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Birgit Schmidt: Über die Frühgeschichte des investigativen Journalismus

Die im Schmutz wühlten

Eine Erinnerung an die US-amerikanischen »Muckraker«, die ersten investigativen Journalisten.

von Birgit Schmidt

Die Bewegung begann 1902. 1917 fand sie ein vorläufiges Ende, doch nach dem Ersten Weltkrieg traten immer wieder bewundernde Nachahmer und Nachahmerinnen der »Muckraker« auf den Plan. So hatte der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt die ersten Vertreter dieser Berufsgruppe im Jahr 1906 genannt.

Roosevelt hatte sie beleidigen und ihren Einfluss vermindern wollen, doch die Muckraker, die »Schmutzaufwühler«, waren stolz auf ihre Arbeit, nahmen die Bezeichnung gerne an und trugen diesen Namen fortan mit Begeisterung. Schließlich gingen sie absichtlich dorthin, wo es stank, und wirbelten Schmutz auf. Sie stocherten im Unrat des gesellschaftlichen Systems und berichteten über dessen ökonomische Schattenseiten.

Heute ist diese Form des Journalismus in den westlichen Ländern längst professionalisiert. Der investigative Journalist Günter Wallraff recherchiert in Callcentern und Obdachlosenasylen, seine 1985 erschienene Dokumentation »Ganz unten« gehört zum Kanon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die französische Journalistin Florence Aubenas meldete sich 2009 arbeitslos, versuchte ein Jahr lang, als Putzfrau mit Minijobverträgen zu überleben, denn etwas anderes fand sie nicht, und stand mit der literarischen Verarbeitung dieses Versuchs (auf Deutsch 2010 erschienen unter dem Titel »Putze – Mein Leben im Dreck«) ein Jahr lang auf Frankreichs Bestsellerlisten. In den USA ist es Barbara Ehrenreich, die sich immer wieder unter die Working Poor mischt, unter die Arbeitssuchenden, Ausgesteuerten und Kämpfenden, um ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen, in 13 Büchern mittlerweile, der Öffentlichkeit mitzuteilen.

Die Pioniere

Einer der ersten, die den investigativen Journalismus pflegten und die Beschimpfung »Muckraker« auf sich zogen, war der Amerikaner Lincoln Steffens (1866–1936). Steffens kam aus wohlhabenden Verhältnissen und hatte lange in Europa studiert, zu lange, wie sein Vater befand, der ihm deshalb den monatlichen Wechsel strich. Danach war Steffens lange Zeit auf Stellensuche, letztlich – aufgrund von Beziehungen und nur, weil ihm wirklich nichts anderes übrig blieb – wurde er Journalist. Besser gesagt, Steffens wurde ein Zeilenschinder, wie er sich selbst bezeichnete, denn er wurde nach Anzahl der Worte und Zeilen bezahlt. Wer von seinen zahlreichen Kollegen nicht gedruckt wurde, also am Ende des Monats keine Zeilen zählen konnte, hatte Pech gehabt, doch Steffens entdeckte durch Zufall eine Methode, die es ihm erlaubte, seine Konkurrenten zu überflügeln: Ausgesandt, um Beamte, Polizisten und Unternehmer zu einem gerade aktuellen Skandal zu befragen, nutzte er die Gelegenheit und befragte sie auch zu völlig anderen Themen, über die die Betroffenen umso unverfänglicher plauderten, je sicherer sie sich hinsichtlich des eigentlich im Mittelpunkt des Berichts stehenden Skandals zu fühlen begannen.

Lincoln Steffens war als Freelancer für World, Sun und Evening Post immer auf der Suche nach Korruption und Günstlingswirtschaft, nach den Misthaufen der Gesellschaft, nach der »Schande der Städte«, wie eine seiner Artikelserien aus jenen Jahren hieß. Während der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts begann er, auf der New Yorker Wall Street zu schnüffeln. Danach stürzte er sich auf den Polizeiapparat, dessen Vertreter ihm bereits während der ersten Kontaktaufnahme unmissverständlich klarmachten, was sie für dessen Aufgabe hielten: Die Polizei, so wurde ihm erklärt, schütze die Besitzenden nicht nur vor Diebstahl und Raubüberfall, sondern auch und in erster Linie vor Streik und Meuterei.

Die Besitzlosen galten wenig oder gar nichts in jener Phase der amerikanischen Geschichte, in der der Westen noch erschlossen und die Arbeitskräfte im Osten auf eine Art und Weise ausgebeutet wurden, die noch aus der historischen Distanz schaudern macht. Die Zeit exzessiver Kapitalkonzentration und Trustbildung lag erst wenige Jahre zurück, die Zeit, als jemand wie John D. Rockefeller, der 1863 die erste Erdölraffinerie gegründet hatte, als Inhaber der Standard Oil Company mächtiger werden konnte als der Präsident der Vereinigten Staaten. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts kontrollierte Rockefeller ganze Regionen der USA, beispielsweise in Colorado, und noch 1915 kam eine Regierungskommission zu dem Schluss: »Zwei ganze Landkreise von Südcolorado sind seit Jahren um eine eigene Regierung gebracht worden, wobei ein Großteil der Einwohner seiner Freiheit und eines Teils seines Einkommens beraubt, grausamen Verfolgungen und Misshandlungen ausgesetzt und auf einen Status ökonomischer und politischer Leibeigenschaft reduziert wurde.«

Ein Stahl-Tycoon wie Andrew Carnegie hatte seine Stahlwerke erst wenige Jahre zuvor (1881) mit denen von Henry Clay Frick fusioniert, demselben Frick, den der russische Anarchist Alexander Berkman im Folgejahr zu töten versuchte, da Frick erst die Löhne der Arbeiter in der Carnegie Steel Company gesenkt und dann bewaffnete Streikbrecher gegen die Protestierenden in den Kampf geschickt hatte, was zu zahlreichen Todesopfern führte.

Noch waren die Massaker an der indianischen Urbevölkerung Nordamerikas nicht beendet, noch gab es Lynchmorde an Schwarzen. Noch 1919 stellte die US-Regierung für die ersten zehn Monate jenes Jahres fest, dass es in diesem Zeitraum Lynchmorde an 63 Personen, davon 59 Schwarzen, gegeben habe, und dass elf Schwarze bei lebendigem Leib verbrannt worden waren.

Auch die Zeit bedeutender Erfindungen wie der von Isaac Merritt Singer, der 1850 die nach ihm benannte Nähmaschine entwickelt hatte, lag noch nicht weit zurück: Die I. M. Singer Company wurde zur größten und maßgeblichen Nähmaschinenfabrik der USA und expandierte während der sechziger Jahre nach Europa. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts begannen die Nähmaschinen, den jüdischen Stetln in Osteuropa und Russland, die maßgeblich auf dem Schneiderhandwerk basierten, die ökonomische Grundlage zu entziehen. Auch das war ein Grund für die gewaltigen Flüchtlingsströme, die sich seit 1880 in die Neue Welt ergossen und ein gewaltiges Heer an Arbeitssklaven bildeten. Diese schufteten auch dann noch in den Sweatshops der Textilindustrie an der Ostküste, als Steffens sich für deren Lebensbedingungen zu inter­essieren begann.

Doch die Arbeiter begehrten auf. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die erbittert geführten Arbeitskämpfe, von denen einige in die Geschichte eingegangen sind.

Die Unternehmer reagierten mit Aussperrungen und setzten privat gedungene »Sicherheitskräfte« und »Detektive« gegen die Streikenden ein. Berüchtigt geworden sind die Pinkertons, Angestellte einer in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts gegründeten Detektei, die sich zunächst auf die Kopfgeldjagd spezialisiert hatten und sich nach dem Bürgerkrieg ausschließlich als Streikbrecher, Agents Provocateurs und Angreifer betätigten. Aber auch die Polizei prügelte auf die Streikenden ein: »Da, sehen Sie sich die andern an. Im Ostviertel herrscht ein Streik, und das Büro hier ist immer voll verprügelter Streikender.« So zitiert Steffens, der damals noch am Anfang seiner Laufbahn stand, in seinen Memoiren einen älteren und erfahrenen Kollegen. »Solange sie sich hier bei uns doch noch einarbeiten müssen, würde ich Ihnen raten, sich in der Nähe dieses Büros aufzuhalten und jeden Morgen zuzuschauen, wenn man die zerschlagenen Köpfe herein schleppt; wenn man die Verhafteten dann wieder entlässt, können Sie sie ausfragen. Keiner Zeitung wird es zwar einfallen, diese Berichte zu drucken, aber Sie würden dabei selbst sehen und hören, wie die Polizei mit solchen Streiks fertig wird.«

Diesen Rat erhielt Lincoln Steffens von seinem Kollegen Jacob (Jake) Riis, der mit seinem Assistenten Max Fischel jede Nacht durch New York und die Polizeireviere der Stadt zog, um in den frühen Morgenstunden das Erlebte zu Protokoll zu geben, wobei er auf Seiten der Obdachlosen, Prostituierten, Immigranten ohne Job und Streikenden stand, die auf den Polizeirevieren gelandet waren. »Jake Riis«, schreibt Steffens, »war Amerikaner von dänischer Abstammung. Er bearbeitete das Polizeiwesen, das Gesundheitsamt, das sich damals noch im selben Gebäude befand, und die ›Ostviertel‹, wie man die ärmlichen und vorwiegend von Ausländern bewohnten Stadtgegenden zusammenfassend nannte. Und er verschaffte sich nicht einfach die Nachrichten, sondern kümmerte sich auch darum. Tyrannei, Missbräuche und Unglück aller Art hasste und ­bekämpfte er leidenschaftlich. Er war der ›Schrecken‹ der Beamten und Vermieter, die in seinen Augen verantwortlich waren für den erbärmlichen Zustand der Mietskasernen, in denen die Armen leben mussten. Er hatte sie in Artikeln, Büchern und öffentlichen Ansprachen bloßgestellt.«

Jacob Riis (1849–1914) gilt als einer der Ersten im Geschäft des investigativen Journalismus, gar noch als Vorläufer von Steffens. Einst selbst als mittelloser Immigrant nach New York gekommen, war er seit 1877 Polizeireporter und somit ein älterer Kollege von Steffens, den er maßgeblich beeinflusst und auf die Spur des Muckraking gebracht hat.

Riis war auch der Autor von »How the Other Half Lives« (Wie die andere Hälfte lebt), einem Fotoband, der nicht nur den Journalismus und die Fotografie revolutioniert hat: Riis dokumentierte darin seine Streifzüge durch die Elendsviertel und »Schwitzbuden« New Yorks, wie die Produktionsstätten der aufkommenden Textilindustrie genannt wurden. Er zeigte frierende und hungernde Kinder, Kinder, die sich zum Schlafen in irgendeiner schmutzigen Straßenecke zusammengekauert hatten, die Kinder der Einwanderer und Einwandererinnen aus Italien, Irland, Osteuropa und Russland. Das Buch zeigte die in Heimarbeit nähenden Frauen und Kinder und das Menschengewimmel in den Straßen der Lower Eastside. Vor allem veranschaulicht es die Mietverhältnisse, denen die Immigranten unterworfen waren, und beeinflusste positiv die Wohnungsbaugesetzgebung im Staate New York.

Auswirkungen auf die Gesetzgebung hatte auch die Arbeit von Ida Tarbell (1857–1944), die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei ihrer Berichterstattung ganz auf die Standard Oil Company konzentriert hatte. Tarbell selbst war zwischen Bohrtürmen aufgewachsen, hatte als eine der ersten Frauen ein Studium (der Biologie) abgeschlossen und war als junge Frau nach Paris gegangen, von wo aus sie ihre ersten Artikel in die Vereinigten Staaten verkaufen konnte. Zwischen 1902 und 1904, inzwischen lebte sie wieder in den USA, erschien ihre zwanzigteilige Artikelserie über Rockefeller und Standard Oil und führte dazu, dass 1906 Anklage gegen die Gesellschaft erhoben wurde. Denn Standard Oil hatte, wie Tarbell gewissenhaft nachgewiesen hatte, gegen den Sherman Antitrust Act verstoßen, den Versuch, die Monopolbildung gesetzlich zu verbieten.

Armut und Stolz der »Muckraker«

Tarbell selbst war es unangenehm, als »Muckraker« bezeichnet zu werden, aber Riis war stolz darauf, schlagenden Polizisten und Vermietern Furcht einzujagen, damit sie ihr Treiben nicht ungestraft fortführen konnten. Sein Einsatz für die Betroffenen kam diesen zu­gute, wenn auch nicht in dem Ausmaß, das Riis sich gewünscht hätte. Er selbst nährte sich eher schlecht als recht von seiner Arbeit, denn Muckraking bedeutete, dass man monatelang für einen einzigen Artikel recherchierte, der von den renommierten Zeitungen am Ende sogar oft boykottiert wurde. Entweder war man als Muckraker extrem arm, oder man verfügte zuvor schon über Geld, wie Steffens, der von einem jung verstorbenen Freund ein Vermögen geerbt und seine Einblicke in die Funktionsweise der Wall Street dahingehend genutzt hatte, dass er selbst an der Börse spekulierte.

Eine andere Möglichkeit bestand darin, dass man sich bereits einen Namen gemacht und etwas Geld verdient hatte, das man wieder in die Sache investieren konnte. Dies traf beispielsweise auf den sozialistischen Journalisten und Schriftsteller Upton Sinclair (1878–1968) zu, der es sich immerhin leisten konnte, eigene Recherchen in den Schlachthöfen und der fleischverarbeitenden Industrie Chicagos durch die Recherchearbeit einer Frau zu ergänzen, die über lange Jahre hinweg zu den bei Polizei und Unternehmern gefürchtetsten Personen gehörte. Sinclair engagierte die 1830 geborene Mary Jones, damit sie sich umsehe in Chicago und seine eigenen Beobachtungen mit Fakten stütze.

Jones, die ursprünglich aus Irland stammte, hatte ihren Mann und ihre vier Kinder als junge Ehefrau während einer Gelbfieberepidemie verloren. Um ihre Depressionen zu bekämpfen und weil sie ihren Lebensunterhalt verdienen musste, ging sie als Näherin nach Chicago, wo sie Zeugin der Ereignisse wurde, die unter dem Stichwort »Haymarket« in die Geschichte eingegangen sind: Am 1. Mai 1886 streikten insgesamt 80 000 Arbeiter. Am 3. Mai eröffneten Polizeikräfte das Feuer auf die ausgesperrten Arbeiter einer Landmaschinenfabrik. Auf der Protestkundgebung gegen dieses Vorgehen auf dem Haymarket der Stadt explodierte am 4. Mai eine Bombe inmitten von Polizisten, die gegen diese Protestkundgebung vorgehen wollten, sieben von ihnen starben, einer noch vor Ort, die anderen in den darauf folgenden Tagen.

Diese Bombe gelegt zu haben, wurden acht Männer angeklagt, fünf von ihnen wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. Die anderen drei, die zu Haftstrafen von 15 Jahren oder lebenslänglich verurteilt worden waren, wurden 1893 begnadigt, nachdem der Gouverneur von Illinois die Hinrichtungen zum Justizmord erklärt hatte. August Spies, Adolph Fischer, George Engel und Albert Parsons (einer, Louis Lingg, hatte in der Todeszelle Selbstmord begangen) waren am 11. November 1887 gehängt worden: »Für einen schnellen und leichten Tod, der sonst jedem Verurteilten peinlichst gesichert wird«, schreibt Horst Karasek, der Herausgeber ihrer Lebensläufe, »hatte man diesmal nicht gesorgt; die vier Männer starben durch Erdrosselung, nach schwerem Todeskampf.«

Der – von den Behörden eingestandene – Justizmord an prominenten Vertretern der frühen Arbeiterbewegung hatte zahlreiche Menschen, darunter auch Mary Jones, politisch radikalisiert. Aus ihr wurde eine Agitatorin der »Knights of Labour«, der »Ritter der Arbeit«, der wichtigsten, aus dem Schneiderhandwerk hervorgegangenen amerikanischen Gewerkschaftsorganisation des 19. Jahrhunderts.

1905 gehörte Mother Jones, wie sie inzwischen genannt wurde, zu den Gründungsmitgliedern der Gewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW) und wurde zur berühmtesten (und am beharrlichsten verfolgten) Arbeiteraktivistin der Vereinigten Staaten: »1903 brachte sie eine Gruppe Kinder«, schreibt die gleichfalls irischstämmige Syndikalistin Elizabeth Gurley Flynn über sie, »die in den Textilfabriken des Stadtbezirkes Kensington in Phil­adelphia (Pennsylvania) arbeiteten, nach Oyster Bay (Long Island), um Präsident Theodore Roosevelt die Existenz der ›Kinderarbeit‹ zu beweisen. In Colorado führte sie nach dem Blutbad von Ludlow im Jahre 1914 eine Protestdemonstration zum Amtssitz des Gouverneurs. In West Virginia führte sie ein über das andere Mal Delegationen zu den verschiedenen Gouverneuren und ›machte ihnen die Hölle heiß‹, wie sie sagte. Einer der letzten Streiks, an dem sie teilnahm, als sie schon fast 90 Jahre alt war, war der große Stahlstreik von 1919, während dieses Streiks wurde sie mehrere Male zusammen mit William Z. Foster verhaftet.«

Von der Reportage zur Literatur

Mother Jones starb 1930 im Alter von 100 Jahren und war bis wenige Jahre vor ihrem Tod politisch aktiv gewesen. Die Informationen, die sie über die Verhältnisse in den Schlachthöfen Chicagos zusammengetragen hatte, flossen ein in Upton Sinclairs Roman »The Jungle«, der 1906 erschien und das Prinzip des Muckraking vom Journalismus auf die Literatur übertrug. In »Der Dschungel« erzählt Sinclair die Geschichte einer Einwandererfamilie aus Litauen, deren Mitglieder mit großen Hoffnungen in die USA gekommen waren, nun aber, so sehr sie sich auch abmühen und dagegen ankämpfen, ihrem Niedergang entgegengehen, denn für Arme wie sie gibt es nur Ausbeutung und Betrug.

Die Verelendung der Familie des Jurgis Rudkus und der frühe Tod seiner Frau Ona spielten sich bei Sinclair ab vor dem Hintergrund der Schlachthöfe Chicagos, deren barbarische Arbeits- und Hygienebedingungen der Autor anprangert und von denen er behauptet, dass dort durchaus auch mal ein Arbeiter in einen Bottich gefallen und mit eingedost worden sei.

Wie betriebsam Sinclair war, kann man an dem Nachwort ablesen, das der Aufbau-Verlag der Ausgabe von 1976 beigefügt hat. Dort wird Sinclairs Werk wie folgt rekapituliert: »In ›The Moneychangers‹ (Die Börsenspieler, 1908) stellte er die Intrigen von Wallstreetmagnaten bloß, er verurteilte in ›Metropolis‹ (1908) Laster und Müßiggang der oberen Zehntausend, schrieb in ›King Coal‹ (König Kohle, 1917) über den Bergarbeiterstreik von Colorado, wies in ›The Profits of Religion‹ (Der Nutzen der Religion, 1918) auf den Klassencharakter der Religionsgemeinschaften hin, wandte sich in ›Jimmie Higgins‹ (1919) gegen die Versuche der westlichen Alliierten, die junge Sowjetmacht durch eine militärische Intervention zu stürzen, prangerte in ›The Brass Check‹ (Die Messingmarke, 1919) die Käuflichkeit der amerikanischen Presse an, zeichnete in ›100 %: The Story of a Patriot‹ (Hundert Prozent, 1920) ein rea­listisches Bild von der Tätigkeit eines Arbeiterspitzels, geißelte in ›The Goose-Step‹ (Der Parademarsch, 1923) und ›The Goslings‹ (Die Küken, 1924) das Schul- und Hochschulwesen seines Landes, setzte sich in ›Money Writes‹ (Das Geld schreibt, 1927) kritisch mit der zeitgenössischen Kunst auseinander, schilderte in ›Oil‹ (Petroleum, 1927) den Konkurrenzkampf der Erdölmagnaten, kämpfte in ›Boston‹ (1928) für die Rehabilitierung der widerrechtlich zum Tode verurteilten Sozialisten Sacco und Vanzetti, befasste sich in ›The Wet Parade‹ (Alkohol, 1931) mit den Auswirkungen der Prohibition und den Korruptionsskandalen der Harding-Coolidge-Hoover-Administrationen, enthüllte in ›William Fox‹ (1933) Geheimnisse der Filmindustrie von Hollywood und deckte in ›The Flivver King‹ (Das Fließband, 1937) die in den Fordwerken üblichen Ausbeutungs­methoden auf.«

Upton Sinclair muss also unentwegt geschrieben haben. Mother Jones wurde in ihrem langen, kämpferischen Leben zu derjenigen Amerikanerin, die auf die meisten Verhaftungen und Haftstrafen zurückblicken konnte, und auch Lincoln Steffens sowie Jacob Riis waren Besessene. Was ihnen ganz besonders die Zornesröte ins Gesicht trieb, was sie zu ausgedehnten Recherchereisen bewog und sie nächtelang an ihren Schreibtischen hielt, war die Existenz der Kinderarbeit, die in den Vereinigten Staaten erst 1938 verboten wurde.

Dass dieses Verbot nach jahrzehntelangem Kampf und allen Unternehmerwiderständen zum Trotz letztlich durchgesetzt werden konnte, war dem Engagement von Mother Jones und von Jacob Riis zu verdanken, der über eine seiner Recherchen berichtet hatte: »Durch dunkle Treppenhäuser steigend, die mit den Gerüchen von Kohl, Zwiebeln, Fischen usw. erfüllt sind, trifft man auf jedem Stockwerk auf surrende Nähmaschinen (…) fünf Männer, eine Frau, zwei junge Mädchen, noch keine fünfzehn Jahre alt, ein Junge, der ungefragt sein Alter mit 15 angibt, wobei man weiß, dass er lügt, sitzen an den Maschinen und nähen Hosen. Der Boden ist mit halbfertigen Kleidern bedeckt (…). Ein kleines Kind mit eingefallenen Wangen schläft in einem Bett, und aufgehäufte Kleidungsstücke bewahren es vor dem Herausfallen. Die Gesichter und die Hände und die Unterarme der Arbeiter sind schwarz von der Farbe der Kleider, an denen sie arbeiten. Sie produzieren 120 Dutzend Hosen pro Woche, für welche die Fabrikanten 70 Cents pro Dutzend bezahlen.«

Wo Riis nicht hingelangte, dort recherchierte der Soziologe und Photoreporter Lewis Hine (1874–1940). Hine war als Lehrer auf die Tatsache der weit verbreiteten Kinderarbeit gestoßen und verband seine soziologischen Kenntnisse mit den Fertigkeiten, die er sich autodidaktisch in der Fotografie angeeignet hatte. Zwischen 1908 und 1918 fuhr er im Auftrag des National Child Labour Committee zehn Jahre lang durch die gesamten Staaten und gab sich als Versicherungsagent oder Bibelverkäufer aus. So verschaffte er sich Zugang zu Fabriken, Minen und Sweatshops und hielt mit der Kamera fest, was er sah: Kleine Mädchen vor oder zwischen überdimensional wirkenden Webstühlen, kleine Zeitungsjungen, die vor Erschöpfung einfach irgendwo eingeschlafen waren, Kinder in den Kohlengruben von Pennsylvania.

Im Jahr 1900, heißt es in einem Gedenk­artikel zu Hine, der Weihnachten 2012 auf Spiegel Online erschienen ist, habe es in den USA 1,7 Millionen Kinderarbeiter gegeben, jedes sechste Kind zwischen fünf und zehn Jahren habe in Bergwerken, auf Baumwollfeldern, in Heimarbeit oder in Fabriken schuften müssen. Mehr als 5 000 Porträtfotos legte Hine nach seiner zehnjährigen Recherche vor, um die Kinderarbeit zu belegen, deren Existenz von der Regierung nach wie vor schlichtweg bestritten wurde.

Unamerikanische Umtriebe

Doch der Erste Weltkrieg bedeutete eine Zäsur für den investigativen Journalismus. Mit dem Kriegseintritt der USA im Sommer 1917 und dem Anti-Spionage-Gesetz war eine fundierte Berichterstattung, die sich an die Wahrheit hielt, für einige Zeit unmöglich geworden, denn über die Realität in Betrieben zu berichten, galt seither als Spionage und Unterstützung für den Feind. Und es lag im Sinne der Unternehmer, das Verbot auch nach Kriegsende aufrechtzuerhalten: »Nun, da der Krieg beendet war,« heißt es in einer Biographie der Journalistin Agnes Smedley, »forderten einige Konservative weiterhin eine Zensur dessen, was sie als ›unamerikanische‹ radikale Publikationen erachteten«.

Doch sie setzten sich nicht durch. Agnes Smedley, die unmittelbar nach dem Krieg für die linksliberale Zeitschrift Call schrieb, verkleidete sich unter anderem als Immigrantin, um auf der Einwandererinsel Ellis Island die Behandlung zu recherchieren, die die Einwandererinnen und Einwanderer dort erfuhren. Damit griff sie auf eine Methode zurück, die Nellie Bly (das ist das Pseudonym von Elizabeth Cochrane, 1864–1922) 1887 zum ersten Mal angewandt hatte (Jungle World 40/2011). In jenem Jahr war sie für die New York World in ein Heim für bedürftige Arbeiterinnen marschiert und hatte sich dort absichtlich solchermaßen auffällig benommen, dass die Polizei gerufen wurde. Es fiel ihr nicht schwer, diese und vier Ärzte davon zu überzeugen, das sie geisteskrank sei. Daraufhin wurde Bly eingewiesen in das berüchtigte New York City Lunatic Asylum auf Blackwells Island.

Blackwells Island ist eine Insel im East River zwischen Queens und Manhattan, auf der sich außerdem eine Klinik für Pockenkranke und ein Gefängnis befanden, letzteres kannten viele Sozialisten und Anarchisten jener Epoche aus eigener Anschauung. Die Verhältnisse im Lunatic Asylum standen denen im Gefängnis in nichts nach, Bly berichtete von mangelhaften hygienischen Zuständen, grauenhaftem Essen und stetigen gewalttätigen Übergriffen des Personals. In der Klinik benahm sie sich wieder vollkommen normal, was auf niemanden, am wenigsten auf die Ärzte, Eindruck machte. Nach zehn Tagen sorgte ein Anwalt für ihre Entlassung, und nachdem ihre Reportage erschienen war, wurde eine Kommission eingesetzt, um das Asylum zu überprüfen.

Nellie Bly, im Übrigen die ersten Frau, die (in Anlehnung an Jules Verne) eine Weltreise absolvierte, ohne sich in männlicher Begleitung zu befinden, Ida Tarbell, Agnes Smedley – der investigative Journalismus hat immer auf Frauen eine große Anziehungskraft ausgeübt, denn er bot denjenigen eine ausgezeichnete Möglichkeit ökonomischer und gesellschaftlicher Emanzipation, deren Fakten stimmten, die sauber recherchiert hatten und nicht zu widerlegen waren. Dann spielte auch das Geschlecht keine Rolle mehr.

Der investigative Journalismus hat die Gesetzgebung beeinflusst, die Kinderarbeit beendet, Sozialprogramme auf den Weg gebracht. Mehr aber konnte und wollte er nicht. »Nach 1948 schien es,« ließ der Aufbau-Verlag zu Zeiten der DDR über Upton Sinclair vermelden, »als wolle auch Sinclair einen Burgfrieden mit der herrschenden Klasse Amerikas schließen. Er nahm verzerrte Berichte über Erscheinungen des Personenkultes um Stalin zum Anlass, unsachliche Kritik an der gesamten sowjetischen Führung zu üben und sich mehr und mehr von den antiimperialistischen Kräften zu entfernen.« Nicht nur Sinclair also, das gilt auch für die anderen Muckraker, blieben unabhängig. Auch das ist schon eine ganze Menge.

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