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Marcus Munzlinger: ticktickboom im Gespräch über linken Rap, Sexismus und Antifaschismus

»Dann ist die Kuscheldecke nicht groß genug«

Rap, der nicht gegen Frauen und Schwule pöbelt: Ticktickboom ist ein linkes HipHop-Netzwerk, das sich dem queeren und antifaschistischen Spektrum zurechnet.

Interview: Marcus Munzlinger

Ihr versteht euch als Zusammenschluss linker HipHop-Artists. Was muss man sich darunter vorstellen?

Refpolk: Wir sind alle schon seit Jahren zusammen unterwegs, machen gemeinsam Konzerte und Songs oder arbeiten zusammen in politischen Projekten. Der Zusammenschluss macht es möglich, über die sporadische Zusammenarbeit hinaus eine gewisse Kontinuität zu schaffen und den unterschiedlichen Output zu bündeln. Das bedeutet auch, dass wir durch gemeinsame Aktionen unsere eigenen Strukturen stärken und mehr Einfluss auf die Rapszene nehmen können.

Was genau ist »Zeckenrap«?

Refpolk: Ein Schimpfwort, das fast so schlimm ist wie »linker Rap« oder »Politrap«.

Ihr seid gerade im SO36 in Berlin und in der Flora in Hamburg aufgetreten. Was war die Idee der »Zeckenrapgala«?

Tet (Radical Hype): Es ging darum, einander noch besser kennenzulernen und unsere Musik und Message zu pushen. Außerdem wollten wir sehen, wie wir als Einheit zusammen funktionieren. Und natürlich ging es darum, eine schöne Party zu haben. Zu guter Letzt wollten wir noch ein paar Projekte unterstützen, wie das Refugee Protest Camp in Berlin und Antifas in Hamburg. Wir waren überwältigt davon, wie wir aufgenommen wurden, wie alle mitgefeiert haben und was das für großartige Abende geworden sind, aber zugleich waren wir auch positiv geschockt davon, wie viele Leute gekommen sind. Sorry an alle, die lange in der Kälte vor dem SO36 und der Flora stehen mussten. Wir lernen und machen es das nächste Mal besser.

Ihr wollt zum Soundtrack der »Bewegung« beitragen und meint damit die Antifa, die Queer- und die DIY-Szene. Kann man da überhaupt von einer Bewegung sprechen? Grenzen sich die verschiedenen Szenen nicht oft genug voneinander ab, auch durch ihre unterschiedliche Musik? Zum Beispiel wird Johnny Mauser aus der Queerszene vorgeworfen, ein mackeriger Antifa-Proll zu sein.

Sookee: Ich habe in den letzten Jahren so viele Spaltungen, trendförmige identitäre Abgrenzungen und Bashings gesehen, dass ich ein großes Bedürfnis nach Gemeinschaftlichkeit habe. Solange wir intern konstruktiv und solidarisch miteinander umgehen, kann unsere Musik gerne ganz unterschiedlich rezipiert werden. Wenn ich mit Johnny Mauser gemeinsame Sache mache, ist das ein Zeichen gegenseitiger Anerkennung und Sympathie. Wenn Leute damit nicht klarkommen, ist die Kuscheldecke eben nicht groß genug. Alle sind aber eingeladen, an der Decke mitzuweben. Ich halte den Begriff »Bewegung« für ziemlich zutreffend, weil er nach meinem Verständnis Heterogenität und Dynamik benennt.

Refpolk: Ein Konzert löst keine Szenestreitigkeiten, aber Ticktickboom liefert als subkultureller Zusammenschluss einen Rahmen für solidarische Diskussionen.

Wichtig ist euch, Homophobie und Sexismus im HipHop zu thematisieren. Müsst ihr nicht befürchten, wie rappende Sozialarbeiter oder Referentinnen der Bundeszentrale für politische Bildung zu wirken?

Sookee: Was ist das denn für ein Klischee? Ich bin Pädagogin und Referentin der Bundeszentrale für politische Bildung und ich bin Rapperin, Antifaschistin und Queerfeministin. Ich werde meine Texte nicht ändern, um einem szeneinternen Coolness-Maßstab gerecht zu werden. Wenn alles so schlecht wäre, wie der Mainstream uns das seit Jahren unterstellt, weil er zu behäbig ist, sich mit uns auseinanderzusetzen, warum kommen tausende Menschen zu unseren Gigs und pushen unsere Musik und Inhalte? Wir gehen interessiert mit konstruktiver Kritik um, aber ich sehe nicht ein, mich von irgendwelchen Normen einschränken zu lassen.

Wie hebt sich eure Kritik von Sexismus und Homophobie im HipHop von der der Moral­apostel ab?

Refpolk: Unsere Kritik bleibt nicht beim Rap stehen. Dass wir Sexismus und Homophobie im Rap kritisieren, liegt daran, dass Rap ein Teil unseres Lebens ist. Abgesehen davon ist der bewusste Regelverstoß für linke Rap-Acts in Zeiten des Extremismusvorwurfs nicht besonders schwer. Auf der anderen Seite ist jemand wie Bushido ein gutes Beispiel dafür, dass Verweigerung oft bloß Teil einer Inszenierung ist, die endet, sobald Horst Seehofer einem die Hand schüttelt.

Ihr definiert euch als Teil der Bewegung oder der Szene, habt aber jeweils auch ein eigenes Image. Besteht nicht die Gefahr der Vereinnahmung und der Kommerzialisierung?

Sookee: Ich halte unsere Musik für subversiv und clever genug, um den bloßen Konsum weitgehend unmöglich zu machen, auch wenn wir uns durch bestimmte Schwerpunkte, die keine erdachten Images, sondern Teil unserer Identität sind, auszeichnen. Ich habe nicht das Gefühl, konsumiert, sondern rezipiert zu werden. So wie andere Aktivisten und Aktivistinnen innerhalb des Szene-Spektrums auch. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Vereinnahmungstendenzen von irgendwelchen Seiten kann man entgegenwirken, indem man kritisch mit schmeichelhaften Instrumentalisierungsversuchen umgeht und sie konkret in Songs und Interviews benennt.

Welche Rolle spielen für euch Merchandising und Labelverträge, und wie steht ihr zur Gema?

Ben Dana (Radical Hype): Wir sind eine große Crew, die wiederum aus vielen einzelnen Künstlern und Künstlerinnen besteht, und alle halten das wohl etwas unterschiedlich. Es hängt natürlich auch immer davon ab, ob ein Künstler oder eine Künstlerin von der Musik lebt oder nicht. Für mich und die Band spielt Merchandising zu Gewinnzwecken eine untergeordnete Rolle. Wir produzieren unsere Werbeartikel größtenteils selber, Buttons, Aufnäher und T-Shirts, alles DIY. Die Einnahmen daraus dienen lediglich der Deckung der Produktionskosten, und die meist kleinen Überschüsse fließen direkt in Projekte wie die Siebdruckwerkstatt oder in unsere Musikproduktionen. Die Ticktickboom-Künstlerinnen und -Künstler kommen auch aus Strukturen, die durch Solidarität aufgebaut wurden. Deshalb ist es bei uns auch selbstverständlich, dass wir Ressourcen in die Strukturen zurückgeben.

Der Gema stehe ich eher kritisch gegenüber. Die Gema schützt nicht unsere Musik, sondern kontrolliert sie, sowohl als Ware als auch deren Inhalte. Ich lasse mir nicht gerne vorschreiben, wer meine Musik konsumieren darf und wer nicht. Es geht hier um kapitalistische Interessen, die Kunst an sich spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Innerhalb der Ticktickboom-Crew gibt es dazu aber keine Regeln, es bleibt also allen selbst überlassen, wie sie es mit Merchandising, Labels oder der Gema halten. Solche Themen diskutieren wir natürlich intern, wichtiger ist es uns aber, gemeinsam Musik zu machen und uns damit aktiv solidarisch zu zeigen, als uns von solchen Themen bremsen oder gar spalten zu lassen.

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