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Pascale Müller: Pierre Vermeren im Gespräch über die Rolle der Tuareg

»Die Arena ist größer als der Norden Malis«

Pierre Vermeren ist Professor für Geschichte und Gegenwart des Maghreb an der Universität Sorbonne in Paris. Die Jungle World sprach mit ihm über die Rolle der Tuareg und die Bedeutung kolonialer Staatsgrenzen im Konflikt um den Norden Malis.

Interview: Pascale Müller

Im Konflikt um den Norden Malis haben sich einige Tuareg auf die Seite der französischen Armee gestellt. Vorher kämpften sie mit der islamistischen Organisation Ansar Dine. Wie bewerten Sie dieses Umschwenken?

Dieses Angebot kam vor allem von der Nationalen Befreiungsbewegung Azawad (MLNA), und es ist äußerst positiv einzustufen. Die Unabhängigkeitsbewegungen der Tuareg haben eine lange Tradition und in ihrem Ursprung nichts gemein mit dem gegenwärtigen Krieg der Islamisten. Vielmehr haben sie sich im Laufe des Konflikts von den Jihadisten vereinnahmen lassen. Daher sind einige der Männer, die etwa Ansar Dine mit aufgebaut haben, ehemalige Mitglieder der MLNA. Sie haben diesen islamistischen Organisationen Struktur verliehen. Wenn es nun aber dazu kommt, dass eine bestimmte Zahl dieser Tuareg, seien sie aus der MLNA oder von Ansar Dine, zu ihrer Ausgangsposition, also der Forderung nach mehr Autonomie, zurückkehrt, dann ist das sehr positiv. Das ist für alle Beteiligten von großem Vorteil, zuerst natürlich für Mali und Frankreich, aber auch für Algerien und zuletzt für die Tuareg selbst. Ohne diesen Schritt hätten sie sich in eine strategische Sackgasse manövriert.

Die malische Armee ist den Tuareg gegenüber alles andere als positiv eingestellt. Ist deren Furcht vor »ethnischen Säuberungen« durch die malischen Truppen im Norden berechtigt?

Diese Befürchtung ist durchaus berechtigt. In Bamako und anderen bereits wiedereroberten Städten kam es zu Zwischenfällen und Aggressionen gegen Tuareg. Leider handelt es sich hierbei um etwas, dass wir in einer Vielzahl der Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent beobachten können. In dieser Region wird es besonders dramatisch, sobald – wie im Fall der Tuareg – die Hautfarbe noch mit ins Spiel kommt. Es kommt dann, wie bereits zu beobachten, zu vollkommen willkürlicher Repression. Wenn die malische Armee dazu übergeht, gezielt Kämpfer der Tuareg zu überfallen, dann ist das bereits sehr bedenklich. Wenn sie aber riskieren, dabei deren Familien und damit die Zivilbevölkerung zu treffen, kann das sehr unschön werden. Vielleicht ist es die Antwort der MLNA, auch durch die Neuausrichtung ihrer Gefolgschaft, dieses Risiko zu antizipieren. Aber es gibt noch eine andere politische Dimension. Die Tuareg sind durch die Loyalität zu den Islamisten in eine Sackgasse geraten. Sie möchten nun ihrer ursprünglichen Linie treu bleiben, deren Ziel es war, größtmögliche Autonomie im Norden Malis zu erhalten, und nicht die Errichtung einer islamistischen Regierung.

Einer der wirkungsmächtigsten Akteure in der Region ist Algerien. Welche Rolle spielt die algerische Einflussnahme in der Region?

Die Tuareg gehören zum Stamm der Berber. Ein Nomaden- und Wüstenvolk, welches vereinzelt in der Region der zentralen Sahara lebt und über mehrere Länder verteilt ist. Tuareg gibt es in Mali, im Niger, aber auch in Burkina Faso und eben in Algerien. Dieses Volk ist getrennt durch künstliche Grenzen, die es nicht als legitim anerkennen kann, weil sie nicht mit seiner Vorstellung der eigenen Nation übereinstimmen. Algerien kennt dieses Problem sehr gut, denn sehr viele Tuareg leben im Süden des Landes. Durch verschiedene religiöse, verwandtschaftliche und politische Bindungen hat man es hier aber geschafft, keine Unabhängigkeitsbewegung der Tuareg entstehen zu lassen. Sollte es nun im Mali dazu kommen, dass den Tuareg ein Autonomiegebiet zugesprochen wird, wäre Algerien davon stark betroffen. Man weiß weiter, dass die algerische Regierung sehr bedacht darauf ist, die aus der Kolonialzeit geerbte Grenzziehung beizubehalten. Die Rolle Algeriens in der Region ist deshalb sehr wichtig und nicht auf sicherheitspolitische Aspekte zu reduzieren. Es gilt, dem Unabhängigkeitsstreben der Tuareg im Norden Malis nachzukommen, ohne dabei gleichzeitig die Stabilität im Süden des eigenen Landes zu gefährden.

Um den Tuareg ein autonomes Gebiet im Norden Malis zuzusprechen, muss dieses zunächst von den Islamisten zurückerobert werden. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich das geordnet und zügig vollzieht?

Über Wahrscheinlichkeiten kann ich wenig sagen, denn ich habe da ebenso wenig Informationen wie Sie. Die Jihadisten werden sich vermutlich zunächst in die Berge zurückziehen. Dort leben aber nicht nur die Tuareg, sondern auch noch andere Bevölkerungsgruppen dunkler Hautfarbe, die mit den Islamisten sympathisieren. Ethnische, religiöse und politische Fragen überschneiden sich hier. Es ist daher eine Sache, ob das Gebiet von den französischen und malischen Truppen zurückerobert werden kann, eine andere ist, dass es dort keine langfristige Sicherheit geben kann ohne politische Verhandlungen über den Konflikt. Solche Verhandlungen werden meiner Meinung nach mit den Islamisten sehr schwierig werden, denn ein Kompromiss interessiert sie nicht. Sie folgen einer anderen Logik und haben daher auch andere Ziele in diesem Krieg. Außerdem nützt es wenig, den Norden Malis zu sichern, wenn sich die islamistischen Gruppen dann in den Niger, nach Libyen, Mauretanien oder Algerien zurückziehen. Deshalb ist es wichtig, dass all diese Nachbarländer ihr Territorium sichern. Dieser Konflikt ist nicht auf Mali beschränkt, sondern wird zum Problem aller Staaten der Region. Die Arena ist sehr viel größer als der Norden Malis.

Durch den Eingriff Frankreichs kommt dieser Arena nun internationale Aufmerksamkeit zu. Hat Frankreich aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit ein besonderes Interesse an der Region?

Die Frage im Moment ist nicht so sehr die der historischen Verantwortung. Es ist vielmehr das Interesse daran, die gegenwärtigen Grenzen zu sichern und gleichzeitig ein Zusammenleben der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen innerhalb dieser Grenzen zu gewährleisten. In Mali gab es ein Ungleichgewicht zwischen den Bevölkerungen des Nordens und des Südens. Natürlich hat Frankreich ein Interesse an der Region, und nicht nur Frankreich. Auch Algerien und die USA haben seit langem ein Interesse daran, die Region zu sichern.

Natürlich kommen verbunden damit auch Fragen nach Ressourcen wie Öl oder Radium auf, aber ebenso wichtig sind Sicherheitsfragen etwa im Hinblick auf den Sahel. Es gibt geopolitische Interessen, das kann man nicht abstreiten. Gleichzeitig ist es aber das ureigene Anliegen vieler westafrikanischen und nordafrikanischen Staaten, insbesondere Algeriens, die koloniale Grenzziehung beizubehalten und, sind diese Grenzen einmal abgesichert, weiter für die Stabilität der Staaten zu sorgen. Damit handelt es sich nicht nur um geopolitische Taktik, sondern vor allem um den Wunsch nach Stabilität in der Region. Beginnt man die Staatsfläche zu zerteilen, wie es etwa im Sudan, in Eritrea oder in Somalia bereits passiert ist, reiht sich ein Konflikt an den nächsten. Für die Bevölkerung an Ort und Stelle ist das sehr gefährlich, aber es bedroht darüber hinaus auch die internationale Sicherheit. Dieses Prinzip, dieser Konsens über die Grenzen aus der Kolonialzeit, geht zurück bis zur Gründung der Afrikanischen Union im Jahre 1969. Außer für Marokko, das aufgrund von Gebietsstreitigkeiten über die spanische Sahara auch nicht Mitglied der Afrikanischen Union ist, gilt für alle afrikanischen Staaten die Priorität der Aufrechterhaltung der Grenzen. Frankreich teilt diese Auffassung genauso wie die gesamte Europäische Union.

Ein anderes Moment, das die Stabilität in der Region um Mali stark bedroht, ist der Drogenhandel, vornehmlich in der Hand der Islamisten. Ist dem Problem der »Drogenjihadisten«, wie sie die französischen Medien getauft haben, durch Grenzsicherung beizukommen?

Seit die Europäische Union die Maßnahmen im Kampf gegen den Import von Drogen aus Lateinamerika verschärft hat, weiß man sehr genau, dass es mehrere Staaten und kriminelle Gruppen gibt, die die Sahara wie auch die Atlantikküste nutzen, um Kokain nach Europa und in den Mittleren Osten zu bringen. Dieses Problem ist leider eines, das sich durch Grenzsicherung nicht lösen lässt. In Westafrika gibt es schlichtweg Staaten, die man als »narcoterroristisch« bezeichnen muss. Der Drogenhandel steht damit in einem weit größeren Zusammenhang als nur mit dem der Islamisten rund um Mali. Wenn Mali nun eine starke Armee hätte, läge es natürlich in deren Verantwortung, dem Problem zumindest auf dem eigenen Staatsgebiet Herr zu werden. Aber fast alle Staaten in der Region haben zurzeit sehr schwache Armeen, die nicht einmal ihre Grenzen verteidigen können. Daher es ist sehr wichtig, in Mali eine schlagkräftige Armee aufzubauen. Leider wird es sehr lange dauern, bis das soweit ist.

RM16

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