nur einen scheinbaren Sieg erreichten die Frauen hingegen beim Wahlrecht. Auf den ersten Blick erscheint dieses zwar fortschrittlich: Jeder zweite Listenplatz einer Partei muss mit einer Frau besetzt werden. Doch da die meisten Parteien und Wahlbezirke zu klein waren, wurde meist nur der erste Kandidat auf der Liste gewählt. So sind nur 49 Frauen in die insgesamt 217 Mitglieder zählende verfassunggebende Versammlung gewählt worden. Mit nur 22,6 Prozent der Abgeordneten stehen die Frauen deutlich schlechter da als vor der Revolution. Die Frauenquote im Parlament betrug unter Ben Ali 30 Prozent.

Auch in Libyen kämpften die Frauen für eine Quote und erreichten eine Regelung, die weiter geht als die tunesische: Jede zweite Liste muss hier von einer Frau angeführt werden. Doch auch das führte nicht zu einem Parlament, das zur Hälfte mit Frauen besetzt ist. Denn zwei Drittel der Sitze wurden nicht von Kandidaten aus Parteilisten besetzt, sondern von Unabhängigen – und diese waren fast ausschließlich Männer. Nur 33 Frauen schafften es ins Parlament: ein Anteil von 17 Prozent. Doch in der im nordafrikanischen Vergleich sehr konservativen Gesellschaft sehen das viele Frauen als guten Anfang.

Im Vergleich zu den ägyptischen Verhältnissen ist es in jedem Fall ein Fortschritt. Dort wurde keine Quote festgelegt. Als Resultat gingen bei den Wahlen Anfang 2012 nur zwei Prozent der Sitze an Frauen. Unter Mubarak, der eigenmächtig sogenannte Minderheitensitze besetzen konnte, waren es meist um die zehn Prozent gewesen, 2010 hatte er sogar eine Quote von zwölf Prozent eingeführt.

Der haushohe Wahlerfolg der ägyptischen Islamisten hat allerdings den Kampesfgeist der Frauen geweckt und auch viele männliche Aktivisten motiviert, sich für Frauenrechte einzusetzen. Ein wichtiges Thema ist der Kampf gegen sexuelle Belästigung. Insbesondere in Menschenansammlungen laufen Frauen stets Gefahr, sexuell belästigt zu werden, in einigen Fällen wurden Demonstrantinnen sogar öffentlich entkleidet. Das war der Zustand vor der Revolution, der sich kurz danach auch wieder einstellte. Nur während der Proteste gegen Mubarak Anfang 2011 soll es keine Belästigungen gegeben haben. Auch die Staatsgewalt setzt sexuelle Nötigung gegen Demonstrantinnen ein. Die Aufzeichnung der brutalen Entkleidung der Demonstrantin mit dem blauen BH schockierte die Welt genauso wie die Berichte über »Jungfrauentests«.

Heute verteilen »Tahrir Bodyguards« in gelben Westen auf großen Demonstrationen Kärtchen mit Hotline-Nummern, bei denen Frauen Belästigungen melden können. Die Freiwilligen gehen auch gegen Belästiger vor und schmeißen Männer aus dem Frauenabteil der U-Bahn. Dass es nun eine Stelle gibt, an die Frauen sich wenden können, ist zweifellos ein Erfolg der Revolution. Wichtig ist aber auch der Bewusstseinswandel, der durch die Präsenz der Helfer mit den gelben Westen bewirkt wird.

Moral ist in Ägypten ein wichtiges Thema geworden – und zwar keineswegs nur für die Islamisten, die darunter Kopfbedeckung und Bikini-Verbote am Strand verstehen. Die Feministinnen protestieren gegen den islamistischen Moralkodex. Am spektakulärsten sind wohl die Aktionen der ägyptischen Aktivistin Alia Mahdy, die im Sommer 2011 berühmt wurde, als sie ein Nacktfoto von sich auf ihren Blog stellte. Kürzlich gründete sie eine ägyptische Femen-Gruppe und demonstrierte vor der ägyptischen Botschaft in Stockholm nackt gegen die Bezugnahme auf die Sharia in der neuen Verfassung.

Mahdy greift mit ihren Aktionen die Doppelmoral der arabischen Gesellschaften an: Der permanente Zugriff auf den weiblichen Körper einerseits und dessen scheinheilige Verhüllung andererseits. Ihre Aktionen haben noch keine Nachahmerinnen gefunden. Aber zahlreiche Autorinnen legen den Finger in dieselbe Wunde. Die ägyptische Journalistin Mona Eltahawy und die libanesische Schriftstellerin Joumana Haddad greifen die arabische Kultur und den Islam wegen deren Frauenfeindlichkeit an und begehen damit einen Tabubruch, auch für die feministische Szene. So schreibt etwa Haddad, islamische Geistliche dächten nur an Sex. Auch die Initiative »Women Uprising in the Arab World« prangert rigoros Religion und Kultur an.

Dieser Diskurs ist neu. In der Vergangenheit interpretierten Feministinnen Frauenfeindlichkeit als Abweichung von Kultur und Religion und verwehrten sich gegen den westlichen »Kulturimperialismus«. Nach den Revolutionen ist das Dogma, man müsse die »eigene Kultur« gegen den Westen verteidigen, gefallen. Damit entsteht der Raum, um Geschlechterverhältnisse grundsätzlich in Frage zu stellen. Zwei Welten stehen sich nun in einem Kulturkampf gegenüber. Während Muslimbrüder und Salafisten in Ägypten das Verbot von Gotteslästerung in die Verfassung aufgenommen haben, erklären Feministinnen, der Islam sei die Wurzel des Patriarchats und bezeichnen sich selbst als Atheistinnen. Das könnte der Anfang eines wirklichen Umsturzes sein.

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