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Missy-Magazin
Tanja Dückers: Die Ausstellung »Kinderkreuzzug« in Berlin

Auf der Suche nach dem Ritter aus dem Playmobilkasten

Plastikfiguren statt Madeleines. Martin Honert reinszeniert seine Jugend im Ruhrgebiet der sechziger Jahre in riesenhaften Skulpturen und Reliefs.

von Tanja Dückers

Die Ausstellung »Kinderkreuzzug« mit Bildern und Skulpturen von Martin Honert im Hamburger Bahnhof ist eine der derzeit sehenswertesten in Berlin. Leider ist der plakative Titel schlecht gewählt und führt auf die falsche Fährte. Die Auseinandersetzung mit religiösen Motiven ist nicht das Generalthema der Schau, sondern lediglich mit einer Arbeit vertreten. Es geht auch nicht um gewalttätige Kinder, sondern ganz konkret um die Beschäftigung mit der eigenen Kindheit. Martin Honert, der 1953 in Bottrop im Ruhrgebiet geboren wurde, reinszeniert Momente seiner eigenen Biographie. Seine Erinnerungen an Menschen, Orte und Dinge verwandelt er in handwerklich aufwändigen Verfahren in dreidimensionale, oft sehr real anmutende Objekte, in denen Bild, Relief und Skulptur bruchlos ineinander übergehen.

So sind Skulpturengruppen entstanden, die zum Beispiel auf der Lektüre von Erich Kästners Roman »Das Fliegende Klassenzimmer« beruhen und eine Mutprobe darstellen oder mit der Erwähnung des mittelalterlichen Kinderkreuzzugs im Geschichtsunterricht zu tun haben, der den Jungen lange Zeit beschäftigt hat. So ungeordnet, heterogen und absurd wie Erinnerungen einem selbst oft vorkommen, stehen die Skulpturen im Hamburger Bahnhof wie in einer (Alp-)Traumlandschaft herum: Den nachgebauten Schlafsaal des westfälischen Internats, das der Künstler eine Weile lang besuchte, und die Skulpturen der Lehrkräfte in grauen Anzügen oder Kostümen mit kaltem Dauergrinsen findet man neben lustigen Bildern, die der Künstler als Kind gesammelt hat. Gleich neben dem kleinen, grauen Englischlehrer mit Aktenköfferchen befindet sich die Nachbildung der heimischen Küche mit einem Resopal-Tisch, auf dem ein Wackelpudding steht. In einem Tischbein ist ein Motor montiert, der den Pudding alle paar Minuten zum Wackeln bringt. Ein paar Schritte weiter entfernt kommt man an der Installation »Fata Morgana« vorbei. Der Begriff »Fata Morgana« hat Honert als Kind beeindruckt: Man sieht einen Jungen, der sich über eine orientalische Miniaturstadt beugt, als würde er sie gerade mit Schippe und Schaufel aus dem Wüstensand erbauen – diese Szene wird noch einmal gespiegelt. Unterhalb dieser stimmigerweise schwebend im Raum angebrachten Installation befindet sich eine typische deutsche Urlaubersandburg, eine Erinnerung an die Ferien am Meer.

Viele Arbeiten haben etwas Generationentypisches, wecken kollektive Erinnerungen. Wer im Westdeutschland oder im West-Berlin der späten fünfziger, sechziger oder siebziger Jahre aufgewachsen ist, wird seine eigene Jugend wiedererkennen: Ob es um eine nachgestellte Schlacht von Playmobilrittern geht (hier sind die Playmobilfiguren allerdings einen Meter groß), um ein typisches Ruhrpott-Mehrfamilienhaus, um zwei Messdiener in knieender Haltung, um Bildchen von exotischen Palmenlandschaften auf Zigarrendosen oder um die auf die Badekleidung aufgenähten blau-weißen DLRG-Schwimmabzeichen mit der eingewebten Welle, all dies wird vergrößert, als wolle der Künstler dem Verblassen der Erinnerungen im Mahlstrom der Zeit etwas Mächtiges entgegensetzen. Zugleich nimmt der Künstler damit die Perspektive des Kindes ein: Aus Kindersicht erscheinen die Dinge größer, wichtiger, dramatischer als aus der Sicht des Erwachsenen. Nur der ehemalige Englischlehrer wurde von Honert retrospektiv geschrumpft. Trotz großer Raffinesse setzt Honert bei seinen Inszenierungen nicht auf den bloßen Effekt oder die emotionale Überrumpelung des Betrachters.

Honert betrachtet seine Kindheitserfahrungen als typisch für seine Generation. So sei es ihm etwa bei der Darstellung seiner Internatslehrer weniger auf das Spezifische des jeweiligen Gesichts angekommen (die Figurengruppe wurde nach einem Foto geschaffen), sondern auf das damals typische Erscheinungsbild, den Habitus und die Haltung der Leute in der Öffentlichkeit. Bemerkenswert ist, dass Martin Honert, allen Moden und Trends zum Trotz, seit den frühen achtziger Jahren Kindheitserinnerungen und alltägliche Begebenheiten in drei­dimensionale, meist aus Kunststoff gestaltete Werke bannt. Dabei entsteht ein interessanter Kontrast zwischen der Perfektion der handwerklichen Ausführung und der Ungenauigkeit und Verschwommenheit der Erinnerung:

So hat Honert anhand einer seiner Kinderzeichnungen einen Nikolaus auf anderthalb Meter Größe nachgebaut. Den Knecht Ruprecht hat er als kleiner Junge nur mit schwarzen Krakeln angedeutet. Dies Gekrakel hat er detailgetreu mittels schwarzer geschwungener Streben nachgestellt, es schwebt neben der großen Gestalt des Nikolauses. Einen Geist gibt es auch in der Ausstellung: Ausgehend von der französischen Fernsehserie »Belphégor oder das Geheimnis des Louvre«, die 1965 von Claude Barma gedreht wurde, entstand ein Objekt, das Honert mit »Geist« betitelte: Es ist der Abguss eines Silikonkopfes – schemenhaft und mit kaum erkennbaren Gesichtspartien –, der in einer helm-artigen größeren transparenten Außenform aus Gießharz steckt und etwas Mumienhaftes und Unheimliches hat. Auch dies eine beeindruckende Arbeit. Sehr eindrucksvoll ist auch das »Szenische Modell des Fliegenden Klassenzimmers« – eine Arbeit, die 1995 Honerts Beitrag für den deutschen Pavillon der Biennale in Venedig darstellte. Dieses Ensemble geht ebenso wie die »Mutprobe« auf den Roman »Das fliegende Klassenzimmer« zurück. Darin wird ein imaginärer Schulunterricht geschildert: Die Länder, die im Fach Geographie durchgenommen werden, bereisen die Schüler im Nu selbst, sie fliegen vom Vesuv zu den Pyramiden von Gizeh bis zum Nordpol. Die Gleichzeitigkeit all dieser Orte, die den Schüler Honert fasziniert haben, findet sich in dieser dreidimensionalen Traumszene. Vergangenheit und Zukunft sowie verschiedene Regionen der Erde verschmelzen miteinander unter den Flügeln eines großen silbernen Flugzeugs.

Zu allen in der Ausstellung gezeigten Arbeiten gibt es kurze lesenswerte Texte des Künstlers über die Wahl des Gegenstandes, den Ursprung der Erinnerung und den oft aufwändigen Bau des Objekts.

Martin Honert. Kinderkreuzzug. Hamburger Bahnhof/Museum für Gegenwart, Berlin. Bis 7. April

RM16

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