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Andreas Michalke: Berlin Beatet Bestes

Willste viel, nimm Vinyl

Berlin Beatet Bestes. Folge 178. Los Straightjackets: Gatecrasher (1996).

Berlin Beatet Bestes von Andreas Michalke

Liebe Schallplattenindustrie, was denkt ihr euch eigentlich? Wollt ihr es wirklich endgültig aufgeben, Produkte herzustellen, die diesen Namen auch verdienen? Wie fühlen sich eigentlich eure Künstler dabei, die monatelang im Studio Aufnahmen machen, um danach unsichtbare, beliebig vervielfältigbare MP3s zu »veröffentlichen«? Oder Tonträger, die sofort nach Veröffentlichung wertlos werden: CDs, für die, knapp 30 Jahre nach ihrer Einführung, immer noch kein Sammlermarkt existiert. Natürlich gibt es Leute, die ihre CD-Sammlung lieben, aber richtige, bedingungslose Leidenschaft sieht anders aus. Das praktische Ding, das die CD von Anfang an war, inspiriert keine fanatische Liebe. Der einzige ernstzunehmende Tonträger, den die Schallplattenindustrie hervorgebracht hat, ist und bleibt die Vinylschallplatte. Leider ist sie heute vor allem zu einem Sammelobjekt geworden. Eine Single, die eigentlich der billigste Tonträger sein sollte, kostet heute im normalen Indieplattenladen durchschnittlich sieben Euro. Sieben Euro für zwei Songs von verzweifelt um Hipness bemühten Mainstreamkünstlern wie Lady Gaga oder Bob Dylan! Gagas Picture-Discs kosten sogar 13 Euro und liegen dann wie Blei in den Regalen. Apropos, was soll eigentlich dieser Quatsch mit den 180-Gramm-Ausgaben? Es kommt ja wohl nicht auf das Gewicht an, sondern auf den Inhalt. Dennoch überzeugt an der Schallplatte vor allem das große Cover. Das gefällt immer noch jedem.

Liebe Plattenbosse, wenn ihr wirklich aus eurer Misere heraus wollt, dann veröffentlicht wieder Produkte, auf die ihr stolz sein könnt. Und nicht nur für Hardcore-Sammler, sondern für ein Massenpublikum. Zur Zeit kann sich vielleicht niemand vorstellen, dass Teenager wieder Vinylschallplatten kaufen könnten, aber mit ein wenig Marketing wäre das kein Problem. Was den Absatz von Schallplatten heute am meisten behindert, ist, dass es inzwischen zwar auch billige moderne Plattenspieler gibt, die computerkompatibel sind, dass sie aber einfach rein optisch nichts hermachen. Es ließe sich sicher eine Firma finden, die einen einfach zu bedienenden, kleinen Plattenspieler herstellen könnte, nicht größer als 20 Zentimeter im Durchmesser und ohne zusätzlich nötige Verstärker oder Lautsprecher, der sich direkt an den Computer, den Laptop oder den iPad anschließen ließe und dabei nicht total scheiße aussieht. Würde ein solcher Plattenspieler im Paket mit einigen Platten von aktuellen Chartskünstlern für unter fünfzig Euro anbeboten, ich wette, innerhalb kürzester Zeit würden Leute Platten wieder ins Herz schließen. So ein Plattenspieler im iPod-Design, der die Aura eines Kultobjekts hat, das müsste doch gehen. Ich würde so einen schicken, billigen, computerkompatiblen Teenagerplattenspieler jedenfalls sofort kaufen.

Und darauf die Single der Surfband Los Straightjackets abspielen. Sie erschien auf Sympathy for the Record Industry, eines auf Punk und Rock’n’Roll spezialisierten Labels, das in den neunziger Jahren besonders aktiv war. Sympathy bedeutet sowohl Mitgefühl als auch Mitleid. Ich bin für Mitgefühl.

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