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Andreas Michalke: Berlin Beatet Bestes

Piep, piep, piep

Berlin Beatet Bestes. Folge 187. Pieptone!

Berlin Beatet Bestes von Andreas Michalke

Pieptöne kann ich nicht leiden. Genauso wenig wie Handys. Ich habe kein Handy, und ich hatte noch nie ein Handy, und ich werde auch nie eins haben. Ich hasse die Dinger und diese Leute, die glauben, sie könnten draußen auf der Straße herumlaufen und gleichzeitig laut in ihr Handy krakeelen, ohne auf den Verkehr zu achten. Die überfahre ich mit dem Fahrrad. Pieptöne gibt aber auch mein tragbarer Computer mitunter von sich. Oder unser Festnetztelefon. Pieptöne sind überall, und es macht wenig Sinn, sich darüber aufzuregen.

Allerdings: Die Band Pieptone! kann ich sehr gut leiden. Bei ihnen ist der Name schon Teil des Konzepts. Das deutsche »Piep« und das englische »tone« ergeben die musikalische Schnittmenge von »Nordamerikas einziger Deutsch singender Retro-Schlagergruppe«. Die Band wurde von Studenten am Goethe-Institut in Chicago gegründet, die mit Hilfe von Musik besser Deutsch lernen wollten. Mittlerweile haben sie sich ganz dem deutschen Schlager der sechziger Jahre verschrieben, wie er vor allem von amerikanischen Künstlern interpretiert wurde. So tragen sie Chubby Checkers »Autobahn Baby«, Billy Sanders »Mister Twist« und Connie Francis’ »Tu mir nicht weh« schön authentisch mit amerikanischem Akzent vor.

Dabei ist der amerikanische, englische oder auch französische und auf deutsch singende Popstar in den sechziger Jahren durchaus eine Notwendigkeit gewesen. Englisch hatte sich als universale Popsprache einfach noch nicht durchgesetzt. Erst die Beatfans ließen dann Mitte der sechziger Jahre keine Kopien mehr gelten: Beat war englisch und musste englischen Gesang haben, basta! Die heute beliebten Coverversionen englischer Beat-Titel fielen in den sechziger Jahren bei echten Beatfans durch. Die Beatfans verstanden Beat ja vor allem als Abgrenzung zur bürgerlichen deutschen Erwachsenenwelt. Da klang im deutschen Gesang einfach zu sehr die gemütliche und gefällige Schlagerwelt durch. Wer diese deutschen Versionen in den sechziger Jahren gekauft hat, weiß ich nicht, jedenfalls finde ich sie heute interessanter und natürlich lustiger als die Titel mit englischen Texten.

Vorige Woche erhielt ich eine Mail von John, dem Gitarristen der Band. Nachdem Pieptone! in den vergangenen drei Jahren in Chicago, Wisconsin und Indiana gespielt haben, erfüllt sich nun ihr Wunschtraum, im Schlager-Mekka selbst zu spielen. Das TFF, das größte Folk-Roots-Weltmusik-Festival Deutschlands in Rudolstadt in Thüringen, hat sie eingeladen, vom 4. bis 7. Juli dort aufzutreten. Darüber hinaus suchen Pieptone! noch weitere Auftrittsmöglichkeiten in der Woche nach dem Festival. Wer also noch eine lustige amerikanische Schlagertruppe unterbringen kann, möge sich doch bitte bei mir melden. Außer John hat noch kein anderes Bandmitglied Deutschland oder Europa besucht, der Kontakt zwischen germanophilen Amis und deutschen Antideutschen könnte sicher gegenseitig bereichernd sein. Denn: »Sie ist mein Autobahn-Baby und das nicht nur maybe, oh nein.«