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Jan Tölva: Über Zeckenrap

Bambule hoch zehn

HipHop, der aus der linken Szene kommt: Warum Zeckenrap Bushido alt und nach Herrenwitz und Rainer Brüderle aussehen lässt.

von Jan Tölva

HipHop oder Rap war von Anfang an mehr als nur Tanzmusik. Schon Grandmaster Flash ging es um Sozialkritik, Public Enemy und KRS-One machten Politik zeitweise sogar zu ihrem großen Thema. Der deutsche HipHop entwickelte sich ein wenig anders. HipHop wurde hierzulande durch die US-amerikanischen Filme »Beat Street« und »Wild Style« bekannt und so war es zunächst die Graffiti- und Breakdance-Szene, die im Mittelpunkt der neuen Jugendkultur stand. Zu den ersten, die sich ein Mikrophon griffen und begannen, auf Deutsch zu rappen, gehörten die Migrantenkids. Natürlich spielten auch bei ihnen politische Themen eine Rolle. Schließlich waren sie dem deutschen Alltagsrassismus ausgesetzt und sahen im HipHop eine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

In dieser Tradition steht auch der wahrscheinlich wichtigste deutschsprachige Rapsong aller Zeiten »Fremd im eigenen Land« von Advanced Chemistry. Die Crew um den Heidelberger Rapper Torch ging noch einen entscheidenden Schritt weiter und forderte offensiv die Anerkennung ihrer migrantisch-deutschen Identität durch den Mainstream ein. Die Massen jedoch ignorierten sie und bejubelten den unpolitischen Rap der Fantastischen Vier. Während dieser Band einerseits zugute gehalten werden kann, dass sie mit ihrer Musik Millionen Kids für HipHop begeistert hat, hat sie andererseits auch Gruppen wie Der Wolf und Basis inspiriert: Popper, die auch mal rappen wollten.

HipHopper nahmen diese Witz-Gruppen jedoch niemals ernst. Die Absoluten Beginner oder Freundeskreis dagegen konnten tatsächlich auf eine gewisse Street Credibility und Jugendzentrumserfahrungen bauen. Nicht ganz zufällig waren beide deutlich politischer als viele ihrer Zeitgenossen. Freundeskreis bezeichneten sich im Stück »Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte« explizit als »Antifas«, und die Beginner bezogen immer wieder Stellung gegen Nazis, Rassismus, Polizeigewalt und Repression. Zur linksradikalen Szene gehörten jedoch auch sie nicht.

Vor etwa fünf bis sieben Jahren tauchten plötzlich an verschiedenen Orten der Republik explizit linke und linksradikale HipHop-Artists auf. Den Weg dafür bereitet hatten vereinzelte und meist isoliert existierende Vorreiter wie Chaoze One aus Mannheim, die Microphone Mafia aus Köln oder Albino aus Kiel, und natürlich gebührt auch Anarchist Academy bis heute Respekt dafür, dass sie schon früh versucht haben, radikal linke Politik mit HipHop zu verbinden. Von einer Bewegung oder einer Szene kann allerdings erst seit wenigen Jahren gesprochen werden.

Das Epizentrum der Szene ist Berlin. Hier formierte sich die Crew Schlagzeiln, und wer nie auf einer ihrer legendären Partys im »Lokal« in Berlin-Mitte war, hat den spannenden Anfang der Geschichte des Zeckenrap schon verpasst. Im »Lokal« haben sie alle debütiert, von Refpolk und Kobito über Disco und Pyro One bis hin zu den Reggaeheads vom Berlin Boom Orchestra. Auch an anderen Orten treten Newcomerbands aus dem linken HipHop-Spektrum auf. Sookee zum Beispiel hat gerade damit begonnen, HipHop und Queer-Feminismus zu fusionieren, und auch Tapete oder Conexión Musical um Lena Stoehrfaktor und viele andere legen seit einiger Zeit los.

Auch in Hamburg, wo nach den Beginnern, nach Fettes Brot und Fünf Sterne Deluxe nicht mehr viel zu kommen schien, gibt es wieder neue Bands. Zwar hatte die ehemalige deutsche HipHop-Metropole ihren Titel an Berlin mit all seinen Sidos und Bushidos verloren, aber junge HipHopper wie Johnny Mauser und Captain Gips setzen deren plump-aggressivem Machotum einen explizit linken HipHop entgegen. Mit dem Stück »Flora bleibt«, das auch Medien und Strafverfolgungsbehörden auf die beiden aufmerksam machte, wurden sie auch bundesweit bekannt. Reime wie »Wir haben mehr Hass als Wasserwerfer Wasser haben. Die Kids sind zu müde, um in die Schule zu gehen, denn ab jetzt ist jede Nacht Bambule hoch zehn« fand die Polizei gar nicht lustig. Inzwischen sind Johnny Mauser und Captain Gips zusammen mit der Sängerin Marie Curry unter dem Bandnamen Neonschwarz beim Hamburger Label Audiolith, das schon dem linken Techno von Ego­tronic, Juri Gagarin und Der Tante Renate zum Durchbruch verholfen hat.

Es dürfte erst der Anfang des Zeckenrap sein. Dafür spricht, dass mit Radical Hype aus Bremen und Kurzer Prozess aus Nürnberg mittlerweile auch andere Städte durchaus etwas vorzuweisen haben in Sachen Zeckenrap. Dafür spricht auch, dass bei Zeckenrap nicht mehr das Gefühl aufkommt, hier würden Linke versuchen, ihre Politreferate zu rappen, nur um eine Message loszuwerden. Die meisten sind mindestens so HipHop-affin, wie sie links sind, und das merkt man den Skills an. Ausschlaggebend für den Erfolg der Szene dürften aber vor allem zwei andere Dinge sein: Zum einen sind es die Verhältnisse, die ein politisches Aufbegehren, auch in der Musikszene notwendig machen. Zum anderen sind viele Künstler und Künstlerinnen auch musikalisch ausgesprochen interessant, nicht zuletzt, weil sie durch ihre Nähe zur Technolinken keine Angst vor Pop haben und ihre Offenheit für Queer-Konzepte den HipHop revolutionieren kann. Es ist die Mischung aus Straßenantifa und Theorie­linker, aus Keep It Real und Pop-Experimenten, die Zeckenrap ausmacht.