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Gisela Elsner: Abdruck aus: »Zerreißproben. Gesammelte Erzählungen«

Der Selbstverwirklichungswahn

Gisela Elsner erzählt vom ästhetischen Bildungsweg einer Töpferin.

von Gisela Elsner

Ganz in ihre Arbeit vertieft, hockte Jette Wurbs vor ihrer Töpferscheibe und formte einen Blumentopf. Es verging kaum ein Tag, an dem sie keine Blumentöpfe, Kerzenständer, Schüsseln, Vasen, Schälchen, Aschenbecher oder Krüge hergestellt hätte. Sie war beängstigend produktiv. Im ganzen Haus gab es keinen Winkel, den nicht ein Tongefäß geziert hätte. Selbst die Toilette und das Badezimmer schmückten Töpferwaren. Ständig mussten neue Regale und Glasvitrinen gekauft werden, damit Jettes Tonkreationen zur Geltung kamen. Schon ehe man das Haus der Wurbs’ betrat, wurde man dank der voluminösen Bodenvasen, die den Steinplattenweg zwischen dem Gartentor und der Haustür säumten, darauf hingewiesen, dass hier eine besessene Töpferin am Werke war. Jettes Schaffensdrang war grenzenlos. Bis zur physischen Erschöpfung produzierte sie Blumentöpfe. Sie kümmerte sich nicht um Nachfrage und Bedarf, geschweige denn um den Platzmangel, der die häusliche Gemütlichkeit beeinträchtigte. Nirgendwo konnte man die Beine ausstrecken, ohne gegen eine Vase, eine Schale oder einen Krug zu stoßen. So rasch, wie die Erzeugnisse jener emsigen Tätigkeit, die Jette als schöpferisch bezeichnete, entstanden, waren sie nun einmal nicht an den Mann zu bringen.

Jettes Kunden waren Freunde und Freundinnen sowie Freunde und Freundinnen dieser Freunde und Freundinnen und Bekannte und Verwandte und die Bekannten und Verwandten dieser Bekannten und Verwandten. Sie alle sorgten dafür, dass die Wurbs’ nicht in Tonwaren erstickten. Zumal zur Weihnachtszeit half Jette manch einem einfallslosen Zeitgenossen, der nicht wusste, womit er seine Frau, seine Schwiegermutter oder seine Patentante beglücken sollte, mit einer ihrer Tonkreationen aus der Verlegenheit. Manch einer kaufte allerdings auch dieses oder jenes Tongefäß, weil er es nicht über sich brachte, das Haus dieser enthusiastischen Töpferin mit leeren Händen zu verlassen. Jettes Gäste hatten sich längst damit abgefunden, dass sie vor dem Aperitif Blumentöpfe und Aschenbecher bewundern mussten. Obwohl sich Jettes Tonkreationen nur durch eine gewisse Stümperhaftigkeit, in der ihre Freunde ein archaisches Moment zu entdecken meinten, von Warenhausartikeln unterschieden, rang man sich Entzückungsrufe ab, die Jettes blinden Schaffensdrang zusätzlich steigerten.

Immer bedrängte sie das Gefühl, dass sie keine Zeit verlieren durfte. Schließlich war sie erst kurz nach ihrem vierzigsten Geburtstag auf den Gedanken gekommen, mit Hilfe von selbstangefertigten Schälchen, Vasen und Aschenbechern ihre Selbstverwirklichung zu bewerkstelligen. Zuvor hatte sie sich mit einer panischen Betriebsamkeit in Volkshochschulen, Galerien, Blindenanstalten, Boutiquen und Behindertenheimen nach einer sinnvollen Betätigung umgetan. Sie war nicht davon abzubringen gewesen, dass sie unbedingt vor dem Beginn der Wechseljahre eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung finden musste, die sich mit ihrer gesellschaftlichen Stellung als Gattin eines Leiters der Abteilung KULTURELLES WORT vereinbaren ließ. Rasch hatte sie herausgefunden, dass den notorisch nützlichen Tätigkeiten häufig etwas Erniedrigendes innewohnte. Sie hatte auch begriffen, dass ein gewisser Grad an Nutzlosigkeit bestimmte Tätigkeiten adelte. Der Zufall hatte sie in eine Werkkunstschule geführt, wo sie jäh erkannt hatte, dass sie zur Töpferin berufen war. Sie hatte erst an einem Töpferkursus für Anfänger und dann an einem Töpferkursus für Fortgeschrittene teilgenommen und sich in dem Kellerraum unter dem Wohnzimmer ihres Hauses von einem befreundeten Innenarchitekten eine Werkstatt einrichten lassen, die allerdings mit Werkstätten im üblichen Sinn des Wortes nur die Bezeichnung gemein hatte. In Jettes Werkstatt gab es keine kahlen Wände, keine Neonröhren, keine ungehobelten Holzböcke und keinen Schmutz und keinen Staub. Holzgetäfelte Wände, indirektes Licht, rustikale Trockenregale und rustikale Armstühle, auf denen Kisschen mit Sackleinenbezügen lagen, verliehen Jettes Werkstatt die anheimelnde Note eines Studios. Selbst der Kübel mit der Tonmasse und der Rundofen, in dem die Tonkreationen gebrannt wurden, wirkten wie Dekorationsstücke.

Trotzdem geriet Jette außer sich, wenn irgendwer es wagte, ihre Betätigung als Hobby zu bezeichnen. Sie betrachtete das Töpfern nicht als Freizeitgestaltung, sondern als Lebensinhalt. Wenn man den Satz: COGITO ERGO SUM in den Satz: ICH TÖPFERE ALSO BIN ICH umwandelte, wurde man Jettes Einstellung zu ihrer Betätigung am ehesten gerecht. Wenn sie einen ihrer Blumentöpfe formte, war sie mit allen Fasern ihres Seins bei der Sache. Seit ihre Freunde ein archaisches Moment an ihren Töpferwaren entdeckt zu haben meinten, plagte sie sich damit ab, dieses archaische Moment herauszuarbeiten. Ihre Vasen wurden immer schiefer. Die Oberfläche ihrer Schälchen verunzierten furunkelartige Huckel. Ihre Blumentöpfe wurden dank der Beulen und Dellen, die sie ihnen vor dem Trocknen beibrachte, immer unverwechselbarer. Ihre Aschenbecher wurden mehr und mehr zu unförmigen Klumpen, in deren Aushöhlungen bestenfalls zwei Kippen Platz fanden.

Das archaische Moment, dem sie nachjagte, fand indes nicht nur in ihren Töpferwaren seinen Niederschlag. Es griff auf ihr Äußeres über. Seit sie 45 Jahre alt geworden war, zwängte sie ihre tiefer und tiefer sinkenden Brüste nicht mehr in Büstenhalter. Auch ging sie bis tief in den Herbst hinein barfüßig durch ihr mit Töpferwaren vollgestopftes Haus. Sie redete sich ein, dass sie der Geruch frischen Heus berausche. Obwohl sie Gefahr lief, dass die dünnen Zahnstümpfe unter ihren kostspieligen Metallkeramikkronen abbrachen, biss sie mit einem wollüstigen Gurren in harte, saure Äpfel. Statt ihren Mann und ihren Sohn wie ehemals mit lauten Rufen darauf hinzuweisen, dass das Essen fertig sei, bat sie sie neuerdings mit Trommelschlägen zu Tisch. Manchmal band sie sich sogar ein Stirnband um, das sie sich jedoch hastig vom Kopf riss, sobald ein Hausierer an ihrer Haustür klingelte.

Seit sie als Töpferin tätig war, verlangte sie von ihrem Sohn und ihrem Mann, der nicht geahnt hatte, was da auf ihn zukommen würde, dass sie Rücksicht auf sie nahmen. Mit der Verdrossenheit derer, die sich zu Höherem geboren fühlen, verrichtete sie die Hausarbeit, die sie nicht ihrer Zugehfrau aufhalsen konnte. Bei jeder Gelegenheit gab sie Waldemar, ihrem Mann, zu verstehen, dass sie es als eine Zumutung betrachtete, Staub zu wischen, Betten zu beziehen oder vor der Kasse des Selbstbedienungsladens Schlange zu stehen. Um des lieben Friedens willen hatte sich Waldemar dazu durchgerungen, ein paar häusliche Pflichten zu übernehmen. Er deckte allmorgendlich den Frühstückstisch. Er goss allabendlich die fünf Blattpflanzen, die im Wohnzimmerfenster standen. Und er leerte einmal am Tag den Abfalleimer in die Mülltonne.

Ich helfe dir, wo ich kann, behauptete er, sobald Jette klagte, dass sie überfordert würde.

Ihre Vorhaltungen, die allesamt darauf hinausliefen, dass er es sich zu leicht machte, erschienen ihm ungerechtfertigt. Wenn er den Frühstückstisch deckte, wenn er die Blattpflanzen goss, wenn er den Abfalleimer in die Mülltonne leerte, hatte er tatsächlich das Gefühl, dass er sich ein Bein ausriss. Dass er den Tisch, den er immerhin gedeckt hatte, auch noch abräumen sollte, sah er nicht ein. Er verwies Jette an seinen Stiefsohn Benjamin, der immer dann, wenn es galt, seiner Mutter zur Hand zu gehen, eine dringende Verrichtung vorzuschützen pflegte. Theoretisch war Waldemar für die Arbeitsteilung im Haushalt. Doch sobald er ein paar Wiener Würstchen aufwärmen musste, weil Jette in der Werkstatt ihrer Selbstverwirklichung frönte, packte ihn die Furcht, dass er als Hausmann enden würde, wenn er dieser Entwicklung nicht rechtzeitig Einhalt gebot.

Die nachgerade van Goghsche Besessenheit, mit der Jette Blumentöpfe und Aschenbecher produzierte, war für ihn ein Phänomen, dem er ratlos gegenüberstand. Anfangs war er darüber erleichtert gewesen, dass Jette eine Betätigung gefunden hatte, die sie davon abhielt, ihre Depressionen zu hätscheln. Ihr jäh entfesselter Schaffensdrang hatte ihn erheitert. Er hatte sich gesagt, dass sich das mit der Zeit geben würde. Mittlerweile war er jedoch außerstande, über Jettes Besessenheit auch nur zu lächeln. Der Verdacht, dass sich seine Freunde und Bekannten hinter seinem Rücken über seine Frau lustig machten, beunruhigte ihn. Oft genug war sie so exaltiert, dass er fürchtete, sie könnte wieder durchdrehen wie an dem Tag, da sie dahinter gekommen war, dass er sie mit einer Redakteurin des Kinderfunks betrogen hatte.

Obwohl ihm dies kein Vergnügen bereitete, versuchte er sie abzulenken, indem er sie ausführte. Er ging mit ihr nicht nur in Lokale, die als Geheimtipps in aller Munde waren, essen. Er ging mit ihr zu Dichterlesungen und Vernissagen. Er ging mit ihr ins Theater, ins Konzert und ins Museum. Doch kaum, dass sie einer Mahler-Symphonie gelauscht hatte, kaum, dass sie einer kontroversen Hamlet-Aufführung beigewohnt hatte, kaum, dass sie einen mit Hansaplast beklebten Besenstiel bestaunt hatte, der zum Kunstwerk erklärt worden war, dachte sie wieder an ihre Töpferwaren.

Auch an diesem Tag hatte sie fast fünf Stunden in ihrer Werkstatt verbracht. Jetzt beseelte sie das schöne Gefühl, etwas geleistet zu haben. Mit zwei noch lauwarmen Blumentöpfen, die sie gerade dem Rundofen entnommen hatte, in den Händen verließ sie die Werkstatt. Ihre Haare waren zerrauft. Ihr hageres, ungeschminktes Gesicht wirkte verzehrt und abgekämpft. Aber ihre Augen leuchteten, während sie hinauf zum Erdgeschoss stieg. Aus dem Wohnzimmer drang die quengelnde Stimme Lizzy Bittls in die Diele.

Ich habe aber keine Lust, hörte Jette die Freundin ihres Sohnes sagen.

Stirnrunzelnd betrat sie das Wohnzimmer, wo sich Lizzy Bittl wieder einmal auf dem Sofa langgestreckt hatte. Ihre ellenlangen, schwarz gefärbten Haare hatte sie um ihr Gesicht drapiert, das inmitten dieser schwarzen Fülle klein und unwichtig wirkte.

Wie immer war sie, so als hätte sie gerade an einem Leichenbegängnis teilgenommen, ganz in Schwarz. Gelangweilt blickte sie mit ihren schwarzumrandeten Augen Jette entgegen, die sich mühte, es sich nicht anmerken zu lassen, wie ungehörig sie es fand, dass sich die Freundin ihres Sohnes wieder einmal benahm, als sei sie zu Hause. Wenn Lizzy die Tochter eines Proleten gewesen wäre, wäre ihr, Jette, deren Flegelhaftigkeit weitaus weniger anstoßerregend erschienen. Aber Lizzy stammte nun einmal nicht aus kleinen Verhältnissen. Sie war die Tochter eines Zwiebackfabrikanten, der nicht nur Zwieback produzierte, wie es vor ihm schon sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater getan hatten. Jakob Bittl hatte sich überdies als Sammler moderner Kunst einen Namen gemacht. Immer wieder wurde Bittl als Besitzer dieses oder jenes avantgardistischen Kunstwerks in Ausstellungskatalogen erwähnt. Die Kunstwerke, die er sein eigen nannte, wanderten als hochversicherte Leihgaben durch die ganze Welt. Bittl hatte nicht nur den mit Hansaplast beklebten Besenstiel erworben, nachdem dieser zum Kunstwerk erklärt worden war. Zu seinen Schätzen zählte auch jene mit Goldbronze angestrichene, nahezu legendäre Fischgräte, die mittlerweile den Wert eines Bungalows hatte. Zu seinen Schätzen zählte jenes mit Filz umwickelte, ebenfalls nahezu legendäre Ofenrohr, dem die internationale Kunstkritik fast einstimmig eine epochale Bedeutung beimaß. Und zu seinen Schätzen zählte zudem jene auf einem Sockel befestigte Suppendose, die vor einem Jahrzehnt eine Wende im Kunstverständnis herbeigeführt hatte, deren Auswirkungen auch heute noch nicht abzusehen waren.

Der Erwerb derartiger Kunstwerke war Jakob Bittl sehr viel wichtiger als der Absatz seines Zwiebacks, um den er sich ohnehin keine Sorgen zu machen brauchte. Die Produktion von Zwieback hatte für ihn nur insofern Gewicht, als sie es ihm ermöglichte, Unsummen für eine mit Goldbronze angestrichene Fischgräte, ein filzumwickeltes Ofenrohr oder eine auf einem Sockel befestigte Suppendose auf den Tisch zu blättern. Mehr und mehr wurden seine Villa und sein parkähnlicher Garten, in dem immer wieder ehrwürdig alte, schattenspendende Bäume phallusförmigen Kunstwerken weichen mussten, zu einem Museum avantgardistischer Kunst.

Während die Kunstkenner beim Anblick von Bittls Schätzen vor Ehrfurcht verstummten, waren die Warenhausdirektoren und die Abgesandten von Selbstbedienungsladenketten, Konsumgenossenschaften und Reformhäusern, mit denen Bittl einzig und allein wegen des Zwiebacks geselligen Verkehr pflegte, maßlos darüber konsterniert, dass an den Wänden des Zwiebackfabrikanten gerahmte Abtreter hingen, dass auf marmornen Podesten Backsteine und mit Kleister zusammengeleimte Zwirnsrollen lagen, dass sich auf den kostbaren, blassrosa Orientteppichen gordisch verknotete Taue zu überdimensionalen Knäulen ballten. Schon beim Betreten der Eingangshalle von Jakob Bittl wurde manch ein Abgesandter aus der Lebensmittelbranche angesichts des mit Punktscheinwerfern angestrahlten Sandhaufens stutzig.

Der Zwiebackfabrikant nahm diese Stutzigkeit stillschweigend und voller Verachtung zur Kenntnis. Er dachte nicht daran, die Abgesandten aus der Lebensmittelbranche und deren Gattinnen darauf hinzuweisen, dass auch der Sandhaufen ein Kunstwerk war. Gerade weil Bittl zu den wenigen zählte, die den künstlerischen Wert dieses Sandhaufens, den ein namhafter Künstler vom Sandkasten eines Kinderspielplatzes auf eine Bronzeplatte geschaufelt hatte, beizeiten erkannt hatten, thronte er haushoch über den Ignoranten, die in dem Sandhaufen nur einen Haufen Sand sahen, der in einer Eingangshalle nichts zu suchen hatte. Ihre Unkenntnis vermittelte ihm ein Gefühl der Überlegenheit. Statt sie einzuweihen, nahm er wie ein Wächter vor dem Sandhaufen Aufstellung, damit niemand versehentlich hineintreten konnte.

Nur mit Kunstexperten, Künstlern und Kunstfreunden pflegte er über den Sandhaufen und über seine übrigen Kunstschätze zu diskutieren. Auch mit Jette, die sofort erkannt hatte, dass es sich bei dem von Punktscheinwerfern angestrahlten Sandhaufen in der Mitte der Eingangshalle des Zwiebackfabrikanten nur um ein Kunstwerk handeln konnte, hatte Bittl über den Sandhaufen diskutiert. Sie waren sich darin einig gewesen, dass der Künstler, der in Anwesenheit eines Fernsehteams, mehrerer Fotografen, Reporter, Museumsdirektoren den Sand vom Sandkasten des Kinderspielplatzes auf die Bronzeplatte geschaufelt hatte, mit Hilfe des hierdurch entstandenen Kunstwerks die Vergänglichkeit des Menschen zum Ausdruck hatte bringen wollen.

Wir sind sterblich: Sand hingegen ist es nicht, hatte der Zwiebackfabrikant, auf den Sandhaufen deutend, zu Jette gesagt, ehe er auf die Probleme zu sprechen gekommen war, die dieses Kunstwerk aufwarf, das bei der geringsten Erschütterung seine Form veränderte. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit hatte er Jette gestanden, dass beim Transport des Sandhaufens vom Kinderspielplatz zur Galerie des Künstlers und beim Transport des Sandhaufens von der Galerie zu seiner, Bittls, Villa Sandkörner über den Rand der Bronzeplatte gerieselt seien, die er in der Hoffnung, im Sinne und im Geist des Künstlers zu handeln, mit einem Tischbesen aufgefegt und wieder auf den Sandhaufen gestreut habe.

Er hatte Jette auch gestanden, dass kein Tag verginge, ohne dass Sandkörner über den Rand der Bronzeplatte rieselten, die das Dienstmädchen und die Zugehfrau mit dem Staubsauger aufsaugten, obwohl er ihnen wiederholt erklärt habe, dass sie hiermit ein Kunstwerk zerstörten.

Der Zwiebackfabrikant war untröstlich darüber gewesen, dass der Sandhaufen täglich flacher wurde, dass er einem Nivellierungsprozess unterworfen war, dem er, Bittl, nichts entgegenzusetzen hatte.

Er glaube nicht, dass er als Käufer dieses schrumpfenden Kunstwerks das Recht habe, die Sandkörner, die ohne Unterlass abhanden kämen, durch andere zu ersetzen, hatte er zu Jette gesagt, die sich sehr gut an dieses Gespräch erinnerte.

Im Grunde bedauerte sie es, dass ihr der skrupulöse Zwiebackfabrikant bislang keine weitere Gelegenheit zu einem Meinungsaustausch geboten hatte. Sie hätte ihm auch gern ihre Tonkreationen vorgeführt. Aber sie wollte nicht aufdringlich erscheinen. Sie hatte ganz einfach den Zeitpunkt verpasst, zu dem es möglich gewesen wäre, Bittl und dessen Frau ganz zwanglos zu einem Glas Wein einzuladen. Nur wenn sie mit Benjamin und Lizzy Scherereien hatte, bat sie Bittl telefonisch um Rat. Bittl selbst rief sie lediglich an, um sich zu vergewissern, ob seine Tochter wieder die Nacht in Benjamins Doppelbett verbrachte. Ansonsten wahrte er den Wurbs’ gegenüber eine Zurückhaltung, die Jette mitunter fast als diskriminierend empfand. Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Zwiebackfabrikant insgeheim hoffte, dass sich entweder Benjamin oder seine Tochter Lizzy dazu aufraffen würden, ihrer immerhin schon fünf Jahre währenden Affäre ein Ende zu machen.

Auch Jette hätte nichts dagegen gehabt, wenn es zu einem Bruch zwischen ihrem Sohn und der Tochter des Zwiebackfabrikanten gekommen wäre. Trotz ihrer Jugend verhielten sich die beiden wie ein altes Ehepaar, das durch die Fesseln der Gewohnheit aneinander gebunden ist. Längst waren sie nicht mehr ineinander verliebt. Sie sahen sich nicht mehr tief in die Augen. Sie flirteten nicht mehr miteinander. Vielmehr nörgelten sie unentwegt aneinander herum. Oft genug zankten sie sich sogar nächtelang. Dennoch waren sie unzertrennlich. Fast jede Nacht schliefen sie in einem Bett. Bald übernachtete Benjamin bei den Bittls. Bald übernachtete Lizzy bei den Wurbs’. Ihre verbissenen Liebesspiele endeten häufig mit Schimpfkanonaden gröbster Art. Kopfschüttelnd hörten Jette und Waldemar mit an, wie Lizzy Benjamin als einen impotenten Tattergreis bezeichnete. Kopfschüttelnd hörten sie es mit an, wie Benjamin Lizzy eine frigide Nutte nannte.

Jette hatte das Gefühl, dass es allein der Lebensekel war, der dieses Pärchen all seinen Zänkereien zum Trotz aufs innigste vereinte. Es gab nahezu nichts, was Benjamin und Lizzy nicht anödete. Politik ödete sie an. Kunst ödete sie an. Rüstungsfabrikanten ödeten sie gleichermaßen an wie Repräsentanten der Friedensbewegung. Weder im Show-Geschäft noch anderswo gab es eine Persönlichkeit, die sie angehimmelt hätten. Kein Revolutionär und kein Putschist konnte sie begeistern. Sie lasen keine Zeitungen. Sie hörten sich keine Nachrichten an. Sie interessierten sich weder für die Massenarbeitslosigkeit noch für den Hunger in der DRITTEN WELT. Flutkatastrophen, bei denen Tausende und Abertausende obdachlos wurden, konnten ihnen ebenso wenig Anteilnahme entlocken wie die Abstürze von vollbesetzten Jumbo-Jets. Sie schliefen meistens, bis der Mittag fast vorbei war. Die Zeit, die sie wach waren, verbrachten sie damit, darüber zu klagen, dass sie nicht wussten, was sie den Rest des Tags über tun sollten. Ihre Aktivitäten beschränkten sich darauf, dass sie sich braun brennen ließen, dass sie, ohne dabei dicker zu werden, große Mengen Nahrungsmittel verschlangen und dass sie auf ihren ausgedehnten Spaziergängen durch die Stadt durch ihre Haartracht, ihre Kleidung und ihr Gebaren bei den Mitbürgern, denen sie eine pauschale Verachtung entgegenbrachten, Anstoß erregten. Wenn ausnahmsweise einer von ihnen zu irgendetwas Lust hatte, hinderte ihn die Unlust des anderen daran, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie infizierten sich gegenseitig mit ihrer Langeweile.

Auch in diesem Augenblick drückte sie der Lebensüberdruss förmlich nieder. Während Benjamin, der sich nicht anders als Waldemar auf einem der korkfarbenen Ledersessel fläzte, die um einen Rauchtisch aus Palisanderholz herumstanden, seine Mutter zumindest mit einem freudlosen Hallo begrüßte, brachte Lizzy nicht einmal ein Hei über die Lippen.

Ich habe wirklich keine Lust, wiederholte sie mit einem angewiderten Blick in die Richtung Waldemars, der sich aus reiner Anbiederei nach Kräften mühte, jene Übellaunigkeit nachzuäffen, die Benjamin und Lizzy als die einzig mögliche Lebenseinstellung akzeptierten.

Wozu hast du denn keine Lust, erkundigte sich Jette, indem sie die beiden, noch lauwarmen Blumentöpfe, die sie vor kurzem ihrem Rundofen entnommen hatte, auf den Rauchtisch stellte.

Muss ich dir das jetzt auseinandersetzen, fragte Lizzy.

Wenn es dich zu sehr anstrengt, brauchst du es natürlich nicht zu tun, erwiderte Jette.

Nun werde doch nicht gleich ironisch, brauste Benjamin auf.

Warum ereiferst du dich denn, fragte Lizzy. Du müsstest eigentlich inzwischen gemerkt haben, dass ich auf Ironie und Spott nicht reagiere.

Ich frage mich, worauf du überhaupt reagierst, sagte Waldemar.

Das fragt sich mein Vater auch, entgegnete Lizzy.

Wie geht es deinem Vater, erkundigte sich Jette.

Seit ihm von einem Kunsthändler eine Schafsherde aus Plastik angedreht worden ist, die aus elf angeblich wetterbeständigen weißen Schafen und einem zwölften schwarzen Schaf besteht, ist Papa außer Rand und Band, erwiderte Lizzy. Er weiß nämlich nicht, wo er das schwarze Schaf platzieren sollte. Mal stellt er es zwischen die weißen Schafe, weil er der Meinung ist, dass auch schwarze Schafe in die Herde integriert werden müssten. Mal stellt er es ein Stück abseits von der Herde, weil er die Vorurteile sattsam kennt, die die Integration eines schwarzen Schafs verhindern würden. Er wird von seinem Wunschdenken und von seinem Realitätssinn hin und her gerissen. Hinzu kommt, dass die Schafe, die nur unter freiem Himmel zur Geltung kommen, so leicht sind, dass sie jeder Windstoß umwirft. Damit er sie nicht fortwährend auf ihre Füße stellen muss, hat Papa heute unserem Gärtner schweren Herzens den Auftrag erteilt, die Schafe in den Rasen zu pflanzen. Jetzt fallen sie zwar nicht mehr um. Aber ihre Bäuche berühren den Rasen wie die Bäuche von Rauhhaardackeln. Weil von ihren Beinen nur noch Stümpfe sichtbar sind, erwecken sie den Eindruck, sie seien drauf und dran, im Erdboden zu versinken. Papa ist verzweifelt.

Immer wieder tritt er ans Fenster und starrt die Schafsherde finster an, fügte sie kichernd hinzu.

Auch Benjamin begann zu kichern.

Was erheitert euch denn dermaßen, erkundigte sich Jette und sie musterte Benjamin und Lizzy irritiert. Es entging ihr nicht, dass sich auch Waldemars Gesicht zu einem Grinsen verzogen hatte. Sie argwöhnte gerade, dass er nur grinste, um sich bei den albernen jungen Leuten anzubiedern, als er sich ihr zuwendete.

Findest du es nicht komisch, wenn ein normaler Mensch Schafe wie Fliederbüsche in den Erdboden pflanzt, fragte er.

Ich kann das beim besten Willen nicht komisch finden, erwiderte Jette mit der Verletztheit, mit der humorlose Menschen auf jedes Gelächter zu reagieren pflegen. Am liebsten hätte sie sich mit Jakob Bittl solidarisch erklärt. Der Versuch, den Zwiebackfabrikanten zu einer Spottfigur zu stempeln, erschütterte sie. So, als fürchte sie, von dem Strudel des Hohns und der Schadenfreude erfasst zu werden, der von Benjamin und Lizzy ausging, wich sie einen Schritt zurück. Mit einem Mal war sie überzeugt davon, dass sich ihr Sohn und die Tochter des Zwiebackfabrikanten mit der gleichen Unerschrockenheit, mit der sie jetzt über Jakob Bittl und dessen Kunstschätze lachten, über sie, Jette Wurbs, und ihre Tonkreationen lustig machten. Ihre Unterlippe fing zu beben an. Mit ihren zerrauften Haaren, ihrem abgekämpften, hageren Gesicht und der Friedenstaube auf dem Vorderteil ihres T-Shirts stand sie, bemüht, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzugewinnen, in dem mit Töpferwaren vollgestopften Wohnzimmer und starrte auf die beiden lauwarmen Blumentöpfe auf dem Rauchtisch, über die bislang keiner von den Anwesenden ein Wort verloren hatte. Ganz unvermittelt tat sie einen entschlossenen Schritt in die Richtung des Rauchtischs und ergriff die Blumentöpfe.

So lass sie doch noch ein Weilchen stehen, damit wir sie nach Gebühr bewundern können, meinte Waldemar, der es meisterhaft verstand, familiäre Konflikte, bevor sie zum Ausbruch kommen konnten, beizulegen.

Niemand verlangt von euch, dass ihr sie bewundert, erwiderte Jette, ehe sie mit den Blumentöpfen das Zimmer verließ.

Obwohl sie erwartete, dass Waldemar ihr folgen würde, heuchelte sie Überraschung, als er vor der Kellertreppe ihren Arm ergriff.

Du hast doch nicht etwa vor, dich wieder in die Arbeit zu stürzen, erkundigte er sich.

Ich weiß nicht, was ich anderes tun soll, so lange diese beiden anmaßenden jungen Leute das Wohnzimmer okkupieren, entgegnete Jette.

Was würdest du sagen, wenn ich dich zum Essen einladen würde, fragte Waldemar.

Eigentlich möchte ich mich nicht mehr umziehen, sagte Jette und sie sah stirnrunzelnd an sich herab.

In LOCOS BISTRO kannst du dich auch in Blue-Jeans blicken lassen, erwiderte Waldemar, ehe er mit einem Elan, der bei ihm eine peinliche Atemlosigkeit herbeiführte, treppaufwärts stürzte.

Ein paar Minuten später tauchte er ebenfalls in verwaschenen Blue-Jeans, über deren Bund ein Fettwulst quoll, der all seinen halbherzigen Abmagerungskuren trotzte, wieder in der Diele auf, wo sich Jette in der Zwischenzeit ihre zerrauften Haare geglättet hatte. Bevor sie mit Waldemar in den Vorgarten trat, entfernte sie die Friedenstaube von ihrem T-Shirt und legte sie, wie immer, wenn sie das Haus verließ, auf das halbkreisförmige Garderobentischchen, das sie vor Jahren auf einer Auktion ersteigert hatte.

Was soll ich nur außer Blumentöpfen töpfern, erkundigte sie sich unterwegs bei Waldemar.

Töpfere doch die Backsteine, die jetzt nach dem Fall der Mauer verkauft werden, schlug ihr Waldemar vor.

Welche Mauer meinst du, erkundigte sich Jette.

Die Mauer, die Schandmauer, den Blutwall, erklärte ihr Waldemar.

Einen Blutwall kann ich nicht töpfern, aber Backsteine, ja, Backsteine, sagte Jette völlig fanatisiert vor Begeisterung.

Morgen töpfere ich Backsteine, prophezeite sie Waldemar zu dessen Befremden, ehe sie LOCOS BISTRO betraten.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Gisela Elsner: Zerreißproben. Gesammelte Erzählungen 2. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Christine Künzel. Verbrecher-Verlag, Berlin 2013, 223 Seiten, 15 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage.

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