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František Kostlán und Michael Genderkinger: Miroslav Brož im Gespräch über Antiziganismus in Tschechien

»Es wird üblich, ständig bewaffnet zu sein«

Seit Beginn des Sommers ereignet sich in Tschechien eine neue Reihe antiziganistischer Demonstrationen und Übergriffe. Immer wieder gibt es Aufmärsche von Neonazis und deren Sympathisanten gegen Roma, teilweise mit Tausenden Teilnehmern. Auch an den vergangenen Wochenenden marschierten sie in verschiedenen tschechischen Städten wie Varnsdorf, Ostrava und Krupka auf. Antirassistische und antifaschistische Gruppen versuchen, Roma durch Blockaden vor Angriffen zu schützen. Miroslav Brož von der NGO Konexe ist ein Initiator des Blockadebündnisses. Konexe besteht aus Roma und Nicht-Roma. Mit Brož sprach die Jungle World über den Antiziganismus in Tschechien und dessen Folgen.

Interview: František Kostlán und Michael Genderkinger

Dolmetscherin: Gwendolyn Albert

Warum wurde Konexe gegründet?

Die Idee, eine Organisation zu gründen, die Roma die Möglichkeit gibt, sich für ihre Rechte einzusetzen und Bündnisse einzugehen, kam 2011 auf, während einer Diskussion vor einem von Roma bewohnten Hotel in Varnsdorf, das Ziel eines Hassmarsches war. Die Roma stellten erschrocken fest, dass der Mob nicht aus Neonazis bestand, die landesweit angereist waren, sondern aus den Bewohnern ihrer eigenen Kleinstadt. Ein anderer Impuls für die Gründung von Konexe war, dass Roma in Krupka einen Vertreter in die lokale Aktionsgruppe der tschechischen Regierung entsenden wollten, die über ihre Zukunft verhandelte. Dafür war eine registrierte Organisation nötig. Konexe bemühte sich auch darum, eine großangelegte Schweinemastanlage in Lety nahe Písek zu verhindern, die auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers für Roma gebaut werden sollte.

Wie stark ist Antiziganismus in der Tschechischen Republik verbreitet?

Den Meinungsumfragen zufolge durchzieht er die ganze Gesellschaft. Man findet ihn in billigen Bierbars genauso wie bei Universitätsprofessoren. Weil die Mehrheit der Wähler den Roma feindlich gegenübersteht, bedienen Politiker aller Parteien einen antiziganistischen Populismus. Die großen Parteien haben zwar alle ihre Programme, um das Problem der Verarmung der Roma zu lösen, doch in der Praxis tun sie nichts. Jede Partei im Parlament hat ihren antiziganistischen Politiker, eine Person, die ihre Agenda im Kampf gegen die »Unangepassten« – wie Roma offiziell meist bezeichnet werden – durchsetzen will. Bei den Mitgliedern des Prager Parlaments ist dies nicht so offensichtlich, auf regionaler Regierungsebene, bei Bürgermeistern und in Stadtparlamenten, dafür umso mehr. Manche sind offene Rassisten.

Es greifen ja nicht nur organisierte Neonazis Roma an, die zumeist ghettoisiert leben. Wer gehört noch zu den Tätern?

Einige der Demonstrationen werden von Neonazigruppen organisiert, etwa von der rechtsextremen Arbeiterpartei für soziale Gerechtigkeit (DSSS), den Tschechischen Löwen und so weiter, einige aber auch von der lokalen Bevölkerung, die einfach Roma hasst. Ausschreitungen und Märsche gegen Roma in kleinen Städten haben den Charakter von Festen, von Nachbarschaftsversammlungen. Man kann dort das halbe Dorf treffen, und das ist nicht poetisch gemeint. In kleinen Städten beteiligen sich 20 bis 25 Prozent der Einwohner daran. Man kann Lehrer, Apotheker und Ladenbesitzer treffen. Die Leute begrüßen ihre Freunde und gehen dann Hassparolen rufend zu den Häusern der Roma. Wenn der Mob die Polizeibarrikaden erreicht, attackiert er diese oder versucht, um sie herum zu den Häusern zu gelangen.

Bisher konnte die Polizei die Roma schützen. In letzter Zeit wurde mir stärker bewusst, dass wir zu guter Letzt immer auf die Polizei vertrauen müssen. Wir zählen darauf, dass sie uns den Rücken frei hält, uns schützt. Während vieler Demonstrationen gegen Roma standen nur Aufstandsbekämpfungseinheiten zwischen dem aggressiven Mob und den Roma-Familien. Ich glaube aber nicht, dass sie den Mob auch künftig immer unter Kontrolle haben werden. Die Demonstrationen gegen Roma werden brutaler, zahlreicher und größer. Früher oder später wird einer dieser Hassmärsche in einer Katastrophe enden. Wenn die Polizei den Mob nicht mehr unter Kontrolle halten kann und die Rassisten auf die Roma treffen, gibt es ein Massaker. Dann wird das Pogrom stattfinden. Wir müssen alles versuchen, um dies zu verhindern. Bisherige Versuche und Maßnahmen der Mehrheitsgesellschaft, den Antiziganismus oder die Armut der Roma zu bekämpfen, sind alle vollständig gescheitert. Jeder, der das nicht sieht, ist blind.

Die Demonstrationen gegen Roma finden in Wellen statt. Wie unterscheidet sich die jetzige Welle von den vorangegangenen?

Was neu, sehr gefährlich und bedenklich ist, ist die starke Beteiligung junger Menschen an den Ausschreitungen. Hauptsächlich bei den Demonstrationen in České Budějovice waren tschechische Jugendliche stark eingebunden und stellten einen maßgeblichen Teil des aggressiven Mobs. Im Grunde ist dies nicht so verwunderlich – zum Beispiel wurden die Hochschulwahlen vergangenes Jahr in Nordböhmen von der DSSS gewonnen. Aber es überrascht mich, dass die letzten antikommunistischen Proteste in České Budějovice von Hunderten Studierenden unterstützt werden, während an den Protesten gegen Nazis nur eine Handvoll teilnimmt.

Ist es wahr, dass die Gemeinden, in denen Anti-Roma-Demonstrationen stattfinden, häufig darauf reagieren, indem sie ihre Repressionsmaßnahmen gegen Roma verstärken? Vertreter der Stadtverwaltung sollen sogar geäußert haben, dass die Roma selbst schuld seien an den versuchten Pogromen, nicht der Rassismus.

Genau, es wird komplett verdreht. Stadtverwaltungen und andere Institutionen antworten mit Repression gegen ihre Roma-Einwohner. Sie verstärken die Polizeipräsenz und bauen spezielle Polizeieinheiten und Kontrollinstanzen auf. Sie verbessern die Überwachungsmaßnahmen. In allen Ghettos in Tschechien, die von Roma bewohnt werden, wurde Kameraüberwachung eingeführt. In vielen Städten sind die Kameras auf dem neuesten Stand – hochauflösende Hi-Tech-Systeme. Die Stadt erklärt, dass dies der »Vorbeugung von Kriminalität« diene. Meist ist dies die größte Investition für die Integration der Roma auf lokaler Ebene. Ich verstehe es als Zugeständnis an die Antiziganisten. Diese Maßnahmen gehen teilweise auf deren Forderungen ein und geben ihnen das Gefühl, dass ihre Proteste nicht vergeblich sind, da die Stadt ihre Sicht teilt: Die Schuldigen seien die »schlechten, unangepassten Roma« und das Einzige, was dieses »Gesindel« verstehe, sei die Peitsche. Natürlich verbessern solche Maßnahmen nicht die Situation, im Gegenteil verstärkt die Repression das Leid der Roma und radikalisiert die Leute in den Roma-Communities.

Wie bewerten Sie diese Radikalisierung in den Roma-Communities? Ist hier eine weitere Eskalation absehbar?

Ja. Infolge der Zuspitzung des Konflikts wird bei den von den Märschen angegriffenen Roma leider ein antiweißer Rassismus stark. Es ist das Ergebnis einer Situation, in der ein Mob deiner »weißen« Nachbarn vor deinem Fenster brüllt: »Zigeuner raus!« oder »Lasst uns zu ihnen!« oder mit der Polizei kämpft, um zu dir zu gelangen. Es ist klar, das dies deine Zuneigung zu den Leuten in dem Mob nicht fördert. Ich bin seit langer Zeit in Roma-Communities eingebunden und konnte dort Erfahrungen sammeln, aber was im vergangenen halben Jahr passiert ist, habe ich nie zuvor erlebt – ich hätte nie geglaubt, dass dies möglich sein würde. Die Roma haben Angst. Ihr Vertrauen in die gesellschaftlichen Institutionen sinkt beständig. Viele Communities bauen Milizen auf. Es wird üblich, ständig bewaffnet zu sein. Eine Gefahr besteht darin, dass diese Gruppen nicht nur eingesetzt werden, um ihre Communities zu verteidigen, sondern auch dazu, Rache zu nehmen. Ich wiederhole mich noch einmal, dies ist ein unausweichliches Resultat der versuchten Pogrome, des Hasses und der Diskriminierung. Wir wissen, dass jede Gruppe, die sich in einer ähnlichen Situation befunden hat wie die Roma in der Tschechischen Republik, sich immer so verhalten hat und sich immer so verhält. Ich glaube, dass sich bald eine Roma-Organisation ähnlich den Black Panthers bilden wird.

Kommt Ihnen das nicht gefährlich und extrem vor?

Das kommt mir sehr extrem vor. Es könnte sehr böse enden. Aber nochmal, die Probleme der Armut der Roma und des antiziganistischen Hasses müssen auf eine andere Weise gelöst werden als in den letzten 20 Jahren. Alle Lösungen haben versagt. Diese unwirksamen Integrationsmodelle müssen sofort abgeschafft und es muss nach neuen Wegen gesucht werden. Man muss mit dem Status quo brechen.

Eine längere englischsprachige Version des Interviews finden Sie hier.

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