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Bernhard Schmid: Der Krieg in Mali und die Auswirkungen auf die Region

Die Jihadisten tauchen unter

Während die französischen und malischen Truppen die größeren Städte Nordmalis von den Jihadisten befreien, sucht die Tuareg-Organisation MNLA nach einer neuen politischen Rolle.

von Bernhard Schmid

Plötzlich waren sie verschwunden, die Jihadisten: Am Montag erreichten die französischen Streitkräfte und die gemeinsam mit ihnen vorrückenden Truppen der Armee Malis die Stadt Timbuktu, im Nordwesten des Nigerbogens. Am Vortag hatten sie die Großstadt Gao auf der anderen Seite des Bogens, den der Strom in der Mitte Malis beschreibt, eingenommen.

In Timbuktu erlangten die Soldaten ohne Schwierigkeiten innerhalb kürzester Zeit die Kontrolle über alle Zugänge zur Stadt und den Flughafen, am späten Nachmittag dann die gesamte Stadt. Die Jihadisten, die Timbuktu bis dahin beherrscht hatten, waren nicht zu sehen: Sie flohen, nicht ohne zuvor noch ein Gebäude mit 100 000 wertvollen historischen Manuskripten, die zum Teil aus dem 12. Jahrhundert stammten, in Brand zu setzen.

In Timbuktu und anderswo räumten die radikalen Islamisten allem Anschein nach kampflos das Feld. Von ihren Pick-ups war seit anderthalb Tagen nichts mehr zu sehen, als die Soldaten einrückten. Nur in Gao weiter östlich war es zu Kämpfen gekommen, nachdem seit Samstag französische Spezialkräfte dort eingesickert waren. Die Jihadisten wurden offenbar durch deren Präsenz in der Stadt überrascht.

Zunächst hieß es, etwa 50 von ihnen seien im Kampf getötet worden, am Montagabend wurde diese Zahl vom französischen Generalstabssprecher Thierry Burkhard auf 25 korrigiert. Auf französischer Seite gab es bis Redaktionsschluss keine Verluste. Was Tote unter den Zivilisten betrifft, so ist die Situation unklar. Französische Presseorgane beklagen sich darüber, nicht unabhängig von einer Kontrolle durch das französische wie malische Militär arbeiten zu können. Der Korrespondent von Le Monde, Jean-Philippe Rémy, wartete etwa sechs Tage auf eine Genehmigung, die von den Jihadisten befreite Stadt Sévaré zu betreten. Le Monde wie Libération berichten, man habe keine Leichen gesehen, diese seien aber vermutlich weggeräumt worden. Aus Sévaré war seit den ersten Tagen wiederholt von möglichen Racheakten malischer Soldaten an Einwohnern, die etwa der Sympathie für die Jihadisten verdächtigt wurden, die Rede. Im Norden Malis waren vor der französischen Intervention bereits mehr als 400 000 Menschen vor Kampfhandlungen und der Schreckensherrschaft der Islamisten geflüchtet.

Der französische Präsident François Hollande sprach am Montag bereits vom »Sieg«, der nahe sei. Doch es ist unwahrscheinlich, dass damit die mittlerweile dreiwöchige Militärintervention bereits beendet wird. Sogenannte asymmetrische Kriege haben es an sich, dass auf der einen Seite reguläre, strukturierte und schwer bewaffnete Truppen stehen, auf der anderen Seite aber irreguläre und die Form ihres Auftretens ändernde Gegner, die unter Umständen nur schwer greifbar sind.

Spaltung bei den Jihadisten

Die in Nordmali aktiven Jihadisten gehören unterschiedlichen Gruppen an. »Al-Qaida im Land des islamischen Maghreb« (AQMI) besteht überwiegend aus Algeriern, die in ihrem eigenen Land vor 15 Jahren mit dem Versuch einer islamistischen Machtübernahme definitiv gescheitert sind und ihren Jihad seitdem zu exportieren suchen. Eine Abspaltung der Gruppe, der MUJAO (vgl. Jungle World 36/2012), hat neben Algeriern auch Afghanen und Pakistaner rekrutiert. Dagegen ging die dritte islamistische Gruppe, die im Norden Malis aktiv ist, Ansar Dine (»Anhänger der Religion«), aus der malischen Gesellschaft selbst hervor. Ihre Ziele sind weniger dem globalen Jihadismus verhaftet, sondern beziehen sich eher auf eine Umgestaltung der malischen Gesellschaft im nationalen Rahmen.

Ansar Dine hat sich vergangene Woche gespalten, am Donnerstag wurde die Entstehung der Dissidentengruppe MIA bekannt. Das Kürzel steht für »Islamische Bewegung von Azawad«, unter Benutzung des Namens, den die Tuareg für Nordmali verwenden. Ihr Anführer ist Albagas Ag Intalla, der nach den geltenden Nachfolgeregeln künftig als chef traditionnel – eine Art Feudalherr – der Tuareg in der Region Kidal amtieren soll, sobald der derzeit noch besetzte Posten vakant wird. Er hat vor allem auch Kontakte zum Regime im Nachbarstaat Burkina Faso, wo er im vergangenen Jahr als Verhandlungsführer von Ansar Dine an den Gesprächen mit Vertretern der malischen Regierung beteiligt war.

Burkina Faso, ein enger Verbündeter Frankreichs in der Region Westafrika, ist an einer Schwächung des Nachbarlands Mali interessiert. Sein Präsident Blaise Compaoré hält deshalb auch Kontakte zu den Tuareg-Separatisten der Sezessionsbewegung MNLA, deren Führungsspitze sich am 28. Juni nach Burkina Faso flüchtete, nachdem sich die Jihadisten gegen ihren früheren Bündnispartner MNLA gerichtet hatten. Der MNLA bietet sich seit einigen Wochen der malischen und französischen Armee als Hilfstruppe bei der Bekämpfung der Jihadisten an und argumentiert mit seiner Ortskenntnis, will sich aber vor allem selbst wieder ins Gespräch bringen. Ähnliches tun nun auch die »Dissidenten« von Ansar Dine. Sie verkünden nicht nur, dass sie »den Terrorismus verurteilen«, sondern auch, dass sie »an seiner Bekämpfung teilnehmen« wollten. Augenscheinlich versuchen sie vor allem, Plätze in der Nachkriegsordnung für sich zu sichern.

Oft wird in diesen Tagen in Frankreich der Feldzug in Mali mit jenem verglichen, der am 7. Oktober 2001 in Afghanistan begonnen hat und noch immer nicht zu Ende ist. Tatsächlich sind einige Aspekte wohl übertragbar, etwa die Feststellung, dass man bei einem solchen Krieg zwar in etwa weiß, wann und wie er begonnen hat – aber nicht, wann und wie er aufhören könnte. Denn auf eine Phase mit direkten Kampfhandlungen könnten nach Auffassung vieler Militärexperten nun Attentate, auch Selbstmordanschläge, folgen. Die US-Regierung sieht dies ähnlich. So stellt sie der französischen Armee zwar zwei großräumige Truppentransporter zur Verfügung, um deren Soldaten nach Mali zu befördern, sträubt sich aber bislang nach Kräften dagegen, tiefer in die Auseinandersetzung hineingezogen werden. Man fürchtet nach den Konflikten der vergangenen Jahre, besonders im Irak und in Afghanistan, sich auf längere Zeit erneut einen Klotz ans Bein zu binden.

Aber die Herrschaft der Jihadisten in Teilen Malis stieß von Anfang an auf viel stärkere Widerstände als die der Taliban in Afghanistan. Ihrer Eroberung gingen nicht 20 Jahre Krieg und allgemeine Verrohung voraus, wie in Afghanistan seit 1979. Ferner spielt die ethnische Differenz eine wichtige Rolle. In den Augen der Bevölkerung Südmalis werden die Jihadisten oft als ein Problem von Hellhäutigen, also Arabern oder Tamaschek – malischen Tuareg – wahrgenommen. Auch wenn die Realität komplexer ist: Die Gruppe Ansar Dine etwa besteht aus dunkelhäutigen Maliern. Und selbst die arabischen Jihadisten in Nordmali, die dort immerhin seit 2003 präsent sind, haben durch Einheiraten auf lokaler Ebene Bündnisse mit Teilen der örtlichen Gesellschaft geschlossen. Wegen der ethnisierten Wahrnehmung kam es in den vergangenen Tagen wiederholt zu Übergriffen und Racheakten auf Tuareg oder arabischstämmige Malier, denen ihr Hab und Gut weggenommen wurde – in Gao und anderen von den Jihadisten befreiten Städten im Norden, vereinzelt auch in der Hauptstadt Bamako.

Die Internationalisierung des Konflikts

Die Jihadisten würden den Konflikt gerne internationalisieren. Bisher gelang dies jedoch nur in Ansätzen. Auf dem Gebiet terroristischer Aktionen spiegelte die Geiselnahme auf dem Gelände einer Gasförderstätte im algerischen In Amenas (vgl. Jungle World 3/2013) zwar die Internationalisierung der jihadistischen Aktivitäten: Die Angreifer kamen über die Grenze aus Libyen, und unter den rund 40 Geiselnehmern waren elf Tunesier. Auf tunesischem Boden gibt es auch Kontakte zu den Jihadisten in Mali, so sprach der tunesische Übergangspräsident Moncef Marzouki in Interviews mit französischen Medien besorgt von einem Transit von Waffen durch Tunesien nach Nordmali. Diese Vorgänge spiegeln jedoch vor allem das Agieren des harten Kerns der radikal-islamistischen Kräfte, eine Massenbewegung konnten sie nicht initiieren.

In vielen Ländern der Region, in Afrika und im arabischsprachigen Raum betrachtet man den französischen Militäreinsatz zwar mit einiger Skepsis, es kam jedoch bislang nicht zu größeren Protesten. In Kairo demonstrierten am Ende der ersten Woche nach Interventionsbeginn Islamisten gegen Frankreichs Eingreifen, im Vergleich zu anderen Demonstrationen blieb diese jedoch überschaubar. Allerdings missbilligte dann auch der aus den Reihen der Muslimbrüder kommende Präsident Mohammed Mursi die Intervention. Zu schwächeren Protesten, ebenfalls von Islamisten, kam es zudem in Tunis und in Algier.

Aber Kritik an der Intervention gibt es auch jenseits der Islamisten, vor allem in Algerien und Marokko. Bislang unterstützten die Führungen beider Staaten das Vorgehen Frankreichs im südlichen Nachbarland, was jedoch zu Kritik der Presse und von mehreren Oppositionsparteien führte. Im Falle Algeriens ist die Angelegenheit besonders heikel, da das Land seit dem extrem blutigen antikolonialen Befreiungskrieg bis 1962 ein äußerst belastetes Verhältnis zur früheren Kolonialmacht hat. Linke Gruppen wie die orthodox-kommunistische Partei PADS oder die trotzkistisch inspirierte PST – kleine Parteien, die jedoch über die französischsprachige Presse mitunter einen stärkeren Einfluss haben – wandten sich scharf gegen die Nutzung des algerischen Luftraums durch Frankreich. Nach der Geiselnahme von In Amenas machte die algerische Regierung Anstalten, dieses Nutzungsrecht wieder in Frage zu stellen, da man Attacken auf den für das Regime überaus wichtigen Öl- und Erdgassektor fürchtete. Zwar wurde schließlich nichts dergleichen unternommen, aber in der Praxis überfliegen die französischen Militärtransporter nun nicht mehr Algerien, sondern Marokko und Mauretanien.

Die willigen Helfer

Unterstützung, auch finanzieller Art, erhalten die Jihadisten mutmaßlich aus Saudi-Arabien und Katar. Genauere Angaben dazu sind umstritten. Im Laufe des vergangenen Jahres war in französischen Medien mehrfach die Rede von einer Rolle Katars als Geldgeber, etwa in der Wochenzeitung Le Canard enchaîné. Im Spätherbst allerdings wurde an derselben Stelle eine bedeutende Rolle der katarischen Monarchie, wiederum unter Berufung auf Sicherheitskreise, dementiert. Vergangene Woche jedoch wurde erneut über eine solche Rolle berichtet. Der Golfstaat lieferte jedenfalls offiziell im Jahr 2012 humanitäre Hilfe nach Nordmali, was nur möglich war, weil er direkt mit den jihadistischen Gruppen verhandelte. Zudem sprechen örtliche Journalisten davon, dass ein Flugzeug aus Katar als erstes auf dem Flughafen von Tisselit im Nordosten Malis gelandet sei, nachdem dieser vor wenigen Wochen von den Jihadisten erobert worden war. Eine Hilfestellung aus Katar für die radikalen Islamisten ist wahrscheinlich, auch wenn diese wohl nicht über die offiziellen Kanäle der Monarchie läuft, sondern über private Stiftungen. Wie auch in Saudi-Arabien haben Islamisten in Katar sich seit langem ins NGO-Geschäft gestürzt, und die Monarchie lässt sie gewähren, auch um innenpolitisch ihre Ruhe zu haben.

Die Situation im Süden Malis

Im Süden Malis ist das Eingreifen gegen die Jihadisten als solches wenig umstritten. Oft, aber nicht bei allen Maliern, verbindet sich dies auch mit dem Bekunden von Dankbarkeit für die Intervention, die zumindest als kleineres Übel betrachtet wird, auch wenn von neokolonialen Hintergedanken die Rede ist. Die Medizinstudentin Aminata berichtete der Jungle World aus Bamako, Bekannte hätten ihre in den vergangenen Tagen geborenen Kinder sogar auf die Vornamen »François Hollande« getauft.

Dennoch wird die Haltung zu der französischen Intervention kontrovers diskutiert, wobei die Konfliktlinien sich dabei zum Teil mit denen decken, die beim Putsch junger Offiziere am 22. März vergangenen Jahres hervortraten. Der Coup war gegen den Willen der Militärführung und der alten Oligarchie erfolgt, resutierend aus Empörung über Korruption in der Armee, in deren Folge Soldaten ohne Bewaffnung an der Nordfront – wo die Rebellen seit Januar 2012 vorrückten – »verheizt« wurden, weil militärisches Material auf dem Schwarzmarkt landete. Der Putsch wurde von Zivilisten und vor allem von Soldatenfrauen durch begleitende Demonstrationen unterstützt.

Seitdem hat sich eine linksnationalistische Koalition unter dem Namen »Bewegung des 22. März« gebildet. Ihre stärkste Kraft ist die linksnationalistische Partei SADI (»Afrikanische Solidarität für Demokratie und Entwicklung«). Sie begrüßte in einer Presseerklärung vom zweiten Tag der Militäroperation das Vorrücken von malischen Truppen gegen die Islamisten, erwähnte die französische Armee jedoch mit keinem Wort. Die Linksnationalisten wollen diese schnellstmöglich durch afrikanische Truppen ersetzt sehen. Dagegen unterstützen Frankreich und die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Cedeao-Ecowas eher die Kräfte der alten Oligarchie, die die Übergangsregierung dominieren. Die Worte des französischen Botschafters in Mali in dem Magazin Jeune Afrique von vergangener Woche, nun sei »Schluss mit den Demonstrationen«, gehen ebenfalls in diese Richtung.

Die Rolle der Tuareg-Rebellen

Vor allem werden in Südmali Befürchtungen laut, Frankreich werde die Tuareg-Rebellen der MNLA, die ab Januar 2012 zunächst zusammen mit den Jihadisten in die Offensive gegangen waren und ab Juni dann von diesen abgeschüttelt und bekämpft wurden, wieder ins Spiel bringen. Eine solche Initiative favorisiert insbesondere der frühere konservative Außenminister Alain Juppé, in dessen Regierungszeit halboffizielle Pläne zur Unterstützung eines unabhängigen Tuareg-Staats ausgearbeitet worden waren. Seit einer Woche kommen die MNLA-Rebellen, die sich nunmehr der malischen Armee als Hilfstruppe gegen ihre vormaligen jihadistischen Verbündeten andienen, in französischen Medien wie dem Radiosender RFI und dem Fernsehkanal France 24 wieder verstärkt zu Wort.

Befürchtet wird insbesondere, Frankreich werde Mali zwar bei der Vertreibung der Jihadisten helfen, aber zugleich danach streben, das Land selbst zu schwächen und mehr oder weniger in Abhängigkeit zu halten. Auch wird in den politischen Kreisen Malis über eine Dezentralisierung des Landes für die Nachkriegszeit nachgedacht, um Sezessionsbestrebungen der sich als unterdrückt betrachtenden Tuareg den Wind aus den Segeln zu nehmen und diese zu schwächen.

Allerdings gibt es auch damit negative Erfahrungen: Nach früheren Rebellionen der Tuareg im Norden wurden 1991 und 2006 Abkommen geschlossen, die unter anderem vorsahen, eine neue militärische Offizierselite aus früheren Tuareg-Kämpfern zu rekrutieren. Das Resultat war jedoch, dass auf der Basis von ethnischen Kriterien eine neue Elite im Norden geschaffen wurde, die ebenso korrupt war wie jene im Süden und immer neue Privilegien für sich einforderte. Viele höhere Offiziere der malischen Armee schlossen sich Anfang 2012 der MNLA-Rebellion an.

Erneut einer regionalen Elite, die im Namen »des Nordens« zu sprechen vorgibt, Machtpositionen einzuräumen, scheint vielen deswegen nicht erstrebenswert. Zumal die Tuareg auch in Nordmali nur 19,5 Prozent der Bevölkerung stellen, im ganzen Land zwei Prozent. Die französische Politik könnte aber, zusammen mit Bur­kina Faso, einen solchen Kurs einschlagen.

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