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Jan Tölva: Fans gegen Fans: Der letzte Stadion-Besuch der Aachen Ultras

Der ACU ist leer

Die Aachen Ultras haben die Notbremse gezogen und zum letzten Mal ein Spiel ihres Vereins besucht. Jan Tölva war beim Ende mit Schrecken dabei.

von Jan Tölva

Es ist kalt an diesem Samstagmorgen in Köln. Einige Fans hatten sich schon Sorgen gemacht, das Zweitrundenspiel im Mittelrheinpokal zwischen Viktoria Köln und Alemannia Aachen könnte noch kurzfristig abgesagt werden. Diese Befürchtung ist jedoch längst zerstreut, als sich mehrere Stunden vor Anpfiff eine größere Gruppe Ultras – viele von ihnen offensichtlich Anhänger der Alemannia – an einem Bahnhof im rechtsrheinischen Köln versammelt, um gemeinsam und frühzeitig zum Sportpark Höhenberg zu fahren. Eine Begegnung mit den anderen möchte jeder hier tunlichst vermeiden. Mit »die anderen« sind dabei aber keineswegs die Fans von Viktoria Köln gemeint. Der Anhang des Traditionsvereins, der gerade um den Aufstieg in die 3. Liga kämpft, gilt als leicht verschroben, aber friedfertig und durchaus sympathisch. Es geht viel mehr um die anderen Fans der Alemannia, um die Ultras von der Karlsbande, die Hools vom Westwall und deren gegenüber Rechten offene Anhängerschaft. Ärger mit diesen anderen gab es oft genug. Gerade heute muss das nicht auch noch sein.

Der Sportpark Höhenberg ist ein durchaus schmuckes Stadion und die Gästeblocks liegen auch noch auf der Sonnenseite, während die Heimfans auf der Haupttribüne wohl oder übel im Schatten werden frieren müssen. Dass es zwei Gästeblocks gibt und dass diese durch Polizei und Ordnungsdienst voneinander abgeschirmt werden müssen, ist man in Aachener Fankreisen schon lange gewohnt. Es ist wohl auch besser so, denn wann immer sich die beiden Lager in letzter Zeit direkt begegnet sind, hat es geknallt, und das zum Teil heftig. Das wissen natürlich auch die Aachen Ultras (ACU) und das ist wohl auch einer der Gründe, weshalb dieses Spiel heute ihr letztes sein wird – es reicht einfach.

Im Block von ACU wirken viele der Anwesenden angespannt. So richtig sicher, was heute noch auf sie zukommen wird, sind wohl die wenigsten. Immerhin: Es befinden sich nicht nur Aachener mit im Block. Befreundete Ultras und Unterstützer sind aus allen Teilen des Landes angereist, aus Freiburg genauso wie aus Bremen und Berlin. Viele sind traurig und wütend über das, was ACU passierte – und auch darüber, wie die Angriffe von Verein und Lokalpresse lange als bloßer Streit zwischen zwei Fangruppen heruntergespielt wurden.

Irgendwann füllt sich auch der andere, deutlich größere Gästeblock. Durch den Zaun hindurch ruft jemand Namen und Adresse eines ACU-Mitglieds und kündigt einen »weiteren Hausbesuch« an. Die Polizei steht daneben, greift aber nicht ein. Genauso wenig wie die Ordner eingreifen, als eine Gruppe ganz normaler Aachen-Fans – ein Paar ist sogar mit Kind angereist – die Auswechselspieler der Kölner, die sich ab Mitte der ersten Hälfte vor dem Block warmlaufen, in dem auch die Karlsbande steht, immer und immer wieder homophob und sexistisch beschimpfen. Warum sollten sie auch eingreifen? Im Verlauf des Spiels wird auch noch der ganze Block von Köln als der »Hauptstadt der Schwulen« singen und das sicher nicht positiv meinen, so wie auch die »Hurensöhne«-Rufe ganz sicher kein Zeichen von Zuneigung sind. Selbst das Sitzplatzpublikum auf dem Aachener Teil der Haupttribüne stimmt teilweise mit ein. Hier einzugreifen, wäre nicht nur gefährlich für die eigene körperliche Unversehrtheit, es würde auch überhaupt nichts bewirken, denn derlei Beleidigungen sind ganz offensichtlich konsensfähig in der Aachener Fanszene jenseits von ACU.

Mitte der zweiten Hälfte stellt dann ACU den Support ein und beginnt, eine auf Tapetenrollen geschriebene Botschaft nach der anderen zu präsentieren. Manche richten sich gegen Nazis und Karlsbande, viele jedoch auch an den Verein. Besonders bizarr wirkt das Zitat von Sportdirektor Uwe Scherr, »Politik und Religion« hätten im Stadion keinen Zutritt. Nicht nur diese Aussage Scherrs, viele Statements, die Vereinsvertreter im Laufe der vergangenen Monate von sich gegeben haben, wirken angesichts der Situation weltfremd. Vielleicht erschließt sich den Funktionären wirklich nicht, dass das größte Problem nicht einmal die Nazis in der Kurve sind, sondern in der Tatsache besteht, dass diese von der Mehrheit als selbstverständlicher Teil der »Alemannia-Familie« gesehen werden, während die Ultras von ACU vielen als Nestbeschmutzer und Störenfriede gelten. Es gibt Momente, in denen sogar der Verdacht aufkommt, einige im Verein sähen dies genauso.

Dabei sind die Forderungen, die von ACU gestellt werden, alles andere als radikal. Sie wollen, dass die Drohungen und Beleidigungen, die »Hausbesuche« und die gewalttätigen Angriffe auf sie endlich aufhören, und sie wollen, dass Rassismus, Homophobie und Neonazis im Stadion keinen Platz haben. Wenn nicht einmal hierüber ein Minimalkonsens möglich ist, ist jedes bisschen Energie, das noch in die »Schicksalsgemeinschaft Alemannia Aachen« investiert wird, verschwendet – und so lange wird auch die Aachener Fanszene weiterhin ein Tummelbecken für Nazikader, rechte Hools und gegenüber Rechten offene Ultras sein.

Wie schlimm es wirklich um die Alemannia bestellt ist, zeigt sich, als während des Elfmeterschießens aus dem Karlsbande-Block heraus Knallkörper in der Block von ACU fliegen und dort zwischen den Menschen explodieren. Plötzlich stürmen auf beiden Seiten Ultras auf den Trennzaun zu, fliegen Gegenstände in beide Richtungen. Dann tritt die Polizei auf den Plan und sprüht Pfefferspray in den Block von ACU. Die Taktik geht auf. Zwar toben Karlsbande und Konsorten noch immer, doch ist der Abstand zwischen beiden Gruppen zu groß, als dass noch wirklich etwas passieren könnte. Warum die Polizei aber auf diejenigen losgeht, die mit Knallkörpern beworfen wurden, und nicht auf diejenigen, die sie geworfen haben, wird wohl ihr Geheimnis bleiben.

Die Mannschaft der Alemannia hat in der Zwischenzeit das Elfmeterschießen souverän für sich entscheiden können, auch wenn eine Leistung wie die heutige ganz sicher nicht für den Klassenerhalt reichen dürfte. Die Mannschaft kommt und bedankt sich bei den Fans und Ultras im Karlsbande-Block, also bei denjenigen, die ihre sportlichen Gegner beleidigt und die andere Aachener Fans angegriffen haben. Bei den Aachen Ultras bedanken sie sich nicht. Doch heute ist das den meisten von ihnen wohl auch egal. Noch stärker enttäuscht als ohnehin schon können sie von der Alemannia gar nicht mehr werden.

Unterdessen findet Aachens Trainer René van Eck bei der Presskonferenz unter der Haupttribüne deutliche Worte. »Ich fühle mich hervorragend«, sagt er. Was auf den Rängen geschehen ist, interessiere ihn nicht. Das habe mit Fußball nichts zu tun. Dass es beim Fußball nicht nur um Bälletreten, sondern auch um gesellschaftliche Verantwortung geht, scheint ihm entgangen zu sein. Somit scheint er für Aachen der perfekte Trainer zu sein.

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