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Fabian Kunow: Rocker spielende Nazis aus Berlin

Wenn Nazis Rocker spielen

Seit 30 Jahren gibt es die »Vandalen – Ariogermanische Kampfgemeinschaft«. Auch wenn die Gruppe sich wie ein Club von Motorradrockern inszeniert, ist sie doch eher in der extrem rechten Szene Berlins zuhause.

von Fabian Kunow

Wenn von der Brückenstraße im Berliner Stadtteil Schöneweide die Rede ist, die sich in den vergangenen Jahren mit Läden wie dem »Zum Henker« oder dem »Hexogen« zu einem Schwerpunkt der lokalen Neonaziszene entwickelt hat, dann geht es immer auch um die »Vandalen«.

Gegründet wurde diese »ariogermanische Kampfgemeinschaft« – so die Selbstbezeichnung – 1982 in der Ostberliner Heavy-Metal-Szene, und schon die Stasi hatte in den achtziger Jahren ein Auge auf sie. Als Gründungsväter gelten nach Angaben des Antifaschistischen Infoblatts Jens K. und Michael Regener. Regener gelangte später unter dem Namen Lunikoff – benannt nach dem Billigwodka Lunikoff – zu Berühmtheit und war Frontmann der Neonazi-Kultband »Landser«. Mit Songtiteln wie »Zigeunerpack«, »Schlagt Sie tot« und »Arische Kämpfer« brachte es die Band auf rund ein Dutzend Alben, bevor sie 2001 nach fast zehn Jahren des konspirativen Schaffens mittels des Paragraphen 129 vor Gericht gestellt wurde. Im März 2005 verhängte in letzter Instanz der Bundesgerichtshof in Karlsruhe für diverse Straftaten eine Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten gegen Regener.

Belastet hatte ihn dabei zunächst unter anderem der Dresdner Neonazi Thomas Starke. Dieser zog jedoch seine Aussage zurück, nachdem, wie das Antifaschistische Infoblatt berichtete, Regeners Vandalen-Kamerad Jean-René B. ihn zuhause aufgesucht und im Hausflur angegriffen hatte. Gut zehn Jahre später brachte eben dieser Starke den heutigen Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) in Schwierigkeiten, weil er jahrelang als V-Mann des Berliner LKA geführt wurde. Starke hatte sogar Hinweise zum NSU geliefert, die aber nicht weiterverfolgt wurden.

Regener dagegen inszenierte sich gekonnt als unbeugsamer Rebell und wurde so nach dem Absitzen seiner Haftstrafe endgültig zum Star in der rechten Szene. Mit seiner neuen Formation, der »Lunikoff Verschwörung«, spielte er mehre Alben ein und veröffentlichte noch dazu 2012 unter dem Namen »Old Lu & das Höllenfahrtskommando« eine CD, auf der bekannte Deutschpunkklassiker von Bands wie Slime, OHL und Daily Terror gecovert wurden. Regener gilt heute als Zuschauermagnet bei Rechtsrockkonzerten. Er ist jedoch nicht die einzige Verbindung der Vandalen zum Rechtsrockbusiness. Auch andere Bands wie die mittlerweile aufgelösten »Spreegeschwader« oder »Tätervolk« sollen der Gruppe nahestehen.

Aufsehen erregen die Vandalen seit den frühen neunziger Jahren aber nicht nur durch ihr prominentes Mitglied Michael Regener, sondern auch durch ihr Auftreten. Weil die Gruppe bemüht scheint, rein optisch jegliches Rockerklischee zu bedienen, hat sich bei der Presse schnell der Begriff »Nazi-Rocker« als Bezeichnung für sie durchgesetzt. Vieles bei ihnen ist der Rockersubkultur entnommen – lange Haare und Bärte, das Betreiben eines eigenen Clubhauses und die Tatsache, dass Anwärter erst einen »Prospect«-Status durchlaufen müssen, wie das Antifaschistische Infoblatt berichtete. Besonders auffällig jedoch sind ihre für Rocker typischen Kutten mit »Backpatches« oder Aufnähern mit der Zahl »22«, die dabei für den 22. Buchstaben des Alphabets, das V, stehen soll.

Der wesentliche Unterschied zu Rockern ist aber, dass die Vandalen nicht gemeinsam Motorrad fahren oder gar an einen Motorradclub angebunden sind. Das hinderte das Vandalen-Mitglied Mathias G. allerdings nicht daran, 2003 die Feier zum 21. Geburtstag der Gruppe unter dem Namen »Motorradsportclub Vandalen« bei einem arglosen Vermieter anzumelden. Das Fest wurde jedoch ebenso von der Polizei aufgelöst wie die Feier zum 30. Jahrestag im August 2012. Nach Angaben der Polizei sind bei ihrem Eintreffen 46 Männer zwischen 23 und 47 Jahren sowie fünf Frauen zwischen 25 und 38 Jahren Gäste des runden Jubiläums gewesen. Ihr Auftreten und ihre Selbstinszenierung als Rocker soll ihnen in den neunziger Jahren auch schon mal Ärger mit den damals in Kreuzberg ansässigen Hells Angels eingebracht haben. Das Zelebrieren des Bürgerschreckimages durch verwegenes Aussehen, Alkoholismus und Gewalt hindert die Vandalen jedoch nicht daran, auch mit den politisch ambitionierteren Teilen der Neonaziszene gemeinsame Sache zu machen. So zeigen etwa Fotos vom Neonaziaufmarsch in Halbe 1991, wie einige Vandalen sich mit der damaligen Grande Dame des Neonazismus, Dr. Ursula Schaffer, unterhalten. Auch heute noch sind Mitglieder der Gruppe auf größeren Aufmärschen in Berlin, wie dem am 1. Mai 2010 anzutreffen. An Solidaritätsaktionen für Berlins bekannteste Nazikneipe »Zum Henker« waren ebenfalls Vandalen beteiligt.

Ganz so kameradschaftlich ist das Vandalenumfeld aber nicht immer. So überfiel der Vandale Alexander B. im Jahr 2006 den Betreiber des Neonaziladens »Parzifal« in Wismar. Nachts um drei brachen B. und zwei weitere Täter in die Wohnung von Philipp S. ein und bedrohten ihn mit einem Totschläger, einem Brecheisen sowie einer Axt. Das Berliner Trio versuchte 10 500 Euro zu erpressen. Sie begründeten ihre Forderungen mit der unerlaubten Vermarktung von Neonaziartikeln. Die Einbrecher erbeuteten aber nur 600 Euro sowie eine Kredit- und drei EC-Karten. Alexander B. wanderte hierfür in den Knast.

Das Absitzen einer Gefängnisstrafe scheint auch für jüngere Neonazis die Eintrittskarte zu dieser Gemeinschaft der »harten Kerle« zu sein. So dürfen sich nun auch die beiden Berliner Neonazis Oliver O. und Sebastian D. mit Vandalen-T-Shirts schmücken und präsentieren. Oliver O., ehemaliger Aktivist der inzwischen verbotenen Kameradschaft Tor, wurde 2006 für mehrere brutale Übergriffe in Potsdam zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, die er bis 2011 absaß. Während seiner Haftstrafe hatte er dem neonazistischen JVA Rundbrief ein Interview gegeben. In diesem inszeniert er sich als durch die »ZOG« – gemeint ist die imaginierte »zionistisch besetzte Regierung« – ungebrochenen Kämpfer, der den Kampf »unvermindert stark« weiterführt.

Sebastian D. saß ungefähr zur gleichen Zeit wie Oliver O. ebenfalls eine Gefängnisstrafe ab. Ein Brandanschlag auf Antifas in Königs Wusterhausen hatte ihm fünf Jahre wegen versuchten Mordes eingebracht. Zudem soll er auch an einem Brandanschlag auf ein Lager von Sinti und Roma beteiligt gewesen sein. Sebastian D. wurde ebenfalls vom JVA Rundbrief interviewt. Wie Oliver O. gab er an, nach dem Gefängnisaufenthalt, der 2010 endete, nicht ruhiger werden zu wollen. Wie auf der Homepage der linken Landtagsabgeordneten Katharina König nachzulesen ist, soll er seit 2011 im thüringischen Kahla, südlich von Jena, leben, zusammen mit einer ebenfalls aktiven Rechtsextremistin als Lebensgefährtin.

Daheim in Berlin sind die Vandalen weiterhin aktiv. Dabei ist es unerheblich, ob die Protagonisten dem Rechtsrocksumpf der neunziger Jahre entstammen oder eher dem Milieu der kulturell anders sozialisierten »Autonomen Nationalisten« der jüngeren Vergangenheit. Den in die Jahre gekommenen Vandalen eröffnen sich jedoch durch die Integration von Nachwuchs wie Oliver O. und Sebastian D. neue Möglichkeiten, den selbst geschaffenen Mythos um die Gruppe weiter am Leben zu erhalten.

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