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Svenna Triebler: Brüderle und der Sexismus

Zotenkönige und Alphamännchen

Bei den Reaktionen auf die Sexismusvorwürfe gegen Rainer Brüderle geht es um weit mehr als nur um ihn selbst.

Kommentar von Svenna Triebler

Die FDP war von ihrer Gründungszeit – Wahlkampfparole 1949: »Schluss mit Entnazifizierung, Entrechtung, Entmündigung« – bis zu den sozial­darwinistischen Karrieristen der Gegenwart stets ein Magnet für jegliche Art von Leuten, derentwegen anständige junge Menschen bei den Autonomen oder wenigstens bei Transparency International landen. Was nun die Stern-Autorin Laura Himmelreich aus eigener Anschauung über das chauvinistische Gebaren des FDP-Fraktionschefs und frisch gekürten Spitzenkandidaten Rainer Brüderle berichtet, passt also bestens ins Bild. Überraschend ist eher schon das breite Echo, das Himmelreichs Artikel »Der Herrenwitz« in ihrem Kollegenkreis ausgelöst hat, denn das Thema »Sexismus in der Politik« ist schon länger Teil des medialen Hintergrundgeräuschs.

Doch weder die Debatten um den Frauenanteil in der Piratenpartei noch das im vergangenen Jahr erschienene Buch »Hammelsprünge. Sex und Macht in der deutschen Politik«, in dem Himmelreichs Kollegin Ursula Kosser ihre Erfahrungen als Journalistin in der Männerwelt des politischen Bonn der achtziger Jahre schildert, haben ähn­lichen Wirbel verursacht. Und wer erinnert sich noch an Brigitte Susanne Pöpel, die bis vor einem Jahr Vorsitzende der Liberalen Frauen Hessen war und dann nach 25 Jahren Mitgliedschaft aus der FDP austrat, weil sie das Mackertum ihrer männlichen Parteifreunde nicht mehr ertrug?

Nun ist Brüderle gerade dabei, sich trotz des abgesagten Putschs an die Parteispitze als Hoffnungsträger des FDP-Bundestagswahlkampfs warmzulaufen. Medienliebling, zumal des deutschen Affirmationskabaretts, ist der Großverbraucher pfälzischen Weins seit einiger Zeit ohnehin. Das erklärt immerhin einen Teil der plötzlichen Aufregung.

Diejenigen, die Himmelreichs Mut loben, sind zumeist weiblich und erkennen ihre eigenen Erfahrungen mit Zotenkönigen und schmierigen Grabschern wieder. Sie sind schlicht froh: Endlich sagt’s mal eine. Die Kritik hingegen speist sich aus kaum verhohlenem Neid auf den gelungenen Scoop des Stern von Seiten der Konkurrenz (»Wie kann man mit der Story nur ein Jahr warten, bis das arme Kampagnenopfer im Fokus der Öffentlichkeit steht? Sowas würde unser Blatt ja nieee-mals tun«) sowie simpler Männersolidarität. Sei es so plump wie die FAS mit der süffisanten Bemerkung, die Kuh, die Brüderle bei einem Bauernhofbesuch im vorigen Frühling laut Stern unter dem Aspekt »Körbchengröße« betrachtete, habe »keinen Schaden davongetragen«, oder in der subtileren Variante, in der allen Ernstes zur Verteidigung (!) Brüderles vorgebracht wird, er sei ja kein Einzelfall. Das stimmt zwar, doch schwingt im vorliegenden Fall stets der Unterton mit, sexuelle Belästigung sei völlig normal und Brüderles Verhalten auch nicht schlimmer als das anderer Alphamännchen im Politikbetrieb.

Himmelreichs »Herrenwitz« hat Positives wie Negatives bewirkt. Das Positive: Zum einen sind die Chancen wieder gestiegen, am Wahlabend einen Sekt auf die 3,14 Prozent der FDP öffnen zu können, und zum anderen wird die Diskussion über die ganz alltägliche sexuelle Belästigung wohl auch nicht so schnell wieder abflauen. Das Negative: Alice Schwarzer sitzt mal wieder in sämtlichen Talkshows.

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