Jungle World abonnieren
Jungle World - shop
Jan Tölva: Neonazis unter den Fans von Energie Cottbus

Keine Energie gegen rechts

In Cottbus gibt es deutliche Überschneidungen zwischen Fans von Energie Cottbus und der Neonaziszene.

von Jan Tölva

In den vergangenen Monaten ist viel geschrieben worden über Neonazis in den Fanszenen westdeutscher Fußballvereine. Der Osten des Landes fiel dabei ein wenig unter den Tisch. Dabei gibt es auch dort zahlreiche Vereine mit einem ausgewachsenen Neonaziproblem. Einer von ihnen ist Energie Cottbus.

Cottbus und die Lausitz sind seit langem ein Schwerpunkt rechtsextremer Aktivitäten. Hier gab und gibt es regelmäßige Aufmärsche und Propagandaaktionen, mehrere Rechtsrockbands wie »Flack Sturm« und »Frontalkraft« und den umtriebigen Rechtsrockversand »Rebel Records«. Zudem sitzt die NPD mit zwei Abgeordneten in der Stadtverordnetenversammlung. Einer der beiden, Frank Hübner, war bereits Anfang der neunziger Jahre Bundesvorsitzender der 1992 verbotenen »Deutschen Alternative« (DA). Den anderen Sitz nimmt Ronny Zasowk ein, Kreisvorsitzender der NPD und stellvertretender Landesvorsitzender der Partei. Zasowk war es auch, der zusammen mit einigen Mitstreitern 2009 das erste »Gedenken« an die Toten alliierter Bombenangriffe auf Cottbus initiierte.

Am 15. Februar dieses Jahres soll es wieder einen »Trauermarsch« durch die Stadt geben, gegen den jedoch auch ein breites Bündnis von Antifagruppen bis hin zu Gruppen von IG Metall und Jusos zu Blockaden aufruft. Im vergangenen Jahr standen dabei 200 Rechtsextremen mehr als 2 000 Gegendemonstranten gegenüber. In diesem Jahr rufen nicht nur NPD und »Freie Kräfte« zur Teilnahme an dem Aufmarsch auf, es gibt auch ein offen einsehbares Facebook-Event, das zur Teilnahme aufruft. Wenn man diesem Glauben schenken darf, werden auch mehr als ein Dutzend Anhänger von Energie Cottbus an dem rechten Aufmarsch teilnehmen.

Zwei Namen von Gruppen, die immer wieder in den Profilen dieser Energie-Fans auftauchen, sind »Inferno Cottbus« und »WK13 Boys«. Beides kann nicht wirklich verwundern, denn in den vergangenen Jahren sind beide Gruppen immer wieder durch rechtsextreme Äußerungen und durch Verbindungen zu anderen als rechtsextrem eingestuften Gruppen aufgefallen. So sind beide Fangruppen befreundet mit der Gruppe »New Society« aus dem Umfeld des Chemnitzer FC. »New Society« firmiert auch unter dem Namen »NS Boys«, das Logo der Gruppe ist einem Plakat der Hitlerjugend entlehnt und es kursieren Fotos im Internet, die Mitglieder der Gruppe beim »Hitlergruß« zeigen. Die »NS Boys« und die »WK13 Boys« waren auch beide zu Gast bei einem Fußballturnier, das »Inferno Cottbus« im Sommer 2012 veranstaltete. Ebenfalls dabei war eine Gruppe rechter Hooligans vom FC Viktoria aus Frankfurt/Oder, die wiederum der ebenfalls als rechts geltenden Gruppe »Crimark« bei Union Berlin nahesteht und mehrfach durch Angriffe auf linke Fußballfans von Tennis Borussia Berlin und dem SV Babelsberg 03 sowie auf das linke Hausprojekt Utopia in Frankfurt/Oder im September 2012 aufgefallen ist.

»Rechte Aktivitäten und antisemitische oder rassistische Gesänge gibt es seit Jahren regelmäßig in der Cottbusser Fankurve und das ist auch seit langem bekannt«, sagt Patrick Gorschlüter vom Bündnis Aktiver Fußballfans. Bei einem Spiel gegen Dynamo Dresden 2005 etwa wurde ein antisemitisches Transparent gezeigt. Im Jahr darauf wurde gegen den FC Sachsen Leipzig ein Transparent mit der Aufschrift »Ihr seid Ade – Wir sind weiß« gezeigt, das sich auf eine antirassistische Aktion mit dem Motto »Wir sind Ade« bezog, bei der Fans des Leipziger Vereins sich mit ihrem Spieler Adebowale Ogungbure solidarisiert hatten. Bei einem Spiel gegen den FC St. Pauli in Cottbus pöbelte 2010 ein mit einem Teleskopschlagstock bewaffneter Mann gegen linke Fans des Hamburger Vereins. Ein Jahr später zeigte ein Cottbusser Fan bei einem Spiel gegen den FC Augsburg mehrfach den »Hitlergruß« und rief »Sieg Heil«. Im Jahr darauf wurde bei einem Auswärtsspiel beim FC St. Pauli ein Banner mit dem Satz »Ein Sieg heilt unsere Wunden« für kurze Zeit so präsentiert, dass nur »Sieg Heil« zu lesen war. Bei einem weiteren Spiel in Aue hing eine schwarz-weiß-rote Fahne am Zaun des Fanblocks.

Dass es beim FC Energie Cottbus ein Problem mit Neonazis und mit rechtsextremem Gedankengut gibt, ist also seit langem bekannt und ebenso lange belegt. Zum Handeln animiert hat all das den Verein jedoch kaum. Zwar hat er immer wieder Kampagnen gegen Rassismus initiiert und unterstützt, mit einem Durchgreifen in der eigenen Fankurve tat man sich dagegen schwer in der Lausitz. Nun hat Angaben der Nachrichtenagentur DPA zufolge der Verein 16 Stadionverbote ausgesprochen – 15 davon für Mitglieder von »Inferno Cottbus«. Hintergrund sollen Auseinandersetzungen zwischen Cottbusser Fans und Anhängern von Dynamo Dresden am Rande eines Spiels beider Teams im November 2012 sein. Im Gespräch mit der Jungle World wollte Lars Töffling, der Pressesprecher von Energie Cottbus, diese Zahlen nicht bestätigen, erklärte aber, dass es in der Tat einige Haus- sowie einige bundesweite Stadionverbote gegeben habe.

Dass bislang nur wenige Stadionverbote verhängt wurden, dürfte daran liegen, dass der FC Energie – wie viele andere Vereine – die bloße Tatsache, dass es sich bei einigen seiner Anhänger um Rechtsextreme handelt, nicht als Anlass zum Handeln sieht. Dabei wird »Inferno Cottbus« sogar in den letzten beiden Berichten des Brandenburger Verfassungsschutzes erwähnt und dort mit dem mittlerweile verbotenen Neonazinetzwerk »Spreelichter« in Verbindung gebracht. Mit dem ebenfalls verbotenen Netzwerk »Widerstandsbewegung Südbrandenburg« soll es dem Verfassungsschutz zufolge ebenfalls personelle Überschneidungen gegeben haben. Dabei soll es sich der Lausitzer Rundschau zufolge um »Willi«, den Capo, also den Vorsänger, von »Inferno Cottbus« handeln. Auch gegenüber dem RBB bezeichnete eine Sprecherin des Verfassungsschutzes ihn als »Neonazi«. Der Capo spielt in einer Ultragruppe eine herausragende Rolle. Auch bei Verhandlungen mit dem Verein soll »Willi« als Repräsentant der Gruppe teilgenommen haben.

Dass es sich bei »Inferno Cottbus« um eine rechtsextreme Gruppe handelt, ist auch ohne derlei Personalien offensichtlich. Die Gruppe zeigte auf Bannern SS-Runen, präsentiert sich auf Fotos mit einem Banner mit der Aufschrift »Unterwegs im Reich« und im Fanzine »Brennpunkt Cottbus« erschien 2004 ein Gruppenfoto, auf dem etwa die Hälfte der Personen den »Hitlergruß« zeigt.

Zu den Gründungsmitgliedern soll dem RBB zufolge auch der Kickboxer Markus Walzuck gehören, der im Januar 2012 vom Dresdner Landgericht wegen Volksverhetzung verurteilt wurde, weil er öffentlich ein »Hitler-Gedenk-T-Shirt« getragen hatte. Walzuck soll zudem bei einem seiner Kämpfe ein Lied der Rechtsrockband »Blitzkrieg« als Einlaufmusik gespielt haben.

Auch »Inferno Cottbus« scheint Rechtsrock gegenüber nicht abgeneigt zu sein. Ein Youtube-Video zum zehnjährigen Jubiläum der 1999 gegründeten Gruppe wurde mit Musik des rechten Liedermachers »Sleipnir« unterlegt. Bei einem Spiel gegen Hertha BSC 2002 hatte die Gruppe zudem ein Spruchband mit einem homophoben Zitat der »Zillertaler Türkenjäger« präsentiert.

Dass Energie Cottbus so lange so wenig gegen die Neonazis im eigenen Stadion getan hat, lässt sich nur mit mangelndem Problembewusstsein erklären. »Das Problem ist mittlerweile derart tief verwurzelt, dass es schwer werden dürfte, es zeitnah zu beheben«, meint auch Gorschlüter. Gerade in einer Stadt wie Cottbus, die bereits seit mehr als 20 Jahren ein Schwerpunkt der Neonaziszene ist, sollte ein Verein wie der FC Energie eigentlich die soziale Verantwortung übernehmen, die aus seinen sportlichen Erfolgen erwächst. Der Verein könnte etwa – wie im vorigen Jahr der SV Babelsberg 03 in Potsdam – zu den Blockaden des Naziaufmarschs am 15. Februar aufrufen, an denen sicher auch viele Fans des Vereins teilnehmen werden. Für einen solchen Schritt scheint es jedoch in Cottbus weder das nötige Bewusstsein noch die Bereitschaft zu geben.

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …