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Cord Riechelmann: Luchse in Spanien

Da juchzt der Luchs

Im Südwesten Spaniens wächst die Population der Pardelluchse dank eines Schutzprojekts wieder. Die Maßnahmen nutzen aber nicht nur den Luchsen.

von Cord Riechelmann

Es hätte nicht viel gefehlt, und der iberische Luchs wäre verschwunden. Verschwunden für immer und nur noch als Mythentraum lebendig auf alten Bildern wie einem Capriccio von Francisco Goya. Der Bestand der Pardelluchse, wie die Katze auch heißt, ist im 20. Jahrhundert dramatisch zurückgegangen. Während Schätzungen zufolge um 1900 noch 100 000 Luchse in Spanien und Portugal lebten, gab es im Jahr 2002 noch ungefähr 150 Tiere. Damit waren die iberischen Luchse zur am stärksten gefährdeten Katzenart der Welt geworden. Sie wurden als »kritisch gefährdet« eingestuft und es war klar, dass es die Katzen aus eigener Kraft nicht mehr schaffen würden, ihre Bestandszahl auf eine Höhe zu treiben, die ihr Überleben als Art sichern könnte.

Und auch wenn es heute wieder annähernd 300 Luchse in Andalusien, im Südwesten Spaniens, gibt, ist ihr Überleben noch lange nicht gesichert. Trotzdem kann man die Erholung der Luchse in ihren letzten verbliebenen Verbreitungsgebieten in den Nationalparks der Sierra Morena und der Coto de Doñana als Erfolgsgeschichte bezeichnen. Das Projekt, das um das Jahr 2000 zum Schutz der Lebensräume der Luchse initiiert wurde, betrifft nicht nur die Luchse. Es geht auch um Biotopschutz und die Entwicklung der spanischen Gesellschaft im Allgemeinen. In Spanien gab es im Unterschied zu Deutschland und Großbritannien nie eine Tradition des ökologischen Denkens. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die gegenwärtig entstehende Ökologiebewegung in Spanien wichtige Impulse durch das Luchsprojekt erhalten hat.

Das Luchsprojekt ist mit einem Volumen von etwa 28 Millionen Euro das teuerste Naturschutzprojekt der Europäischen Union. Mit dem Luchs trägt es ein über Jahrhunderte in Spanien und Portugal als Ikone etabliertes Zeichen in seinem Titel. Luchse waren, wie anderswo die großen Landraubtiere Wolf und Bär, immer auch Herrschaftssymbole mit einem weit verbreiteten Wiedererkennungswert. Was ein Luchs ist, muss man auf der iberischen Halbinsel niemandem erklären. Wie die Luchse leben, hingegen schon, und damit beginnen die Probleme. Das Verhalten der iberischen Luchse war bis vor gar nicht so langer Zeit nicht nur Laien weitgehend unbekannt. So heißt es etwa in Bernhard Grzimeks 1987 erschienener »Enzyklopädie der Säugetiere« zum Paarungs- und Aufzuchtverhalten der Katzen lapidar: »nicht bekannt«. Dass diese Wissenslücke geschlossen werden konnte, gehört zu den positiven Aspekten des Luchsprojekts. Als im März 2005 in der Aufzuchtstation El Acebuche im Nationalpark Coto de Doñana die ersten drei Luchsbabys zur Welt kamen, war das nicht nur der erste Zuchterfolg unter menschlicher Betreuung, sondern auch ein Zeichen dafür, dass es gelingen könnte, die Katzenpopulation durch Zucht und anschließende Auswilderung so weit aufzubauen, dass sie irgendwann wieder auf eigenen Füßen schleichen kann. Dabei hat sich die Nachzucht mit über 90 Jungtieren in den vier Aufzuchtstationen seit 2005 so erfolgreich entwickelt, dass mittlerweile darüber nachgedacht wird, Luchse auch in bisher unbesiedelten geeigneten Gebieten in Portugal und Spanien auszuwildern, damit die Katzen dort neue Populationen gründen können. Doch das birgt wie jedes Zukunftsdenken die Gefahr, die momentanen Schwierigkeiten zu unterschätzen.

Es bleibt eine Tatsache, dass die jetzt in der Sierra Morena und der Coto de Doñana lebenden Luchspopulationen durch einen »genetischen Flaschenhals« gegangen sind und ihr genetischer Pool dadurch ärmer geworden ist. Der Effekt, den der »genetische Flaschenhals« beschreibt, tritt immer ein, wenn einstmals große Populationen von Tieren kleiner werden. Selbst wenn nach dem Rückgang ihre Zahl wieder auf das höhere, frühere Niveau ansteigt, wächst die genetische Vielfalt nicht, wenn es nicht zu Einwanderungen populationsfremder Individuen kommt. Für die isolierten Luchse in den Parks der Sierra Morena und der Doñana folgt daraus, dass es ein Ziel ihres Schutzes sein muss, einen Korridor zwischen ihren Lebensräumen zu schaffen, der es den Katzen ermöglicht, selbstständig Kontakt mit ihren entfernten Artgenossen im jeweils anderen Gebiet aufzunehmen. Ein Ding der Unmöglichkeit ist das nicht. Es gibt mit dem Fluss Guadalquivir, der in den Höhen de Sierra Morena entspringt und in der Coto de Doñana in das Mittelmeer mündet, eine natürliche Verbindung zwischen den beiden Nationalparks, die im trockenen Südspanien auch für Luchse attraktiv sind. Luchse benötigen frisches Wasser, womit sie allerdings nicht allein sind.

Fährt man von Sevilla aus mit dem Zug nach Andújar, in die kleine Metropole am Rand der Sierra Morena, führt die Strecke nur über bis zum Horizont intensiv bewirtschaftetes Ackerland. Olivenhaine, Tomaten- und andere Gemüsefelder gedeihen hier nur durch intensive Bewässerung, möglich auch durch das Wasser des Guadalquivir. Das Landschaftsbild ändert sich, wenn man von Andújar weiter in den Nationalpark Andújar-Cardeña in der Sierra Morena fährt. Der Weg führt über enge Serpentinen in die Berge der Sierra. Anfangs sind die Straßen noch dicht von Wald gerahmt, bis die Landschaft lichter wird, Büsche und Sträucher dominieren und Bäume nur noch vereinzelt oder in Kleingruppen wachsen. Dabei werden die Strauchlandschaften immer wieder von den für die Sierra Morena typischen dunklen Granitfelsen durchbrochen. Es scheint der optimale Biotop für den iberischen Luchs (Lynx pardinus) zu sein, der im Unterschied zu seinem nördlichen Verwandten, dem eurasischen Luchs (Lynx lynx), lichte Landschaften mit guter Sicht bevorzugt. Überhaupt birgt die Landschaft ein reiches Leben.

Die Sierra Morena ist mit den ansässigen Schmutz-, Gänse- und Mönchsgeiern und dem Kaiseradler eine Fundgrube für Ornithologen und bei Naturtouristen beliebt. Allerdings ist deren Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt: Nicht zu übersehen sind die vielen Zäune in der Sierra Morena. Es gibt kaum ein Stück Wald, kaum einen Strauch, der nicht eingezäunt ist. Ohne Genehmigung darf man kaum einen dieser Zäune übertreten. Das hat insofern etwas Gutes, weil der Eindruck der Unmittelbarkeit gar nicht erst aufkommen kann. Eine Wildnis ist die Sierra Morena trotz der Rauheit der Landschaft und des unbearbeiteten Strauch- und Buschwuchses nicht mehr. Die Sierra ist ein Teil der spanischen Kulturlandschaft und die Zäune sind der Ausdruck einer langen geschichtlichen Tradition. Spanien ist immer noch ein Land der Großgrundbesitzer. Eine Bodenreform hat es hier nie gegeben, die Ländereien sind teilweise seit Jahrhunderten im Besitz derselben Familien. Für den Natur- wie den Luchsschutz heißt das, dass die Verantwortlichen in vielen Fällen auf die Duldung oder die Kooperationsbereitschaft der Landbesitzer angewiesen sind. Ein Artenschutz gegen die bestimmenden gesellschaftlichen Kräfte ist in Spanien kaum möglich. Im Fall des Luchsprojektes erwiesen sich die internationale Reputation, die durch die EU und auch durch den international beachteten Erfolg des Zuchtprogramms gegeben war, als hilfreich bei der Kooperation mit den Farmern. Das Luchs­projekt lässt sich auch touristisch verwerten und steigert das Prestige der ganzen Region.

Die iberischen Luchse sind im Unterschied zu den eurasischen wesentlich weniger scheu. Während jeder Mitarbeiter von Auswilderungsprojekten für den eurasischen Luchs zugibt, dass das Hauptproblem sei, dass man die Katzen, selbst wenn sie zum Beispiel in die Vorstädte von Zürich wandern, nicht sieht, ist eine Sichtung der Pardelluchse gut möglich. Das hat wesentlich mit der Hauptnahrung der iberischen Luchse zu tun. Die Luchse Spaniens ernähren sich fast ausschließlich von Wildkaninchen. Daraus lässt sich eine einfache Regel ableiten: keine Kaninchen, keine Luchse. Was aber wie ein einfaches Räuber-Beute-Schema aussieht, erweist sich als hochkomplex. Kaninchen bevorzugen offene, verbuschte Landschaften. Wälder mögen sie nicht und Monokulturen von Nadelhölzern meiden sie regelrecht. Nadelhölzer wie die Mittelmeerpinie waren aber über Jahrzehnte das bevorzugte Objekt der spanischen Forstwirtschaft. Als in den fünfziger Jahren auch Spanien begann, Wälder wieder aufzuforsten, pflanzte man hauptsächlich Nadelholzmonokulturen an, dem Vorbild der deutschen Forstwirtschaft folgend. Mit den Nadelwäldern brachen aber vielerorts die Kaninchenbestände ein und zogen den ersten großen Rückgang der Luchsbestände nach sich.

Für das aktuelle Luchsprojekt folgt daraus, dass Renaturierungsmaßnahmen, die Monokulturen wieder in urwüchsiges Buschland verwandeln, dringend geboten sind. Natürlich profitieren davon auch viele andere Lebwesen, wie im Buschland lebende Reptilien, Insekten und Vögel. Darüber hinaus verhindern Sträucher und Büsche die Austrocknung der Böden in der Sierra Morena effektiver als Nadelbäume. Ihre Wurzeln halten die Erde fest und binden mehr Wasser als Bäume, die an Abhängen leicht abrutschen und weggespült werden. Man merkt bereits an diesem Beispiel, dass es bei dem Projekt nicht nur um den Schutz des Luchses, sondern um den Erhalt bzw. die teilweise Wiederherstellung einer ganzen Region in einen naturnahen Zustand geht.

Das Beste an den in der Sierra Morena unter dem Namen des Luchses betriebenen Biotopmaßnahmen ist, dass man relativ schnell ihre Erfolge sehen und hören kann, auch wenn man keinen Luchs zu Gesicht bekommt. Die landesweite Wirkung des Luchsprojektes hat hierin ihre Ursachen. Mit den Luchsen geht es nämlich – trotz aller Zuchterfolge – langsamer voran als mit Echsen, Vögeln und Insekten. Das hat mit den Menschen zu tun. Die EU fördert nicht nur das Luchs­projekt, sie steckt auch viel Geld in den Straßenbau in der Coto de Doñana. Dort wurden zu Zeiten, als die Luchsbestände endgültig zu verschwinden drohten, Straßen geplant und gebaut, die heute die Hauptursache für nichtnatürliche Todesfälle unter den Luchsen sind. Straßen aus den Luchsgebieten fernzuhalten oder nur noch einen Minimalgebrauch zuzulassen, wäre also ein dringendes Anliegen im Luchsschutz. Es wäre in diesem Fall sogar billig zu haben, man müsste im wirtschaftlich in Schwierigkeiten geratenen Spanien nur die EU-Förderungen für Straßen in Naturschutzgebieten einstellen.

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