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Jeanette Ehrmann: Ein Besuch im ersten LGBT-Café in Haiti

Die stolzen »M.« von Haiti

Kouraj ist die erste und einzige Organisation, die sich in Haiti für die Rechte von LGBT-Personen einsetzt. Die Gruppe kämpft nicht nur gegen Homophobie und Diskriminierung.

von Jeanette Ehrmann

Die lauten und staubigen Straßen von Port-au-Prince, durch die sich geschäftige Straßenverkäuferinnen und nicht enden wollende Autoschlangen drängen, sind von Baustellen und Trümmerhaufen gesäumt. Auch wenn seit dem schweren Erdbeben, das 2010 das Land erschüttert hat, drei Jahre vergangen sind, geht der Wiederaufbau nur schleppend voran. Viele Menschen leben in Zeltlagern, das soziale Leben spielt sich auf den Straßen und öffentlichen Plätzen ab. Anders als gut verdienende Geschäftsleute und die ausländischen Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen, kann es sich ein Großteil der haitianischen Bevölkerung nicht leisten, in die exklusiven Cafés des reichen Viertels Pétionville oder die Hotelbars im Stadtzentrum zu gehen.

Das Café Yanvalou im historischen Stadtteil Pacot ist eine Ausnahme. Hier kann man im schattigen Innenhof eines vom Erdbeben verschonten traditionellen Gingerbread House sitzen und bei Chansons, frischer Mangolimonade und franko-haitianischem Essen zu moderaten Preisen der Hektik des Alltags entkommen. Yanvalou ist der Name eines Voodoo-Tanzes, der dem Gott Damballah und seiner weiblichen Erscheinung Ayida Wedo huldigt. Zusammen symbolisieren sie den Regenbogen. Seit Dezember 2012 ist das Yanvalou Treffpunkt und Kulturzentrum der Mitglieder von Kouraj, der ersten und einzigen LGBT-Organisation Haitis.

»Im Yanvalou können wir uns einfach als Verliebte treffen, ohne diskriminiert zu werden«, sagt Charlot Jeudy, Vorsitzender und Gründungsmitglied von Kouraj. Der Name bedeutet »Mut« – denn offen homo- oder transsexuell zu sein, erfordert in Haiti einiges an Mut. Mit selbstbewusstem Auftreten, pointierter Sprechweise und kämpferischer Rhetorik ist der junge Akademiker der Sprecher der Organisation, die 2011 gegründet wurde. Hervorgegangen ist sie aus dem Zusammenschluss Zanmi Zanmi (Freunde), der seit 2009 regelmäßig kulturelle Veranstaltungen in Port-au-Prince anbot. Während es Zanmi Zanmi vor allem darum ging, einen Raum ohne Diskriminierung und Repression für LGBT-Personen zu schaffen, zeigte sich schnell, wie wichtig es ist, mit den eigenen Belangen an die Öffentlichkeit zu treten. So wurde die Gruppe, deren vollständiger Name »Kouraj Pou Pwoteje Dwa Moun« (»Mut zum Schutz der Menschenrechte«) lautet, als dezidiert politische Organisation gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, gegen jede Form der Diskriminierung aufgrund von Sexualität und Geschlecht vorzugehen. Die etwa 70 Mitglieder, die zwischen 16 und 40 Jahre alt sind, leben vor allem in Port-au-Prince, kleinere Gruppen haben sich bereits in den Städten Jacmel, Léogâne und Gonaïves gegründet. Ihr zentraler Treffpunkt ist das Yanvalou. Hier finden regelmäßig Filmvorführungen, Konzerte, Drag-Queen-Shows, Vortragsabende und Konferenzen statt. Neben der politischen Arbeit ist das Yanvalou aber auch ein Ort, an dem die Öffentlichkeit in einem diskriminierungsfreien Umfeld LGBT begegnen kann. Zugleich stellen die Einnahmen des Cafés die Finanzierung der Organisation sicher, die nicht von der Spendenbereitschaft und den Auflagen internationaler Geldgeber abhängig sein will. Seit der anfänglichen Finanzierung durch die Crowdfunding-Plattform »Kickstarter« im Februar 2012 fließen die Einnahmen zur Hälfte in Projekte von Kouraj, mit der anderen Hälfte werden die Angestellten des Cafés bezahlt.

Charlot ist die politische Dimension von Kouraj sehr wichtig: »Wir wollen nicht helfen, wir sind keine Wohltäter. Wir führen einen Kampf für die Rechte aller M.« Unter »M« sind eine Vielzahl von Gender-Identitäten und entsprechenden Lebensweisen zu verstehen, die in der haitianischen Gesellschaft tabuisiert sind. Die Begriffe masisi, madivin, makomè und miks bezeichnen Gender-Identitäten jenseits der Heteronormativität, die sich aber auch nicht eindeutig dem europäisch-nordamerikanisch geprägten Raster von LGBT zuordnen lassen. Statt die LGBT-Terminologie zu übernehmen, hat sich Kouraj daher dafür entschieden, sich die traditionellen Begriffe anzueignen, und sie von den mit ihnen verbundenen Vorstellungen von Sexarbeit, HIV/AIDS, Pädophilie und Sünde zu lösen. Die jungen Männer von Kouraj bezeichnen sich selbst als masisi, was im haitianischen Kreyòl das Schimpfwort für Schwule ist. »Masisi ak Fye«, also »Masisi mit Stolz«, heißt ein von der Organisation produzierter Dokumentarfilm, der 2013 beim afrokaribischen LGBT-Filmfestival Massimadi in Montreal vorgeführt wurde und auch auf Youtube zu sehen ist.

Die Situation der LGBT-Community in Haiti unterscheidet sich deutlich von der in anderen Karibikstaaten. Die Gründe dafür liegen in der kolonialen Vergangenheit und im Einfluss des haitianischen Voodoo. Vor allem die anglophonen Karibikstaaten haben eine homophobe Tradition, die bis zu den Sodomie-Gesetzen des britischen Empire zurückreicht und sich noch heute in der Kriminalisierung und staatlichen Verfolgung homosexueller Männer fortsetzt. Jamaika wurde vom Time Magazin 2012 zum schwulenfeindlichsten Ort der Welt gekürt.

In Haiti, das sich aus der französischen Kolonialherrschaft und Sklaverei befreite und sich 1804 als unabhängige Republik konstituierte, wurde Homosexualität hingegen nie strafrechtlich verfolgt. Nicht nur diese rechtliche Ausgangslage, sondern auch der antikoloniale Befreiungskampf ist für Kouraj ein ein Bezugspunkt beim Kampf für die Stärkung der Rechte von LGBT. Charlot sieht die Arbeit der Gruppe als Fortführung der Haitianischen Revolution: »Als Nachfahren von Papa Dessalines, als Erben dieses Landes, besteht unser Kampf heute darin, die Würde des Menschen, die Würde der ›M.‹, wie man bei uns sagt, zu verteidigen.« Der Befreiungskampf der Versklavten dient ihnen dabei auch als Vorbild für die Kritik der ausländischen Interventionen in Haiti, das internationale Medien mittlerweile auch »Republic of NGOs« nennen. Während die seit 2004 operierende Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen (MINUSTAH) von der Bevölkerung scharf kritisiert wird, hat sich die Abhängigkeit des Landes von internationalen Geldgebern und Hilfslieferungen nach dem Erdbeben vom Januar 2010 verstärkt. Für die Stärkung der Rechte von LGBT jenseits der medizinischen Versorgung von HIV-Positiven engagieren sich die Mitglieder von Kouraj jedoch weitgehend ohne Unterstützung von ausländischen NGOs. »Unsere Freiheit wird nicht einfach so importiert wie die anderen Dinge, die hierher gebracht werden und die uns eher Abhängigkeit bringen«, sagt Charlot, »Haiti ist aus der Freiheit geboren, und das ist wichtig für uns als masisi und als Schwarze. Wir müssen uns unsere Freiheit erkämpfen«.

Neben dem revolutionären Befreiungskampf ist der haitianische Voodoo ein weiterer symbolischer Bezugspunkt der LGBT-Community, insbesondere die Figur der Göttin Erzulie. Als Sinnbild der reinen Liebe und der Fürsorge, aber auch der Lust, der Verführung und des Kampfes wird sie von Jungfrauen und Müttern ebenso verehrt wie von Sexarbeiterinnen, masisi und madivin, lesbischen Frauen. Obwohl sie für Weiblichkeit steht, oszilliert ihr unersättliches Begehren zwischen den Geschlechtern. Die religiöse Praxis zu Ehren von Erzulie ermöglicht, sich zwischen von Männlichkeit und Weiblichkeit zu bewegen und als miks das Begehren für verschiedene Geschlechter auszuleben. Mit ausgedehnten Schönheitsritualen, Gesängen, lasziven und ekstatischen Tänzen sowie Cross-Dressing bietet der Kult der Erzulie theatrale Ausdrucksformen für erotische Phantasien jenseits der heteronormativen Begehrensökonomie.

Der vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilm »Of Men and Gods« von Anne Lescot und Laurence Magloire zeigt eindrücklich, wie eine Gruppe von jungen masisi und makomé (Transfrauen) den Dienst für Erzulie als Auseinandersetzung mit ihrem von Diskriminierungen geprägten Alltag nutzt. Die Vorstellung, dass Homo- und Transsexualität dem Willen von Erzulie entspricht, führt auch zu einer höheren Akzeptanz unter Voodoo-Praktizierenden, wie Charlot erläutert: »Im Voodoo können wir sagen: Ich bin Masisi, weil ich von der Göttin Erzulie besessen bin.«

Dass LGBT auch außerhalb von Refugien wie Voodoo-Tempeln, privaten Zusammenkünften und Orten wie dem Yanvalou ohne Diskriminierung und Gewalterfahrungen leben können, dafür setzt sich Kouraj mit Nachdruck ein. In Haiti, wo Homosexualität als »Import der Blauhelmsoldaten« dämonisiert und das Ansehen von Politikern und Politikerinnen immer wieder mit dem Verdacht auf ihre angebliche Homosexualität beschädigt wird, ist es den Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe wichtig, dass Homo- und Transphobie nicht nur als Gewalterfahrung von Minderheiten, sondern als Gefahr für eine demokratische Gesellschaft wahrgenommen werden. Die Kampagnen von Kouraj richten sich vor allem an die Politik und die Justiz. So hat die Organisation jüngst Anfragen an die haitianische Regierung und die Parteien gerichtet, in denen sie dazu auffordert, zu Diskriminierung aufgrund von Sexualität und Geschlecht öffentlich Stellung zu beziehen. Über Internet und Radio, das in Haiti ein sehr wichtiges Medium ist, soll außerdem eine größere Öffentlichkeit für das Thema interessiert werden.

Am International Day Against Homophobia im Mai 2012 wurde der erste von Kouraj produzierte Radiospot über Homophobie in haitianischem Kreyòl ausgestrahlt, der in einfachen Worten erklärt, was Homophobie ist und wie diese sich in alltäglichen Situationen äußert. Pressemitteilungen und Videos werden ebenso über Facebook und Twitter verbreitet wie Berichte über homo- und transphobe Übergriffe, die für einige der Opfer sogar tödlich endeten.

Einer der gewalttätigen Vorfälle, der sich im Juni 2012 in der Küstenstadt Jacmel ereignet hat, wird nun erstmals rechtlich geahndet. Dort hatte ein mit Steinen, Glasflaschen und Macheten bewaffneter Mob eine Gruppe von Schwulen angegriffen, die sich im Haus eines der Opfer aufhielten. Nachdem die Polizei zunächst untätig geblieben war, organisierte Kouraj die erste Demonstration für die Rechte der LGBT in der Geschichte Haitis und stellte anschließend Strafanzeige gegen die mutmaßlichen Täter. Obwohl diese in der Zwischenzeit untergetaucht sind, erhofft man sich von diesem Fall, dass die Justiz endlich die in der Verfassung verankerten Antidiskriminierungsgesetze anwendet. Juristische Unterstützung bekommt die Organisation von Haitis prominentestem Menschenrechtsanwalt, Mario Joseph. Der Anwalt vom Bureau des Avocats Internationaux verteidigt Opfer der Duvalier-Diktatur, vergewaltigte Frauen sowie Slumbewohner und hat für Kouraj unentgeltlich das Mandat übernommen. Für ihre weiteren Kampagnen und öffentlichen Veranstaltungen können die Aktivistinnen und Aktivisten außerdem auf die Räume und Fahrzeuge des UNAIDS-Büros in Port-au-Prince zurückgreifen. Die einzige finanzielle Unterstützung durch eine Organisation kam bisher vom American Jewish World Service, der nach dem Erdbeben Geld für besonders marginalisierte Gruppen bereitgestellt hat. Nach dem Erdbeben hatte sich die Situation der LGBT-Community verschlechtert. Die Feindseligkeit, die ihnen in den Zeltlagern entgegengeschlagen ist, verstärkte sich nach der Ankunft evangelikaler Gruppen aus den USA, die die Bevölkerung glauben machen wollten, dass das Erdbeben eine Strafe Gottes für die Sünde der Homosexualität sei. Zu den Verletzlichsten in der Community gehören lesbische Frauen, für die das Coming-out ein erhebliches soziales und finanzielles Risiko darstellt. »Die madivin in unserer Organisation sind noch nicht dazu bereit, sich der Öffentlichkeit auszusetzen«, sagt Charlot. »Die meisten von ihnen leben bei ihren Eltern und haben Angst, auf der Straße zu landen und nicht mehr zur Schule gehen zu können. Wir verstehen das und wir warten. Wir glauben, dass wir unseren Kampf nicht ohne Frauen führen können.«

Internationale Unterstützung und Solidarität ist für Kouraj besonders wichtig. Es geht dabei nicht nur um finanzielle Mittel, etwa für Gerichtskosten, Schulgeld und die Unterkunft von LGBT, die von ihren Familien ausgestoßen wurden, sondern um einen Ideen- und Erfahrungstausch mit den Bewegungen in Nordamerika, Europa und afrikanischen Ländern. »Ob man sein Coming-out in Haiti hat oder in Frankreich, in Burundi oder Mali, das Problem ist doch überall die Missachtung unserer Menschenrechte. Dafür brauchen wir einen gemeinsamen Diskurs, gemeinsame Strategien und Solidarität«, meint Charlot. Bisher hat Kouraj Verbindungen zur afrokaribischen LGBT-Organisation Arc-en-ciel d’Afrique in Montreal und zur Frauenrechtsorganisation Madre in New York. Die Gruppe ist derzeit auf französischsprachige Bücherspenden für den Aufbau einer eigenen Bibliothek angewiesen, da es in Haiti keine Literatur zu Homo- und Transsexualität, Transgender und Coming-out gibt.

Die alltäglichen Gefahren, in die sich Charlot und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter in ihrer Arbeit begeben, bringen ihn nicht von seinem politischen Ziel ab: »Es wird der Tag kommen, an dem sich die Dinge ändern. Selbst die, die es nicht sehen wollen, werden sehen. An diesem Tag werden wir, die bossales (rassistische Bezeichnung für Versklavte aus Afrika, d. Red.), aufstehen und sagen, dass wir keine Barbaren sind. Gestern waren wir Schwarze, heute sind wir masisi, morgen werden wir Menschen sein.« Die Aktivistinnen und Aktivisten von Kouraj wollen ihren Kampf in die Tradition der historischen Kämpfe Haitis stellen und versuchen zugleich, die Revolution als Widerstandspraxis für die Zukunft zu aktualisieren und die Frage aufzuwerfen, was ein Leben in Freiheit und Gleichheit und was Demokratie jenseits des internationalen Katastrophenmanagements in Haiti heute bedeuten könnte. Inmitten der noch immer vom Erdbeben gezeichneten Straßen von Port-au-Prince wird das Yanvalou so zu einem Ort, an dem die LGBT bereits alternative Entwürfe für den Wiederaufbau der haitianischen Gesellschaft Realität werden lassen.

Fotograf Lorenzo Tassone im Internet: http://www.tassonephoto.com

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